Zur 50jährigen Jubelfeier von Neu-Vor-Pommern - Rezensionen

Aus: Zeitschrift für Preußische Geschichte und Landeskunde. Band 3
Autor: Bohlen, Julius Freiherrn von (1820-1882) deutscher Gutsbesitzer, Politiker und Geschichtsforscher, Erscheinungsjahr: 1866
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Pommern, 30jähriger Krieg, Wallenstein, Gustav Adolf, Schwedenzeit, Kurfürst von Brandenburg, Landwirtschaft, Wirtschaftserträge,
1. Die Erwerbung Pommerns durch die Hohenzollern. Zur Erinnerung an die vor fünfzig Jahren erfolgte Wiedervereinigung des ganzen Pommern unter die Herrschaft seines erlauchten Königshauses. Von Julius Freiherrn von Bohlen, Erbherrn auf Bohlendorf, E.-R. des St. Johanniter Ordens. Berlin, Verlag der Königl. Geh. Ober-Hofbuchdruckerei (R. v. Decker) Lex. 8° VIII. u. 183 S.

2. Beiträge zur Kunde Neu-Vor-Pommerns und Rügens vor fünfzig Jahren und jetzt. Von Graf von Krassow (Kgl. Regierungs-Präsident in Stralsund, Erbherr der Porsevitzer Güter auf Rügen und der Divitzer Güter in Pommern, Commendator des St. Johanniter-Ordens). — Zum Besten der „König Wilhelms-Stiftung“. Greifswald, Ludwig Bamberg. 8° VIII. 67 S. u. 3 Tab.

3. Über einige Gedichte der Sybilla Schwarz. Zur Jubelfeier der Vereinigung Neu-Vor-Pommerns und Rügens mit der Preußischen Monarchie. Dargebracht von der Gesellschaft für Pommersche Geschichte und Altertumskunde. Stettin, 1865. Druck von F. Hessenland. 4° I. u. 24 S. Verf. (Prof. Dr. L. Giesebrecht.)

4. Der Fensterschmuck der Wallfahrtskirche zu Lech in Neu-Vor-Pommern. Eine Festschrift zur Jubelfeier der fünfzigjährigen Vereinigung Neu-Vor-Pommerns und Rügens mit dem Preußischen Staate von Carl v. Rosen. Stralsund, 1865. Verlag von C. Hingst. 8° I. u. 28 S.

5. Die Vereinigung des ehemaligen schwedischen Pommerns und Rügens mit dem Preußischen Staate von Ernst Zober. Zum Besten der „König Wilhelms - Stiftung.“ Stralsund, 1865. Verlag von C. Hingst. 32°.

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Der dreißigjährige Krieg hat kaum auf ein anderes deutsches Land so nachhaltige Folgen gehabt wie auf, das Herzogtum Pommern. — Bis dahin hatte es unter eigenen Fürsten — den Herzogen von Pommern — in hohem Wohlstande geblüht und eine bedeutende ehrenvolle Stellung im heiligen Römischen Reiche deutscher Nation eingenommen. — Während der Dauer des Krieges starb der uralte Fürstenstamm des Landes aus und trotz des bestehenden Staatsrechtes, welches die Erbfolge der Kurfürsten von Brandenburg zu sichern schien, ward das Land dennoch geteilt. Der wertvollste Teil ward Fremden zur Beute, der Rest gelangte in die Hände des rechtmäßigen Erben. Ein kurzer Rückblick auf die tatsächlichen Verhältnisse wird das erläutern.

