Zur Geschichte des Schlosses zu Schwerin

Autor: Georg Christian Friedrich Lisch (1801-1883), Erscheinungsjahr: 1850
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Geschichte, Schloss Schwerin, schweriner Schloss
Jahrbücher des Vereins für
Mecklenburgische Geschichte und Altertumskunde. Bd. 15, 1850
In unsern Jahrbüchern V, S. 1 flgd., 1840, ist eine Geschichte des Schlosses zu Schwerin mit einem Grundrisse mitgetheilt, welche sich in vielfacher Hinsicht sehr nützlich gezeigt hat. Seitdem ist beinahe das ganze Schloß abgebrochen und großen Theils neu wieder aufgeführt; es ist nur die Kirche G, welcher jedoch auch ein Durch- und Anbau bevorsteht, unberührt und von den Hauptgebäuden A und E, welche in dem aus dem J. 1555 stammenden Renaissance-Style mit Thonreliefs wieder hergestellt sind, nicht viel mehr als die Außenmauer nach der Hofseite stehen geblieben, weil das Mauerwerk sehr hinfällig befunden ward: alles Uebrige ist von Grund aus abgebrochen. Der Neubau schreitet gegenwärtig seiner Vollendung entgegen.

Für den Neubau ward der ganze Grund aufgegraben. Bei dieser Arbeit bin ich mehrere Jahre hindurch fast täglich zugegen gewesen und habe dabei die Geschichte des Schlosses von der ältesten Zeit an genau beobachten können. Nach diesen Erfahrungen läßt sich jetzt die Geschichte des Schlosses nach den Haupt-Perioden der Geschichte in chronologischer Folge ziemlich genau darstellen.

Gefunden ist bei dem ganzen Bau nichts von Bedeutung, etwa mit Ausnahme eines goldenen Armringes von zweifelhaftem Ursprunge. Leider sind sehr wenige Münzen gefunden, und was am meisten zu bedauern ist, keine schweriner Münzen, deren Auffindung zu erwarten stand; die wenigen Münzen, welche gefunden wurden, sind alle aus neuerer Zeit und völlig werthlos.

Dagegen wurden für die Geschichte bei den Aufgrabungen sehr wertvolle Entdeckungen gemacht. Das Schloß steht auf einer kleinen Insel zwischen dem großen und dem Burg-See und ist auf einem nicht hohen, schon dem äußern Ansehen nach aufgeschütteten Burgwalle aufgeführt. Die Beobachtung der Aufschüttung und die zu erwartende Bestätigung der Vermuthungen erregte daher die größte Theilnahme.

1) Die Grundlage des Burgwalles ist eine natürliche Insel. Man war einige Male genöthigt, mit den Aufgrabungen bis unter den Wasserspiegel des Sees hinunterzugehen und konnte dabei die Bildung genau wahrnehmen. Der Urboden unter dem Seespiegel besteht aus Sand; auf demselben liegt im Seespiegel eine Schicht Kalk, auf welchem eine Schicht Torferde liegt, die jedoch sehr zusammengedrückt war. Dies ist die Bildung des westlichen Ufers des schweriner Sees bis zu den Höhen der zickhuser Forst, welche sich namentlich bei der Anlegung des Paulsdammes durch den großen See am Werder entlang durch das wickendorfer Moor deutlich zeigte. Es unterliegt also keinem Zweifel, daß das Schloß auf einer natürlichen Insel steht.

2) Diese Insel war schon in den aller ältesten Zeiten, in der dunklen Hünenzeit, bewohnt. Bei den erwähnten einzelnen Aufgrabungen fanden sich auf der Torfdecke der Insel mehrere Dolche aus Feuerstein, von der bekannten künstlichen Arbeit der Steinperiode.

3) Aus der darauf folgenden Bronze-Periode ward nichts gefunden, wenigstens nichts, was man mit Bestimmtheit derselben zuschreiben könnte. Vielleicht gehört dahin aber ein goldener Armring von reinem Golde, wie es in den Kegelgräbern gefunden wird; jedoch ist die Form ganz eigenthümlich und läßt sich nicht durch Vergleichungen erklären. Der Ring ist von Goldblech, rund, als wäre das Blech um einen dicken Drath gelegt, offen und an einem Ende mit einem kleinen, aufrecht stehenden Hahn verziert; am andern Ende ist die Verzierung abgebrochen. Es ist jedoch auch möglich und wahrscheinlich, daß dieser Ring der Grafenzeit angehört; leider ließ es sich nicht ermitteln, in welcher Schicht des Burgwalles er gefunden ward.

