Bethmann, Fritz (1796-1846) Theaterdirektor zu Rostock

Berühmte Rostocker Persönlichkeiten - Aus: Neuer Nekrolog der Deutschen
Autor: Voigt, Bernhard Friedrich (1787-1859) deutscher Patriot, Buchhändler und Verleger, Erscheinungsjahr: 1846
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Hansestadt Rostock, Theater, Theatergeschichte, Rostocker Persönlichkeit,
Fritz Bethmann, Theaterdirektor zu Rostock; geb. den 22. Mai 1796, gest. den 10. Sept. 1846. Die Zahl derjenigen ehrenwerten Privattheater-Direktoren, welche, ohne alle Unterstützung, sich eine lange Reihe von Jahren hindurch in ihrer Stellung behaupten, schmilzt, teils durch eigene Schuld, teils durch den Drang der Umstände, täglich mehr zusammen. Bethmann, einer der geschicktesten, fleißigsten und glücklichsten derselben, war in Rostock geboren, wo sein Vater als bemittelter Bäckermeister und geachteter Bürger lebte. Bei Bethmann ließ sich schon in seiner frühesten Jugend eine unbesiegbare Neigung zum Theater wahrnehmen, welche sich in kindlichen Spielen und Äußerungen gegen Eltern, Spielkameraden etc. nur zu deutlich zeigte. Das väterliche Haus, ganz in der Nähe des Theatergebäudes, gab ihm oft Gelegenheit, sich heimlich auf die Bühne zu schleichen, ohne Vorwissen der Eltern Proben mit anzuhören oder die Darstellungen mit anzusehen. Im achten Jahre schon errichtete er mit Schulkameraden, von denen sich einige jetzt im hohen Rat zu Rostock befinden, ein Liebhabertheater, weswegen er aber oft harte Kämpfe mit seinem Vater zu bestehen hatte, der von dieser Theaterwut nichts wissen wollte. Die Mutter wusste den Vater wieder für ihn zu stimmen. Wie sehr Bethmann schon damals die dramatische Kunst liebte, beweist, dass er sein ganzes Taschengeld nur zur Anschaffung von Theatereffekten verwandte, so dass er im 15. Jahre schon eine Theaterbibliothek von circa 300 Bänden hatte. 1811 starb seine geliebte Mutter, und nur mit großer Mühe gelang es ihm, durch Bitten aller Art seinen Vater zu vermögen, das Liebhabertheater in seinem Hause fortbestehen zu lassen. Der Vater wollte seinen Sohn eine Beschäftigung bestimmen; allein die Liebe zum Theater hatte bei Bethmann bereits so tiefe Wurzeln geschlagen, dass sie nicht mehr auszurotten war. Die krickeberg'sche Gesellschaft, welche damals Rostock bereiste, machte das Verlangen Bethmanns, sich ganz der Kunst zu widmen, immer reger; doch konnte er einen Wunsch noch nicht realisiert sehen. Als die Gesellschaft Rostock verließ, wurde im bethmann'schen Liebhabertheater wieder Sonntags regelmäßig gespielt, wozu sich oft zirka 250 Zuschauer einfanden. – In den Jahren 1813 bis 1815 bereiste Direktor Arreto (der Verfasser „der Soldaten“) mit seiner Gesellschaft Rostock und hier war es, wo Bethmann, ohne Vorwissen des Vaters, zuerst als Statist, und dann in kleinen Rollen öffentlich auftrat. Nachdem er alle seine Verwandten für sich zu stimmen gewusst, erhielt er nach vielen Bitten die Einwilligung seines Vaters zu seinem Entschluss; überglücklich, einen Lieblingswunsch erreicht zu haben. In Rostock mit dem bekannten Kunstmäzen, Grafen Hahn, bekannt geworden, verschaffte ihm dieser ein Engagement bei Krampe in Strelitz.