Fast ein Jahrzentlang nach Ausbruch des entsetzlichen Krieges blieb Pommern, teils durch die Weisheit seiner Fürsten, teils auch wohl durch seine geographische Lage geschützt, von der Not desselben verschont. Erst im Jahre 1627 ward in der perfiden Weise der Zeit ein großer Teil des Wallensteinischen Heeres in Pommern einquartiert und so im tiefen Frieden die Schrecken des Krieges über das arme Land gebracht. Stralsund, damals eine der mächtigsten deutschen Städte, weigerte sich, die Einquartierung aufzunehmen; in Folge hiervon fand die berühmte Belagerung der Stadt durch die Wallensteinischen Völker unter Arnim im Jahre 1628 statt; besonders durch die Hilfe des Königs Gustav Adolf von Schweden gelang es der Stadt, sich zu behaupten. — Laut ward diese Hilfe Gustav Adolfs als Resultat des reinsten Glaubenseifers gepriesen, der die Augen der ganzen antikaiserlichen Partei auf ihn gezogen. Dass er sich inzwischen in militärischer Hinsicht, im ganzen Sinn des Wortes zum Herrn der Stadt machte, ward nur als eine Äußerung dieses Eifers angesehen und aufgefasst. Nur so lange die Kaiserlichen das Land besetzt halten würden, solle diese Okkupation dauern, hieß es. In der Tat dachte aber Gustav Adolf hieran gar nicht. So weit dies seine ärmlichen Mittel und sein, diesen Mitteln angemessener Kredit erlaubten, traf er vielmehr Vorbereitungen zu einem weitaufsehenden Einfall in Deutschland. Als in der ersten Hälfte des Jahres 1630 ein bedeutender Teil des kaiserlichen Heeres aus Pommern zurückgezogen ward, um anderweitig verwendet zu werden, hielt der König von Schweden den Augenblick für gekommen, seine weit aufsehenden Pläne zu realisieren. Es ist nicht die Absicht, die militärischen Erfolge des Königs, das Resultat seines unzweifelhaft sehr großen Genies und seines rastlosen Eifers, zu erörtern, nur seine Pläne, welche dauernde Erwerbung deutscher Lande bezweckten, wollen wir hier andeuten, und diese haben die Seele des Königs erfüllt, bevor er den Fuß auf deutschen Boden gesetzt, und in der ihm eigenen unermüdlichen, schlauen und rücksichtslosen Weise hat er sie von diesem Moment an verfolgt. Das Herzogtum Pommern kommt hier zunächst in Betracht. Hier regierte der Herzog Bogislav XIV., ein bejahrter kinderloser Herr, als der letzte seines Stammes. Durch alte Verträge war für den Fall des Erlöschens desselben dem Kurfürsten von Brandenburg die Erbfolge gesichert und ihm als„Sukzessor“ von den Ständen Pommerns gehuldigt worden Als das Gericht erscholl, Gustav Adolf beabsichtige an der Pommerschen Küste in Deutschland einzufallen, ordnete der Herzog eine Gesandtschaft an ihn ab, um ihn zu bewegen, diesen Plan aufzugeben. Hierzu war der König aber nicht geneigt. Er schickte die Gesandten nach Stockholm, um dort mit den machtlosen Reichsräten zu verhandeln und ging nach Pommern unter Segel. — Mit seiner ganzen Macht überraschte er, nachdem er an den Odermündungen so gut wie keinen Widerstand gefunden, den Herzog Bogislav XIV. in seiner schlecht befestigten Hauptstadt Stettin, die dieser ihm, „in aufrichtiger teutscher Sincerität“ auf sein königliches Wort trauend, öffnete. Hatte der König sich seht damit begnügt, die Mittel des Landes in ihrem ganzen Umfange für seine Kriegszwecke dienstbar zu machen, so würde sich hiergegen nicht viel sagen lassen. Er ging aber weiter. In dem, dem Herzog Bogislav XIV. abgedrungenen Allianz-Traktat ließ er sich und seinen Sukzessoren in geschraubten, vieldeutigen Worten die Versicherung geben, dass er Pommern so lange in Sequestration behalten solle, bis der Sukzessionspunkt (— der völlig geordnet war —) seine Nichtigkeit erlangt und ihm von dem Sukzessor die Kriegskosten ohne Beschwerde des Landes entrichtet seien. Es ist zweifelhaft, ob der Herzog schließlich seine Einwilligung zu dieser monströsen Zusicherung gegeben, gewiss ist, dass dieselbe von dem zunächst beteiligten Kurfürsten von Brandenburg und den Pommerschen Ständen versagt, und dass nach dem Tode des Königs, als die Sache zur Sprache kam, den sehr bestimmten Behauptungen der Beteiligten gegenüber, man Schwedischer Seits zu nichtssagenden Ausflüchten seine Zuflucht nahm. — Vor der Hand musste Gustav Adolf um die augenblickliche Existenz kämpfen und hierzu hat er Pommern in der rücksichtslosesten Weise ausgebeutet. Unausgesetzt bis zum Tode des Königs musste das von den Kaiserlichen ausgesogene Land hohe Kontributionen und fast unerschwingliche Zölle (divente) zahlen, zu dem Heere des Königs seine Einwohner anwerben und die besten Domainen im Interesse des Königs veräußern lassen. Als der Tod des Königs eine Wendung der Dinge herbeizuführen schien, ließen die direkten Erpressungen etwas nach; der traurige auf der Ereignisse ließ das Land aber wenig Nutzen daraus ziehen.

