Das Goldspinnen

Aus: Volksmärchen aus Pommern und Rügen
Autor: Jahn, Ulrich Dr. (1861-1900) deutscher Volkskundler
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Enthaltene Themen: Aus der Frakturschrift transkribierter noch unkorrigierter Text
Inhaltsverzeichnis
Es war einmal ein Müller, der hatte eine wunderschöne Tochter; aber niemand wollte sie zur Frau haben, so schön sie auch war. Stille sitzen und lange schlafen und putzen, das konnte sie; aber sonst verstand sie gar nichts, nicht einmal das Spinnen mochte ihr von der Hand gehen. "Warte", dachte der Müller, „du sollst mir doch aus dem Hause'"; und weil er ein weites Gewissen hatte und zufrieden war, wenn er sie nur irgendwo untergebracht. so lies er überall bekannt machen, das Mädchen verstände die Kunst, aus Stroh lauteres Gold zu spinnen. Die Nachbaren wussten, dass es nicht wahr
sei, und lachten darüber, aber die Leute in der Stadt glaubten es und der König voran; und weil er nicht wollte, dass ihm die Goldspinnerin entging, sandte er hin zu dem Müller und lies das Mädchen als seine Braut in das königliche Schloss holen.


Den ersten Tag gefiel ihr alles recht gut ; aber am zweiten Tage wurde ihr angst und bange; denn der Kiinig führte sie in eine ausgeräumte Stube. Darauf mussten die Diener ein Spinnrad und ein Scliock Stroh herein scharten, und als das drinnen war, hiess sie der König das Stroh über Nacht auf und zu Gold spinnen. ;,Thust du es nicht, so kostefs dich dein Leben !^ Mit diesen Worten schloss er die Thüre hinter ihr zu, die Müllerstoehter aber klagte und jammerte zum Gotterbarmen. Sie konnte niclit <Mnma] Schwingelheede zu Stricken
s])innen, vielweniger Stioli zu (iold. und wenn sie es nicht fertig braciitc, hatte sie ch'n Kopf verloren! Als die (Jlocke 11 schlug, rasselte es im Stroii, ein kleines Männchen stand vor ihr und sagte:
„Was giebst du mir, wenn ich dir helfe?" — Antwortete die Müllers-
toehter: »Was soll ich dir geben? Ich hab* nichts!^ — „Du hast
doch etwas," sagte (bis Männchen, „gieb mir deinen Ring vom Finger.*'
Da gab das Mädchen dem Männclu^i ihren Fingerreif, und als sie das
getan hatte, wurde ihr müde und sciilätVig zu Mut, und sie schlief
ein. Niiclulem sie wieder aufgewacht war. lag statt des Strohs in der
Stube ein grosser Hauten Gold, das Münucheu aber war verschwunden.

Am anflern Morgen schlofft. >rler KÖniji die Thüre auf, und als
er das viele Gold erblickte. laH'/te er vor Freuden in der Stulie herum.
„Hei," riet" er, „d.-is trcht." «-iuiiial s< ln>ii! .Mtcr du kriegst ^'cwiss nocli
mehr kurz!** unil vv }ivk'i, dass den /weiten Aheiul zwei Sdiock
Stroh in die Kami^t;i' gebracht würden. ^Dn mein Gott," jamiuürtc
die Müllerstochtcr/'Alil sie nach Sonnenuntergang wieder allein in der
Stube vor (joni ]yossen Hauten Stroh süss. .,vas ^ »II <l,ii .ius werden?
Die erste. XaVltt ist's mir ge«;lii( kt, diesmal wird «las kleine Männchen
gewiss iru'i't' wieder kommen!" Aber es kam doch wieder: nni elf l'iir
rasselt;.*' juid Uni^terle es im Stroh, und das < irauniiinnlein kroch
ZKj'is4;litu den llulnien hervor und Irayte; „Was giebst du mir, wemi
ibh dir anch heute bei der Arbeit helfe?'' Nun hatte die Müliers-
tochter ein wunderschönes Geschmeide. Willst du das haben ?^ fragte
sie das Milunehen, und als es darin einwilligte, gab sie e^ ilmi. Dann
schlief sie ein, wie in der vergangenen Nacht, und als sie wieder
erwachte, waren auch die zwei Schock Stndi zu (Jold iresponuen.
Diesmal war der KöiiiL'^ noch verLTnii^ter. als er am Morj;cn die Thüre
aufschlobs, und sprach zu .seiner liraut: „Du gelallst mir! Aber eine
Nacht musst du noch spinnen! Aller guten Dinge sind drei! Und dann
sollst du Königin werden und Ruhe haben mit dem Spinnrad dein
Leben lang." Darauf gab er den Hefehl, die Stube ganz v<dl Stroh
zu packiMi, dass nur ein kleines Kckchen übrig blieb, in dem das
Spinnrad stand. Uiul als der diittc Abend kam, führte er selbst
seine Braut hinein und scldoss hintei' i)ir ah.

