Das Petermännchen oder der Burggeist im alten Fürstenschloss zu Schwerin

Aus: Mecklenburgische Sagen
Autor: Studemund, Friedrich (1784-1857) Pastor an der Nikolaikirche in Schwerin, Erscheinungsjahr: 1848
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg, Sagen, Schwerin, Petermännchen, Schweriner Schloss, Schlossgeist, Aberglauben
Die Sage ist sehr alt, dass ein zwergartiges Wesen zu gewissen Zeiten in dem uralten Schweriner Fürstenschloss sich sehen lasse und eine Art von Wächter und Hüter des ehrwürdigen Baues abgebe, dem jeder fremde, nicht zur alten, geliebten Fürstenfamilie gehörende Eindringling und Besitznehmer ein Dorn im Auge sei, das sonst gegen alle gutmütig und wohlgeneigt, welche mit Fug und Recht in seinem Reiche verkehren, gegen dergleichen nicht berechtigte Inwohner Neckereien aller Art sich erlaube, und besonders solche, welche sie nicht gerne wiedererzählen mochten und ihnen das Schloss zum unheimlichen Aufenthalt machten. Von mehreren Seiten bin ich aufgefordert worden, die Sagen von seinen bekannt gewordenen Erscheinungen zu sammeln; ich kann es daher nur bedauern, dass ich die darüber existierenden Aktenstücke und Protokolle noch nicht habe durchsehen können. Jedoch hat Hr. Porträtmaler Fischer (jetzt bereits verstorben) auf meine Bitte die Güte gehabt, das Contrefait des Petermännchens, welches sich auf dem Schloss befindet, zu benutzen, und das gute Männchen in dem Moment darzustellen, wo es zur Hauptfassade des Schlosses, als ein treuer Kastellan und Burgwart hinschreitend, seines Amtes sorglich wartet. Zwar führt dieses Contrefait des Petermännchens die Unterschrift: quid, si sic? (Wie, wenn es so aussähe?) und man möchte billig daraus schließen, dass es dem Maler nicht in natura gesessen, sondern dass das Bild nichts weiter als eine Phantasieschöpfung sei. Inzwischen lässt sich doch darüber nichts mit Gewissheit sagen, und nur derjenige wird ein Recht haben, darüber zu entscheiden, welcher Gelegenheit gehabt hat, das Original mit der Kopie zu vergleichen. Das Alter des Bildes, wahrscheinlich aus dem 14ten oder 15ten Jahrhundert*), zeugt aber dafür, dass der Glaube an die Existenz eines wachsamen, hochbetagten, schützenden, geisterhaften Wesens in dem Großherzogl. Schloss weit über die Zeit der Anfertigung desselben hinausgehe und dass es durch besondere Veranlassungen zu gewissen Zeiten lebhaft aufgeregt worden sei.

*) Man sagt zwar, dass das Bild nicht so alt ist, und erst vor 60 bis 70 Jahren nach der Angabe eines Leibgardisten angefertigt worden sei, welcher das Petermännchen gesehen haben wollte. Wahrscheinlicher jedoch ist es, dass das Bild, welchem einige ein so junges Alter beimessen, entweder das alte sogenannte Contrefait des Petermännchens selbst ist, oder nach der alten Darstellung desselben kopiert wurde.

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Die Zeit der Entstehung der Sage vom Petermännchen lässt sich nicht bestimmen, sie ist von einer Generation zur andern übergegangen, bald in Schutz genommen, bald bezweifelt worden. Die Sage vom Pück steht aber mit der vom Petermännchen in gar keiner Verbindung, da der Pück ein infernalischer Geist gewesen sein soll, welcher das ewige Verderben derjenigen suchte, welchen er seine Dienste antrug, wogegen das Petermännchen beständig um die Schicksale des ehrwürdigen Hauses bekümmert gewesen, welches es in besonderen Schutz genommen.

Mir ist eine Erzählung von ihm bekannt geworden, welche große Ähnlichkeit mit derjenigen hat, welche Ottmar in den deutschen Volkssagen von einem Bergmanne mitteilt, der auf eine seltsame Weise dem Kaiser Friedrich Barbarossa in die Tiefe des Kyffhäusers zugeführt und von ihm beschenkt wurde, nur mit dem geringen Unterschiede, dass bei der hiesigen Sage der Führer zu den in der Tiefe des Schlosses aufbewahrten Schätzen und der Geber in der Person des Petermännchens vereinigt sind.

