Charakter und Religion der Wenden

Aus: Beiträge zur Geschichte des alten, Wendischen Rostocks
Autor: Mahn, J. F. A. (?-?), Erscheinungsjahr: 1854
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg, Rostock, Stadtgeschichte, Wenden, Stadtgründung, Historische Quellen
Die physische Beschaffenheit der Wendischen Nationen zeigt eben so deutlich, als ihre Religion, die Asiatische Abstammung derselben; muskelstarke, gedrungene Körper, eine braungelbe Farbe, falbes oder schwarzes Haupthaar, verschmitzte Klugheit im Blicke. In Ihrem Nationalcharakter offenbart sich eine sonderbare Mischung von Bildung und Rohheit, ein reger Sinn, der alles leicht auffasst, aber auch bald wieder verschwindet. Gleich dem Germanen, zeichnet sich der Wende durch dieselben Nationaltugenden aus, durch Mildtätigkeit, Elternliebe und besonders durch Gastfreundschaft; selbst der Feind der in Not war, fand sicheren Schutz.

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Ihrer Mildtätigkeit zu genügen, legten sie auf gemeinsame Kosten Hospitäler, Armen- und Waisenhäuser an, in welchen Arme, Witwen, Waisen und gebrechliche Leute versorgt wurden.

Wer die Gastfreundschaft verletzte, verlor nicht nur die Achtung, sondern war auch keinen Augenblick vor Brand und Plünderung sicher.

Latomus Geneal. Megap. pag. 47: Sonsten ist’s (die Wenden) auch ein wohltätiges Volk gewesen, sowohl gegenüber Fremdes als Freunden, ja gegen fremden Leuten hat sich kein Volk gastlicher gezeigt, als die Wenden in diesen Landen. Den sie haben sich und Herberge nicht lange lassen begrüßen, sondern dieselben den Fremden angeboten, und war sie nur vom Ackerbau, von Fischen und von der Jagd aufbringen können, ihre Milde und Freigiebigkeit zu beweisen, haben die Fremden mit ihnen verzehren müssen. Ja wenn einer wäre getroffen worden, welches fast nimmer geschah, der einem Fremden die Herberge versagt hätte, dessen Haus und Güter müssten mit einhelliger Billigung des ganzen Volks entweder geplündert oder gar verbrannt werden; sintemal sie denselben für keinen ehrlichen Mann halten und dulden konnten, der sich nicht gescheut, einem Fremden das Brot zu versagen.

Eine andere Haupttugend der Wenden, die sich aber erst durch die häufigen Angriffe der Dänen und Deutschen bei ihnen entwickelte, ist Kriegsmut und Tapferkeit; lieber opfert der Wende sein Leben, ehe er floh oder dem Feinde sich ergab. Im Kampfe selbst erscheinen sie immer in großer Anzahl (Helmold) ein Beweis der zahlreichen Bevölkerung ihrer Länder. „Ihre Rüstung anlangend“, so schreibt Latomus, „haben sie nur leichte Rüstung an Pferden und Waffen, wie fast alle Scythen, nämlich runde Schildes und kurze Schwerter geführt und gebraucht. Entstand ein Krieg im Lande, so vergruben sie, ehe der Feind ankam, all ihr bereits ausgedroschenes Korn und Schätze, und brachten die Kinder und Weiber entweder in den Wald, oder auf eine Festung, auf das der Feind wenig zu nehmen übrig fand.“


So sehr nun durch diese Tugenden die Wenden zu erheben sind, eben so tief stehen sie aber auch durch ihre Laster da. Den Hang zur Trunksucht hatten sie mit den Germanen gemein.
Ehrsucht und Eigennutz leiteten sie nicht selten von dem Wege der Rechtlichkeit, Hinterlist und Falschheit waren die Folge davon. Rachegier entflammte sie zur Wildheit und Grausamkeit; mit kaltem Blute sehen wir sie die ärgsten Grausamkeiten verüben, mit kaltem Blute ihren scheußlichen Götterbildern Christen opfern.