Hatte die Müllerstochtcr die beiden Abende vorher viel geweint,
80 flössen jetzt ihre bitterlichen Thränen und rannen auf den Fuss-
boden herab, und sie verwünschte ihr Schicksal und ihren harten Vater,
der, um sie aus dem Hause zu bringen, all das Elend angeric htet
hatte. Während dem war es Nacht geworden und die Glocke schlug
elf, da rasselte und nischelte es im Stroh, und das Graumännchen
trat zum diitten Mab; vor das M.idchen und si)ra(h: ..Was giebst
du mir, wenn ich dir bei der Arbeit helfeV^ — Jetzt hatte die Müllers-
tochter aber wirklich nichts mehr, und sie sagte zu dem Männlein:
;,Ich kann dir nichts geben.'' — ^Warum nicht?^ gab es zur Antwort.
„Versprich mir das erste Kind, welches du mit dem König bekommen
wirst, wenn es ein Kmibe ist, und ich spinne dir das Stroh zu (Jold.*'
Anfangs wollte die Müllerstochter nicht darauf einireheu; als aber das
(iraumitnnchen dabei blieb, dachte sie bei sich: „Der liehe (lott wird
dich doch nicht ganz verlassen, am Eude schenkt er dir zuerst ein
Mädchen,'' und sie sagte dem Mannchen ihr firstgebomes zu, wenn
es ein Sohn würde. Darauf verfiel sie wiederum in den tiefen Schlaf,
und als sie erwachte, war alles Stroh zu (Johl gesponnen.

Am Morgen war die Freude gross. Der König liiss das Gold
in die Scliat/kamnier trai;en: dann wurde Hochzeit gefeiert, nnd
die Müllerstochtcr war Köni<^in über das ganze Land. Vnd ein» ein
Jahr vergiug, schenkte ihr der liebe Gott, dass sie mit einem kleineu
Prinzen niederkam. Das erfüllte die Königin mit grossen Sorgen, denn sie flachte an rlen TTanflol. welchen sie mit dem kleinen Mannchen
ahiieschl()ss«Mi liatte. und sie konnte kein An^e zudrücken vor Anijst und
Kuniim r. lÜclitig, als es elf Uhr sddug, trat das kleine Männehen
ganz leise, leise iu die Stube herein und sprach: „Gieb mir den Prinzen,
wie du mir versprochen hasf — ;,Das Kind gebe ich dir nicht,''
antwortete die Königin, ;,denn was ich dir damals versprochen habe,
das habe i( Ii in der Not versprochen l** und während sie das sngte,
hielt sie den Prinzen mit beiden Annen umschlungen. T);is Männlein
wollte nun das Kind mit (iewalt nehmen; aber die Köuigiu drohte, zu
schreien und den Konig zu wecken. Da wurde es zoinig, schalt sie
eine Lügnerin und ging wieder zur Thüre hinaus. „Bekommen will
ich dich doch,^ sagte es bei sich, aber so leise, dass es niemand hörte,
und so kam*s, dass die Königin dachte, jetzt sei alle Gefahr vorüber,
und fortan ohne Furcht vor dem Graumännlein lebte.