Am 10. März 1637 starb Herzog Bogislav XIV. und den Verträgen gemäß hätte Kurfürst Georg Wilhelm ihm als Herzog von Pommern in der Regierung folgen müssen. Seit dem Prager Friedensschluss, dem er beigetreten, war sein Verhältnis zu den Schweden aber fast ein feindliches geworden, und da diese alle Plätze in Pommern besetzt hielten, so war vor der Hand nicht daran zu denken, dass dem Recht von der Gewalt das Feld geräumt werde. Ganz so wie früher stand es aber derzeit um die Schweden in Deutschland bekanntlich nicht mehr. Der Sieg von Wittstock, den Bauer im September 1636 erfocht, hatte die Niederlage von Nördlingen und die Folgen derselben nicht gut machen können. Im Frühling des Jahres 1637 war die Lage des Schwedischen Heeres vielmehr eine höchst missliche. Unter diesen Umständen schien der Vorschlag der Pommerschen Stände, dass die Räte des verstorbenen Herzogs die Regierung in früherer Weise fortführen sollten, viel für sich zu haben. Die Schweden waren demselben nicht abgeneigt, aber der Kurfürst Georg Wilhelm versagte seine Zustimmung. Die Besorgnis, dass wenn auch dem Namen nach die Regierung von den Räten geführt werde, die Schweden, welche die Macht in Händen hatten, doch allein den Ausschlag in allen wichtigen Dingen geben würden, bestimmte ihn. — Die gemachten Erfahrungen hatten ihn misstrauisch gemacht. Im Drange der Ereignisse schlossen danach die Stände mit den hinterlassenen Räten ein Übereinkommen, nach welchem sie die Regierung fortan führen sollten — den 9. Mai 1637— und der schwedische Legat in Deutschland, Steno Bielke, obgleich aufgebracht, dass dieser Vertrag abgeschlossen, ohne dass er seine Zustimmung hierzu gegeben, erklärte sich schließlich mit demselben einverstanden. Unterdes waren im Vorsommer des Jahres 1637 die Feindseligkeiten zwischen dem Kurfürsten von Brandenburg und den Schweden ausgebrochen und äußerten sich zunächst in Streifzügen an der Pommersch-Neumärkischen Grenze. Im Juni 1637 brach Bauer — der sich in Mitteldeutschland nicht mehr halten konnte — mit seinem ganzen Heere nach der Seekante — nach Pommern auf und durch Mecklenburg folgte ihm Gallas mit dem kaiserlichen Heere. So wurden diese Länder, Pommern und Mecklenburg, der Schauplatz eines Vernichtungskrieges, der ihr Gedeihen auf Generationen hinaus vernichtet hat. Zunächst nahmen die Ereignisse für die Schweden keine gute Wendung; überall waren sie im Nachteil, ein fester Ort nach dem anderen ging verloren, das Ende ihrer Macht in Deutschland schien in der Tat im Winter 1637/38 gekommen zu sein. Der Kurfürst Georg Wilhelm hielt jetzt die Zeit für gekommen, in die Pommerschen Verhältnisse einzugreifen. Am 27. Februar 1638 hob er in einem sehr scharfen Mandat die Interims-Regierung der hinterlassenen Herzogl. Pomm. Räte in Stettin auf. Mit schwerem Herzen folgten die wackeren Männer, die bis dahin sich im Interesse ihres Vaterlandes bemüht, diesem Befehl. Am 7./17. März 1633 gaben sie den Ständen ihre Ämter auf. Durch diesen Schritt hörte in Pommern zunächst alle Zivilverwaltung und Justizpflege auf und wilde Anarchie trat an deren Stelle; es ist eins der traurigsten Ereignisse, welches die Geschichte der inneren Verhältnisse Pommerns kennt. Im Sommer des Jahres 1638 fing das Kriegsglück wieder an den Schweden günstiger zu sein, das kaiserliche Heer musste Pommern räumen, wo sie jetzt als völlige Herren auftraten. Im Laufe der nächsten Jahre richteten sie den „Zivil- und Justiz-Staat“ wieder ein, von einer Rücksichtnahme auf die Rechte des Landes oder gar des Kurfürsten war hierbei aber nicht die Rede.

Alle Verbindung der Pommerschen Stände mit dem Kurfürsten hörte aber dadurch nicht auf, sie waren nicht gemeint, in diesen Tagen der Not ihren angestammten Herrn aufzugeben, aber leider führten diese Verhandlungen zu keinem günstigen Resultat. Ebenso zeigten die Stände, wo sich eine Gelegenheit dazu bot, den Schweden eine offene, energische und mannhafte Opposition, wenn es galt, für das gute, alte Recht ihres Vaterlandes einzutreten. — Wenn diese Bestrebungen auf den Gang der Ereignisse auch keinen wesentlichen Einfluss gehabt haben, so sind sie doch für die Geschichte der Zeit von hohem Interesse. Die schließlich traurige Wendung der Dinge ist bekannt. Bei den Verhandlungen, die dem Westfälischen Frieden vorausgingen, ward die Teilung Pommerns zwischen dem Kurfürsten von Brandenburg und den Schweden bestimmt. Letztere erhielten ganz Vor-Pommern, den Oderstrom, mit einem der Breite nach nicht genau bestimmten Strich Landes am rechten Ufer des Stromes hinab, und die Städte Damm und Golnow, Ersterer den Rest des Landes. Die vieldeutige Geltung dieser Bestimmungen gab den Schweden indes Anlass, die Verhandlungen über die Räumung Hinter-Pommerns bis zum Jahre 1653 hinauszuschieben. Am 4. Mai 1653 wurde die Ausfertigung der Verträge über die noch streitig gewesenen Punkte von brandenburgischen und schwedischen Kommissaren unterzeichnet. Im folgenden Monat erfolgte dann die Räumung Hinter-Pommerns durch die Schweden und die Besitzergreifung durch den Kurfürsten. Die Trennung des Herzogtums Pommern unter zwei Herrschaften, deren Interesse und Bestreben in jeder Hinsicht verschieden, war vollzogen. Die letzte gemeinsame Handlung beider neuen Landes-Herrschaften war die Beisetzung der Leiche des armen Bogislav XIV. in der Gruft seiner Ahnen am 25. Mai 1654.

