Zur Sammlung von Volksliedern u.s.w.

Autor: Franz Schildt, Erscheinungsjahr: 1891

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1892

Ueber den Plan zur Sammlung von Volksliedern, Reimen u. s. w. schreibt Herr Gymnasiallehrer Wossidlo:

„Gestatten Sie mir, kurz darzulegen, was meines Ermessens in ein solches Werk hineingehören würde, außer den eigentlichen „Volksliedern.“

I. Aberglauben, Gebrauch.

Zu dem Buche von Bartsch sind reiche Nachträge zu liefern; namentlich der zweite Band würde bei selbstthätigem Eindringen ins Volk an Umfang, vor allem aber an volksthümlichem Gehalt und innerer Ursprünglichkeit wesentlich gewonnen haben. Wichtigere Ergänzungen z. B. an Sympathieformeln u. s. w. würden der Folklore willkommen sein (vgl. Koppmanns wichtige Mittheilungen aus dem Rostocker Protokollbuch des Niedergerichts) ndd. corr. bl. XII. 34-37.

II. Räthsel.

Ueberaus anmuthend unter den Erzeugnissen heimathlicher Volkspoesie sind mir von jeher die Volksräthsel erschienen, an denen unser Land überaus reich ist; viele derselben athmen eine Tiefe und Sinnigkeit der Auffassung, der ich wenig an die Seite zu stellen wüßte. Nun hat, durch eine Bitte meinerseits, mich durch Mittheilung von solchen alten Räthseln zu unterstützen, angeregt, der Volksschullehrer J. Gillhoff in Parchim – ohne mich zu verständigen – durch Hülfe von Schullehrern aus den verschiedensten Gegenden des Landes eine Sammlung zusammengebracht, die nach seinen Mittheilungen an äußerem Umfange der meinigen überlegen sein dürfte. Ein Versuch meinerseits, als er mir diese überraschende Mittheilung machte, ihn zu einer gemeinsamen Herausgabe eines „meklenburgischen Räthselbuches“ zu veranlassen, hat bedauerlichst zu gänzlichem Abbruch unserer Beziehungen geführt. Aber selbst wenn Gillhoff, welcher nun wohl nicht mehr lange warten wird, mit seiner Sammlung früher heraus kommen sollte, so würde doch eine überaus reiche Nachlese zu halten sein, hier kommt es, wie ich immer wieder erfahren habe, nur darauf an, die rechten Quellen zu finden.

III. Leberreime.

Auch sie enthalten zum Theil herzerfreuende Reste alter, volksmäßiger Poesie. Zu den von mir in der Skizze VI. „Reisefrüchte, Leberreime und Räthsel“ veröffentlichen Nummern sind seitdem manche neue hinzugekommen. Weitere Funde sind mit Sicherheit zu erwarten; so wird mit gemeldet, daß z. B. in der Röbeler Gegend die Sitte selbst noch vor ganz kurzer Zeit lebendig gewesen sei.

IV. Sonstige Reime.

An Wiegenliedern, Tanzliedern, Abzählreimen u. s. w., u. s. w. habe ich eine große Anzahl (etwa 1000) beisammen. Viele derselben sind werthlos, manche andere über ganz Niederdeutschland verbreitet. Es würde also wohl eine Auswahl des Wichtigsten zu geben sein. Daß auch hierunter interessantes Gut sich findet, mag ein Reim zeigen, der eine Erinnerung an den großen schwedischen Kanzler bewahrt. In Klink hier in der Nachbarschaft singen die Mütter den Kindern Abends vor: bär (bete) Kinning bar, füssen kümmt de Swed, süssen kümmt de Ossenstiern, ward de Kinner bäden lihrn.

V. Thiergespräche, Thierlaute.

Auch hierin offenbart sich oft der sinnige Humor unseres Volkes. So erzählte mir noch vor Kurzem eine alte Frau: wenn de Poggen so racheln, denn striden se sick üm den Globen. De einen seggen ümmer: Papst, Papst, Papst, Papst, un de andern: Luther, Luther, Luther, Luther.

Gestatten Sie mir zum Schluß noch in aller Kürze anzudeuten, wie ich mir die Ausführung des Planes denke, für den Fall, daß ich zur Mithülfe berufen werden sollte. Neben der Ordnung und Bearbeitung des einlaufenden Stoffes müßte meines Erachtens nothwendig ein Selbsteindringen ins Volk hergehen. Meine bisherigen Durchquerungen der Heimath haben mir in verschiedenen Gegenden des Landes Stützpunkte geschaffen, von wo aus ich mit der Hoffnung auf gutes Gelingen operiren könnte: in Dobbertin, in Gülzow bei Güstrow, in der Ribnitzer Gegend, in Brunshaupten, Rastorf, in Redefin bei Hagenow, in Brudersdorf-Barlin bei Dargun, in Remplin, in Kirchdorf auf Poel, in Robertsdorf bei Bukow, in der Feldberger Gegend, und hier bei Waren gelang es mir, in den Kreisen der Bauern, Tagelöhner und Knechte selbst Interesse für die Mundart zu wecken, resp. zu festigen; und nur der treuen Hülfe dieser Mitarbeiter, etwa 100 an der Zahl habe ich den Erfolg meiner Sammlungen zu danken. Durch die vor allem ist es mir unter Benutzung genauester Fragebogen u. s. w. gelungen, etwa 80 Tausend Wörter und Redensarten hervorzuziehen, und jeder Sonntag, jeder neue „Sammelabend“ bringt neue, reiche Früchte. Alle jene Männer und Frauen würden, das glaube ich hoffen zu dürfen, mir auch bei Nachforschungen nach Liedern u. s. w. ihre Hülfe nicht versagen. In anderen mir bisher verschlossenen Gegenden, vor allem in die Röbel-Malchower und Ludwigslust-Dömitzer würde ich einzudringen suchen.

Winke und Nachweise aus dem Kreise der Mitglieder des Vereins würden mir dabei hochwillkommen sein.

Freilich gehört zu alledem Zeit, eigentlich mehr Zeit, als ein Lehrer übrig hat. Wenn man einmal, wie einst Schmeller, ein Jahr lang sein Vaterland durchstreifen könnte, die Germanisten sollten staunen, was alles unser liebes Volk noch in sich trägt!“

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