Aus dem Mecklenburgischen. Mitte September 1883. - Exkurs in das theologische Gebiet, Körnerfeier in Wobbelin.

Aus: Deutsches Museum. Zeitschrift für Literatur, Kunst und öffentliches Leben. Herausgegeben von Robert Prutz. 13ter Jahrgang 1863. Juli-Dezember
Autor: Redaktion - Deutsches Museum, Erscheinungsjahr: 1863
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg, Landesgeschichte, Sittenbild, Kirche, Tod und Teufel, Aberglauben, Körner-Feier
Da Sie aus dem guten Lande Mecklenburg ja doch keine Aufschlüsse über die Geheimnisse der europäischen Staatskunst oder ähnliche Dinge von weltgeschichtlicher Wichtigkeit erwarten dürfen, so erlauben Sie mir wohl, heute einmal ausnahmsweise einen Exkurs in das theologische Gebiet zu machen, ein Gebiet, von dem ich allerdings weiß, dass das „Deutsche Museum“ es im allgemeinen nicht gern berührt. Allein was mehr? Der Deutsche hat es so an der Art, dass, wenn die Erde ihm versagt, er sich in den Himmel rettet, und auch Ihr Korrespondent ist ein viel zu guter Deutscher, als dass er sich diesem allgemeinen Zuge unsers Volks nicht anschließen sollte.

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Überdies aber hat ein solcher Exkurs den Vorteil, dass er einem mitten in diesen trübseligen Zeiten eine langentbehrte Aufheiterung gewährt. Denn wunderlich, höchst wunderlich, das lässt sich nicht leugnen, sieht es in den Köpfen unserer mecklenburgischen Geistlichkeit aus, wenigstens insofern man sie nach dem Ergebnis der Pastoralkonferenz beurteilen will, die in den ersten Tagen dieses Monats zu Güstrow abgehalten ward. Statt die mancherlei Beschwerden des Landes abzustellen, statt sich namentlich mit der so gründlich verfahrenen Sache des Dr. Baumgarten zu beschäftigen, haben die frommen Herren sich die Zeit vertrieben — ja womit glauben Sie wohl? Mit tiefsinnigen Erörterungen über die Sünde der Zauberei und die Lehre vom Teufel. In dem „Neuen Mecklenburger Kirchenblatt“, das ebenso treue wie naive Berichte über den Gang der Verhandlungen abstattet, bekommt man bei dieser Gelegenheit Dinge zu lesen, die man in der Mitte des 19. Jahrhunderts denn doch hätte für unmöglich halten sollen.

Da behauptet z. B. einer der Herrn Pastoren, der Teufel könne allerdings heilen, Gott habe es ihm sogar ausdrücklich erlaubt; rufe jedoch jemand den Teufel an, um sich von ihm heilen zu lassen, so verfalle er nur um so gewisser dem Teufel als dem Organ des göttlichen Zornes. Ein anderer frommer Bruder dagegen wollte dies dahin beschränken, dass überhaupt jede Heilung durch den Teufel nur scheinbar sei, der Teufel verblende die Menschen und spiegele ihnen eine Heilung vor, die in Wahrheit gar nicht vorhanden. Wie schade, dass die Hochwürdigen nicht noch einen Schritt weiter gegangen sind und für alle diejenigen, die auf diese Art mit dem Teufel in Verkehr treten, jene Scheiterhaufen wieder errichtet haben, deren ekliger Qualm Deutschland vor zwei Jahrhunderten verfinsterte!