Wäre ganz Pommern damals an den Kurfürsten gekommen, so würde dessen politische Stellung schon in der nächstfolgenden Zeit eine wesentlich andere geworden sein. Erst nach langen, schweren Kämpfen konnte wieder erlangt werden, was damals aufgegeben werden musste. Hier soll nur in allgemeinen Umrissen das Schicksal des unter schwedische Herrschaft gelangten Teils von Pommern gedacht werden.

Dem armen Lande ward wenig Zeit gegönnt, sich von den Verwüstungen des Krieges zu erholen. Die Regierung des Königs Carl X. Gustav von Schweden war bekanntlich ein fast ununterbrochener Krieg, dessen Ende er nicht erlebte, unter dem auch Pommern schwer zu leiden hatte; nicht nur ward es selbst wiederholt der Schauplatz des Krieges und wilder barbarischer Verwüstung (durch die Polen), sondern aller Handelsverkehr hörte fast auf. In der auf den Frieden von Oliva folgenden Zeit machte man ernstlich Anstalt, die inneren Verhältnisse des Landes zu ordnen. Eine neu redigierte Regierungsform, eine Bestätigung und neue Redaktion der Landes-Privilegien, sowie der Erlass anderer wichtiger Gesetze war das Ergebnis dieser Bestrebungen. Unterbrochen wurden dieselben aber durch eine große Truppen-Einlagerung schwedischer Völker im Jahre 1666, während des sogenannten Bremischen Krieges, bis ihnen vollends der verderbliche Krieg mit dem großen Kurfürsten in den Jahren 1675—79 völlig ein Ende machte. Veranlasst durch den Einfluss Ludwigs XIV. auf die elende schwedische Regierung, diente er freilich dazu, den Ruhm des großen Kurfürsten in hohem Grade zu mehren (Schlacht bei Fehrbellin - Eroberung Stettins — Übergang nach Rügen — Eroberung Stralsunds) und ihn nach vier glücklichen Feldzügen zum Herrn des Landes zu machen; er verwandelte dieses aber im buchstäblichen Sinn in eine Wüste und schließlich mussten in dem traurigen Frieden von St. Germain en Laye alle Früchte des Krieges aufgegeben, das Land an die Schweden zurückgegeben werden. — Während der bis 1697 dauernden Regierung Carl XI. von Schweden geschah zwar manches für Hebung des gesunkenen Wohlstandes und Ordnung der gänzlich zerrütteten Verhältnisse; die rücksichtslose Weise wie aber in Pommern die Reduktion der meist während der vorhergehenden unruhigen Zeiten veräußerten Domainen durchgeführt ward, die Nichtachtung der Rechte der Stände und die damit zusammenhängende Überbürdung des Landes mit Steuern, sowie eine verderbliche Neigung, für Geld im menschenleeren Lande geworbene Regimenter an auswärtige Mächte, zumeist an die General-Staaten als Auxiliar-Truppen zu überlassen, ließ an kein Gedeihen denken. — Die Regierungszeit König Carls XII. vernichtete dann vollends die wenigen Resultate eines zwanzigjährigen Friedens.

