Aus früherer Zeit. Band 1 - Kindheit. 06. Der Schiffbruch.

Schwedisch-pommersche Zustände auf der Insel Rügen
Autor: Ruge, Arnold (1802 in Bergen auf Rügen-1880 in Brighton) Schriftsteller. 1848/1849 Angehöriger der Frankfurter Nationalversammlung, Vertreter der demokratischen Linken, Erscheinungsjahr: 1862

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Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Insel Rügen, Tromper Wiek, Heimat, Ostsee, Heimatinsel, Strand, Meer, Fischer, Bauern, Landleben, Franzosenzeit, Sitten und Bräuche, Jugenderinnerungen, Schwedenzeit
Im Winter rasen in der Ostsee die Stürme. Die schlimmste Zeit ist Ende Dezember. Um diese Zeit erlebten wir oft unheilvolle Schiffbrüche an unserm unwirtlichen unnahbaren Ufer. Mächtige Steinblöcke hat die See hier ans Land gewälzt; die größten ragen hervor, die mittleren bilden einen Damm auf dem Grunde, der schleimig überzogen ist und keinen Menschen Fuß fassen lässt, der sich hineinwagt. Flut und Ebbe hat die Ostsee nicht, das Wasser nahm immer dasselbe Gebiet ein, wenn nicht ein Sturm die Wellen über den gewöhnlich trocknen Steindamm hinüberjagte. Der Meeresgrund war uns daher ein Geheimnis und blieb es. Darum badet niemand an dieser Küste, niemand lernt hier schwimmen, und nur ein kühner und sicherer Schwimmer, der seine Kunst anderswo gelernt, könnte es wagen, bei völlig ruhiger See in dieses tückische Wasser zu gehen. Beim Sturm wird Alles zerschlagen, was hier zu landen versucht.

2. An diesem Ufer scheiterte nun im Jahr 1812 den 30. Dezember ein Schiff. Es kam mit einer Ladung Eisen von Gothenburg und war nach Stralsund bestimmt. Der Sturm hatte es eine Zeit lang an der Küste hingeführt und dann auf ein Steinriff geworfen. Es lag so nahe am Ufer, dass wir die Stimmen der Leute durch das Getöse der Brandung hören konnten. Der Sturm warf Alles vor sich nieder und versetzte Einem den Atem. Es waren Leute zu Pferde da, man sprach davon, an das Wrack hinanzureiten und ein Seil hinzubringen; aber die Unmöglichkeit war zu klar.*) Dennoch hatten wir große Hoffnung, die Leute zu retten, die uns so nahe waren, und die Hände nach uns ausstreckten. Als sie sahen, dass mein Vater Stangen zusammenbinden ließ, um ihnen damit ein Seil zuzureichen, ließen sie selbst eine Tonne los, an der ein Seil befestigt war. Aber der Wind ging am Ufer entlang, und das unglückliche Gefäß kam nicht heran, sondern verschwand uns bald aus dem Gesichte in der seitwärts treibenden Brandung. Jetzt beruhte alle Hoffnung auf den zusammengebundenen Stangen. Die Männer gaben sich alle ersinnliche Mühe, die Arbeit gut und die Verbindung der verschiedenen Stangen recht fest zu machen. Als sie damit fertig waren, wurde ein dünnes Seil an der Spitze befestigt; damit sollten die Leute am Bord des Wracks sich das stärkere Seil auf Verdeck ziehen, um sodann an ihm entlang ans Land zu turnen. Die Sache schien gar nicht schwierig zu sein. Es war nur eine mächtige Welle zwischen uns und den Schiffbrüchigen. Bis an die Welle schoss die Stange rasch vor; aber in der Welle zerbrach sie wie ein schwaches Stöckchen, und das abgebrochene Ende verschwand, bis die Leute es an dem Seil wieder herauszogen. Immer von neuem wurde der Versuch gemacht, immer von neuem zerbrach die Stange in der fürchterlichen Welle. Nun sprach man wieder davon, hinanzureiten, aber kein Mensch wagte es, und kein Pferd würde es vermocht haben, die gewaltige Welle, die schräge am Ufer hindonnerte, zu durchbrechen, wenn es auch gelungen wäre, über die glatten Steine ins tiefe Wasser hinauszukommen.

*) „Ne, Herr, so'ne Bülgen, dor kän' wi nich gegenan!"
Nein, Herr, gegen solche Wellen können wir nicht aufkommen, sagten die Reiter.


Das Schiff war nicht stark bemannt. Wir erkannten den Kapitän und drei jüngere Leute. Sie streckten die Hände nach uns aus, wir nach ihnen. Beide Teile verzweifelten daran, ein Rettungsseil über den tödlichen Abgrund zu ziehen. Da trat ein Jüngling an den Rand des Schiffes heran, er war fast noch ein Knabe, zog seinen Rock rasch aus und sprang entschlossen, so weit er konnte in die Brandung hinaus. Er verschwand; aber nein, er tauchte wieder auf, und hoch auf der gewaltigen Sturzwelle wurde er hervorgehoben. Alles jauchzte laut auf. Er war uns so nahe, wir konnten seine Züge erkennen; „der brave Junge!" schrieen die Leute; er musste es hören, und schwamm mit verdoppelter Kraft. Da schlug’s ihn unbarmherzig gegen die Ufersteine, er war tot, versunken, verschwunden, — und meilenweit von der Unglücksstelle fanden ihn später unsere Leute ans Land geworfen.

Sein Unglück regte mich furchtbar auf; ich jammerte unaufhörlich, und mein Vater ließ mich von der Schreckensszene weg und nach Hause zurückführen. Auch er kehrte äußerst angegriffen zurück, und erzählte: Durch die schwere Ladung sei wahrscheinlich das Schiff gleich so hart auf die großen Steine geworfen worden, dass es barst, und rasch in Trümmer ging. Einige dieser Trümmer hingen am Tauwerk fest, und fegten, Tod und Verderben bringend über das Wrack hin. Der Steuermann ergriff eins von den losgeschlagenen Stücken des Schiffs, als es eben über Bord gehen wollte, und schoss damit fort; aber sein Schicksal war rasch entschieden; er kam nicht ans Land. Der dritte Gehilfe des Kapitäns wurde von einer Sturzwelle ins Meer gerissen. Nun war er allein noch übrig. Er hielt sich an dem Mastbaum, und man hoffte schon, so würde man ihn, wenn der Sturm sich legte, noch lebendig auf dem Wrack finden; da zerbrach die Brandung den Mast, und mit seiner ganzen Wucht fiel dieser auf den Mann, der ihn umklammert hielt, und erschlug ihn im Falle. Jetzt war die Zerstörung vollendet, und nur die Trümmer schwammen noch über der Stelle des Schiffbruchs, die sich nicht gleich loslösen konnten.

Die Leute wurden nach einigen Tagen alle am Strande gefunden, aber weit über unser Gebiet hinweggeführt, der Kapitän mit seinen Papieren in der Tasche. Sechshundert Fuhren Eisen holte man aus dem Wasser, und lieferte sie an die Handlung, der sie nach den Briefen des Kapitäns gehörten.
Ruge, Arnold (1802-1880) in Bergen auf Rügen geborener Schriftsteller, Verleger und Politiker

Ruge, Arnold (1802-1880) in Bergen auf Rügen geborener Schriftsteller, Verleger und Politiker

Schiffsuntergang

Schiffsuntergang