Sehr heiter ist auch folgendes Histörchen, das wir derselben Quelle entnehmen und in dem sich gegenüber der Macht der Zauberei die Macht des Gebetes, gegenüber dem Zauberer der richtige Mann Gottes bewahrheiten soll. Zu dem Konsistorialrat Weiberzahn in Osnabrück kommt ein Mann, dessen Tochter todkrank daniederliegt und fragt, ob es ihm wohl erlaubt sei, Gott im Gebet um das Leben seines Kindes anzuflehen. Von dem Geistlichen beraten, geht der bekümmerte Vater heim und betet um die Erhaltung seines Kindes. Allein noch während seines Gebets verscheidet dasselbe. Nun wird sein Flehen heißer, dringender, stürmischer; er bittet Gott, dessen Allmacht ja keine Schranken gesetzt sind, dem noch warmen Leichnam den Atem zurückzugeben und die Gestorbene wieder ins Leben zu rufen. Vergebens warnt die Frau den ekstatisch aufgeregten Mann, dass er Gott nicht versuche, der Unglückliche lässt sich nicht warnen, er fährt in seinem Gebet fort — und siehe da, plötzlich richtet die Gestorbene sich im Bett auf und ist dem Anschein nach völlig gesund und munter. In demselben Augenblick aber überkommt den Vater eine furchtbare Seelenangst, ob er auch recht getan mit seinem stürmischen, zudringlichen Gebet; er eilt zurück zu seinem Seelsorger, teilt ihm das Vorgefallene mit und bittet nochmals um seinen geistlichen Rat. Ehren-Weiberzahn begleitet den Vater an das Lager des Kindes, betet hier laut mit ihm und stellt es dabei ganz in den Willen Gottes, ob das Kind dem Vater erhalten bleiben soll oder nicht. Und was geschieht? Noch während des Gebets sinkt das, wie gesagt, ganz frisch und wohl aussehende Mädchen in die Kissen zurück und stirbt zum zweiten mal, nun aber ohne wieder aufzuwachen. In derselben Versammlung wurde auch der Fall erzählt, dass ein bekannter Pastor im Preußischen ebenfalls durch allzu kühnes Gebet das Leben seines Sohnes dem Herrn abgerungen, dass jedoch mit der Genesung Geistesstörung bei dem Kinde eingetreten sei, die zur großen Betrübnis der Eltern bis an das Lebensende desselben, volle 20 Jahre, angehalten habe. Wir können nur wiederholen: Sollte man dergleichen heutzutage noch für möglich halten? Und was muss aus der Bildung und Sittlichkeit eines Volks werden, dessen geistliche Hüter im Stande sind, sich allen Ernstes mit solchen Albernheiten zu beschäftigen?!

Auf politischem Gebiet ist hier alles so ruhig, wie es bei uns zu sein pflegt. Selbst der Frankfurter Fürstentag hat nur geringes Interesse erregt; wir stehen dem übrigen Deutschland noch zu fern und haben uns zu tief eingelebt in unsere mecklenburgische Isoliertheit, als dass wir an derartigen allgemeinen Fragen schon den rechten Anteil nehmen könnten. Dagegen erregt die Möglichkeit eines feindlichen Zusammenstoßes mit Dänemark mancherlei Zweifel und Bedenken, namentlich schütteln unsere Kaufleute und Schiffsreeder schon jetzt die Köpfe bei der Aussicht, dass möglicherweise wie im Jahre achtundvierzig auch diesmal wieder sie es sein sollen, welche die Zeche für die Fehlgriffe der deutschen Diplomatie bezahlen. Indessen hat Österreich, das diese Sache angeblich mit so großem Nachdruck in die Hand genommen, sich ja noch niemals übereilt und so können unsere Kaufleute auch wohl vorläufig noch ruhig schlafen.

Was endlich die so pomphaft angekündigte Körner-Feier zu Wöbbelin anbetrifft, so erlassen Sie mir wohl jede Beschreibung derselben; wäre nicht die Veranlassung eine so ernste und patriotisch großartige und hätten nicht die greisen Häupter der anwesenden Veteranen gleichsam einen Heiligenschein über das wüste Treiben der Masse gebreitet, so könnte man sich versucht fühlen, es einen Humbug der allerunverschämtesten Sorte zu nennen. Das Fiasko war vollständig, wird aber hoffentlich wenigstens das Gute haben, dass der kleingroße Mann in Hamburg, von dem zuerst unter großem Gegacker das Ei dieser Körnerfeier gelegt ward, in Zukunft seine unberufenen Finger von dergleichen lässt, und sich zurückzieht zu seinen Lotterielosen und alten Büchern, in denen es sich vielleicht nicht leichter, aber jedenfalls bequemer und sicherer spekuliert als in Patriotismus und deutschem Nationalgefühl.
Bützow - Das Innere der Kirche

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Dargun - Kirche um 1800

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Doberan - Kapelle in Althof

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Doberan - Das Münster um 1800

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Gadebuch - Die Kirche um 1800

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Neubrandenburg - Die Marienkirche um 1800

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Neubradenburg - St. Georgen-Kapelle

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Ratzeburg - Der Dom um 1800

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Wismar - Die Georgenkirche um 1800

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Wismar - Die Marienkirche um 1800

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Wismar - Die Nicolai-Kirche um 1800

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