Dort waren damals glänzende Hoffeste der Gräfin Solms zu Ehren, und viele Fürsten und hohe Herrschaften versammelt. Am 25. Nov. 1818 spielte Bethmann zum erstenmale den „Peter“ in den „Rosen des Hrn. v. Malesherbes“ und hatte das Glück, sehr gut aufgenommen zu werden. Väterlich nahm der würdige Krampe sich des jungen Mannes an, bevorzugte ihn auf alle mögliche Weise, wogegen Bethmann sich aber auch bemühte, die wohlgemeinten Winke und Lehren seines liebevollen Lehrers zu beherzigen. Drei Jahre blieb er als beliebtes Mitglied bei der krampe'schen Gesellschaft, bis er 1821 einem Rufe nach Dessau zum Direktor Gerstel folgte. Das Verhältnis gefiel ihm so wenig, dass er schon nach sechs Wochen auf Gastrollen nach Magdeburg reiste, wo ihm Mad. Walter, die Direktrice des Theaters, Engagement anbot; allein der Sänger Stromeyer*) stellte ihm einen Antrag nach Weimar, ehrenvoller als das Anerbieten der Mad. Walter. Auf seiner Reise dahin gab er in Sondershausen einige Gastrollen, welche einen so glänzenden Erfolg hatten, dass ihm von dem kunstsinnigen Fürsten Günther zu Schwarzburg-Sondershausen **) ein höchst annehmbares Engagement angetragen wurde. Hier war er drei Jahre lang eins der beliebtesten Mitglieder. Er hatte die unendliche Freude, seinen alten Vater bei sich zu begrüßen, der nicht wenig erstaunt war, seinen Sohn so gefeiert zu sehen. Hier erst überwand der alte Mann durch eigene Anschauung der Leistungen seines Sohnes die Abneigung gegen den erwählten Stand und söhnte sich vollkommen mit ihm aus. 1824 kam Bethmann zu Weihnachten nach Rostock. 1825 übernahm sein alter Freund, Krampe, die Direktion des Rostocker Theaters und war freudig überrascht, seinen Zögling hier anzutreffen. Auf Krampes Wunsch und von vielen Freunden aufgefordert, gastierte Bethmann in seiner Vaterstadt bei überfülltem Hause und mit jubelndem Beifall, bis er am 1. September desselben Jahres ein Engagement nach Bremen bekam. Bei einem Eintreffen in Bremen fand er viele tüchtige Mitglieder; allein die pekuniären Verhältnisse standen sehr misslich. Im Dezember waren die Geldangelegenheiten Klindtworth's so in Verwirrung geraten, dass derselbe die Direktionsführung aufgeben musste. Einstimmig wurde Bethmann, sowohl bei dem Publikum, wie bei seinen Kollegen beliebt, zum Vorstand des Schauspiels, und der Bassist Pillwitz zum Vorstand der Oper erwählt. Hier sehen wir nun Bethmann zuerst als Dirigent eines Theaters. Durch Vorführung guter Stücke und Opern, wobei auch Pillwitz rühmlich genannt werden muss, gelang es nach zwei Monaten, die Angelegenheiten einigermaßen ordnen zu können. Im Februar wurde Bethmann und Pillwitz vom Senate die Direktion auf drei Jahre angetragen; darauf am 9. März 1826 wurde die Bühne mit „Axur, König von Ormus“ eröffnet und jede Vorstellung sehr zahlreich besucht. Trotz der guten Einnahme war es aber nicht möglich, den bedeutenden Gagenetat der sehr starken Gesellschaft zu erschwingen, da die ersten Fächer namhaft honoriert wurden. Pillwitz schied aus, Bethmann blieb alleiniger Direktor. Er suchte tüchtige Mitglieder für die ersten Fächer mit bedeutenden Opfern und stellte zum Herbst eine Gesellschaft zusammen, in jeder Beziehung achtenswert. Für die Wintersaison wurden neun Opern: „Ferdinand Cortez“, „Maurer und Schlosser“ u. a. glänzend in Szene gesetzt und das Theater sehr gut besucht, da das Publikum sich lebhaft für das neue Unternehmen interessierte. Im ersten Jahre der Direktionsführung hatte B. noch das Glück, aufgefordert durch den Großherzog*), in