Das Schicksal dieses eigentümlichen Königs ist bekannt, sowie der Gang des nordischen Krieges, der um ihn entbrannte und dessen Ende er nicht erlebte. Bis zur Schlacht von Pultava hatte er dem schwedischen Ruhm neuen Glanz erworben, dort aber mit seinem Heer das Mittel zu neuen Siegen eingebüßt. Er selbst war nach der Türkei gegangen und ward nicht müde, hier abenteuerliche Pläne zu schmieden und Intrigen anzuspinnen, während er seine Lande ihrem Schicksale überließ. In der Tat war dies ein schweres und es gewann oft den Anschein, als ob der König mehr als gleichgültig gegen dasselbe sei. Alle Versuche, seine deutschen Provinzen — namentlich Pommern — den Angriffen seiner Feinde zu entziehen, hatte er starrköpfig von der Hand gewiesen. So wurden denn diese bald der Sitz des Krieges und dadurch ein maßloses Elend über dieselben herbeigeführt, dessen Erinnerung im Volke noch heute (als Moskowiterzeit) lebt. Den König kümmerte das wenig: „Was zagt Ihr doch? Gott und Ich leben ja noch!“ zeichnete er in sein Notizbuch (Fryxel, Lebensgeschichte Carls des Zwölften. Deutsche Übersetzung, II., S.339) und gab allerdings hierdurch einen Sinn zu erkennen, den wir nicht näher bezeichnen wollen, der aber mit seiner Handlungsweise genau übereinstimmt. Die russischen und sächsisch-polnischen Heere, die Schwedisch-Pommern angegriffen, hatten nur durch preußisches Gebiet dies unglückliche Land erreichen können. Als König Friedlich Wilhelm I. im Februar 1713 seinem Vater als König von Preußen folgte, war er nicht gesonnen, sein Land durch einen Krieg, der ihn nichts anging, weiter beschädigen zu lassen. Er schloss mit dem Herzoge Carl Friedrich von Holstein-Gottorp, Schwestersohn und präsumtiver Nachfolger Carl XII., der von dem Könige von Dänemark in seinen holsteinischen Landen angegriffen war und die Hilfe Preußens nachsuchte, einen Vertrag ab, in welchem ihm vom Herzoge, für den Fall er König von Schweden werde, der Besitz von Stettin und Vor-Pommern bis zur Peene zugesichert, für die nächste Zukunft aber eine gemeinschaftliche Besetzung der pommerschen Festungen durch preußische und holsteinische Truppen in Vorschlag gebracht ward. Auch Zar Peter I., der selbst nach Berlin kam, gab seine Einwilligung zu diesem Abkommen. — Da weigerte sich der schwedische General-Gouverneur von Pommern, Baron Joh. Aug. Meyerfeldt fremde Truppen in Stettin aufzunehmen. Erst nachdem die Stadt von Russen und Sachsen belagert, bombardiert und in Folge dessen zum größten Teil eingeäschert worden, erklärte er sich bereit, dieselbe an preußische und holsteinische Truppen zu übergeben, und die nordischen Verbündeten gestatteten dies unter der Bedingung, dass ihnen die Kosten der Belagerung, die sie auf 400.000 Thlr. berechneten, erstattet würden, was König Friedrich Wilhelm übernahm. — Als die Russen am 16. Oktober des Jahres 1713 nach Polen abzogen, war die Ruhe in Vor-Pommern hergestellt. Bei diesem Abkommen hatte man auf die Genehmigung durch Carl XII. gehofft. Aber er war weit davon entfernt, dieselbe zu erteilen. Als er selbst endlich in der Nacht vom 11./22. November 1714 aus der Türkei, nach abenteuerlichem Ritt, bespritzt und weiß von Schnee in Stralsund angelangt war, unterließ König Friedlich Wilhelm nichts, um ihn zur Anerkennung des wegen Stettin getroffenen Abkommens zu bewegen, aber vergebens, er verweigerte dieselbe hartnäckig. Da entschloss der König von Preußen sich zum Kriege gegen Schweden. Am 26. April 1715 ward derselbe förmlich erklärt, die in Stettin stehenden Holsteiner als Schwedenfreunde entwaffnet. Mit Dänen und Sachsen verbündet, rückten die Preußen über die Peene gegen Stralsund vor. Die Eroberung dieser damals wichtigen Festung machte dem Kriege in Pommern im Dezember 1715 ein Ende. Carl XII. war bis zuletzt in der Stadt geblieben und kaum der Gefangenschaft entgangen. Der König von Preußen behielt Pommern bis zur Peene, der Rest von Schwedisch-Pommern mit der Insel Rügen kam vorläufig in den Besitz der Dänen. — Nach dem Tode Carl XII. ward dann im Frieden zu Stockholm (21. Januar 1720) Vor-Pommern mit Stettin für immer an Preußen abgetreten. Die Dänen gaben aber das Land diesseits der Peene mit der Insel Rügen an Schweden zurück. — Sogleich nach Beendigung des Feldzuges gegen die Schweden hatte König Friedrich Wilhelm begonnen, für den so erworbenen Teil von Pommern zu sorgen, es neu zu bebauen und zu bessern, wie es seine Art war. Ganz besonders erfreute Stettin sich seiner Vorsorge. Im eigentlichsten Sinne des Wortes ward er der Wohltäter dieser Stadt. Sie lag fast in Trümmern, als er sie bekam, und man darf nur die Namen der Bauten, die er in derselben ausgeführt oder veranlasst hat, durchgehen, um sich dies recht anschaulich zu machen. Bis kurz vor seinem Tode gestaltete sich sein Aufenthalt in Stettin zu Volksfesten, an denen alle Schichten der Gesellschaft Teil nahmen. In der Geschichte dieses oft so einseitig und schief beurteilten Herrn sollten solche Züge nicht übersehen werden. Bei so viel Wohltaten gewöhnte Vor-Pommern sich leicht an das preußische Wesen und wurde bald ein lebendiges Glied an dem Leibe des jugendlichen Staates, der einem großen Teil des 18. Jahrhunderts Deutschland den Charakter und das Gepräge gab. — Das Schicksal des schwedisch gebliebenen Teils von Pommern gestaltete sich anders.

