Zur Plattdeutschen Sprache und deren Literaturbewegung

Autor: Eschenhagen, H. (?), Erscheinungsjahr: 1861
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg, Plattdeutsch, Literatur, Laus Groth, Fritz Reuter, John Brinckmann, Johann Meyer, Sophie Dethleffs, Fritz Berling, W. Bornemann, Theodor von Kobbe
Aus: Deutsches Museum. Zeitschrift für Literatur, Kunst und öffentliches Leben. Herausgegeben von Robert Prutz. Elfter Jahrgang. Leipzig F. M. Brockhaus. 1861. Literatur und Kunst.

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Unsere plattdeutsche Literatur, wie sie im Lauf der letzten Jahre namentlich durch Klaus Groth und Fritz Reuter in die Höhe gekommen ist, hat das gewöhnliche Schicksal gehabt, das regelmäßig jeder Richtung widerfährt, die in irgendeiner Weise den Bedürfnissen, den Neigungen und oft auch nur den Verirrungen und Torheiten der Zeit entgegenkommt — sie ist Mode geworden. Das ist ein kurzes Wort, das doch sehr viel enthält: rasche Erfolge und glänzende Triumphe auf der einen Seite, auf der andern aber auch allerhand Nachteile, welche jenen Triumphen fast die Wage halten. Zu diesen Nachteilen rechnen wir ganz besonders, dass eine literarische Richtung, welche einmal das zweideutige Glück hat, in die Mode zu kommen, nun auch von solchen angebaut wird, die gar keinen inneren Beruf dazu haben, sondern die sich eben nur von der äußerlichen Rücksicht auf den Beifall des Tages leiten lassen; wir rechnen dazu ferner die Übertreibungen, in welche eine derartige Richtung zu verfallen pflegt, sowie die gewagten und nutzlosen Experimente, welche damit angestellt werden. Als ein solches nutzloses, ja schädliches Experiment betrachten wir, was speziell die zu neuem Leben erweckte plattdeutsche Literatur angeht, wenn man auf plattdeutsch zu sagen versucht, was sich auf hochdeutsch nicht allein ebenso gut, sondern sogar noch besser sagen lässt, ja was in dieser Gestalt sogar bereits gesagt ist. Soll die plattdeutsche Literatur unserer Tage überhaupt eine Berechtigung haben, so kann dieselbe nur darin liegen, dass in diesem Idiom ein Kreis von Anschauungen, eine Welt von Empfindungen zum Ausdruck gelangt, die außerhalb desselben entweder gar nicht existiert, oder doch wenigstens nicht in dieser bestimmten Färbung. Oder mit anderen Worten: plattdeutsch soll nur gedichtet und geschrieben werden, was auch plattdeutsch gedacht und empfunden ist, ja was plattdeutsch überhaupt nur gedacht und empfunden werden kann, wenn es nicht den wesentlichsten Teil seiner Eigentümlichkeit einbüßen soll. Diese Grenze aufs gewissenhafteste innegehalten und damit den Genius seiner Sprache am tiefsten erfasst zu haben, ist das große Verdienst Fritz Reuters; es liegt darin auch der Grund, weshalb wir für unser Teil ihn allen übrigen plattdeutschen Dichtern der Gegenwart voranstellen, insbesondere auch dem vielgepriesenen Klaus Groth, der mitunter, sogar sehr häufig in plattdeutscher Sprache hochdeutsch denkt und fühlt, ja dessen ganze Bildung, wenigstens wie sie uns aus der Mehrzahl seiner Gedichte entgegentritt, wesentlich aus hochdeutschen Elementen hervorgegangen ist. Es macht dies auf uns denselben Eindruck und vermögen wir auch den Kunstwert dieser Leistungen nicht höher anzuschlagen, als wenn jemand z. B. ein Stück, das für die Geige geschrieben ist, auf der Flöte herunterquält, oder wenn einer seine Geige so spielt, dass man denkt, es ist ein Waldhorn oder eine Posaune: ein Virtuosenkunststückchen, über das der große Haufe allerdings vor Entzücken außer sich zu geraten pflegt, von dem aber ein reiner und gebildeter Geschmack sich stets nur mit Unwillen abwenden wird.