4) Die Wendenzeit war dagegen klar zu erkennen. Schwerin war schon in den ältesten Zeiten eine Burg der Obotriten-Könige. Thietmar erzählt, im J. 1018 hätten die Leutizen (oder Wilzen, im Stargardischen und Vorpommern) den König Mistislav d. ä. überfallen und in seine Burg Zuerin gedrängt. Bekannt ist es, daß Niclot im J. 1160 seine Festen Schwerin, Meklenburg, Dobin und Ilow, die er erst kurz vorher befestigt hatte, vor den andrängenden Sachsen in Brand steckte und sich nach Werle zurückzog, wo er den Heldentod fand. -

Die wendischen Festen waren Erdwälle, welche in Wasser oder Sumpf aufgeschüttet waren: so auch zu Schwerin. Auf der natürlichen Insel war ein Wall aus Erde von verschiedener Art, etwa bis zur Hälfte der Höhe des jetzigen Walles, vom Wasserspiegel bis zum Steindamme des Schloßhofes, aufgeschüttet. Auf diesem Erdwalle lagen zahllose Scherben von Töpfen aus der Wendenzeit, von derselben, mit Granitgrus durchkneteten Masse und mit ganz denselben wellenförmig eingekratzten Verzierungen, wie sie auf allen wendischen Burgwällen, z. B. Meklenburg, Dobin, Ilow, Werle u. s. w., in zahlloser Menge liegen und welche das unzweifelhafte Kennzeichen der letzten wendischen Jahrhunderte sind. In dieser und der nächstfolgenden mittelalterlichen Schicht wurden auch so viele Thierknochen gefunden, daß sie gesammelt wurden und einen Nebengewinn für sämmtliche Arbeiter abwarfen. Zuerst wollten sich diese Scherben nicht erkennen lassen; die nächst folgende Schicht enthielt große Massen von Holzmoder, welcher den obern Theil der darunter liegenden Schicht durchdrungen und alles in derselben gleichmäßig schwarz gefärbt hatte. Als aber ein Theil ausgebracht und vom Regen durchspült und darauf ausgefroren war, lagen die bekannten Topfscherben in der gewöhnlichen Menge zu Tage; nun ließ sich die Scherbenschicht auf dem wendischen Erdwalle fortwährend deutlich verfolgen.

5) Auf diesem wendischen Burgwalle stand, eben so hoch als dieser Erdwall, die Erhöhung des Burgwalles aus der Grafenzeit. Diese Erhöhung war ganz eigenthümlich: sie bestand nämlich aus horizontal aufgeschichteten, dünnen Baumstämmen („Schleten“), auf denen die alten Gebäude ohne besonders starke Fundamente aufgeführt waren. Die Stämme waren von sehr verschiedenen Holzarten; vorherrschend waren Ellern und Eichen. Das weiche Holz war zu einem schwarzen, fetten Moder vergangen, der mit dem Spaten leicht ausgestochen werden konnte; das Eichenholz aber war eisenhart und von dem Moder durch und durch kohlschwarz gefärbt, so daß es, gedrechselt und polirt, zu trefflichen kleinen Mobilien, Thürgriffen u. dgl. verwandt werden kann. Diese Methode, auf horizontal liegenden „Schleten“ zu bauen, statt auf senkrecht eingerammten Pfählen oder tiefen Steinfundamenten, war im Mittelalter wohl nicht selten. So heißt es in Johann Berckmann’s Stralsundischer Chronik, herausgegeben von Mohnicke und Zober, S. 186: „Jm suluen jahre (1446) do leeth herr Euerdt van Hudessen den runden thorne buwen by dem buten-thorne vnd ock dat Küterdore binnen der mure, wente de gantze Franckenmuhre de steidt vp ellern schlete twers (queer) vndergestrecket.“ – Unmittelbar auf diesen Hölzern lagen an vielen Stellen auf dem Schloßhofe in einer Erdschicht unzählige Scherben, von den bekannten festgebrannten, blaugrauen Töpfen und weißgelben Krügen aus dem Mittelalter. Ueber diesen Topfscherben lag eine Schicht von verschiedener Erde und Schutt, einige Fuß dick, in welcher sich auch hin und wieder einige Steindämme über einander fanden; diese Schicht war wahrscheinlich allmählig, namentlich bei den Bauten in der zweiten Hälfte des 16. Jahrh., entstanden, da ihre Oberfläche zu den Pforten der Gebäude aus dieser Zeit stimmte, ist jedoch bei dem gegenwärtigen Bau wieder abgetragen, da der Schloßhof wegen der wieder eingerichteten Durchfahrt niedriger gelegt ist.

