Am sogenannten Brautwagen auf der Röbel'schen Feldmark bei Ludorf.

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 1
Autor: Von L. Pechel, Organist und Lehrer zu Röbel, Erscheinungsjahr: 1858
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage,
Der Hochzeitsmorgen war angebrochen; die Sonne stieg, Allen ihren freundlichen Morgengruß bietend, am Himmel hinauf; Feld und Garten standen in des Sommers schönstem Schmucke, und weithin erschallten vielakkordige Morgenlieder der Vögel. Es war so festlich in Gottes großem Reich, so freudvoll und voll stillen Friedens.

Aber drinnen in der Kammer eines Ludorfer Hauses ist nicht Freude und stiller Frieden. Dort sitzt eine Jungfrau mit tränenerfüllten Augen an ihrem Bette. Sie hat die Nacht unter vielem Weinen verlebt und in Angst und Trauer den Anbruch des Tages erwartet. An diesem Tage soll der Segen der Kirche sie einem Manne verbinden, der ihrem Herzen fremd ist, den sie nie geliebt hat und nie lieben kann. Schmerz und Trauer haben das junge Frauenbild gebleicht. Teilnahmslos sieht sie Verwandte und Freunde zum Hochzeitsfeste kommen. Die Freundinnen ihrer Jugend treten in die Kammer und bringen der Tiefbetrübten den Brautkranz. Sie lässt sie gewähren und weint in die Blumen hinein ihre schmerzenreichen Tränen.

Näher und näher rückt die verhängnisvolle Stunde, und sie steigert das Leid der bleichen Braut. Auch der Hoffnung letzter Trost verschwindet, als der Wagen daherrollt, der sie nach Röbel in die Kirche und an den Altar bringen soll. Ganz in ihren Kummer versenkt, fährt sie dahin neben ihrem Verlobten. Schon sieht sie die Kirche mit dem hohen Turm, von dem herab nun bald der ernste, feierliche Ton der Brautglocke ertönen wird. Da entsteigt der beängstigten Brust der Schmerzensruf: „Ach täte sich doch die Erde auf und verschlänge uns!"

Und sieh'! Da halt's wie ferner Donner: die Erde öffnet ihren Mund, und hinunter in Nacht und Tiefe sinkt Ross und Wagen und Braut und Bräutigam. — Verstummt ist die Klage. —

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Noch jetzt zeigt man die Stätte, wo sich dies auf der Feldmark von Röbel ereignete, und die man auch jetzt mit dem Namen „am Brautwagen“ benennt. Die Sage erzählt, dass man vielfach Nachgrabungen anstellte, die ohne Erfolg blieben.

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Mecklenburgs Volkssagen - Band 1

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