Es ist bekannt, wie nach dem Tode Carls XII. in Schweden eine ständische Reaktion gegen den Absolutismus, der das Land an den Rand des Verderbens geführt stattfand. Diese Strömung kam auch Schwedisch-Pommern zu Gute. Dass unter Carl XI. und seinem Sohn nicht viel von ständischer Wirksamkeit die Rede sein konnte, versteht sich im Grunde von selbst. Wenn man sich auf wohlhergebrachtes und erworbenes Recht berief, war eine harte, abweisende Antwort, die oft noch in spöttischen, selbst höhnenden Worten abgefasst war, als gewiss anzusehen. Nur wenn es sich um Geldbewilligungen handelte, wurden die Stände berufen, und diese in einer Weise verlangt, die man nur als Zwang bezeichnen kann. Dies sollte jetzt anders werden. Der Landrat Arend Christoph von Bohlen ging, begleitet vom Land-Syndikus Carov, nach Stockholm und erlangte hier nach langer, mühsamer Verhandlung von König Friedrich I. eine Erneuerung und Erweiterung der ständischen Privilegien, die fortan 86 Jahre lang das Fundament wurden, auf welchem die Wohlfahrt des Landes begründet war und gedieh. Die Stände waren in der Tat ein Faktor der Gesetzgebung. Die Initiative derselben ging von der Regierung des Landes aus, deren Mitglieder auf die Verfassung desselben vereidet waren. — So konnte der Wohlstand in den nächsten Dezennien, die auf den nordischen Krieg folgten, sich in erfreulicher Weise entwickeln, und als später das Land von manchen Unglücksfällen, wiederholter Rinderpest, Misswachs, und dem Elend des 7jährigen Krieges heimgesucht ward, erholte es sich doch meist in nicht allzu langer Zeit von denselben. In den letzten Dezennien des 18. und im Beginn des 18. Jahrhunderts stieg der Wohlstand auf eine hohe Stufe. Bis zum Jahre 18006 blieb das Land von Stürmen, welche die europäische Welt seit dem Jahre 1789 erschütterten und eine andere Gestalt und Form gaben, verschont, aber von diesem Zeitpunkt bis zum Jahre 1815 war es der Schauplatz der eigentümlichsten Verhältnisse, die teils durch rücksichtslosen Umsturz der uralten Verfassung und die Folgen desselben für das Land, teils durch eine Kriegführung, die eben so originell als unrühmlich war, veranlasst wurden. Als dann durch vereinte Kraft, zumeist durch die heldenmütige und todeskühne Erhebung Preußens im Jahre 1813, nach tapfersten Kämpfen Deutschland vom französischen Joche frei geworden, war der Zeitpunkt gekommen, in welchem ganz Pommern wieder unter einem Herrscher vereinigt werden sollte. Im Frieden zu Kiel — 14. Januar 1814 — hatte der König von Dänemark Norwegen an Schweden abtreten müssen und sollte hierfür von Schweden mit seinem Anteil von Pommern und der Insel Rügen entschädigt werden. Da sich die Norweger dem Vertrage nicht fügen wollten, kam derselbe nicht sogleich zur Ausführung.

Inzwischen wurden gegen die Abtretung von Schwedisch-Pommern und Rügen auf dem Wiener Kongress sehr erhebliche Bedenken laut, und da Dänemark sich nicht in der Lage befand, dieselben beseitigen zu können so blieb ihm nichts anderes übrig, als sich mit Preußen zu einigen. Der betreffende Traktat ward zu Wien am 4. Juni 1815 abgeschlossen. In demselben verzichtete der König von Dänemark zu Gunsten des Königs von Preußen auf Schwedisch-Pommern und Rügen, und empfing dagegen das Herzogtum Lauenburg — 600.000 Thlr. schwed. Bo. und 2 Millionen Thlr. preuß. Cour. — Wenige Tage später — den 7. Juni — einigte Preußen sich dann noch mit Schweden über die bei der wirklichen Abtretung des Landes noch in Frage kommenden Punkte. Aus dem eroberten Paris erließ König Friedrich Wilhelm III. am 19. September 1815 das Patent, durch welches er Besitz von dem Herzogtum Pommern, dem Fürstentum Rügen und allen dazu gehörigen Dependenzen etc. ergriff. Am 1. Oktober 1815 entband König Carl XIII. die Einwohner des ihm geleisteten Eides der Treue, und demnächst fand der Akt der Übergabe des Landes statt. —

