Abalbert, Erzbischof von Hamburg. (1043 bis 1072.)

Aus: Hamburgische Geschichten und Sagen, erzählt von
Autor: Beneke, Otto Aldabert Dr. (1812-1891) Hamburger Archivar, Historiker und Schriftsteller, Erscheinungsjahr: 1854

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Themenbereiche
Enthaltene Themen: Hansestadt Hamburg, Hamburger Geschichte, Sagen, Überlieferung, Altertum, Chroniken, Geschichten,
Hauptsächlich nach der milderen Auffassung Adams von Bremen. (III.)
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Nachdem um Ostern 1043 zu Bücken im Hoya'schen Herr Alebrand, der vielgeliebte Erzbischof von Hamburg und Bremen, „das irdische Pascha mit den himmlischen ungesäuerten Brote“ vertauscht hatte, wurde in demselben Jahre Herr Adalbert, geborener Graf von Wettin, zuvor Domprobst von Halberstadt, sein Nachfolger. Das erzbischöfliche Pallium empfing er durch Gesandte des Papstes Benedict lX., worauf seine Ordination zu Aachen Statt hatte, in Beisein Kaisers Heinrich III. und vieler Reichsfürsten, mittelst Einsegnung durch zwölf Bischöfe. Nachdem er sodann Bremen besucht hatte, wandte er sich und seine Tätigkeit der Hamburgischen Kirche zu.
Erzbischof Adalbert hegte für seine Metropolis Hamburg eine große Liebe, und allemal residierte er hier, so oft seine vielen Kirchen- und Staats-Geschäfte und seine dem Kaiser und Reiche gewidmeten Dienste, die ihn zu unaufhörlichen Reisen zwangen, dies gestatteten. Und da von der Hamburgischen Kirche aus seit deren Gründung das Christentum im ganzen Norden verbreitet worden war, ob zwar unter unsäglichen Kämpfen und dem Märtyrertum so vieler heiliger Sendboten, so nannte Adalbert Hamburg „die gesegnete Mutter aller Völker des Nordens“, welcher er um so freudiger Liebe und Ehrerbietung zolle, und um so eifriger hilfreiches Sorgen darbringe, je näher der Feind stehe, der ihre Herrschaft seit Jahrhunderten gleichsam wie ein Sieb durchlöchert habe. Und um deswillen baute er später das Kastell auf dem Süllenberge.

So lange diesseits der Elbe Friede war, pflegte der Erzbischof alle Ostern- und Pfingst-, auch wohl Mutter-Gottes-Feste in Hamburg zu feiern, wo er in der Burg seiner Vorgänger, der Wiedenburg, Hof hielt und in der Domkirche das Hochamt selbst verwaltete. Zur Verherrlichung dieser hohen Feste zog er aus allen Stiftern seiner beiden Diözesen eine Menge von Geistlichen, zumal solche, die durch eine schöne Stimme in Predigt und Gesang die Gemeinde erwecklich zu erbauen verstanden. Und da er die Dienerschaft der Hamburgischen Kirche in großer Vollständigkeit erhielt, auch Nichts sparte, um die gottesdienstlichen Handlungen sowohl mit innerer Würdigkeit als mit äußerem Glanze ausführen zu lassen, so mag wohl zu keiner Zeit der Kirchendienst in Hamburg in einer so herrlichen Weise versehen sein, als unter Adalbert. Und besonders viel hielt er auf den Chorgesang, den er in nie gekannter Weise einführte, und oft ließ er während dreier Messen, denen er beiwohnte, zwölf Litaneien absingen. Er mochte Alles, in geistlichen wie weltlichen Dingen, groß sehen, erhaben, bewundernswert. Darum erfreute sich sein Gemüt an dem wallenden Weihrauch der Spezereien, an der Pracht der heiligen Gefäße und Gewänder, an dem blitzenden Glanze der tausend Kerzen, an dem mächtigen Eindrucke des volltönenden Chorgesanges. Und diese äußerliche Pracht, deren heilsamen Einfluss auf die Gemeinde er wohl kannte, begründete er überdies durch die Herrlichkeit des Herrn und Seines Tempels, wie sie im alten Testamente geoffenbart ist; wie er denn sonst Vieles, was den Leuten fremd erschien, nicht anders als in Übereinstimmung mit der heiligen Schrift getan hat.

