Zur Geschichte der Oper in Deutschland.

Englische Komödianten in Deutschland
Autor: Chrysander, Friedrich Dr. (1826-1901) deutscher Musikwissenschaftler und Herausgeber der Werke Georg Friedrich Händels. Studierte und promovierte an der Universität Rostock., Erscheinungsjahr: 1855
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Kunst, Kultur, Musik, Geschichte der Oper, Mecklenburg, Rostock, Komödianten, Chrysander
Aus: „Musik und Theater in Mecklenburg“ von Friedrich Chrysander. Nr. 2 dieser Blätter vom 13. Januar 1855

Die Schul-Komödien konnten schon als solche, und besonders in ihrer damaligen Haltung, zu nichts führen; ein lebendiger Keim lag weder in ihnen noch in den Verhältnissen verborgen, sie gerieten nur immer mehr auf dürren Sand oder in die frühere Fastnachts-Unfläterei. Zur selben Zeit vollendete sich aber das Drama in England unter der Königin Elisabeth durch Shakespeare und seine Genossen, vollendete sich, kann man sagen, eben sowohl für Deutschland, wie für England, obwohl den Engländern der Ruhm und der Stolz bleiben; denn so wenig die Franzosen von jeher mit den Shakespeare'schen Wunderwerken anzufangen wussten, so sehr haben wir sie geschätzt, gehegt und gepflegt und uns an ihnen gebildet, schon im siebzehnten Jahrhundert, besonders aber seit Lessing im achtzehnten, wieder im neunzehnten; und so werden sie immerfort ein Segen für uns sein, trotz der herrschend gewordenen törichten Erklärungswut, weil das rein Vollendete stets von heilsamer Wirkung ist.

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Die englischen Komödianten um 1600 kamen aus den Niederlanden nach Deutschland. Aus den Niederlanden war uns schon früher manches dramatische Produkt zugegangen. Niederländische Sänger und Musiker waren um die Mitte des sechszehnten Jahrhunderts und schon früher am brandenburgischen Hofe sehr hoch gehalten, wie sie denn in ganz Europa verbreitet und berühmt waren. Ins Niederländische wurden die englischen Stücke übertragen, hier fassten sie zuerst feste Wurzel.

Dieses alles ist wohl zu bedenken, wenn man vermutungsweise etwas Genaueres über die englischen Komödianten zu Tage fördern will. Man hat sich vielfach den Kopf zerbrochen, was für Leute dies könnten gewesen sein. Sollen wir sie für wirkliche Engländer hallen, oder waren es junge Deutsche vom Comptoir der Hansa in London, oder Abenteurer, oder reisten Liebhaber des Theaters auf Spekulation nach London und kamen mit einem Vorrat von Manuskripten und einstudierten Rollen zurück? so fragt Tieck. Es verhält sich doch wohl viel einfacher. Darüber zunächst dürfte kaum noch ein Zweifel sein, dass es wirklich Engländer waren; die Gesamt-Benennung, wie die einzelnen Namen deuten allenthalben darauf hin. Die jetzt Statt findenden Forschungen eines Engländers, welche beweisen wollen, dass auch Shakespeare selbst unter diesen sich befunden, haben in so weit wohl nur als Kuriosität Wert. Hagen sagt: „Es waren wohl nicht Deutsche, die das Englische, sondern Engländer, die das Deutsche verstanden und in den englischen Handels-Compagnien in den Niederlanden und in Deutschland anfänglich ein Unterkommen gefunden.“ Hiermit wird man einverstanden sein können; mit dem Folgenden weniger: „Zur eigenen Unterhaltung, so lässt es sich annehmen, führten sie vor ihren Landsleuten die Schauspiele im Auslande auf, die in London ein allgemein begeisterndes Interesse erregten. Bei der Neuheit der Vorstellungen wird die Zuhörerzahl sich durch Fremde vergrößert haben und die Spielenden sich veranlasst gesehen, es mit einer Übersetzung zu versuchen. Ward ihnen Beifall zu Teil, so drängte sich ihnen gewiss bald der Gedanke auf, aus dem Spiele Gewinn zu ziehen, eine Wander-Truppe zu bilden und als fahrende Schüler dem Glücke und ihrer Kunst zu vertrauen.“ X., 270. Diese Wahrscheinlichkeitsrechnung stimmt nicht mit den wirklichen Verhältnissen, nicht mit denen der damaligen Schauspieler in England, noch mit denen der hier in Deutschland auftretenden.