Die Erbhuldigung, welche von der Ritterschaft und dem Adel, geführt von ihrem Sprecher Oberstleutnant und Hofmarschall Grafen Friedrich Bohlen auf Carlsberg, — von Allen, welche ihre Volljährigkeit erreicht, von den übrigen Ständen durch Deputierte geleistet ward, fand am 16. November 1815 in der Nicolaikirche zu Stralsund in feierlicher Weise statt. —

Die meisten der Tatsachen, die in diesem Abriss angeführt, sind der oben unter 1. genannten Schrift „Die Erwerbung Pommerns etc.“ entnommen. Der Verfasser derselben hat einen großen Teil seines Lebens der Erforschung heimischer Geschichte gewidmet. Er beabsichtigt, die Geschichte Pommerns seit dem Beginn der Regierung Bogislavs X. bis zum Jahre 1815 ausführlich zu behandeln und hat diese umfassende Arbeit bereits begonnen. In dem vorliegenden Buche geht er nun ausführlicher auf das Verhältnis Gustav Adolfs zu Pommern und auf das Verhalten der Pommerschen Stände vom Tode Bogislavs XIV. bis zur Räumung Hinterpommerns durch die Schweden im Jahre 1653 ein. Seine Ansicht über Gustav Adolf ist das Ergebnis sehr eingehender und umfassender Studien, von denen hier nur die Resultate gegeben werden konnten. Er ist fern davon, hier der vielleicht „zeitgemäßen“ Ansicht zu folgen, sondern hat seine Überzeugung selbst durch mühsamen Fleiß sich erworben. Deshalb findet er aber auch nicht das mindeste Bedenken, sich unumwunden und rückhaltlos zu derselben zu bekennen, und freut sich, dass Männer wie Heinrich Leo und Wolfgang Menzel bei ihren Forschungen zu demselben Resultate gekommen sind. Er weiß sehr wohl, dass namentlich Letzterer nicht immer dieser Ansicht gehuldigt, sondern erst nach langer, sorgfältiger Prüfung der Quellen und den Resultaten neuerer Forschung sich für dieselbe entschieden. —

Die Geschichte des bis zuletzt Schwedischen Anteils von Pommern, des heutigen Neuvorpommern, seit der Zeit, in welcher es dem Preußischen Staate einverleibt ward, bis heute — eines Zeitraums von 50 Jahren — ist die Geschichte einer Periode, in der sich das Land eines friedlichen Gedeihens und eines Emporblühens zu erfreuen hatte, wie es die Vergangenheit nicht kennt. Die unter Nr. 2 genannte Schrift belegt diese Behauptung in schlagender Weise. Der Verf. derselben, der seit beinahe anderthalb Dezennien als Regierungs-Chef-Präsident an der Spitze der Verwaltung des Landesteils steht, gibt aus durchweg amtlichen Quellen und mit Zahlen belegt, in derselben Auskunft, wie es vor 50 Jahren und wie es heute steht. — Wer aus Erfahrung weiß, wie schwer es ist, sich aus früherer Zeit, aus zerstreutem, oft mühsam zu erlangendem Material statistische Angaben zu verschaffen, die oft allein im Stande sind, für viele Dinge das richtige Maß zu geben, wie dieselben oft überall nur für kleine Distrikte, etwa für ein Kirchspiel oder für ein Gut zu erlangen, und dann von dem Kleinen auf das Größere Schlüsse zu ziehen sind, um der Wahrheit nahe zu kommen, ein Verfahren, was trotz aller Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit immer misslich bleibt, erkennt erst recht den Wert der Gabe, die in dem kleinen Buche geboten ist. Es enthält für seinen Zweck ein nicht hoch genug anzuschlagendes historisch-statistisches Material. Es gibt indes nicht bloß Zahlen; die Bemerkungen, welche dieselben erläutern, geben denselben oft erst ihre rechte Bedeutung.

Da sich von einer Schrift wie die vorliegende füglich kein Auszug geben lässt, so möge hier eine Angabe des Inhalts und einige Angaben zur Beurteilung des oben gesagten folgen.

