Aus früherer Zeit. Band 1 - Kindheit. 18. Freudenfeuer

Schwedisch-pommersche Zustände auf der Insel Rügen
Autor: Ruge, Arnold (1802 in Bergen auf Rügen-1880 in Brighton) Schriftsteller. 1848/1849 Angehöriger der Frankfurter Nationalversammlung, Vertreter der demokratischen Linken, Erscheinungsjahr: 1862

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Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Insel Rügen, Tromper Wiek, Heimat, Ostsee, Heimatinsel, Strand, Meer, Fischer, Bauern, Landleben, Franzosenzeit, Sitten und Bräuche, Jugenderinnerungen, Schwedenzeit
Der Rückzug der Franzosen aus Pommern fiel in den Spätherbst des Jahres 1812, in eine Jahreszeit also, wo der Regen die Lehmwege dieses Landes, deren Besserung hier so gut als auf Rügen dem Himmel überlassen wurde, für Geschütz und Pulverwagen ziemlich unbefahrbar gemacht. Auf dem Wege von Stralsund nach Rostock hinter dem Dorfe Redebas, Langenhanshagen gegenüber, hatte die Nacht, der Regen, und der aufgeweichte Lehm, der hier gerade sehr zäh und mächtig ist, die abziehenden Franzosen zur Verzweiflung gebracht, und mehrere Pulverwagen waren in dem Sohn Pommerns und des Himmels stecken geblieben. Dies kam den Knaben des Pastors zu Langenhanshagen zu Ohren, dessen Schule ich später besuchte, und sie machten sich nach dem Abendessen auf, um an der Plünderung dieses Nachlasses der Landesfeinde Teil zu nehmen, unter dem Vorwande, die Post zu holen, die in der Schenke von Redebas abgesetzt wurde. Wirklich fand sich auch noch ein schönes Häufchen Pulver; die Knaben eroberten einen mächtigen Sack voll, an dem sie schwer zu schleppen hatten. Mit der Aussicht auf ein glänzendes Feuerwerk wurde n alle Beschwerden glücklich überwunden und der Schatz in den Garten der Pfarre gebracht. Hier entstand nun die Frage, wo man ihn sicher und trocken unterbringen solle, da es offenbar nicht ratsam war, eine solche Masse Pulver ins Haus oder in die Scheunen zu legen; teils weil sie leicht entdeckt, teils weil ein Unglück damit angerichtet werden könne. Die Wahl fiel auf den Backofen, der eine gute Strecke von den Gebäuden entfernt unten im Garten stand. Als der Schatz hier sicher untergebracht und zur Vorsicht noch um die Ecke geschoben war, damit ein Unberufener ihn nicht etwa auf den ersten Blick gewahr würde, schlichen die Bursche, herzlich müde von ihrer beschwerlichen Unternehmung, ins Haus, um zu Bette zu gehen.

Es war spät geworden, und sie erwarteten schon, Alles würde im tiefsten Schlafe liegen; da öffnete sich die Studierstube des Pastors, der an seiner nächsten Predigt geschrieben, und auf ihre Rückkehr gewartet hatte. „Wo habt ihr die Post? Und wie geht es zu, dass ihr so spät wiederkommt?"

Es waren keine Briefe dort; und wir haben uns in der Dunkelheit verlaufen.
Nun war er mit dem Lichte näher gekommen. „Aber ihr seht ja aus, wie die Köhler; geht und wascht euch, ehe ihr zu Bette geht.“

Die Jungen waren froh, dass sie so leicht durchschlüpften; aber der Pastor hatte sich schon selbst Vorwürfe darüber gemacht, dass er ihnen erlaubt habe, so spät noch nach der Post zu gehen, die eine halbe Meile entfernt war; er hatte den Knecht nicht schicken wollen, weil die Frau Pastorin am andern Morgen backen wollte und Johann Jochen sehr früh den Ofen heizen musste.

Das Pfarrhaus kam endlich zur Ruhe; aber sie wurde bald durch einen furchtbaren Knall und durch das Springen verschiedener Fensterscheiben unsanft unterbrochen, und Alles sprang erschrocken aus den Betten.

Der Pastor war der erste im Garten, die Pulververschwörer folgten ihm mit bösem Gewissen. Sie begegneten dem Knecht Johann Jochen, der ganz erschrocken berichtete, der Backofen sei mit einem fürchterlichen Knall in die Luft gefahren, eine mächtige Feuersäule habe sich aufgerichtet und die Ziegelsteine seien wie Erbsen vom Himmel geregnet. Er wäre gerade nicht beim Ofen gewesen, sondern eben auf dem Wege nach dem Hause zu.

„Was hast Du denn in den Ofen getan?" fragte ihn der Pastor. Nichts, Herr, als das gewöhnliche trockne Holz, und als es alles drin war, nahm ich einen guten Strohwisch, steckte ihn drunter und zündete ihn mit dem Schwefelfaden an. Dann ging ich den Weg entlang, denn ich wusste, dass es brennen würde, und als ich oben war, brach es los.

„Was kann das anders gewesen sein, als Pulver? Hm! wisst ihr etwas davon? Solltet ihr gestern Abend so schwarz von Pulver gewesen sein?"

Herr, sagte Johann Jochen schlau, die Franzosen haben zwei Pulverkarren dort oben am Walde im Lehm sitzen lassen; aber wie sollte davon etwas in unsern Backofen kommen?

Jetzt war Alles klar, warum in Redebas keine Briefe gewesen waren, warum die Fahrt so lange gedauert hatte, und wie das Pulver in den Backofen gekommen war.

„Aber ich begreife nicht, Johann Jochen, dass Du es nicht gesehen hast. Hast Du denn nicht hineingeleuchtet, ehe Du das Holz hineinschobst?"

Wir hatten es um die Ecke geschoben, Vater, sagte Einer von den Knaben.

„Der Einfall verrät bedeutendes Feldherrentalent", erwiderte der Pastor ironisch, denn er vermutete, dass er von einem jungen Burschen herrühre, der Soldat werden wollte. „Nun schießt nur zusammen und lasst den Backofen wieder ausmauern.“

Die Knaben sahen sich verdutzt an, dass sie so davonkamen. „Ich will wetten“, sagte Einer, „der Alte freut sich, dass die Franzosen abgezogen sind und dass wir ihnen noch mit ihrem eignen Pulver eins nachgebrannt haben.“

Nun wurde auch Johann Jochen heiter und bedauerte, dass er der einzige Zuschauer bei diesem prächtigen Feuerwerk gewesen; „aber ihr hättet mich ums Leben bringen können, ihr Schlingel", setzte er hinzu.

2. Zu uns nach Jasmund brachte Vetter Ludwig die sichere Nachricht von dem Abzug der Franzosen, und setzte es durch, dass wir alle nach Stubbenkammer fuhren, ein Bankett unter den Buchen hielten und das Wachthaus der Franzosen feierlich den Flammen übergaben. Das Beispiel steckte an, und am anderen Abend standen alle Lärmstangen rund um die Küste in Flammen.

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Ruge, Arnold (1802-1880) in Bergen auf Rügen geborener Schriftsteller, Verleger und Politiker

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Kleine Stubbenkammer auf Rügen

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Schloss Puttbus auf Rügen

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Stralsund vor der Alten Fähre

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Vitte bei Arcona

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