Der kleine Prinz Avunle Alwin genannt und ward ein schrmer,
khigt'r Knal)e, dass dei- König und die KTiuigin ihre lierzenslVciide an
ihm hatten. Als er seinen vierzehnten Geburtstag feiern sollte, waren
viele Junker aus der Nachbarschaft auf das königliche Schloss geladen,
damit er sich mit ihnen seines Geburtstages freue. Es war ein schöner
Tag, und die Sonne schien heiss vom Hinmiel herab. »Wir wollen
unsere Pferde in die Schwemme reiten!" rief Prinz Alwin, und so
geschah es auch, ein jeder setzte sicli auf sein gut(»s Poss und fort
ging's, was di(? Pferde laufen mochten, zu dem See und in das Wasser
hinein. Prinz Alwin war allen voraus, und mit einem Male sahen
seine Gefährten, wie Mann und Koss in die Tiefe gezogen wurden und
versanken. Das Pferd kam nach einer kleinen Weile wieder zum
Vorschein, aber Prinz Alwin blieb verschwunden. Und kein Nachsuchen
half; die Junker mussten ohne den Prinzen zuiückkehren, und der
König un<l die KJinigin betrau(M-ten seinen Tod und weinten ihre bitter*
liehen Tbriinen zu sciucin (iediichtnis.

Prinz Alwin war aber ni(-ht ertninl<en, sondern durch das Wasser
hindurch gefallen auf eine grosse, grüne W'iese. Über ihm war ein
Himmel, wie auf der Erde; aber so weit er um sich sehen konnte,
war nichts zu erblicken als Gras, kein Baum und kein Strauch, nur
langes, grünes Gras. Er ging, wie im Wahne, den lieben langen Tag,
aber die Wiese blieb W^iese. Kn<llich, auf den Abend, sah er vor sich
ein kleines Haus stehen, und als er nälu'r kam, scbaute ein steinaltes
Weib zum I'enster hejaus, d;is sprach: „(iuten Tag, Prinz Alwin, es
ist gut, dass du da bist!'^ — „W'oher kennst du michy" fragte der
Königssohn. — „Ich kenne dich schon lange,'' antwortete das Mütterchen,
„seit vierzehn Jahren gehörst du mir an. Schon vor der Geburt hat
dich deint MuH i ineinem Manne verschachert 1 Jetzt komm herein,
denn du bist di«' längste Zeit dein eigener Herr gewi^si'ii. Kannst du
aber die Ai beiten bewilltigen. die ich «lir aul'gebe. so magst du zui'ück-
kehren in deines Vaters Keich; sf>nst ist s um dein Leben gesciu lien."
Da gehorchte Prinz Alwin der lle.e und ging in das Häuschen liinein.
Als er drinnen war, wies ihm die Alte einen grossen Haufen .

