Das Wechselbalg der Unterirdischen zu Spornitz bei Parchim

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 4
Autor: Gesammelt und herausgegeben von M. Dr. A. Niederhöffer, Erscheinungsjahr: 1862
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Spornitz, Parchim, Spuk, Wechselbalg
Es ist schon lange, lange her, als einst die hübsche Frau eines Bauern zu Spornitz bei Parchim von einem gesunden, wohlgestalteten Knaben entbunden wurde, welchen die Hebamme in die bereitstehende Wiege legte. Nachdem sich diese bald darnach entfernt hatte, um nicht die Wöchnerin in dem ihr nötigen stärkenden Schlummer zu stören, regte es sich plötzlich unter der Stubendiele. Ein Paar Mauersteine wurden leise in die Höhe gehoben und husch, husch kam ein hässliches Zwerglein, ein sogenannter Mönk oder Unterirdischer, in einem grauen Röckchen, mit einem dreieckigen Hütchen auf dem Kopfe und ein kleines, ganz kleines unterirdisches Kind im Arme tragend, durch die Öffnung gekrochen, trippelte zur Wiege, nahm dort das neugeborne Kind mit Aufbietung aller Kräfte heraus und legte dafür seine kleine Missgeburt hinein. Unterdessen war die Bäuerin erwacht und sah den ganzen Vorgang mit an; aber sie konnte weder den Umtausch verhindern, noch um Hilfe rufen; denn die Stimme versagte ihr, und übernatürliche Kräfte hielten sie wie gebannt in den Kissen ihres Bettes fest.

Während die arme Frau noch außer sich vor Schreck den räuberischen Kobold anstarrte, begann dieser ungefähr also zu ihr zu reden: „Frau, Deinem Hause ist heute ein großes Glück widerfahren, denn wisse, Dein Sohn wird dermaleinst unser König werden. Nach unseren Gesetzen müssen wir nämlich von Zeit zu Zeit ein Kind unsers Königs mit einem Menschenkinde vertauschen, damit irdische Schönheit nicht ganz unter uns aussterbe, und hat nun für diesmal unser König Dein Söhnchen zu seinem Nachfolger, zu unserm künftigen Beherrscher ausersehen. Ich lasse Dir für Dein Knäbchen, welches gut bei uns aufgehoben ist, unsern eigentlichen Kronprinzen zurück, damit er sich bei Dir in das Menschentum hineinsauge. Pflege und warte sein auf das Beste; denn so Du das nicht tust, wird der Zorn der Unterirdischen Dich und die Deinen treffen! Bist Du aber eine gute Pflegemutter, so soll reicher Segen Euer Haus überschütten und Euer Wohlstand wird sich mehren von Tag zu Tag!"

Darauf legte der kleine Mönk der Bauernfrau das Wechselbalg an die Brust und schleppte ihr neugebornes Kind auf eben demselben Wege, wie er gekommen, mit sich fort.

Das kleine unterirdische Geschöpf aber sog und sog, wurde immer länger und breiter, und als es die gehörige Größe eines neugeborenen Menschenkindes angenommen hatte, fiel es wie ein vollgesogener Blutegel ab.

Ganz ermattet sank die Frau hiernach in tiefen Schlaf; als sie endlich wieder erwachte, glaubte sie zuerst, Alles sei nur ein böser Traum gewesen; aber der ungestaltete Kobold an ihrer Seite überzeugte sie bald von dem Entgegengesetzten. Es half da nun weiter kein Seufzen und Klagen, die gute Frau musste das Kind als ihr eignes betrachten, musste es nähren und großziehen, um nicht der Rache und Strafe der Unterirdischen zu verfallen.

Hierfür mehrte sich nun aber auch der Wohlstand ihres Hauses auf's Sichtlichste; Alles, was sie oder ihr Mann unternahm, wurde vom Glücke gekrönt. Kurz, nach wenig Jahren schon waren sie die Reichsten des Dorfes und der ganzen Umgegend.

Das Wechselbalg aber behielt fortwährend seine hässliche Gestalt, gedieh und wuchs nicht, sondern blieb klein, unbeholfen und schwachsinnig und starb schon in seinem zwanzigsten Lebensjahre.

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