Das Steinbett bei Ratzeburg

Aus: Mecklenburgische Sagen
Autor: Studemund, Friedrich (1784-1857) Pastor an der Nikolaikirche in Schwerin, Erscheinungsjahr: 1848
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg, Ratzeburg, Abt Ansver, Märtyrer, Christentum, Mittelalter, Religion, Glaube, Wenden
Vor Ratzeburg waren die Wenden gezogen,
Da drinnen war ihnen gar mancher gewogen,
Drum half auch den Christen kein Widerstand.
Sie nahmen die Veste mit stürmender Hand.

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Und fliehen muss oder zum Tod sich bereiten,
Wer hier für das Kreuz noch es wagte zu streiten;
Es toben die Heiden in wildester Wut,
Der Irrwahn will Rache und Ströme von Blut.

Bei Ratzeburg war auch ein Kloster gelegen,
Da lehrte Abt Ansver mit Frucht und mit Segen,
Der kannte die Furcht nicht; dem kindlichen Sinn
War Leben nur Sterben und Sterben Gewinn.

Den führten die Wenden hinweg mit den Seinen,
Zu töten die Treuen, am Wege, mit Steinen;
Da bat der Abt: „gönnt mir, ich bitte euch frei,
Dass unter den Opfern das letzte ich sei.“

Und während die andern den Märtyrer-Tod dulden,
Fleht Ansver: „vergib ihnen, Vater, die Schulden,
Gib gnädig den Armen, was ihnen gebricht,
Schenk’ ihnen des Glaubens erquickendes Licht!“

Und sieht er die Brüder erzittern und zagen
Und unter den Qualen sie seufzen und klagen,
So ruft er: „ihr Freunde, gedenkt an den Lohn,
Den bald euch erteilet des Ewigen Sohn.

Was hat nicht auf Erden der Heiland gelitten,
Als er uns Erlösung von Sünden erstritten!
Vergesset der Schmerzen, vergesset der Not;
Das Leben hat Leiden, doch Kronen der Tod.“

So betet und tröstet mit freudigem Herzen
Abt Ansver und duldet dann selber die Schmerzen
Des Todes; und sanft, in dem Bette von Stein,
Am Wege,*) ruht sein und der Brüder Gebein.

*) Eine Viertelmeile von Ratzeburg an der Landstraße nach Lübeck

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Ratzeburg, Altstadtinsel

Ratzeburg, Altstadtinsel

Ratzeburg, Ansveruskreuz aus dem 15. Jahrhundert

Ratzeburg, Ansveruskreuz aus dem 15. Jahrhundert