1* Knochen und Kartoffeln. Das mnssto er in einem Kessel zusammen-
koehen und (Irciluiiidert NiiplVlicn damit anfüllen. NaclidiMU er fertitr
geworden war, hicss ihn die Alte ein Nilpfchen nach tlem ancU'rn aul
den Boden tragen. Dort sassen dreihundert Katzen, für die war das
Essen bestimmt, und Prinz Alwin hatte zu thun bis nach Sonnen-
untergang, dass jede Katze ihr Näpfchen bekam. Damach musste
er das gan/e Geschirr ^vi('der zurii(ktra«r('ii in die Küche und ab-
waschen und trocknen, und es wurde Mitternacht, che er mit der
Arbeit zu Rande geknnuuen war. „Mast du auch Hunj^erV" sa^^te die
Hexe, und als Prinz Alwin die Fraj^c bejahte, hiess sie ihn von dem
Katzenftttter aus dem Kessel nehmen. Das that er aber nicht, sondern
legte sich hungrig nieder und verfiel in einen festen Schlaf. Aber lange
Hess ihm das böse Weib keine Ruhe; schon um drei Uhr str>rte sie
ihn auf und sprach zu ihm: „Jetzt sollst du die erste Arbeit bekommen!"
Damit lud sie ihm eine Toime mit knlihabenschwarzer V(dle auf den
liuckel und t'iilirte ihn aus dem Häuschen hinaus durch das h(die (iras,
bis sie zu einem kleinen See gelangten, an dessen Ufer ein gro.sser
Stein lag. „Bei Sonnenuntergang komme ich wieder,' sprach sie,
i,und wenn die Wolle dann nicht schneeweiss gewaschen und getrocknet
ist, 80 ist dein Leben Gras.'' Darauf kehrte sie ihm den Rücken zu
und ginj^ wieder in das Häuselien zuriu-k.

Prinz Alwin machte sieh geschwind an die Arbeit: er that weissen
Seesand unter die W<dK' und rieb un<l rang, aher es lialf alles
nichts, die Wolle blieb kohlrabenschwarz, wie sie gewesen war. Zwei
Stunden lang arbeitete er und wusch sich die Hände wund, dann ward
er verzagt und setzte sich auf den Stein und weinte. Indem trat eine
Jungfrau auf ihn zu, in schwarzem CK wande und mit einem schwarzen
Schleier vor den Augen, und fragte: ,,Prinz Alwin, was weinest duV^
— „Ich soll die Wolle weiss wascluMi und kann es doch nicht," ant-
wortete der Königssohn. „Das glauhe ich w<tld. dass du damit nicht
fertig wirst, sagte die schwarze Jungfer, „du konntest vier Wochen
waschen, und sie bliebe schwarz, wie sie ist; aber sei unverzagt, ich
werde dir helfen!' Darauf musste Prinz Alwin sich schlafen legen,
und als er w ieder erwachte, lag die Wolle auf der Wiese ausgebreitet
und war schlohweiss und trocken; von der schwarzen Jungfer aber
war nichts mehr zu sehen.

Auf den Abend kam die alte Hexe und hesali die W(dle. „Das
hast du gut gemacht," sagte sie und packte die Wolle in die Tonne,
lud sie dem Königssohn auf den Buckel und kehrte mit ihm in das
Häuschen zurück. Dort musste er sogleich wieder Knochen und
Kartoffeln in dem grossen Kessel kochen und die dreihundert Näpfchen
füllen und sie zu den dreihundert Katzen auf den l5od(m tragen. T'^nd
als er fertig war mit dem Spülen und Abwaschen, schlug die Uhr
eins; doch es fociit ihn wenig an, denn er hatte den Tag über auf
der Wiese ausgeschlafen. Nur der Hunger plagte ihn selu*; aber von
dem Katzenfutter mochte er nicht essen, und andere Speise bekam er
nicht. — Lange vor Sonnenaufgang befahl ihm die Alte, die Tonne zu nolimon, und ging mit ihm wieder zu dfiii See hinaus. Diesmal
sollte er die schlohweisse Wolle schwarz waschen, wie sie gewesen
war, und wenn er das nicht fertig bekomme und die Wolle nicht
kohlrabenschwarz und trocken wäre, so müsse er des Todes sterben.

