Das Weib mit dem goldenen Kamm im Schlossberge bei Kirchdorf auf der Insel Poel

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 2
Autor: Gesammelt und herausgegeben von M. Dr. A. Niederhöffer, Erscheinungsjahr: 1862
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Aberglauben, Plattdeutsch, Insel Poel, Ostsee, Stralendorf
Hart am „Karksee“ — Kirchsee — der Insel Poel, auf dem sogenannten Schlossberge, liegt, umgeben von hohen Wällen, die ziemlich große Kirche des Ortes Kirchdorf mit ihrem spitzen Turm. Wenn nun Wogengebraus sich vereiniget mit den Tönen der Orgel zu einem Doppelchor, dann muss eine jede Menschenseele sich hier doppelt gemahnt fühlen, dass alles Irdische vergänglich ist; denn früher stand an dieser Stelle ein Schloss mit vielen Zinnen, die weithin sichtbar waren, während jetzt nur Gras die Überbleibsel der alten Fundamente überwuchert. Dieses Schloss haben wahrscheinlich die Geschlechter der von Plessen, Preen und Stralendorf bewohnt, welchen Heinrich der Löwe*) 1318 die Insel verkaufte.**)

In dem Schlossberge sind aber noch viele Gewölbe, darin große Schätze verborgen sein sollen. Geht man nun zum „Schlatt”, wie die Insulaner den Berg nennen, so sieht man zwei Eingänge, die in denselben hineinführen und die erst seit etlichen Jahren vermauert sind.

*) Siehe Anmerkung S. 164 dieses Bandes.
**) Im Laufe des 14. Jahrhunderts erwarb das Hospital zum heiligen Geist in Lübeck mehrere Dörfer auf Poel, die hiervon noch jetzt im Gegensatz zu den übrigen, die dann die schwedischen heißen, die Lübschen Dörfer genannt werden. Als im Jahre 1648 der dreißigjährige Krieg beendigt war, wurde die Insel Poel an Schweden abgetreten, in dessen Besitz sie bis 1803 blieb, wo sie wieder an Mecklenburg kam. Der Herausgeber


Als Junge war ich oft auf Poel. Eines Tages stand ich vor diesem Eingang und trug ein stark Gelüste hineinzugehen, als ein alter Mann zu mir trat und sagte: „Geh da nich rinne, denn dat Wies mit den golden Kamm lett Die nich weera rut!"*)

*) „Geh da nicht hinein, denn das Weib mit dem goldenen Kamme lässt Dich nicht wieder Heraus!"

Da ich nun nicht wusste, was es mit diesem Weibe für eine Bewandtnis habe, lief ich zum alten Onkel, und der erzählte mir nachstehende Sage:

Vor vielen Jahren begab es sich, dass drei Knaben am Kirchsee beim Schlossberge spielten. Da kamen sie denn auch auf den Gedanken, hinein zu gehen in das Gewölbe, um zu erfahren, wie es eigentlich darin aussehen mochte; und da es furchtlose Buben waren, so traten sie ihre Wanderung bald an.

Das erste Gewölbe war nur schmal und nichts darin, als die nackten Wände. Bald gelangten sie an eine offenstehende Tür und kamen in ein zweites, das freilich auch leer war, doch bedeutend geräumiger erschien. Nachdem sie nun eine geraume Zeit umher getappt hatten, denn es war ziemlich finster darin, sahen sie aus der Ferne ein Licht schimmern. Darauf steuerten sie los und erreichten ein drittes Gewölbe, das sich saalartig erweiterte. In der Mitte hing eine Ampel, die das ganze Gemach erhellte. Die Wände waren mit Perlen bedeckt, welche wunderbar funkelten. Große Haufen Goldes lagen allenthalben aufgespeichert, und köstliche Prunkgefäße standen hie und da in den Nischen. Dem Eingange gegenüber stand ein eichener Tisch, daneben erblickten sie einen Stuhl, darauf saß eine steinalte, schlafende Frau in abenteuerlicher Kleidung, die hielt in ihrer rechten Hand einen großen goldenen Kamm, und zu ihren Füßen lag ein schwarzer, zottiger Pudel mit stechenden Augen. Betroffen blieben die Kinder am Eingange stehen.

Als der Hund die Knaben sah, sprang er auf und zeigte seine großen Zähne. Da wurde es den Kindern unheimlich, sie fingen an laut zu schreien und wollten davon laufen, konnten aber nicht, mussten vielmehr wie gebannt stehen bleiben. Über das Geschrei erwachte die Alte, rieb sich die Augen und sprach zu den Kindern:

„Kinnekens, kaamt man ranne na mie, de Pudel deit Juch nicks."*)

*) „Kinderchen, kommt nur heran zu mir, der Pudel tut Euch nichts."

Allein die Kinder standen da, als wären sie Bildsäulen geworden, hätte nicht ihr Zittern verraten, dass sie noch lebten. Das Weib aber fing an zu lachen und sagte:

„Kaamt doch man heer, Jieh heft dat Hoor Juch nich kämmt. Kiekt, ick will Juch uck mit dissen golden Kamm kämm'n. Kämm'n mach ick giern, un dat is all lang heer, as ick dat letzte Kind kämmt heff."*)

*) „Kommt doch nur her, Ihr habt das Haar Euch nicht gekämmt. Seht, ich will Euch auch mit diesem goldenen Kamm kämmen. Kämmen mag ich gerne, und das ist schon lange her, als ich das letzte Kind gekämmt habe.“

Die Angst der armen Knaben wurde immer größer, sie wussten nicht, was sie tun sollten. Das Weib aber redete immer freundlicher:

„So kaamt doch man; wer kümmt sall uck von dat Geld sich all de Taschen full stäken.***)

***) So kommt doch nur; wer kommt, soll auch von dem Gelde sich all die Taschen voll stecken."

Da ging der eine Knabe hin zu dem Weibe. Diese nahm sogleich ihren goldenen Kamm und fing an, damit dem Knaben die Haare zu kämmen. Man denke sich aber das Entsetzen der beiden andern, denn mit dem ersten Strich, den das Weib mit dem goldenen Kamm über das Haar machte, verwandelte es sich in zottiges Pudelhaar, und je länger sie kämmte, desto mehr nahm ihr Spielgenosse die Gestalt eines Pudels an.

Bleich vor Schrecken und Angst rannten die beiden Knaben davon, erreichten auch glücklich den Ausgang; hier aber brachen ihre Kräfte zusammen und bewusstlos fielen sie nieder.

Zu Hause erzählten die Kinder von ihrem unglücklichen Kameraden und was sie gesehen. Anfänglich achtete man ihrer Aussage nicht, als jedoch der dritte Knabe nicht wieder kam, und auch die beiden andern bald starben, da mied man die Stelle soviel als möglich, und kein Kind hat wieder den Ort besuchen mögen.

Alle zehn Jahre, Nachts um die zwölfte Stunde, soll aber das Weib mit den goldenen Kamm ihre Pudel auf den Schlossberg schicken, die dann die Kühe, welche dort weiden, um die Kirche hetzen. Niemand sieht freilich die Pudel, und bellen können sie auch nicht; aber das Vieh soll ängstlich brüllen und arg rennen, also muss es doch wohl wahr sein.

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