In England lebten damals sehr viele Männer (Frauen spielten noch nicht), welche die Schauspielkunst als Gewebe trieben; sehr wohl konnte daher Manchem der Gedanke kommen, es mit einer Kunst, die augenscheinlich der aller übrigen Nationen weit voraus war, zunächst in den Niederlanden zu versuchen. „Die englischen Komödianten betrieben Musik und Tanz wohl nur nebensächlich“, sagt Hagen. Den Tanz vielleicht, aber die Musik gewiss nicht; denn die am brandenburgischen Hofe in Dienst stehende Gesellschaft bestand aus „19 Personen Komödianten und 16 Personen Musikanten (Sänger und Instrumentisten)“, und überall heben sie ausdrücklich ihre musikalischen Leistungen mit hervor, auch schon früher, wo die reisende Gesellschaft doch wohl etwas kleiner war. Auffallend bleibt diese bis dahin in Deutschland sicherlich unerhörte Verbindung so vieler Schauspieler und Musikanten. Aber die Tatsache ist nicht wegzuleugnen, und sie gibt vielleicht einen besseren Fingerzeig, als die bisherigen Vermutungen. Es möchte nicht unwahrscheinlich sein, dass unter den Musikern sich viele Niederländer befanden, ja, dass die sehr weit und vollendet ausgebildete musikalische Kunst der letzteren tonangebend war in ihren musikalischen Vorträgen, wie die englischen Stücke in ihren dramatischen; dass also die englischen Schauspieler in einer anderen Verfassung aus den Niederlanden nach Deutschland gegangen sind, als die war, in welcher sie von England dorthin kamen. Der Kürze wegen übergehe ich Anderes, was noch für diese Vereinigung keineswegs der besten, aber reiselustigen und gewinnsüchtigen Künstler zweier Nationen sprechen könnte, da die Meinung klar ist und hoffentlich auf den gegebenen Verhältnissen sich gründet*).

Diese Gesellschaft genoss, vornehmlich zuerst, eines großen Ansehens; „der Magistrat der Städte kam ihnen sogar feierlich entgegen“ (Tieck). In Mecklenburg waren sie 1606, und zwar in Rostock; denn ihre Bitte an den Rat um ein Zeugnis ihres Wohlverhaltens daselbst hat sich aufgefunden (Bärensprung 11 —12). Ein E. Rath, sagen sie, hat es „grossgunstiglich geduldett“, dass [/i]„wir vnserm geringem vormugen vnd Kunst nach, mitt vnser Music auch geistlichenn vndt weltlichenn Historien, commedienn vnd tragedienn, gemeiner Stadt dienen mugen“[/i] u. s. w. Das Zeugnis wird erbeten, „weil wir vns ie ohne ruhm zumelden auch allhie still vnd eingezogenn verhaltten, auch nicht anders dan was leiblich [d. i. lieblich] vnd woll anzusehenn vnd zuhören gewesen, agirt vnd musicirt.“ Unterschrieben: „Rostogk denn 31. Marty 1606. E. E. vnd hw. gehorsame, Marggrefen von Brondenborgk Diener Engelsche Commedianten.“

*) Bestimmter wird man erst dann hierüber zu urteilen vermögen, wenn entscheidendere Urkunden aufgefunden sind. Die bisher unbekannten Aktenstücke Über englische Musikanten in Güstrow (im hiesigen Großherzogl. Geh. Archiv) kommen später zur Veröffentlichung.

Von Shakespeares Dichtungen sind schon durch diese Gesellschaften in Deutschland Hamlet, Romeo und Julie und andere aufgeführt. Nach späteren Übertragungen führt Hagen einige artige Sprachproben an, z. B. von Polonius, als er die Komödianten ankündigt: „Da Marius Roscius ein Komödiant war zu Rom, was war da für eine schöne Zeit!“ Hamlet (bald darauf): „O Jephta, Jepbta, was hast du für ein schönes Töchterlein!“ — Romeo: „ Sie vergönne doch einem schamhaften Pilgram dero Hand zu küssen.“ Julia: „Guter Pilgram, ihr entheiligt euch nicht; denn solche Bilder, wie ich, haben Hände zum Fühlen und Lippen zum Küssen.“ Romeo: „Die Kühnheit entschuldigt mich dann —und nun bin ich aller Sünden los.“ Julia: „Wie— so bab' ich eure Sünden empfangen?“ Das Meiste aber ist in rohe, unbeholfene Sprache übertragen. Unter dem Titel „englische“ Komödien und Tragödien erschien zuerst 1620, dann in neuer Auflage 1624 als erster Teil, und der zweite 1630, eine Sammlung Dramen in deutscher Sprache. „Die Bezeichnung dieser Stücke als englische ist offenbar nur Spekulation. Nicht, dass nicht eine Reihe derselben, namentlich im ersten Teile, auf englischen Quellen ruhte, allein doch nicht anders als einige Stücke von Ayrer (einem damaligen Dramatiker) auch; im zweiten Teile ist des Englischen sehr weniges; da ist Tassos Amyntas und eine dramatisierte Novelle aus dem Don Quixote eingegangen, und im ersten Teile hat Sidonia und Theagenes ganz sichtbar eine lateinische Grundlage, deren überhaupt viele als gemeinsame Quellen der europäischen Bühnenstücke jener Zeiten vorausgesetzt werden müssen.“ Gervinus d. Dichtung III., 122.