jyDas ist nicht so schlimm, wie die erste Arbeit/ dachte Prinz
Alwin, und als die Hexe fort war, tauchte er die Wolle in die schwarze
Modererde und zog sie wieder hervor. Aber die Wolle war weiss
und blich weiss, und wenn er sie durch den Schmutz zog und mit
Füssen trat, sie glänzte, wie friscli gcfVillcnor Schnee. Da war es
auch aus mit seinem guten Mute, und er setzte sich wie(ler auf den
grossen Stein und weinte seine bitterlichen Thränen. ;,rrinz Alwin,
was weinest dn,^ sprach mit einem Male eine Stimme, und als er auf-
blickte, war es dieselbe schwarze Jungfer, die ihm schon gestern
geholfen hatte. „Ich soll die weisse W^olle schwarz waschen und kann
es nicht," sagte der Königssohn. ,,Nein, das kannst du nicht, ^' ant-
wortete die schwarze Jungfer. ..und wenn du vier Wochen waschen
würdest; aber ich werde dir helfen!'* Darnach musste Prinz Alwin
sich schlafen legen, und als er wieder erwachte, war die Wolle kohl-
schwarz und trocken; aber die Jungfer war wieder verschwunden.

Die Sonne neigte sich schon ihrem Untergange, und es dauerte
gar nicht lange, so erschien die alte Hexe, besah die Wolle und sagte,
wie gestern: „Pnnz Alwin, du hast deim» Sache gut gemacht!'' Darauf
lud sie ihm die Tonne wieder auf den Kücken und ging mit ihm in
das Häuschen zurück.

Nachdem er die dreihundert Katzen besorgt und das Geschirr
sauber gemacht hatte, legte er sich schlafen und wachte nicht eher
auf, bis ihn die Alte rüttelte und schüttelte, ihm Forke und Besen,
Schmpper und Scheue rla])pen gab und ihn hinführte zu dem Stalle.
jyDen reinigst du mir, und wTun du ihn spiegelblank hast bis auf den
Abend, darfst du zurückkehren in deines Vati-rs Reich; sonst bist du
des Todes I*^ .ls die Hexe fort war. ütliiete Prinz Alwin die Stall-
thüre. Hu, da wimmelte alles von Addern, Kröten, Bienningen,
Schlaugen, Ratten und Mäusen, und Dung und Moder standen hoch
an den Wänden herauf. Da war wohl sieben Jahre lang nicht aus-
gemistet worden. Prinz Alwin riss die Thüre weit auf, damit die
Tiere hinaus gingen, aber keins kam heraus: da nahm er die Forke
und schlug nach ihnen. Zisch! fuhicu die Addern und Kn'iten. die
Blenninge, Schlangen, Katten und Mause auf ilin zu und sprangen
ihm nach dem Gesicht, und er musste nur schnell die Thüre zuschlagen,
sie hätten ihn sonst ums Leben gebracht. Wie sollte er aber den
Stall reinigen bei verschlossener Thüre? Es blieb ihm wieder nichts
übrig, als die Hände in den Schoss zu legen und- bitterlich zu weinen.
Indem stand die schwarze Jungfer vor ihm und sprach: „Prinz Alwin,
was weinest du?^' — „Niinm einmal an." sagte Prinz AIavim. .,ich
soll diesen Stall rein niaclieii. und darin ist soviel Schlangen- und
Krötenwesen und anderes Ungeziefer, dass ich des Todes bin, wenn
ich hinein gehe. Wie soll ich aber den Stall reinigen bei verschlossener ThüroV" — „Du hast recht, Prinz Alwin, das kannst du nicht,*' ant-
wortete die schwarze Jungfer, ^aher icli will dir helfen. Wenn nun
am Abend die alte Hexe kommt, so wird sie dieli l(d)eii und dich
morgen ziehen lassen. Auch zu esseu wird sie dir gehen; aher rühre
nichts an, sonst bist du und ich yerloren. Dann Avird sie dir erlauben,
dass du dir von den dreihundert Katzen eine auswählen darfst Nimm
die kleine bunte, welche ganz hinten in der Ecke sit/tl" Vrinz Alwin
versprach der schwarzen Jungfer, alles zu thun, wie sie ihm gesagt
hatte; darauf musste er sieh schlafen legen, und als er wieder er-
wachte, kam auch schon die alte Hexe gegaiii^eii. „Nun ist der
Stall reinV"* rief sie und riss die Thüre atit: da war der Fusshoden
blitzblank und die Wände glimmerten und glitzten, wie Spiegelglas.
„Das hast du recht gut gemacht, mein Sohn,'^ sprach die alte Hexe,
„füttere heute noch einmal die Katzen, und morgen darfst du nach
Hause gehen 1^

