Aus früherer Zeit. Band 1 - Kindheit. 23. Das Jungfrauenkleid.

Schwedisch-pommersche Zustände auf der Insel Rügen
Autor: Ruge, Arnold (1802 in Bergen auf Rügen-1880 in Brighton) Schriftsteller. 1848/1849 Angehöriger der Frankfurter Nationalversammlung, Vertreter der demokratischen Linken, Erscheinungsjahr: 1862

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Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Insel Rügen, Tromper Wiek, Heimat, Ostsee, Heimatinsel, Strand, Meer, Fischer, Bauern, Landleben, Franzosenzeit, Sitten und Bräuche, Jugenderinnerungen, Schwedenzeit
Schweden und Deutsche verheirateten sich oft mit einander, besonders aus den höheren Ständen; die Schweden waren populär und ganz eingebürgert. Ein Schwedischer Konsul in Stralsund verheiratete sich mit der Schwester eines Freundes von mir. Er hieß Lundblad. Ihm waren die Sitten und die Sprache nicht so geläufig, als einem Einheimischen. Nun trägt die Braut am Hochzeitstage ihr Brautkleid, am nächsten Tage aber empfängt sie ihre Freunde in ihrem Jungfrauenkleide. Die Schneiderin hatte es der jungen Frau Lundblad heilig und teuer zur rechten Zeit versprochen, und, wie Schneiderinnen sind, nicht Wort gehalten. Eine Kutsche nach der andern kam; die Besucher wurden in den Saal geführt; die junge Frau konnte aber nicht erscheinen — denn das Jungfrauenkleid war noch nicht da: sie war in Verzweiflung. Der Fall war höchst ernsthaft! Was mussten die Leute denken? Lundblad sah die Leiden, die Tränen seiner jungen Frau, aber er konnte nicht begreifen, warum es gerade das bestimmte ausgebliebene Kleid sein müsse, und bei der nächsten Kutsche, die das Leiden noch wieder steigerte, rief er aus: „Nu, in Jesu Gottes Namen zieh' an Dein Kleid, worin wir Mann und Frau geworden sind!" und beim neuen Ausbruch des Leidens: „Nu, so zieh' an Dein Kleid, worin Du meine Frau geworden bist!" — „Das ist ja aber das Hochzeitskleid, siehst Du denn das nicht ein, rief seine Frau in der höchsten Aufregung aus, dass ich das nicht wieder anziehen kann?" „Nein, meiner Treu, das seh' ich nicht ein", sagte der Schwede, als zum Glück die Schneiderin erschien und einer ernstlichen Tragödie vorbeugte. Das Jungfrauenkleid wurde nun angelegt, und die verweinten Augen der schönen Frau Konsuln erklärten sich später, als Lundblad, immer noch ohne den eigentlichen Begriff des Kleides, die Sache erzählte.

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Ruge, Arnold (1802-1880) in Bergen auf Rügen geborener Schriftsteller, Verleger und Politiker

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Pommerischer Hochzeitsbitter

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Mönchguter Braut

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Mönchguter Bräutigam

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Mecklenburg, Bauermädchen

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Rügen Hofbesitzer

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