Das Petermännchen hatte nämlich, so lautet die Sage, einmal bemerkt, dass ein in den inneren Gemächern des Schlosses postierter junger Gardist die Kostbarkeiten um ihn her mit lüsternen Augen betrachtete; es stellte deshalb die Pflichttreue desselben auf mancherlei Proben. Der junge Mann ließ sich jedoch nicht verleiten, bat vielmehr seinen Versucher, ihn in Ruhe zu lassen. Diese Festigkeit des Jünglings gefiel dem Petermännchen, es belobte ihn deshalb und bat ihn, wenn er von seinem Posten abgerufen sein würde, ihm einen kleinen Dienst zu erweisen, wobei gar keine Gefahr zu fürchten sei, der vielmehr ihm gut belohnt werden sollte. Der mutige Soldat willigte ein, und trat, als er abgelöst war, mit dem Zwerge die seltsame Wanderung an. Dieser führte ihn durch mancherlei unterirdische Gänge zu einem Gittertor, welches ein geräumiges, wohlerhelltes Gemach verwahrte. Mit einem mächtigen Schlüssel, welcher neben vielen andern an der Seite des Zwerges hing, öffnete dieser das schwere, knarrende Thor, trat mit seinem Begleiter in das Gemach und verschloss sodann den Eingang mit vieler Sorgfalt. „Du wolltest mir dienen, guter Jüngling“, sprach er dann, „versuch’ es, ob du es vermagst; vielleicht ist meine Stunde gekommen. Sieh’ hier dies Schwerdt; ein Ahnherr Niklots, des Wendenfürsten, der diese Burg, welche ich gründete, in Feuer aufgehen ließ, stieß es in blinder Wut in das Herz eines alten Christenpriesters. Dies unschuldige Blut klebt daran und wird so lange daran kleben, bis es der Hand eines unbefleckten Christenjünglings gelungen sein wird, es davon zu reinigen. Dann bin auch ich erlöset und kann den müden Leib zur Ruhe legen. Du weißt ja mit Waffen umzugehen, mein Kind, mach’ es mir blank, recht blank, auf dem Tische dort findest du alles, was zu deiner Arbeit erforderlich ist. Habe aber keine leichtfertige Gedanken dabei, sondern bitte das Wesen, welches du anbetest, dein Werk mit erbarmender Liebe zu fördern.“ Der junge Mensch verstand von dieser Rede im Ganzen sehr wenig, ging jedoch mit Ruhe und Ernst an das ihm aufgetragene Geschäft, welches ihm auch über die Maße zu gelingen schien. Das alte, krumme Schwert funkelte und blitzte bald, dass es eine Freude war; allein unten an der Spitze war ein tief eingedrungener Blut- und Rostflecken, welcher nicht weichen wollte.

Der Greis sah inzwischen dem emsigen Fleiße des Jünglings mit sichtbarer Gemütsbewegung zu, welche immer lebhafter ward, als der Flecken bis zu einem ganz kleinen Punkte sich verlor. „Nun noch eine Weile, mein Sohn“, rief er ermunternd dem Krieger zu, und Tränen, welche die Freude und die bangende Ahnung ihm auspressten, drangen aus den erloschenen Augen; „o, noch einmal rüstig an die Arbeit!“ Da aber erzitterte das Gemach wie von einem Donnerschlag und eine Stimme rief: „Es ist genug, dein eigenes Opfer fehlt noch, doch jetzt käme es zu spät! Bereite dich vor, es mit demütigem Herzen zu bringen.“

Der Zwerg stürzte zur Erde, als er diese Worte vernommen. Dann erhob er sich mit großer Anstrengung und wankte, dem jungen Krieger winkend, zu einer Nische hin, wo ein Altar stand, auf welchem sich eine Menge seltsamer Bildnisse und Götzen befand. Er versuchte es, sie zu ergreifen; allein hohnlachend rief eine widerliche Stimme gleichfalls: „Es ist zu spät!“ „Dort und hier, mein Sohn? o, wenn nur dort nicht“, sprach er dann nach stillem Bedenken., „Ich werde schon ruhiger und milder werden. Ich gehe, so hoff ich, der letzten Erdenwallfahrt entgegen! Heil dir, wenn es die letzte ist. Aber sehen musst du doch, wem du gedient hast. Du bist vom alten Wendenstamme, es wird dir Freude machen, den König und Herrscher deiner Urväter in seiner alten Herrlichkeit zu sehen. Warte noch eine Welle.“

Der Zwerg trat nun in ein Seitengemach, rasselte darin mit allerlei Waffen und Rüstungen, und als er sich herrlich geschmückt hatte, rief er den Jüngling hinein. „Sieh mich hier unter meinen Schätzen und Kleinodien, mein Kind; dies ist die Krone, welche Kruko trug, der König der Obotriten und Wenden, der mächtigste Herrscher seiner Zeit. Hier erblickst du die Schilder und Waffen seiner königlichen Ahnen und die Siegesbeute von Römern, Goten und Sachsen. Zum letzten Male betrete ich heute dies Gemach. Ich muss dem alten Stolze entsagen und vergessen, wer ich war; aber königlich will ich dich beschenken. Diese drei Stangen sind aus gediegenem Golde bereitet, nimm sie zu dir, verwahre sie, bis du ein Weib dir suchest, um in friedlicher Beschäftigung mit ländlicher Arbeit nach der Weise deiner Väter glücklich zu sein; dann mache diesen Schatz zu Gelde, kaufe dir das Gut, was dir am besten gefällt, diene deinem Gott mit dankbarem Herzen und bete für den, der dich nach seinem Willen glücklich machen durfte; bete für die Ruhe meiner Seele!“

Der junge Krieger befand sich in einer so verwirrten Gemütsstimmung, dass er fast betäubt den Zwerg durch die Gemächer und unterirdischen Gänge zurück begleitete, und erst da, als er seinem Dankgefühle Luft machen wollte, gewahr ward, dass er sich allein am Schlosstor befand. Die Goldstangen in seiner Tasche überzeugten ihn aber bald davon, dass er nicht geträumt habe. Er verheimlichte sein Abenteuer und seinen Reichtum, kaufte sich nach erhaltenem Abschiede ein fruchtbares Landgut, und erst seine Kinder erfuhren kurz vor seinem Heimgange, wem sie eigentlich ihr reiches Erbgut verdankten.
Petermännchen, Schweriner Schlossgeist

Petermännchen, Schweriner Schlossgeist

Petermännchen, Schweriner Schloss-Fassade

Petermännchen, Schweriner Schloss-Fassade

Petermännchen, Schweriner Schlossgespenst

Petermännchen, Schweriner Schlossgespenst

Petermännchen, Wappen von Pinnow

Petermännchen, Wappen von Pinnow

Petermännchen, Schweriner Schloss-Geist 2

Petermännchen, Schweriner Schloss-Geist 2