In ihren religiösen Beziehungen bekannten die Wenden sich nicht zu Wodans Götterlehre der Germanen; jene bezeugen vielmehr ihren Asiatischen Ursprung, gleich der Altgermanischen Religion, die unsere Vorfahren aus Asien mitbrachten. Als Hauptgötter wurden von allen Slawischen Völkern Belbog (von Bel-weiß und Bog-Gott) und Czerne- schwarz), das Prinzip des Guten und Bösen, und Swantewit (von Swanty - heilig und Vith-Licht), der Gott der Jahreszeiten, der Sonne, des Lichts und der Verkündiger zukünftiger Dinge, verehrt; neben ihnen eine Menge geringerer Gottheiten, denen man als speziell schützenden Wesen ihren Aufenthalt in Flüssen, Seen, Bäumen, Häusern usw. anwies. Sie betete man in Hainen oder Hagen an, wo man ihnen Altare errichtete, und um diese Altäre baute man sich gewöhnlich die Wohnungen, gleichsam um unter dem unmittelbaren Schutze dieser Gottheiten zu stehen.

Weil man das böse Wesen viel mächtiger, als das gute, dachte, von dem Guten außerdem Nichts zu fürchten brauchte, so wurde Czernebog auch viel häufiger, als Belbog, angerufen, ja aus Furcht vor dem mächtigen und schrecklichen Czernebog hörte zuletzt alle religiöse Verehrung des guten Gottes auf, und das Volk krümmte sich nur noch vor den strafenden Gottheiten. Der Aberglaube gewährte aber der Herrschaft der Priester neue Nahrung und Festigkeit; sie benutzten ihn zur Errichtung neuer Altare, erfanden nach und nach neue Scharen grausenerregender Götzenbilder und verkündeten der unwissenden Menge, nur durch vervielfältigte Anbetung und zahlreichere Opfer könnten die zürnenden Götter versöhnt werden. So bildete sich auch hier in unserm Lande allmählich eine Priesterherrschaft aus, der selbst das Oberhaupt des Staats sich beugen musste, wenigstens in allen öffentlichen Angelegenheiten Nichts unternehmen durfte, ohne vorher die Gottheit durch den Mund der Priester befragt zu haben. Zu Rethra stand Czernebogs Haupttempel; hierher Wallfahrteten scharenweise aus allen Gegenden die Wenden. Abgebildet war der Gott in der Gestalt eines ungeheuren Löwen, umringt von Schlangen und anderem scheußlichen Gewürm, welches er zur Plage der Menschheit gebrauchte. — Als dritte allgemeine Gottheit der Wenden wird Swantewit genannt. Sein vorzüglichster Tempel befand sich zu Arkona auf Rügen, und in seiner Anbetung suchten alle Slawischen Völker ihr Heil. s. Gebhardis Geschichte der Slawen S. 253. ff. Eine genaue Darstellung Swantewits, seiner Verehrung und der dabei beobachteten Gebräuche.

Außer diesen allgemeinen Gottheiten hatte jeder Wendenstamm noch seine besonderen; in unserm Mecklenburg erwies man vornehmlich Radegast (Radigast, Ridegast und Redegast), dem Gotte des Krieges, Prowo (Prono), dem Gotte der Gerechtigkeit, und Siwa, der Göttin des Lebens, eine hohe, ausgezeichnete Verehrung, die beiden ersten sind den Germanen entlehnt. Dem Radgast zu Ehren (von Rade, Rede — fertig — Gast — Geist, der fertige, schnelle Gott, s. Franks A. u. N. Meckl. Üb. I. e. 23. S. 134.) erhoben sich drei prachtvolle Tempel, der schönste zu Rethra, die andern zu Mikilinburg und Vineta. Aus gediegenem Golde war seine Statue zu Rethra gearbeitet, seinen Kopf zierte eine metallene Krone, auf welcher ein Adler mit ausgebreiteten Flügeln saß; seine Brust bedeckte ein Panzer, in der Mitte desselben ein schwarzer Büffelkopf; in der linken Hand eine Hellebarde.

Übrigens stellten die Wenden die Statue Radegasts, ihres Kriegsgottes, fast in oder bei jedem größeren oder kleineren Orte auf, — vorzüglich bei solchen, wo eine Burg (arx) zum Schutze desselben errichtet war, und höchst wahrscheinlich ist auch das Götzenbild, welches bei Zerstörung des alten oder Wendischen Rostocks 1161 durch Feuer vernichtet wurde, kein anderes als Radegast gewesen.
Diese Ansicht teilt auch der Verfasser der Rostockschen Nachrichten auf das Jahr 1752, S. 41 ff. Frencelius aber hält dasselbe für eine Statue der Siwa.

