Aus früherer Zeit. Band 1 - Kindheit. 27. Empfang der Schweden

Schwedisch-pommersche Zustände auf der Insel Rügen
Autor: Ruge, Arnold (1802 in Bergen auf Rügen-1880 in Brighton) Schriftsteller. 1848/1849 Angehöriger der Frankfurter Nationalversammlung, Vertreter der demokratischen Linken, Erscheinungsjahr: 1862

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Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Insel Rügen, Tromper Wiek, Heimat, Ostsee, Heimatinsel, Strand, Meer, Fischer, Bauern, Landleben, Franzosenzeit, Sitten und Bräuche, Jugenderinnerungen, Schweden, Putbus, Bergen
Als nun die Franzosen abgezogen und ein früher ganz unbekannter Gemeingeist angeregt war, wandte sich dieser auch den kommenden Schweden entgegen. Die Behörden blieben natürlich dieselben; hatten doch die Franzosen hierin Alles beim Alten gelassen. Aber ein schwedisches Heer sollte unter Bernadottes eigner Anführung landen.

Weder bei Stralsund, noch bei Greifswald können Kriegsschiffe anlegen, das Heer kam also über Mönchgut, wo ein geeigneter Landungsplatz ist, er heißt Langebek. Ich ging damals in Bergen in die Stadtschule und wohnte bei Vetter Ludwig im Müllerhaus. Wir Jungen wurden natürlich von der allgemeinen Stimmung hingerissen und bildeten ein großes Kinderkorps mit kleinen hübschen Länzchen ohne Eisenspitzen, aber mit roten Fähnchen daran. Damit übten wir uns ein, hatten einen General und alle Arten Befehlshaber. Wir machten unsre Schwenkungen und führten alle möglichen Künste aus, die wir uns in dieser Zeit des allgemeinen Kriegsspiels abgesehen hatten. Als nun die Schweden ausgeschifft waren, zogen wir ihnen entgegen. Es war wirklich allerliebst, als wir die alten Freunde unterwegs in unabsehbaren Reihen antrafen, dann selbst ganz bestäubt an ihnen hinmarschierten, Halt machten, die Lanzen präsentierten und ihnen wiederholte Hochs ausbrachten.

Wir kamen gegen Abend ganz ermüdet mit den Schweden nach der Stadt zurück. Sie war erleuchtet, Schwedische Fahnen wehten aus den Fenstern, die ganze Bevölkerung war auf den Beinen und mit Trommeln und Musik zogen wir ein.

Die Schweden waren mit dem Empfange sehr zufrieden und viele kamen zu uns heran, hoben uns auf und küssten uns. Als ich zu meiner Cousine kam, die am Markte wohnte, begegnete mir etwas Auffallendes. Alles was ich bisher gesehen, war in freudiger Aufregung, nur sie saß am Fenster, sah manchmal auf die langen Züge der nordischen Gäste hinaus und — weinte. Ganz erstaunt fragte ich sie: „warum weinst Du, Cousine?" — „Ach, wie viele von den armen Leuten", erwiderte sie, „werden nicht wiederkommen!"

2. Wir hatten nun zwar die Schweden eingeholt, eigentlich aber war es unser Plan gewesen, vor Bernadotte aufzumarschieren und von ihm selbst gemustert zu werden. Es gab daher eine kleine Täuschung, als er nicht bei der Mannschaft war, die wir eingeholt hatten. Vielleicht hatte er sich in Bergen kein gutes Nachtlager versprochen, vielleicht war er einer Einladung gefolgt, genug, er hatte den Weg über Schloss Putbus genommen, während das Heer langsam über Bergen nach Stralsund vorrückte.

Wir konnten uns unmöglich um das Fest bringen lassen, vor Bernadotte zu erscheinen, brachen also am frühsten Morgen des andern Tages nach Putbus auf und trafen unseren Helden gerade beim Frühstück, die Pferde, die ihn nach der Fähre führen sollten, schon vor der Tür. Er trat einen Augenblick ans offene Fenster, ließ sich von uns bewillkommnen und winkte mit dem Federhut, den er in der Hand hielt. Dann wurden unsere Offiziere hinaufgerufen, ihm vorgestellt und hatten die Ehre, ihn essen zu sehn. Sie waren erstaunt, wie ungezwungen er sich dabei benommen; große Knochen habe er gleich mit den Zähnen abgeschält und wenig Zeit mit Essen und Trinken verloren.

Bei seiner Abfahrt präsentierten wir noch einmal unsere Lanzen, und wurden dann im Freien bewirtet, um uns zum Rückmarsche zu stärken.

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Ruge, Arnold (1802-1880) in Bergen auf Rügen geborener Schriftsteller, Verleger und Politiker

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Bernadotte, Jean Baptiste (1763-1844) schwedischer Oberbefehlshaber der alliierten Nordarmee gegen Napoleon, von 1818 an als Karl XIV. Johann König von Schweden

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Putbus auf Rügen Schloss

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Putbus auf Rügen, Schloss mit Schwanenteich

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Wilhelm Malte I. Fürst zu Putbus (1783-1854) Großgrundbesitzer und Politiker (2)

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