Aus früherer Zeit. Band 1 - Kindheit. 17. Ein richtiger Politiker

Schwedisch-pommersche Zustände auf der Insel Rügen
Autor: Ruge, Arnold (1802 in Bergen auf Rügen-1880 in Brighton) Schriftsteller. 1848/1849 Angehöriger der Frankfurter Nationalversammlung, Vertreter der demokratischen Linken, Erscheinungsjahr: 1862

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Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Insel Rügen, Tromper Wiek, Heimat, Ostsee, Heimatinsel, Strand, Meer, Fischer, Bauern, Landleben, Franzosenzeit, Sitten und Bräuche, Jugenderinnerungen, Schwedenzeit
Ein Schweizer Arzt, der die Insel bereiste, kam eines Morgens ins Zimmer — er hielt unser Haus für ein Wirtshaus — und forderte ungestüm Erfrischungen.

Meine Mutter empfand diese Ungezogenheit schmerzlich, aber sie war rasch entschlossen, sie nicht mit Worten, sondern durch den ganzen Verlauf der Sache zu züchtigen.

„Sie sind auf dem Lande, sagte sie zu dem Fremden, und müssen sich's ländlich gefallen lassen. Setzen Sie sich! Mein Hausherr wird gleich aus dem Felde kommen, und sich freuen, eine Unterhaltung zu finden.“

Sie verbeugte sich und ging hinaus. Ich blieb allein mit dem Reisenden, der seine Tasche ungestüm auf den Tisch und sich selbst in einen Lehnstuhl warf. Dann fragte er mich:

„Kehren viele Leute bei Euch ein, mein Sohn?" —

„Niemand!" sagte ich.

„Niemand? Also ist Eurer Haus kein Gasthaus?“

„Das glaub' ich nicht", erwiderte ich, „denn ich habe nie gehört, dass man es so nennt" — ich hatte das Wort wirklich in meinem Leben nicht gehört, noch weniger je ein Wirtshaus gesehen, ehe ich von der Insel Jasmund fort und nach Bergen kam — „die Leute sagen immer das Hofhaus.“

Als der Fremde dies hörte, wurde er unruhig, ein Lächeln flog über sein Gesicht; er stand auf, ergriff seine Reisetasche und trug sie vor die Tür, wo er sie an einem Leiterwagen aufhing. Dann kehrte er zurück.

Fast unmittelbar mit ihm trat mein Vater ins Zimmer. Er begrüßte den Fremden sehr fein und freundlich, und wurde ausgelassen heiter, als er das Missverständnis und die Entschuldigungen hörte, die dieser vorbrachte.

„Dass mein Haus gastlich aussieht, ist ganz recht“, erwiderte mein Vater. „Es sind hier auf dem Lande in der Tat gar keine Gasthäuser, und es wäre unrecht, wenn wir anderen den Reisenden dies nicht durch Gastfreiheit ersetzen wollten. Aber was antwortete Ihnen meine Frau?"

„Sie klärte mich nicht auf, sondern ging, um mich zu bedienen. Zufällig erfuhr ich dann meinen Verstoß von dem Knaben hier."

„Das ist ganz in ihrer Art. Sie wollte Sie noch mehr verwickeln und die Komödie weiter treiben.“

„Da haben die Götter gut für mich gesorgt! Wie hätt' ich es sonst erwarten können, dass meine Beleidigungen zum Scherze verbraucht würden?"

„Lassen Sie das gut sein. Da kommt das Frühstück. Setzen wir uns dazu! Und was gibt's Neues? Ist Er noch immer siegreich?"

„Napoleon?"

„Wer sonst? Es kippt doch einmal um; aber die Russen freilich werden ihn nicht schlagen.“

„Russland ist eine Wüstenei. Er dringt immer tiefer hinein und kommt mir ganz so vor, wie Karl XII. Wenn Alles verhungert und erfroren ist, hilft kein Kommando mehr. Sein Sie überzeugt: Er pfeift auf dem letzten Loche."

„Mir aus der Seele gesprochen! rief mein Vater aus, trinken wir eins darauf!"

Sie schritten gerade zum Anstoßen, als meine Mutter in ihrer ganzen beleidigten Würde wieder auftrat; aber sie war sehr bald versöhnt, als sie erfuhr, dass ihr Plan vollständig gelungen war, und fügte nur zur Belehrung des Fremden hinzu: „Ich wollte Sie selbst entdecken lassen, dass Sie besser aufgehoben waren, als Sie sich vorstellten.“

Die Unterhaltung wurde immer lebendiger, meinem Vater war es ein Fest, „einmal einen so vernünftigen Mann bei sich zu sehn", und als dieser aufbrach, führte er ihn mit seinen Pferden nach Arkona, was zu Fuß für unseren Gast eine unangenehme einförmige Reise durch den brennenden Sand der Dünen geworden wäre.

2. So viel trug dem Fremden — er war ein Arzt aus Konstanz am Bodensee — sein Glaube an den Untergang „des Tyrannen" ein. Dieser Glaube war damals eben so selten, als er bald allgemein wurde.

3. In einigen Monaten waren alle Nachbarn, denen mein Vater die Ansichten des Schweizers mitgeteilt hatte, überzeugt, dieser Mann habe seine Nachrichten gehabt. Die Franzosen zogen sich nämlich aus der Insel heraus, dann verließen sie auch Stralsund und Pommern. „Wo ziehn sie hin? warum ziehn sie weg?" so fragte Einer den andern; und als die russische Niederlage „der großen Armee" zur Tatsache geworden, hörte ich die Nachbarn oft sagen: „Der Schweizer Doktor hat es wohl gewusst!"

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Die Mecklenburger 1812 im Russlandfeldzug.

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Französiche Soldaten.

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Herzog Friedrich Franz I. von Mecklenburg-Schwerin.

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Fürst Kutusow, Oberbefehlshaber der russischen Armee 1745-1813.

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Carl Ludwig Friedrich Herzog von Mecklenburg-Strelitz 1741-1816.

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Generalmajor von Fallois, Führer des mecklenburgischen Regiments im russischen Feldzuge 1812.

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Mecklenburger Truppen. Eine Originalseite aus dem Werk.

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Napoleon 1769-1821 & Alexander I. 1777-1825.

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Napoleon Bonaparte I. Kaiser der Franzosen 1769-1821.

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Die Große Armee auf dem Rückzug.

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Schlacht an der Moskwa bei Borodino am 7. September 1812.

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