Erzbischof Adalbert war ein Mann von ungewöhnlich großen Gaben und Gnaden. Bei einer vollkommenen Körper-Schönheit und Kraft vereinigte er in sich so viele Tugenden und Vorzüge des Geistes wie des Gemütes, dass es nur dem unglücklichen Gange der Weltbegebenheiten, wie einem einzigen Fehler seines Charakters, zuzuschreiben ist, wenn er sein hohes Ziel: — die Erhebung der Hamburgischen Kirche zum Patriarchat über Nord-Europa zum Gegengewicht des Papsttums in Rom, nicht erreicht hat, was für ganz Deutschland vielleicht die wichtigsten, segensreichsten Folgen gehabt haben würde. Er war verständig, gelehrt, weise, besaß eine wunderbare Gedächtniskraft und hinreißende Beredsamkeit; er war mäßig und keusch; großmütig und freigebig, wie es einem Fürsten so wohl ansteht, über alle Maßen; ein Freund des Gebens, ein Feind des Empfangens; kraftvoll im Ausführen der hochstrebenden Entwürfe seines großartigen Geistes; demütig vor Gott, mildfreundlich gegen Geringe, Arme und Pilger, denen er oftmals kniend Abends die Füße wusch in demütiger Nachfolge unseres Heilandes; aber stolz und gebieterisch gegen die Großen und Mächtigen dieser Welt. Und mit dieser letzten Eigenschaft hängt auch der einzige Fehler zusammen, den er anfangs hatte, ein Fehler, aus dem später so viele andere zum Unheil seiner selbst entsprangen: die ruhmsüchtige Eitelkeit, diese „vertraute Hausmagd der Großen und Reichen", wie sein Bremischer Dom-Scholaster, Magister Adam, sie nennt. Und dennoch opferte er Eitelkeit und Ruhmsucht seinem hohen Ziele willig auf, als er im Jahre 1046 zum Papste erwählt werden sollte; er lehnte nämlich diese höchste Würde ab und veranlasste es, dass Suidger (als Clemens II.) den Römischen Stuhl bestieg. Der Hamburgische Erzbischof war aber damals so mächtig, dass er den Dänenkönig Swend Estridson, der seine nahe Blutsverwandte Gunhilde von Schweden geheiratet hatte, wirksam in den Bann tun konnte,

Adalberts bitterster Feind war Herzog Bernhard von Sachsen, der Billunger, welcher, wenn er zu Hamburg weilte, in der von ihm auf den Trümmern des alten Castells Karls des Großen erbauten Alsterburg residierte. Nicht allein die Eifersucht des Landesherrn war die Ursache solcher Feindschaft, auch des Herzogs persönlicher Hass traf, wiewohl mit Unrecht, den Erzbischof. Denn als Bernhards Bruder, Graf Dietmar, dem Kaiser Heinrich III. bei Lismona (Leesum bei Bremen) einen hinterlistigen Überfall zu bereiten trachtete, wurde dieser durch Adalberts Treue geschützt und des Empörers Verrat vereitelt; und als Dietmar, vor den Kaiser geladen, zum gerichtlichen Zweikampfe verurteilt wurde, erlag er in demselben nach Gottes Fügung seinem Gegner, dem kaiserlichen Hauptmann Arnold, am 3. Oktober 1048. Des zur Rache und Sühne ließen Dietmars Söhne den Arnold fangen und mit heidnischer Schimpflichkeit ihn bei den Beinen zwischen zweien Hunden aufhängen, für welchen Frevel der Kaiser sie mit ewiger Verbannung strafte. Und wegen dieser traurigen Begebenheiten, die doch nicht unverschuldet das herzogliche Haus trafen, verfolgten Bernhard und seine Söhne den Erzbischof, dessen Angehörige, ja selbst die Kirche, mit nie endender Feindschaft.

Auch außer den hohen Festen weilte Adalbert zur Sommerszeit oft mondenlang in Hamburg, der ihm so teuren Stadt. Hierher beschied er die Gesandten der nordischen Völker, hier empfing er die Besuche der Fürsten und Dynasten der Germanischen wie der Slawischen Stämme. Er tat in Hamburg Allen wohl, die ihm nahten; die Bürger ehrte er und förderte neben dem geistigen auch ihr irdisches Wohl, wo und wie er nur konnte; zum Ausbau der Stadt gab er willig Vorschub; den wachsenden Verkehr erleichternd legte er eine eigene Münzstätte an; und was er Gutes und Löbliches in fremden Landen gesehen, das trachtete sein tätiger Geist, dem noch halb barbarischen Vaterlande anzueignen. Sogar Gärten und Weinpflanzungen ließ er auf dürrem Heideboden in Hamburgs und Bremens Umgegend anlegen. Aber dies, wie manch anderes viel Bedeutsameres, was der Natur des Landes und der damaligen Bewohner widerstritt, blieb ein vergebliches Bestreben des großen Mannes, dessen guter Wille so oft dem bösen Geschicke unterlag.

Kummer und Widerwärtigkeit, Undank der Welt, sogar seiner Freunde Abfall, Feindschaft aller Orten, Kränkungen seines unseligen Stolzes, — dies Alles machte ihn missgestimmt, hart, zornmütig. Wo sonst sein Edelsinn verzieh, da waltete nun sein Eifer mit verderbender Strenge. Und doch blieben im Grunde seines Herzens Mitleiden gegen Arme und Bedrängte, und Freigebigkeit gegen alle Bedürftige, so mächtig in ihm, dass derselbe Mann, der im Zorne wie ein Löwe geflohen wurde, in guten Stunden sanft war wie ein Lamm und zu jedem Opfer bereit.