Gleich große Anbetung genoss Prowo; seine berühmteste Statue stand in einem Haine unweit Aldenburg im Wagrierlande an einer heiligen Eiche. Eingeschlossen war der heilige Hain mit einem Gitterwerk aus Pfählen, in diesem zwei Pforten. Um den Abgott herum saßen wohl tausend andere Götzen, von denen einige zwei, auch drei, mehrere sogar viele Gesichter hatten.

In das Gitterwerk eintreten und die heilige Eiche berühren, wurde niemand, als den Priestern und denen, welche ein Opfer bringen wollten, erlaubt; dagegen blieb es ein Zufluchtsort für alle, welche verfolgt wurden; wer zu Prowos Bild gelangte, durfte nicht weiter verfolgt und bestraft werden.

Prowo wird in kräftig männlicher Gestalt abgebildet, aufrecht auf einer Säule stehend, nackt, nur die Füße mit Stiefeln bekleidet. Auf dem Kopf trug er eine Krone, unter welcher sehr lange Ohren hervorragten; in der rechten Hand ein Eisen in Form einer Flugschar, diese war mit neun Kugeln oder Buckeln geziert, woher der Ausdruck: Jemanden ad novem vomeres ignitos verdammen, in der linken einen Speer, an dessen oberem Ende eine Fahne weht. Die langen Ohren sollten anzeigen, dass der Richter bei Untersuchung einer Sache beide Parteien sorgfältig hören, und die Stiefeln, dass der Richter ohne Ansehen der Person grade zu gehen müsse, s. Frank l. o. S. 128. — In späteren Zeiten wurden an Prowos Statue unter dem Vorsitze der Landesfürsten feierliche Gerichte gehalten, wobei dies Eisen glühend gemacht und zur Feuerprobe gebraucht ward. Daher auch wohl der Name des Götzen von prüfen, proben.

Die Verehrung der Siwa (von Dziva - Jungfrau), der Venus der Alten, fand besonders im Lande der Polaber in einem ihr geweihten Haine statt, da, wo später Heinrich der Löwe eine Kirche erbaute, und der Palmberg bei Ratzeburg wird gewöhnlich für den Ort angenommen, auf welchem ihre Statue gestanden haben soll.
Jedoch erklärt Latomus Genealoch. Meg. P. I. pag. 46, dass auch bei Werte im Kyssinerlande der Siwa oder Venus göttliche Ehre erwiesen worden sei. Unbekleidet, hatte sie eine Lilie im Munde, in der rechten Hand einen goldenen Apfel, in der linken auf einem grünen Blatte eine Weintraube; ihr Haupt war mit Blättern bedeckt und ihr Haar hing wallend bis an die Knie hinab.

Diesen ihren Göttern brachten die Wenden feierlich Opfer dar; der Priester bestimmte den Opfertag. So wie dieser erschien, strömten die Männer mit Weib und Kindern herbei. Ein großer Altar ward errichtet, und an ihm schlachteten sie ihre Opfer, Rinder, Schafe und Vögel, dem Götzen. Zum eigentlichen Opfer diente jedoch nur das Blut der Tiere, das Fleisch wurde nach vollendeten Feierlichkeiten unter Musik, Tanz und Trinkgelagen, die bis in die späte Nacht dauerten, verzehrt. Das dem Götzen angenehmste Opfer war ein gefangener Christ, der mit den unmenschlichsten Martern und Grausamkeiten sein Leben aushauchen musste. Hierüber berichten Helmold, Marschalk, Latomus u. A. „Wan sie ihren Abgöttern opferten, sind sie an den Festtagen auf des Priesters Geheiß zusammengekommen, samt ihren Weibern und Kindern, und die Götzen zu versöhnen, haben etliche Schafe, etliche Ochsen, etliche Vögel mitgebracht und geschlachtet. Zuweilen und zwar zu besonderen Zeiten opferten sie Menschen-Blut und schlachteten vorm Altar Männer und Weiber, denen sie das Eingeweide ausnahmen und durch Pfähle zogen. Nach verrichtetem Gottesdienst stellten sie convivia an, aßen und tranken zusammen, und brachten den ganzen Tag mit Singen, Springen, Tanzen und Spielen zu bis in die finstere Nacht.“