6) Als mittelalterliche Gebäude aus dem Ende des 15. oder dem Anfange des 16. Jahrhunderts, aus der ersten Herzogszeit, zeigten sich das Zeughaus B und das daran stoßende Brau- und Backhaus rechts an der Auffahrt. Der Giebel des Zeughauses zeigte, nachdem das Brau- und Backhaus weggebrochen war, 5 hohe und schmale spitzbogige Nischen. Dieses Gebäude hatte fast gar kein Fundament; es lagen unter dem Mauerwerk nur wenige Steine auf den „Schleten“. Es bestätigte sich also, daß der Herzog Johann Albrecht dieses Gebäude im J. 1553 nur restauriren ließ. Auch das Brau- und Backhaus hatte noch mehrere Thüren und Fenster im weiten Spitzbogenstyl des 15. Jahrhunderts.

Als am 26. Mai 1843 die beiden Glocken vom Schloßthurme herunter genommen wurden, fand es sich, daß beide alt waren:

Die kleinere Glocke hat um den Helm die Inschrift (ohne Puncte):

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Auf dem Mantel steht in erhabenen Linearumrissen an einer Seite Maria, an der entgegengesetzten Seite Johannes der Evangelist. Diese Glocke mag die Zeit eines frühern Capellenbaues bezeichnen.

Die größere Glocke hat um den Helm die Inschrift (mit Lilien statt der Punkte):

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Darunter steht auf dem Mantel mit kleinerer Schrift:

Diese Glocke ist ohne Zweifel für die vom Herzoge Heinrich neu erbauete Schloßkapelle (Jahrb. V, S. 48) gegossen, welche im J. 1507 geweihet ward und im J. 1508 die neue Orgel erhielt. Der Glockengießer Heinrich von Kampen lebte sicher 1507-1517 als Stück- und Glockengießer zu Gadebusch (vgl. Jahresber. III, S. 194); im J. 1508 goß er auch eine Glocke für die Kirche zu Klütz (vgl. Jahresber. VIII, S. 142).

Vor dem „neuen Hause Herzogs Heinrich“ oder dem „Hause mit der Schloßuhr“ D, also an der Stelle, an welcher früher die Schloßkapelle stand, der jetzigen Schloßkirche und der hintern Schloßbrücke gegenüber, lag in dem Walle eine starke Brandschicht an dem Gebäude.

7) Die Hauptgebäude, „das lange Haus“ A. 1., und das „Bischofshaus“ A. 2. der Herzoge Magnus und Ulrich, welche der Herzog Johann Albrecht restauriren und mit Thonreliefs im Renaissance-Style verzieren ließ, ebenso die von Johann Baptista Parr unter dem Herzoge Johann Albrecht I. aufgeführten „Gebäude über der Schloßküche“ E. 1. und 2. zeigten sich nur sehr leicht gebauet und mußten zum großen Theile abgetragen werden.

Das beste Gebäude von diesen war das „Bischofs-Haus“ A. 2; es zeigte sich beim Abbruche der angrenzenden Mauern als ein eigener mit den andern nicht zusammenhangendes und als das tüchtigste Gebäude im ganzen Schlosse, und hat zum größern Theile erhalten werden können. Nachdem der im J. 1651 vorgebauete verdeckte Gang abgebrochen war, war der Zugang klar zu übersehen. In das Gebäude führte eine enge, mit Thon-Reliefs verzierte Pforte, über welcher folgende bis dahin vermauert gewesene Inschrift stand:

TERRA DOMVS NON EST
ANIMIS ACCOMMODA NOSTRIS
ALTIVS IT NOSTRAE
CONDITIONIS HONOR.