Oldenburg mehrere Vorstellungen zu geben, wo seit 14 Jahren kein Theater gewesen war. Zwei und zwanzig Vorstellungen wurden bei überfülltem Haufe gegeben, ohne dass die Bremer Spieltage ausfielen, da die Gesellschaft gegen 74 Personen stark, recht gut an beiden Orten zugleich spielen konnte. Etwa fünf Jahre blieb die Gesellschaft mit wenig Veränderungen dieselbe, wodurch ein gutes Ensemble erhalten wurde. Als 1828 und 1829 die Cholera in Hamburg ausbrach und man in Bremen davor zitterte, verringerte sich der Theaterbesuch; dazu kam noch, dass das Theatergebäude sehr baufällig wurde. Gerüchte aller Art wurden ins Publikum gebracht, die nur zum Ziele hatten, Bethmann gehässig darzustellen. Als um diese Zeit Bethmann das Schauspielhaus käuflich an sich brachte, worauf ein Gegner Bethmanns schon seit längerer Zeit spekulierte, steigerte sich der Hass, seiner Feinde mehr und mehr und man suchte ihn auf alle nur mögliche Art zu kränken. Bethmanns Eifer und Luft an der Führung der Bremer Bühne erkaltete. Er benutzte jedoch die Zeit, während das Theater in Bremen neu aufgebaut wurde, zu einem zehnwöchentlichen Ausflug nach Oldenburg, wo er vom Großherzog wieder recht sehr protegiert wurde. Als er nach Bremen zurückkehrte, wurde er durch das Nichteintreffen der kontraktbrüchigen Sängerin Marie Schmidt, die lieber nach Weimar ging, in die größte Verlegenheit gesetzt und sein Opernrepertoir bedeutend zerstört. Seine Feinde im Publikum fingen nun an, auf eine so nichtswürdige Weise zu kabalisieren, dass Bethmann sich entschloss, nach siebenjähriger, höchst reeller, achtungswerter Führung der Bremer Bühne, sie dem hessischen Hofschauspieler Gerber zu überlassen, der sich schon früher darum bei ihm beworben hatte. Im Frühjahr 1832 übergab Bethmann das ganze Institut, für das er noch mehrere Jahre mit Konzession belehnt war, unter sehr vorteilhaften Bedingungen an Gerber, der am 1. Sept. die Bühne wieder eröffnete. Sehr oft hatte der Großherzog von Oldenburg ihm die Direktion des Oldenburger Theaters angeboten; allein Vorliebe für Bremen hatte Bethmann stets dort gefesselt gehalten. Nach den letzten Umtrieben in Bremen war Bethmann aber das Theater so widerwärtig, dass er sich bei Ploen, 4 Meilen von Lübeck, ein kleines Gehöft ankaufte, wo er, fern von der Bühne, eingezogen leben wollte. 1830 war auch sein Vater gestorben, der ihm so viel Vermögen hinterließ, dass er einer sorgenfreien Zukunft entgegensehen konnte. – Bethmann lebte etwa fünf Vierteljahre auf dem Lande in stiller Zurückgezogenheit. Um diese Zeit waren die Rostocker Theaterfreunde sehr ärgerlich, dass der Schweriner Hof-Schauspieldirektor Krampe nur kurze Zeit im Herbste mit seiner Gesellschaft dort spiele, und Rostock fast den ganzen Winter ohne Theater sei. Endlich trugen mehrere angesehene Personen, Freunde Bethmanns, diesem die Direktion an. Liebe zu seiner Vaterstadt, Freunden und Bekannten, der Gedanke, jetzt als gereifter Mann wirken zu können, wo er seine Jugend verlebt, bestimmten ihn zur Übernahme. Im Dezember 1833 eröffnete er die Rostocker Bühne, nachdem er in kurzer Zeit mit bedeutendem Kostenaufwand eine ganz neue starke Gesellschaft organisiert, auch ein vollständig neues Inventarium angeschafft, mit glänzendem, bis dahin in Rostock noch nicht gekannten Aufwand. Der Zudrang war sehr groß, und die Vorstellungen erfreuten sich des allgemeinen Beifalls. Mit unermüdlichem Eifer, mit Umsicht und Geschmack hat Bethmann in seiner Vaterstadt eine Bühne gegründet, die unter den