Aber was soll man nun erst sagen, wenn bekannte hochdeutsche Gedichte, Gedichte, die jedermann im Gedächtnis trägt, und die seit Jahren ein wertiges Eigentum unserer hochdeutschen Literatur bilden – wenn solche Gedichte nachträglich ins Plattdeutsche übertragen werde?! Sind denn etwa diejenigen unter uns, die plattdeutsch Reden und verstehen, ein fremder Volksstamm, unbekannt mit den Schätzen unserer Literatur und ausgeschlossen von dem Segen der allgemeinen modernen Bildung, dass man eigene Übersetzungen für sie verfertigen muss? Oder hält man es für etwas so Willkürliches und Zufälliges, ob ein Gedicht plattdeutsch oder hochdeutsch geschrieben ist, dass man den einen oder den anderen Dialekt so willkürlich vertauscht? Ja hält man einen solchen Tausch überhaupt für möglich? Und wenn die Verehrer des Plattdeutsche darin übereinstimmen, dass kein plattdeutsches Gedicht jemals so recht ins Hochdeutsche übertragen werden kann, nämlich weil es dabei zu viel von seiner Eigentümlichkeit einbüßen würde, sollte dasselbe nicht auch dem Hochdeutschen gelten und sollte nicht auch diesem einiger Respekt gebühren? Aber nein, an alles das denken unsere Enthusiasten für das Plattdeutsche nicht, sie wissen nur, das plattdeutsche Gedichte jetzt Mode sind und so folgen sie ohne weiteres dem Virtuosenkitzel der sie zu den verkehrtesten und ungeheuerlichsten Dingen treibt. Als ein solches verkehrtes Unternehmen müssen wir aus den eben angeführten Gründen denn auch eine kleine Sammlung bezeichnen, welche unlängst unter dem Titel: „Blömings un Blomen ut frömden Gorden. Oewerdragen von Eduard Hohein bei Schotte & Comp. in Berlin erschienen ist. Dieselbe enthält Übersetzungen und Bearbeitungen teils aus dem Hochdeutschen, teils aus süddeutschen Dialekten, dies Letztere in der Tat eine Verballhornisierung sozusagen der zweiten Potenz. Der Übersetzer freilich scheint keine Ahnung davon gehabt zu haben, im Gegenteil, er meint, ein löbliches Wer vollbracht und den Beweis geliefert zu haben, dass (wie es im Vorwort heißt) „das Plattdeutsche dem ausgebildeten Hochdeutsch gegenüber voller Wohllaut und treffender Kürze, voll eigentümlicher Naivität und Frische, voller Wärme und Innigkeit, voller Witz und unverwüstlicher Heiterkeit ist“. Aber um des Himmels willen, wer leugnet denn das alles? Der Kanarievogel singt auch sehr angenehm und doch wäre es ein unleidlicher Ungeschmack, wenn man ihm z. B. den langgezogenen Schlag der Nachtigall angewöhnen wollte. Es kommt dazu, dass der Verfasser in der Auswahl der von ihm übertragenen Stücke nichts weniger als glücklich gewesen ist; so hat er beispielsweise den ganzen Zyklus der Wilhelm Müller’schen[b] „Müllerlieder“ unter dem Titel: „De smuke Müllersdochter“ bearbeitet, eine Dichtung also voll echt hochdeutscher Sentimentalität und einer nichts weniger als weniger als volkstümlichen Dialektik der Empfindungen, die sich daher auch im plattdeutschen Gewande höchst verwunderlich ausnimmt, ungefähr wie die geschminkten Schäfer und Schäferinnen, denen man ehedem auf unsern Maskenbällen begegnete. Außerdem stoßen wir auf Gedichte von[b] E. M. Arndt, Goethe, Hebel, Holtei, von Klesheim, Kobell, Chamisso etc.; doch gilt von den meisten das eben Gesagte und können wir das ganze Unternehmen nur wiederholt als ein übel angebrachtes Experiment bezeichnen.

Auch an den „Plattdeutschen Gedichten in bremischer Mundart nebst einer Sammlung Sprichwörter und Redeweisen. Von Marie Mindermann“ (Bremen, Geisler) würde die plattdeutsche Literatur keinen erheblichen Verlust erlitten haben, falls sie ungedruckt geblieben wären. Um plattdeutsch zu dichten, muss man vor allem ein Dichter sein, der poetische Kreis aber, den die Verfasserin beherrscht, ist weder besonders groß noch besonders fruchtbar. Namentlich fehlt ihr das Talent der epischen Darstellung und auch die Rhetorik, die sie in einzelnen betrachtenden Gedichten entwickelt, wie z. B. in „De best Schillersier“ (S. 57), ist ziemlich hohl, selbst wenn man ganz absehen wollte von dem Missgriff, der darin liegt, dergleichen Gegenstände in plattdeutscher Sprache zu behandeln. Dagegen sind einzelne kleinere Gedichte aus dem Kreise des Hauses und des Familienlebens recht gelungen. Hier hat die Verfasserin festen Boden unter sich, hier dichtet sie nichts, was sie nicht selbst empfunden hat und auch die Treuherzigkeit und Naivität der Sprache harmoniert aufs glücklichste mit der Einfalt und Treuherzigkeit der Empfindungen, welche sie hier ausspricht. Auch die angehängte Sammlung von „Sprichwörtern und Redeweisen“ ist recht dankenswert und bietet sowohl dem Sprachforscher wie namentlich dem Kulturhistoriker manches Neue und Interessante.

Ein recht lesenswertes Schriftchen hat ferner H. Eschenhagen, der Herausgeber des auch in dieser Zeitschrift (Jahrgang 1860, II, S. 35) besprochenen „Album plattdeutscher Gedichte“ unter dem Titel: „Zur plattdeutschen Sprache und deren Literaturbewegung“ (Berlin, Schotte & Comp.) veröffentlicht. Namentlich gilt dies Urteil von der zweiten Hälfte des Schriftchens, in welcher der Verfasser einen kurzen Überblick über die vorzüglichsten plattdeutschen Dichter der Gegenwart liefert. Den Reigen eröffnet Johann Heinrich Voß, von dem bekanntlich verschiedene plattdeutsche Idyllen herstammen, die noch jetzt zu den Mustern ihrer Gattung gehören. Dann folgt der Rostocker Babst (geboren 1741), dessen „Allerhandt schnaaksche Saken tum Tietvertriew“ etc. selbst der Beachtung eines Goethe nicht entgangen. An ihn schließt sich der bekannte W. Bornemann, ferner Theodor von Kobbe, dem die köstliche Humoreske „De Wettlop twischen den Hasen und den Swinegel up de Buxdehuder Haide“ zugeschrieben wird (d. h. doch wohl nur der Fassung nach, der Stoff ist uralt und wird, wenn wir nicht irren, bereits von Luther erwähnt). Es folgen dann Klaus Groth, den der Verfasser uns denn aber doch etwas zu hoch zu stellen scheint, Fritz Reuter, John Brinckmann, Johann Meyer, Sophie Dethleffs, Fritz Berling etc. Das Schriftchen ist, besonders in seinem historischen Teil, in einer klaren und einfachen Sprache geschrieben und kann allen Freunden der plattdeutschen Literatur und ihrer Wiedererweckung in unsern Tagen bestens empfohlen werden. R. P.

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