Da war Prinz Alwin wohl zu Mute, und er kochte so flink, wie
möglich, das Futter uml trug die dreihundert Näpfchen auf den Hoden
und setzte sie den dreihundert Katzen vor, und als die Tiere fertig
waren, wusch er alles Geschirr fein säuberlich aus und pliff sich ein
lustiges Lied dazu; es war ja das letzte Mal, dass er die Arbeit zu
thun brauchte. Darnach legte er sich schlafen, und die Alte Hess
ihn ruhen, bis die Sonne hoch am Himmel stand. ,,Pnnz Alwin,*'
saLjtr sie, als er die Augen aufschlug, „jetzt darfst du nach Hause
zuiiickkchrcn. Aber ungegessen sollst du nicht von mir gehen!"
Öpraclfs und ging in die Küche und trug eine fette Hiatgans auf den
Tisch, die war so knusperig und weich und roch so schön, dass Prinz
Alwin das Wasser im Munde zusammenlief. Aber er dachte an das
Versprechen, welches er der schwarzen Jungfer gege]»en; und als die
Alte aus der Stube ging, ass er nicht, sondern stellte die Gans auf
den Ofen. F^s dauerte gar nicht lange, so kehrte die Hexe zurück
und fragte: „Prinz Alwin, hat dir der Hi-aten geschmeckt?" — ? „Selir
gut." antwortete er. „Hast du auch alles aufgegessen?" buschte sie
weiter. „Auch kein Knöchelchcu ist übrig geblieben,'' sagte Prinz
Alwin. Da begann die Bratgans auf dem Ofen zu schreien: ^Tutte-
ruttuttuttuttutt! Tutteruttuttuttuttutt^ und sprang auf die Diele herab.
„Ach, du bist wohl feinnäsig,*' rief die Hexe. „Günsehraten ist zu
liart I Warte nur, mein Sölincheii, ich weide dir etwas Hesseres
bringen!" Si)racirs und li<'f in die Küche, und es dauerte g.ii' nicht
lange, so k;nu sie mit einem Ibatiuihn zuriu'k. „So, das wird dir
besser schmecken," sagte sie und ging wieder hinaus. Prinz Alwiu
überkam eine grosse Esslnst, aber er bezwang sich und steckte
das Brathuhn hinter den Ofen, und als die Alte zurückkehrte, sagte
er wieder, der Braten habe ihm sein- gut geschmeckt und er habe
nichts übrig gelassen." „(lackgackgackgackgack !" rief da das Brat-
huhn und s])i-ang ans der H<ille heraus. Darüber wurde die Hexe
sehr zornig und schalt: „Auch Hühner stehen dir nicht an? I)(»ch
halt, ich hab's, du bist andere Speise gewöhnt," und sie liel zum dritten Male in die Kiiclic und tniij ein ucbratfnfs Sauj^forkfl auf den
Tisch. Ihitto al)CT Prinz Alwin die (ians und das Huhn versdimiiht,
weil es die schwarze Jungfer ihm so befolilen hatte, so wollte er auch
von dem Saugferkel nichts wissen. Und damit ihn der Ofen nicht
wieder verriete, denn er glaubte» der habe den Tieren die Sprache
verliehen, kiKipf'te er das Sauglerkel unter die Jacke und wartete ab,
bis die Alte wieder in die Stube trat und darnach IVajito, wie ihm
der Hraten fjeschineckt habe. „Ich habe alles verzehrt," sa«jte Prinz
Alwin auch diesinal. aber das Sauirferkel strafte ihn Lii<;»'n und riet":
„QuiiiUKjuiquinuil " und hörte nicht auf mit dem Schreien, bis er
die Jacke aufgeknöpft hatte. Dann lief es zur Hexe, und die nahm
es in ihre Schürze und sagte voll Zorn: ,yWenn dir mein Essen
nicht behagt, so magst du hungrig bleiben. Doch umsonst sollst du
nicht gearbeitet haiien: suche dir eine von den dreihund(M-t Katzen
aus, und welche dir am besten izefiillt, die ma*ist du nehmen!"

