Brandt’s Kreuz in der Rostocker Heide bei Rostock.

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 2
Autor: Von J. J. F. Giese zu Strohkirchen, Erscheinungsjahr: 1862
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Rostocker Heide, Sauenjagd, Keiler, Schwarzwild, Jagdglück, Aberglauben
Dort hinter großen, heidenreichen Horsten,
Nicht fern vom Strand der wilden Baltschen-See,*)
Tief in dem Dickicht meilengroßer Forsten,
Dem sichern Haus der Eber, Hirsch' und Reh',
Dort in der ganzen Gegend schönstem Reiz,
Dort steht auf kleiner Höh' ein einsam Kreuz.

*) Ostsee.

Das Kreuz mit seiner Inschrift, oft bewundert,
Wenn es der Fremdling tief im Walde fand,
Erinnert an das vorige Jahrhundert,
Erinnert an den alten Jäger Brandt,
Der hier auf eine graunerregend Art,
Von einem wilden Bär*) zerrissen ward.

*) Keuler, Keiler, Eber.

Der Jäger, wilder, wie die wildsten Bären,
Die im Reviere jemals er gesehn,
Stand lange, lange schon in dem Begehren,
Mit Satanas ein Bündnis einzugehn;
Er hatte schwer gefrevelt und geflucht
Und somit Satans Beistand nachgesucht.

Doch Satanas ist niemals ihm erschienen,
Hat niemals ihn mit seinem Dienst erfreut;
Was sollte er dem Höllenkind noch dienen,
Der lange schon des Teufels sichre Beut’!
Er hat die Bosheit nur in ihm genährt,
Dass seine Sünde furchtbar sich gemehrt.

Einst hörte er aus einer Teufelssage:
„Oblat’ im Weltgebrauche muss bescher’n.“
Drum eilte er am Grünendonnerstage
Nach Rövershagen hin, zum Tisch des Herrn;
Jedoch sein nur zum Schein zerknirschtes Herz,
Es fühlte nichts von Reu’ und Sündenschmerz.

Ihm wurde Brot, der Leib des Herrn gegeben,
Ihm wurde Wein, das Blut des Herrn gereicht.
Doch dieser Frevler suchte ja kein Leben,
Er suchte Brot, und solches wurd’ ihm leicht;
Geweihtes Brot für seiner Büchse Schlund,
Das suchte er und fand’s in seinem Mund.

„Ihr Donnerwetter“, tobte jetzt der Wilde
Den stillen Heidejägern in das Haus,
„Wollt Ihr mit mir sogleich in das Gefilde
Und ins Gebüsch zur Eberjagd hinaus!!
Von tausend Teufeln wird Euch heut gezeigt,
Wie Brandt, ihr Bruder, seinen Zweck erreicht!"

Doch keiner dieser Leute wollte gehen,
Als sie den schweren Frevel Brandt's gehört;
Sie sahen schon den Teufel bei ihm stehen
Und sah'n die Krallen schon zu ihm gekehrt.
„Ja”, sprachen sie, „wir geh'n nach unsrer Pflicht,
Mit Dir und Teufeln aber geh'n wir nicht!"

Jetzt musste die Oblat' mit der Patrone
Hinunter in den engen Eisenschlund;
Und fluchend sprach dabei der Jäger: „Schone
Selbst ihn dort nicht, den stolzen Höllenhund;
Denn er, er hat den Bund mit mir verlacht,
Den jetzt ein Anderer mit mir gemacht!"

Bald tobte er hinaus in Wald und Heide,
Bald sah er auch den besten wilden Bär;
Bald jauchzt er laut, bald hüpft sein Herz vor Freude,
Denn ihn zu treffen war ja jetzt nicht schwer.
Er war zu Schuss, — Brandt zielt', — er drückte los,
Und ächzend lag der Bär im weichen Moos.

Schnell sprang der Jäger zu auf seine Beute
Wildhöhnend sprechend: „Ja, die Kunst ist gut!
Mein Meister kennet seine guten Leute,
Er spendet Glück und fordert nur das Blut!"
Doch er, der sich ob seines Frevels freut,
Wird heute noch des Tod's und Teufels Beut'.

Der Eber hebet sich mit seinen Hauern
Und schlägt sie grimmig in des Feindes Fleisch.
Ach, da ergreift das Höllenkind ein Schauern,
Er hebet seine Stimme mit Gekreisch
Und schreiet Teufel, Gott und Menschen an,
Doch Niemand hört's, der Hilfe schaffen kann.

Der Eber würget, reißet, fleischt und beißet
Gar fürchterlich in Brandtens Eingeweid'.
Doch Niemand sieht's, der ihm die Beut' entreißet,
Und der es wehrt, als er sie gar zerstreut.
Gedärme, Fleisch und Knochen wirft der Bär
In Wald und Heid', in Gras und Moos umher.

So finden ihn die ihm gefolgten Seinen,
Nachdem sie eine schreckensvolle Nacht
Mit Flehn und Beten, Fasten und mit Weinen
Um den verworfnen Meister zugebracht.
Sie sammeln seine Rest' voll Gram und Leid's
Und pflanzen auf den Hügel dann das Kreuz.

Der Zeiten Jahr hat oft das Kreuz benaget,
Oft war vom Wild' des Waldes es verletzt,
Dann haben Rostocks Förster es beklaget
Und neu es an den alten Platz gesetzt.
Und auch der Hügel, er ist stets erhöht,
Wenn ihn der Sturm der Zeiten hatt' verweht.

.

.

.