Auch über die Art und Weise der Wenden, ihre Toten zu begraben, so wie über die Totenfeier sind uns Nachrichten aufbewahrt. Wie bei vielen rohen Völkern des Altertums, und noch jetzt bei den Indianern in Amerika, herrschte auch bei unseren Wenden die traurige Sitte, die Alten die entweder zum Kriegsdienst oder zur Arbeit nicht Kräfte genug mehr besaßen, umzubringen, ja es ward für ein Zeichen höchster Pietät angesehen, wenn Kinder ihre betagten Eltern und Verwandten, junge Leute ihre bejahrten Freunde und Bekannten, gegen welch sie große Liebe hegten, dem Tode überlieferten oder, was zuweilen geschah, lebendig begruben. Vornehme und Angesehene (majores terrae) wurden mit großem Pompe beerdigt und auf ihrem Grabe ein Denkmal aus Steinen aufgerichtet; ohne Unterschied erfolgte aber bei Vornehmen und Geringen nach dem Begräbnis an dem Grabe selbst das Totenmahl, welches zu gewissen Zeiten wiederholt und zum letzten Male am Jahrestage des Gestorbenen gefeiert wurde. Mit diesem Tage hört die Trauer auf. Doch ich lasse Latomus, den wichtigsten Schriftsteller über die Begräbnisgebräuche der Wenden, selbst reden: „Auch ist bei ihnen ein ehr- und löblicher Gebrauch gewesen, dass die Kinder ihre betagte Eltern, oder junge Leute ihre Freunde und Bekannten oder andere Verwandten, die zum Krieg oder Arbeit nicht mehr tüchtig wahren, nicht zu alt oder schwach werden ließen. Auch ward es für einen großen Ehrendienst gehalten, wenn sie selbst ihre Alten und Verwandten umbrachten; den so zerhieben sie ihre Leiber in Stücken, kochten sie und aßen davon; zuweilen pflegten sie sie auch lebendig zu begraben. Wahren es gemeine Leute, so wurden sie ohne großes Gepreng in ein Grab oder Kuhle gesetzt und verscharrt; wahren es aber Könige, Fürsten, Kriegsobersten oder andere vornehme Männer, so ward gemeinlich ihr Grab von zehn Feldsteinen bedecket, daran sechs in einen Ring und vier drüber und beigeleget wurden, auf diese Art ohngefehr.“
„Dem heidnischen Gebrauch nach haben die Wenden auch in der Ihrigen Begräbnis ihre (deren) Wehren, Waffen, oder wo sie sonst im Leben Lust zugehabt, gelegt, und solche Gräber und Begräbnissen werden noch heut zu Tage in diesen Landen auf den Hügeln viele gesehen, und zwar mit so großen Steinen, insonderheit die oben aufliegen, dass man sich verwundern muss, wie Menschenhände solche Last händeln (handhaben) mögen. — Bei der Männer Begräbnis haben sich die Weiber zum Zeugnis herzlicher wahrer Eheliebe samt ihnen lebendig begraben lassen; die sich aber weigerten, wurden von andern unehrlich gehalten. Starben aber die Weiber, so ward nicht allein der Mann nicht mitbegraben, sondern er musste auch nicht eins sich darum grämen und trauern.“
„Nach geschehener Begräbnis und weinigem Trauern haben sie bei den Gräbern gegessen und getrunken, und wann sie davon gegangen, den Toten ihr Teil gelassen, so der Teufel des Nachts verzehret; sie aber meinten, die Toten hätten’s gefressen. Solchen Fraß haben sie folgends am 30, am 60, am 100 Tage und etliche übers Jahr am selbigen Tage repetieret und also nach solcher geschehener Parentation das Trauern geendigt.“
Rostock, Giebelhäuser bei der Nikolaikirche

Rostock, Giebelhäuser bei der Nikolaikirche

Rostock, Kröpeliner Tor und Teufelsgrube

Rostock, Kröpeliner Tor und Teufelsgrube

Rostock, Kröpeliner Tor

Rostock, Kröpeliner Tor