Das Hess sich Prinz Alwin nicht zweimal saLren und stiej; mit
der Alten auf den lioden hinauf. Ganz hinten in der äussersten Ecke
sass die kleine bunte Katze und sah ihn unverwandt an. „Die will
ich haben, ^ rief Prinz Alwin und griff sie und nahm sie auf seinen
Arm und streichelte sie. ^Sieh einer den Schlingel, schalt die Hexe,
„gerade meine Lieblingskatze sucht er lieraus. Konntest du dir denn
keine andere wählen? Da sitzen doch scliwarze. graue und weisse
die schwere Miiige.'^ Aber Prinz .lwin i)liel) dabei, er wolle die bunte
Katze haben, und da ihm die Alte freie Wahl gelassen, musste sie
wohl oder übel damit zufrieden sein. „Nun lauf,^ sagte sie, „und
mach, dass du zu deinen Eltern zurück kommst. Sonst hätte ich dir
den AVeg gewiesen; da du aber meine Lielilingskatze gewählt hast,
magst du dich selbst hinauftinden.** Prinz Alwin ging auch; aber
als er auf dei- Wiese bei dem See war. wusste er nicht aus noch ein,
und er setzte sich auf den grossen Stein und weinte bitterlich. Da
verwandelte sich mit einem Male das bunte Kiitzchen zu seinen Füssen
in die schwarze Jungfer und sprach zu ihm: „Prinz Alwin, du hast
alles gut gemacht; und wenn du mir versprichst, dass du mich heiraten
willst, so werde ich diih auf die Oberwelt zurückbringen.^ Das ver-
sprach l*rinz .Vlwin der schwarzen Jungfer von Herzen gerne, denn
er hatte sie lä?ig<t li(di gewonnen. „Nun aber noch eins," sagte
das Mädchen, „wenn du nach Hause koniiiist. so darfst du in drei
Tagen nichts essen und nichts trinken. Hältst du aus, so bin ich
erlöst; und wie ich dich errottet habe, so errettest du mich.^ Auch
das wollte Prinz Alwin gerne besorgen; und nachdem er ihr die Hand
darauf gegeben hatte, führte sie ihn durch Luft imd Erde und Wasser
hindurch, bis an das l'fer d<'s Sees, in weh hem er damals mit den
jungen Kd<dleuten die Pferde in di(> Schwemme gel itten. Darauf ver-
schwand die schw.irze .lungtcr. er aber ging in seines Vaters Schloss.

Der König und die Königin erschraken nicht wenig, als sie Prinz
Alwin wieder erblickten. Sie hatten ihn längst tot geglaubt, denn
nicht fünf Tage, wie es ihm geschienen, sondern zehn Jahre war er bei der alten Hexe gewesen. Nun wurde aber auch sogleich ein grosses Festmahl ausgerichtet und Wiedersehen gefeiert. Alle assen und tranken nach Herzenslust, nur Prinz Alwin wollte nicht essen, weil er der schwarzen Juniifer vorsproclien hatte, dass er drei Tage
fasten würde. „Prinz Alwin, iss doch!* riefen Vater und ^flltter,
und „Prinz Alwin, iss doch!" baten die andern ;ilb und weil ihm die
guten liraten so lieblich ent^e;4i'n rochen und der Hunger ihn schier
umbrachte, so griff er endlich zu und ass und ass; und je melir er
ass, um so mehr vergass er, was ihm während der zehn Jahre tief
unter dem See bei der alten Hexe zugestossen; und als er satt war,
hatte er alles vergessen und wusste nichts mehr von der ganzen Sache.