Die englische Gesellschaft, die „ersten Schauspieler von Gewerbe“ (Gerv. III., 105), wirkte für die theatralische Kunst in Deutschland noch dadurch, dass sie Inländer anreizte, sich auch zu so einer wandernden Truppe zu „formieren“, während bis dahin die Bürger (die Zünfte) und die Schulen die Aufführungen in Händen hatten, an einen Umzug desselben Personals von einem Orte zum anderen daher nicht zu denken war. Solche deutsche „Banden“ mit ihrem „Komödianten-Meister“, besonders im achtzehnten Jahrhundert zahlreich, kamen schon im siebzehnten auch nach Mecklenburg, wie wir aus dürren Notizen wissen. Der Zustand damaligen Geschmacks wird einiger Maßen deutlich, wenn man liest, dass der auch als Kirchenlieder-Dichter berühmte Prediger Rist (Mitte des siebzehnten Jahrhunderts in Hamburg) seine Judith von Leinwebern aufführen ließ, wo die Heldin einem lebenden Kalbe den Kopf absäbelte; das Kalb aber sollte Holofernes im Bette vorstellen! Von 1500—1700 ist an deutschen Dramen nichts entstanden, was sich im Bewusstsein der Nation erhalten hätte, und ein alter Schulmeister in Dessau (um 1550) hegte zu große Hoffnungen, wenn er meinte, ein „Fünklein der Kunst werde unter der Asche in den Spielen der Schule bewahrt werden“, oder es war ein erlöschender Funken; — das wenige Gute, welches sich in dieser langen Zeit findet, ist der Kenntnis und Schätzung der Gelehrten allein überlassen.

Erst aus der Fremde kam uns ein sicherer Anstoß zur Kunst, diese fing damit eigentlich erst an; es zog aber auch der Leichtsinn mit dem neuen Leben ein, und wieder und ärger, als je zuvor, erwachte der Hader über die Zulässigkeit, über den Nutzen oder Schaden des Schauspiels, über die Wirksamkeit, über das ewige Leben oder die ewige Verdammnis der Komödianten. Die Engländer brachten die so genannten weltlichen Sachen in allem Reize schönster Natur-Wahrheit; dies fehlte uns bis dahin fast gänzlich, während wir Geistliches, Moralisches und Gelehrtes in Überfluss hatten.

Auch noch von anderer Seite drang Ähnliches auf die Deutschen ein. In der Abblühte der englischen Kunst unmittelbar nach Shakespeare bildete sieb in Italien die Oper, in Frankreich die klassische Tragödie und Komödie aus. Zunächst war es die Oper, welche auf Deutschland einen großen Einfluss ausübte, und zwar schon im siebzehnten Jahrhundert; das französische Drama wirkte dann im folgenden. Deutschland halte zuerst eine musikalische, sodann eine dramatische Periode, jede gesondert für sich, bis beide endlich in Mozart und Schiller gleichzeitig aufs Neue zur Blühte gelangten.
Chrysander, Friedrich Dr. (1826-1901) deutscher Musikwissenschaftler und Herausgeber der Werke Georg Friedrich Händels. Studierte und promovierte an der Universität Rostock.

Chrysander, Friedrich Dr. (1826-1901) deutscher Musikwissenschaftler und Herausgeber der Werke Georg Friedrich Händels. Studierte und promovierte an der Universität Rostock.

Shakespeare, William (1564-1616) englischer Dramatiker, Schauspieler, Lyriker

Shakespeare, William (1564-1616) englischer Dramatiker, Schauspieler, Lyriker