Aber während er von Schmeichlern und Schmarotzern umringt, nur Lobpreisungen seiner Größe und Würdigkeit vernahm, während Wahrsager, Traum- und Zeichendeuter (die sein hoher Geist hätte verachten müssen) seinen schrankenlosen Wünschen die eitlen Trugbilder nahender Erfüllung vorspiegelten, sank mit stets wachsendem Verfalle der irdischen, auch seine geistige Hoheit und Tugendherrlichkeit immer tiefer. Zwar ließ er noch immer den zehnten Teil seines ganzen Einkommens den Armen und Kranken zuweisen, zwar hielt er noch täglich offene Tafel für Jedermann, aber schon war Wohltun und Gastfreiheit bei ihm mehr Sache der Eitelkeit als des Herzens. Beim reichen Mahle, das er selbst kaum berührte, zeigte die Bitterkeit der Witzworte, die er der geistreichen Unterhaltung einmischte, den trüben, kranken Zustand des einst so klaren, frommen Gemütes und seines Geistes zunehmende Verfinsterung, die nur zuweilen ein heiteres Saitenspiel auf Augenblicke zerstreuen durfte, während er die den gemeinen Haufen ergötzenden Gaukeleien der Mimen verabscheute.

Doch zuletzt brach wohl sein starrer Stolz, wozu nach seiner eigenen Erzählung ein wunderbares Gesichte beigetragen hat, das er erlebte. Er sah sich nämlich um Mitternacht in der Domkirche zu Hamburg in Gemeinschaft mit seinen vierzehn Vorgängern im Bistum feierlich die Messe begehen. Erzbischof Alebrand, der die Mysterien vollzog, wandte sich nach Verlesung des Evangelii den Anwesenden zu, um deren Opfer zu empfangen, und als er an Adalbert kam, wies er mit strengem Blicke und diesen Worten dessen Gabe zurück: Du hochgeborener, vornehmer Mann kannst mit uns geringen Leuten nichts gemein haben. Worauf das Gesicht endete. Und als er mit tiefstem Schmerze der Heiden Siegesgewalt, der Christen Verfolgung und Abfall, ja selbst der Geistlichen Entartung wahrnahm, als er vergebens gegen der Laien wie der Priester Verderbtheit eiferte, da weinte Adalbert der Große heiße Tränen, die wohl teils dem Verfall der eigenen Macht, den kommenden Strafgerichten und der Gefährdung der heiligen Kirche, aber auch seinen begangenen Fehlern, die dazu mitgewirkt hatten, gegolten haben mögen.

Aus seiner Hamburgischen Diözese, wo er geliebt und verehrt wurde, durch blutdürstige Heiden vertrieben, die das mühsame Werk so vieler heiliger Männer und eins der wichtigsten Bollwerke der Christenheit zertrümmerten, war der Abend seines Lebens düster umwölkt. Eine vom Germanischen Drudengeiste beseelte Wahrsagerin verkündete allem Volke und ihm selbst sein nahes Ende, aber noch hörte er lieber auf die Lügenpropheten seines Hofes. Dass in Bremen und anderen Orten die heiligen Kreuze Tränen schwitzten, dass Hunde und Schweine die Altäre entweihten, dass das Geheul der Wölfe mit dem der Uhus bis in die geängstete Stadt Hamburg drang: es verkündete des Erzbischofs Ende und unsägliche Trübsal für seine Diözese; und Hamburgs zweimalige Zerstörung im Sterbejahre des Metropoliten hat es wahr erwiesen.

Er aber erkrankte schwer zu Goslar am Harze, wo er dennoch tätig wirkte für den Kaiser Heinrich IV., den einzigen Menschen, an dem seine Seele mit väterlichster Liebe und treuester Hingebung hing, den er erzogen hatte, der sein Glück war wie sein Schmerz! Dieser allein durfte den Sterbenden besuchen, dessen großer Geist den schwachen Körper so standhaft aufrecht erhielt, dass kein Klagelaut, kein Seufzer seinen Lippen entflohen ist. In den letzten Stunden hat er viel gelitten, viel gebüßt, viel göttliche Gnade empfangen. Gott misst mit anderem Maßstab als wir Menschen. Er starb am 16. März 1072 und hinterließ außer Büchern und Reliquien nichts als allein bei den Armen und Kranken untröstliche Trauer über seinen Verlust. Seine Leiche ward nach Bremen gebracht und im Chore der von ihm erbauten Domkirche bestattet. Denn sein Wunsch, in der Mutterkirche zu Hamburg beerdigt zu werden, konnte nicht erfüllt werden; Hamburg war eine Beute der Heiden.
Beneke, Otto Aldabert Dr. (1812-1891) Hamburger Archivar, Historiker und Schriftsteller

Beneke, Otto Aldabert Dr. (1812-1891) Hamburger Archivar, Historiker und Schriftsteller