Nachdem ein paar Tage vergangen waren, sprach die Königin zu ihm: „Mein S(dm, du sollst heiraten. Dein Vater und ich, wir haben tür dich bei dem Nachbarkcinig um seine Tochter geworben; zieh liin und hole die Braut!" Da machte sich Prinz Alwin auf mit grossem Gefolge und holte die Prinzessin in seines Vaters Schloss. Dort war alles zubereitet zum festlichen Empfange, und als die
sechste Woche nach der Rückkehr des jungen Prinzen vergangen war, sollte Hochzeit gefeiert werden. Wie nun alle beim Mahle sassen,
r>ffnete sich die Thiire des Saales, und die schwarze Jungfrau trat
herein und hatte auf jeder Schulter eine Taube sitzen. Sogleich stand
der Edelmann, welcher der Thürc; zunächst süss, auf und lud sie zum
Essen. Antwortete die Jungfer:

„Ich Mcrdc schoü essen,
Meine TäubcUen nicht sa vngMieii,
Wie Prinz Alwin,
Sass auf dem Stein
Und weinte."

Darauf ging sie weiter, der Spitze der Tafel zu, wo die Braut
und der Bräutigam sassen. Wieder nötigte sie einer von den Tisch-
herren, sich niederzusetzen, aber sie wich ihm aus und sprach Ton neuem:

„loh werde schon essen,
Meine Tüubchen nicht zu vergessen,
Wie Prinz Alwin,
Sass auf dem Stein
Und weinte."

Da liess der Janker sie gehen, und sie schritt weiter bis zu dem
Ende des Saales. Jet/t <tand auch Pi-in/. Alwin auf und bat sie, mit
ihm zu essen und frölüicli zu sein. Und als ihm die schwarze Jungfer
antwortete :

„Ich werde schon essen,
Meine Tüuhchcn meht m vergessen,
Wie Prinz Alwin,
Sass auf dem Stein
Und weinte,"

fiel es dem Königssohn wie Schuppen von den Augen. Es war ihm, als ob er aus einem schweren Traum erwache, und er verliess seine Braut, fasste die schwarze Jungfer bei der Hand und fahrte sie aus dem Saale heraus. Als sie allein waren, fiel er ihr zu Füssen
und b;it inn Verzciliuii^. S;i<:te die srlnvar/c Juii;^'tVan : ^ Jetzt habe
ich sei Iis WocluMi hungern nuissen, und (hi konntest dich nicht einmal
drei Tage der Speise enthalten um meinetwillen. Was wirst du nun
thun?'' Sprach Prinz Alwin: ^ Warte ein Weilchen!^ und eilte in
den Hochzeitssaal zurück. „Ihr lieben Herren,^ sprach er zu den
Gästen, ,,ich weiss ein Rätsel, wer kann es mir lösen? Ich habe
einen kostbaren Schrank und besass einen trefflidien Sclilüssel dazu.
Den hab' icli auf der Keise verloren, und icli schickte /um Schbtsser,
um einen neuen zu bestcUen. Inzwischen hat sich der alte wieder
gefunden. W^as soll ich nun thunV Verwerfe ich den alten Schlüssel,
oder bestelle ich den neuen ab, dieweil er noch nicht fertig ist?*
Da riefen alle Gäste mit einem Munde: „Du sollst den alten Schlüssel
nehmen!'^ Des freute sich Prinz Alwin, und er erzählte, wie alles gekommen war. Da wurde des Naclil)arkönigs Tochter ihrem Vater
zurückgeschickt, und Prinz Alwin machte mit der srbwarzen Jungfer
Hochzeit. Die war inzwischen schlohweiss geworden und sah so
schön aus, dass sie die schönste Prinzessin war unter der Sonne. Sie lebte mit Prinz Alwin in Glück und in Frieden, und wenn die beiden nicht gestorben sind, so leben sie noch heute.

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