Das Abendglockengeläut und Blasen vom Kirchturme zu Malchin.

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 4
Autor: Von Franz Gesellius, Erscheinungsjahr: 1862
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Malchin,
Vor Jahren wohnte in dem jetzigen Küsterhause zu Malchin, gerade dem Turme der dortigen Kirche gegenüber, ein Pastor, dessen junge und schöne Tochter Marie mit einem Lehrer der Stadtschule verlobt war.

Eines Abends, es war gerade 9 Uhr, sollte der Pastor nach einem Sterbenden kommen, um ihm das heilige Abendmahl zu reichen. Er sprach deshalb zu seiner Tochter: „Kind, gehe nach der Kirche, hier sind die Schlüssel, und hole mir vom Altar die heiligen Sakramente; ich werde mich während der Zeit ankleiden."

Sorglos eilte Marie zur Kirche; sie hatte diesen Weg, Abends schon häufig ohne alle Furcht gemacht. Ihr Bräutigam, der sie nach der Kirche gehen sah, als er ihr gerade einen Besuch machen wollte, nahm nun schnell ein weißes Bettlaken, hüllte sich hinein und schlich seiner Marie nach, die sich häufig gerühmt hatte, keine Furcht zu kennen, um einmal zu versuchen, ob sie denn wohl wirklich nicht bange zu machen sei.

Ach, leider gelang ihm dies nur zu gut. Kaum hatte Marie die weiß bekleidete Gestalt gesehen, als sie erblasste, zur Erde sank und nach wenigen Augenblicken unter fürchterlichen Krämpfen ihren Geist aufgab.

Der Lehrer wurde hierüber tiefsinnig und starb ebenfalls nach wenigen Wochen. In seinem Testamente hatte er sein ganzes Vermögen der Kirche vermacht, jedoch mit der Bedingung, dass dafür jeden Abend um 9 Uhr geläutet und nach dem Geläute ein frommes Lied vom Kirchturm geblasen werden sollte.

Von der Zeit an wird nun jeden Abend um 9 Uhr geläutet und aus allen Luken vom Turm geblasen, ausgenommen aus der, die nach dem jetzigen Küsterhause hinzeigt. Die Musikanten sagen nämlich, dass, wenn sie aus besagter Luke blasen wollten, sie einen dicken Mund und unversehens eine Ohrfeige bekommen würden, und zwar von dem Bräutigam Mariens, welcher hinter dieser Luke sitze und nach der Tür hinstarre, wohinein seine Geliebte gesund und froh gegangen, durch seinen Mutwillen aber tot wieder hinausgetragen worden sei.

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Vor mehreren Jahren hatte ein lustiger Musikant die Dreistigkeit, aus jener Luke zu blasen, bekam aber unversehens eine derbe Maulschelle und hatte am andern Morgen ein dickes Gesicht.

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