Provinzialbühnen jedenfalls einen der ersten Plätze einnimmt, und seit nunmehr 13 Jahren ununterbrochen fortbesteht. Während Bethmanns Direktion hat die Bühne zweimal wegen allgemeiner Landestrauer der Großherzöge Friedrich Franz *) und Paul Friedrich **) geschlossen werden müssen, und Bethmann hat aus eignen Mitteln 12 Wochen lang der ganzen, starken Gesellschaft die volle Gage gezahlt. – Viele junge Talente, jetzt an den ersten Bühnen engagiert, verdanken ihm ihre Ausbildung und erinnern sich noch dankbar ihres früheren Direktors. Als Schauspieler leistete Bethmann in launigen Vätern und fein komischen Charakterrollen Vorzügliches, und es wurde bedauert, dass er sich so selten auf der Bühne zeigte, da ihn seine Direktionsgeschäfte zu sehr in Anspruch nahmen. Die für alle Direktoren sehr verwickelten, drückenden Theaterverhältnisse übten auch auf Bethmann ihren traurigen Einfluss, der in harten, körperlichen Leiden noch einen wichtigen Bundesgenossen gewann. Mehrfache vergebliche Kuren wollten seiner zerrütteten Gesundheit keine Erholung gewähren, die Bethmann nunmehr in ruhiger Zurückgezogenheit für längere Zeit zu finden hoffte. Er löste daher im Frühjahre seine ganze Gesellschaft momentan auf, gestattete jedoch seinem bewährten Freunde und Kollegen, einem jetzigen rechtmäßigen Erben, Christian Boye, eine interimistische Geschäftsübernahme, bis zur späteren Fassung eines Entschlusses der gänzlichen Belassung in einer Stellung oder der eignen Wiederübernahme. Bethmann lebte und webte zu sehr in dem Theaterwesen, um wirklich ganz zu quittieren. Daher entschloss er sich, noch während des Sommers, die Direktion im Herbste selbst wieder zu übernehmen. Eine Menge neuer Engagements wurden geschlossen, teilweise sehr günstig ausfallend. Indessen fehlte es B. auch nicht an manchfachen Widerwärtigkeiten, welche eine von wiederholten Geschäftsreisen arg angegriffene Gesundheit noch mehr untergruben. Er kränkelte beständig und in der Nacht, nachdem er noch am Abend die Vorstellung der Gebieterin von St. Tropez besucht, erlag er in Greifswald, wo die Gesellschaft spielte, einem Schlagfluss. Ein feierliches Leichenbegängnis, bei welchem ihm seine Mitglieder und eine Menge teilnehmender Freunde die letzte Ehre erwiesen, wurde dem Verblichenen bereitet, welcher in seinem letzten Willen den schon genannten Christian Boye, den er, gleichsam in einer Art von Vorahnung, zu seinem interimistischen Vertreter erkoren hatte, auch zum Erben seines sehr reichen Theaterinventars, und so auch indirekt zu seinem natürlichen Nachfolger ernannt hat.
Rostock - Giebelhäuser bei der Nicolaikirche

Rostock - Giebelhäuser bei der Nicolaikirche

Rostock - Markt, Marienkirche und Blutstraße

Rostock - Markt, Marienkirche und Blutstraße

Hansestadt Rostock - Stadtansicht

Hansestadt Rostock - Stadtansicht

Rostock - Kröpeliner Tor

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Rostock - Petrikirche mit Petritor

Rostock - Petrikirche mit Petritor

Rostock, Lange Straße, Marienkirche in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts

Rostock, Lange Straße, Marienkirche in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts

Hansestadt Rostock, Neuer Markt (zum Zeitpunkt der Aufnahme: Erst-Thälmann-Platz) 1967

Hansestadt Rostock, Neuer Markt (zum Zeitpunkt der Aufnahme: Erst-Thälmann-Platz) 1967

Rostock vor dem Steintor

Rostock vor dem Steintor

Rostock. 013 Marienkirche, Giebel des südlichen Querschiffs

Rostock. 013 Marienkirche, Giebel des südlichen Querschiffs