Durch die Pforte trat man in eine gewölbte Halle, welche in den letzten Jahrhunderten als Speisekammer benutzt war. Im Kellerraume war es gegen den Wall hin mit zwei Spitzbogen geöffnet, welche zu den Fundamenten eines Gebäudes führten, auf denen später das Badehaus H. 5., in neuern Zeiten zur Conditorei eingerichtet, aufgeführt ward. An diesem Bischofshause entlang, von dem Burgverließe unter der ehemaligen Bleikammer (welches erhalten und in die Souterrains des neuen Baues aufgenommen ist) schloßgartenwärts vor dem Badehause entlang, vorzüglich da, wo jetzt der große, neue Schloßthurm seewärts steht, lag dicht an den Mauern eine Brandschicht, welche tief hinab ging. In dieser Brandschicht fanden sich viele zerbrochene, grün oder gelb glasurte Ofenkacheln mit sehr guten Reliefs, auch vielen Portraits, z. B. des Kaisers Carl V, des Kurfürsten Johann Friederich von Sachsen und anderer Zeitgenossen derselben, aus der ersten Hälfte des 16. Jahrh. In der Nähe waren die Befestigungsmauern gesprengt und die Gewölbe in den Souterrains eingestürzt. Es ist also wahrscheinlich, daß das ganze alte Gebäude an der Stelle des Bischofshauses abbrannte und bei dem Neubau die Grundmauern sowohl des Bischofshauses, als des Badehauses stehen blieben.

In einem gemauerten Abzugs-Kanale fanden sich viele große steinerne Kugeln.

Zu den neuen Bauten des Herzogs Johann Albrecht wurden viele alte Bau-Materialien verwandt (vgl. Jahrb. V, S. 50), namentlich von abgebrochenen Kirchen- und Klostergebäuden, welche jetzt zum dritten Male vermauert sind.

Auf dem Fundamente eines pfeilerartigen Thurmes (Aborts), welcher an dem neuen Gebäude des Herzogs Johann Albrecht I., der Schloßgartenbrücke gegenüber stand, lag ein großer, sehr verwitterter und in mehrere Stücke zersprungener Leichenstein mit folgender Inschrift:

Mit dem Worte [d]eis[/d] hört die Inschrift auf und das übrige Ende der langen Seite des Steines ist leer; auch hatte der Stein kein Bild im innern Raume. Am 15. März 1471 kommt in einer Urkunde „Johannes Hane sacre theologiae licenciatus facultatisque artium decanus“ vor.

Zum Bau des Schlosses in der zweiten Hälfte des 16. Jahrh. wurden viele alte Leichensteine verwandt; so steht z. B. das Portal der Schloßkirche (Jahresber. II, S. 122) und der Altar in derselben Kirche (Jahresber. V, S. 125) auf Leichensteinen; eben so steht ein Gewölbepfeiler des Kellers unter der Schloßkirche auf einem Leichensteine, auf welchem jedoch nur die Jahreszahl 1401 zu erkennen ist.

Der vorstehend beschriebene, so wie die Leichensteine am Altare stammen aus Rostock.

8) Die Grundarbeiten des Baumeisters Gert Evert Piloot aus dem J. 1617 zu dem damals beabsichtigten großen, neuen Schloßbau zeigten sich durchweg als sehr tüchtig; wenn es passend war, so konnten Pfahlwerke und Grundwerke von Piloot ohne Bedenken benutzt werden, während die Werke der übrigen Baumeister selten einen Aufbau zuließen.




So läßt sich denn die uralte Geschichte des Schlosses jetzt klar übersehen und den übrigen geschichtlichen Begebenheiten des Landes zum Grunde legen.

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Schwerin (Meckl.), Großherzogl. Schloss 1918

Schwerin (Meckl.), Großherzogl. Schloss 1918

Schwerin (Meckl.), Großherzogl. Schloss vom Marstallgarten

Schwerin (Meckl.), Großherzogl. Schloss vom Marstallgarten

Schwerin (Meckl.), Burggarten

Schwerin (Meckl.), Burggarten

Schwerin (Meckl.), Schlossbrücke, Hoftheater und Museum 1917

Schwerin (Meckl.), Schlossbrücke, Hoftheater und Museum 1917