Aus früherer Zeit. Band 1 - Kindheit. 15. Die fehlenden Kaleschen.

Schwedisch-pommersche Zustände auf der Insel Rügen
Autor: Ruge, Arnold (1802 in Bergen auf Rügen-1880 in Brighton) Schriftsteller. 1848/1849 Angehöriger der Frankfurter Nationalversammlung, Vertreter der demokratischen Linken, Erscheinungsjahr: 1862

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Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Insel Rügen, Tromper Wiek, Heimat, Ostsee, Heimatinsel, Strand, Meer, Fischer, Bauern, Landleben, Franzosenzeit, Sitten und Bräuche, Jugenderinnerungen, Schwedenzeit
Ein andermal geriet mein Vater selbst in Gefahr. Er war von den Franzosen über die Futter- und Fuhrenlieferungen gesetzt, weil sie erfahren hatten, dass er, als Verwalter der Braheschen Güter, die Verhältnisse des Landes wohl am besten kennen werde. Mit Widerstreben hatte er das Amt übernommen, und endlich nur eingewilligt, als der General Eckmühl, der in Stettin kommandierte, es befahl. Auf dem Hauptgute der Gegend, dem Schlosse Spieker, war der einzige bequeme Wagen, eine alte schwerfällige Kutsche, die zu den Reisen der Offiziere zur Verfügung stand; alle übrigen Gutsherren fuhren auf Leiterwagen und saßen auf einem Bunde Stroh; die sogenannten Holsteiner Wagen oder Stuhlwagen, mit Lederstühlen an die Leitern angehängt, waren gänzlich verschwunden. Nun behaupteten die Franzosen, dies sei ein unerhörter Mangel an Zivilisation, es sei gar nicht glaublich, dass die Gutsherren keine Kaleschen und Kutschen hätten, und drängten meinen Vater, statt der Leiterwagen mit Strohsäcken, ihnen Kaleschen zu senden. Alles Vorlegen der Listen und Erklärungen der Gutsherrn über ihre Wagen überzeugte die Offiziere nicht, und plötzlich erschien der Kommandant der Insel, der auf dem Schloss Spieker lag, zu Pferde, ließ meinen Vater vor die Türe rufen, und verlangte eine Kalesche, denn er sei überzeugt, es wäre nur eine Verschwörung aller Gutsbesitzer gegen die Bequemlichkeit der Offiziere des Kaisers, und mein Vater sei darin verwickelt.

Der Streit über die verborgenen Kaleschen wurde immer heftiger, es half nichts, dass mein Vater ihm bemerklich machte, es gäbe ja nicht eine einzige Chaussee oder ebne Straße auf der Insel, und bei nassem Wetter könne man sicherlich keine halbe Meile mit einem so städtischen und zivilisierten Fuhrwerk, wie eine Kalesche sei, fahren, ohne im Lehm stecken zu bleiben oder den Wagen zu zerbrechen. Der Kommandant bestand auf der Kalesche, und als er sie nicht erlangen konnte, ließ er einen Trupp Husaren vorreiten, und meinen Vater gefangen nehmen, um ihn, wie er sagte, nach Stettin zum General Eckmühl zu schicken, der ihn vor ein Kriegsgericht stellen und erschießen lassen werde.

2. Diese Gewalttat, deren Zeuge der ganze Hof war, machte einen furchtbaren Eindruck auf uns Alle. Meine Mutter aber fasste sich bald und hieß den Kutscher einen Wagen mit vier Pferden bespannen; sie wollte mit ihren Kindern sogleich nach dem Schloss eilen, und alles in Bewegung setzen, um unsern Vater wieder zu befreien.

3. Wir kamen in der größten Eile und Angst in Spieker an; die Frau vom Hause eilte aber meiner Mutter sogleich entgegen, und sagte ihr, sie möchte nur ruhig sein, die Herren seien schon wieder die besten Freunde und säßen beim L'hombre und beim Glase Wein in der angenehmsten Unterhaltung. Statt der unmöglichen Kaleschen habe mein Vater dem Kommandanten versprochen, er wolle es durchsetzen, dass gute wollene Decken über die Strohsäcke der Leiterwagen gelegt würden, dann würde sich's nicht unbequem darauf fahren.

4. Dies war meiner Mutter genug. Wir zogen alle ganz stille in die Kinderstube, und mischten uns nicht weiter in die Unterhaltung der Versöhnten, als dass die Wirtin es unternahm, meinen Vater von Allem zu unterrichten. Vergnügt eilten wir nach Hause, und unsere Nachricht verbreitete einen allgemeinen Jubel, denn mein Vater wurde von allen seinen Leuten sehr geliebt.

5. Als er wiederkam — der Kommandant schickte ihn mit seinen Pferden — lief ihm Alles entgegen und die Knechte schüttelten ihm die Hand und sagten: „Nun, das ist recht, Herr, dass Sie wieder da sind! Es wäre nicht gut gegangen, wenn die Franzosen Sie festgehalten hätten.“
Ruge, Arnold (1802-1880) in Bergen auf Rügen geborener Schriftsteller, Verleger und Politiker

Ruge, Arnold (1802-1880) in Bergen auf Rügen geborener Schriftsteller, Verleger und Politiker

Getreideernte, ein Fuder Getreidegarben

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Pferdestall auf dem Gut

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Pflügen, vierspännig Pferde

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Reiter, Landjugend

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Ochsengespann

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Bauer mit Pferd

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