Die Beiträge etc. enthalten folgende Abschnitte: Bevölkerung — Gebäude — Forst- und Landwirtschaft — Schifffahrt — Kunststraßen — Gewerbe und Handel — die Anstalten zur Erhaltung und Förderung der wirtschaftlichen Existenz — Post-, Kirchen-, Unterrichts- und Medizinalwesen — Stiftungen und Vereine für wohltätige und religiöse Zwecke und Moralität. In jedem derselben werden die Verhältnisse nach ihrem Zustande von vor fünfzig Jahren und von heute verglichen. — Da Landwirtschaft, Handel und Schifffahrt die Fundamente sind, auf welchen die äußere Wohlfahrt des Landes beruht, so mögen einige nähere Angaben über dieselben folgen; — zunächst aber die Notizen über die Zunahme der Bevölkerung angeführt werden. Genaue Volkszählungen fanden seit dem Jahre 1788 statt. In diesem Jahre war die Bevölkerung 104.748 Köpfe stark. Dagegen betrug dieselbe nach der eisten unter der Preußischen Regierung i. J. 1816 vorgenommenen Zählung: 125.988 Personen; sie war also in 33 Jahren um 21.240 Personen, oder jährlich um 644 gestiegen. Die Zählung des Jahres 1864 ergab eine Volksmenge von 213,141 Personen, mithin in 48 Jahren eine Vermehrung von 87.153 oder durchschnittlich etwas über 1.815 Personen im Jahr. Die Zunahme der Bevölkerung betrug durchschnittlich auf dem Lande 58 %., in den Städten 91 %. Auf dem Lande war die Zunahme der Bevölkerung am stärksten im Kreise Rügen (66 %.), am spärlichsten im Kreise Franzburg. Auf die weiteren höchst interessanten Zusammenstellungen und Vergleiche in diesem Abschnitt können wir hier nicht näher eingehen und müssen auf die Beiträge selbst verweisen.

Der Abschnitt über Forst- und Landwirtschaft wird durch folgende belehrende Bemerkungen eingeleitet: „Im J. 1815 war der Übergang von der Frondienst-Wirtschaft zu der Gesinde- und Tagelöhner-Wirtschaft, der schon im vorigen Jahrhundert in größerem Maße begonnen hatte, fast vollendet. Diese tiefgreifende Veränderung hatte großen Kapital-Aufwand erfordert; die französische Okkupation hatte die Mittel des Landmanns noch mehr erschöpft; es war daher erklärlich, dass für durchgreifende, kostspielige Meliorationen wenig Kapital disponibel war, und Ackerbau und Viehzucht, wenn auch im sichtlichen Aufblühen, so doch noch großer Vervollkommnung bedürftig blieben.

Der Bau der künstlichen Futterkräuter war noch wenig verbreitet; das Rindvieh suchte Sommers seine Nahrung großenteils in den Forsten oder auf den Nebenweiden und ward im Winter meist dürftig ernährt; der Ertrag war daher in der Regel gering; — derzeit bestand auf vielen Höfen die Einrichtung, dass die Nutzung der Kühe gegen feste Jahrespacht pro Haupt an sogenannte Holländer verpachtet ward; die gewöhnliche Pacht betrug pro Haupt 8 Thlr. Pomm. Cour, gleich 9 Thlr. 2 Sgr. Preuh. Cour. Nach den damals gangbaren Preisen kommt diese Pacht dem Preise von 300—350 Quart Milch gleich, — wonach ein Rückschluss auf die Milchergiebigkeit des Viehes nahe liegt.

Der Getreidebau ward zwar eifrig betrieben; allein die Erträge desselben blieben hinter den jetzigen bedeutend zurück. — Die wenigsten Äcker waren gemergelt — eine Melioration, welche in diesem Landesteil sehr großen Erfolg gehabt hat — die Entwässerung der niedrigen Felder war großenteils mangelhaft, — die Düngung bei der meist schwachen Ernährung des Viehstandes nicht reichlich.
Die Landwirtschaft hat sich seitdem in hohem Grade gehoben. Viele Weideflächen sind urbar gemacht; die Äcker fast durchgehend gemergelt; die Fruchtfolge ist rationeller geworden, — der Viehstand hat sich im Großen und Ganzen nicht bloß vermehrt, sondern in noch weit höherem Maße verbessert, und wird mit ungleich größerer Sorgfalt gezüchtet und ernährt. Die Stallfütterung verdrängt immer mehr den Weidegang; in Folge dessen hat sich der Düngungszustand der Felder wesentlich gehoben. Auf die Boden-Entwässerungen wird in neuerer Zeit ganz besondere Sorgfalt verwendet. Die Drainage der Felder gewinnt immer mehr an Ausdehnung.

Soviel sich durch Rückfragen hat ermitteln lassen, dürfte bisher eine Ackerfläche von mindestens 50.000 Morgen bereits drainiert sein.

Die Vergleichung der Pacht-Erträge einer und derselben bestimmten Bodenfläche i. J. 1815 und 1865 ergibt eine Steigerung der Bodenrente um mindestens den dreifachen Betrag; öfter aber eine noch höhere.

Die Anzahl der Pferde hat sich nicht unbeträchtlich, die der Schafe sehr beträchtlich (um 392.073 Stück oder 239 %) vermehrt, dagegen hat die Zahl des Rindviehes abgenommen. — Die Aufzucht der Pferde und des Rindviehes hat aber sehr beträchtlich abgenommen. Hierzu finden sich folgende Erläuterungen: Bei dem Verschwinden der Weideländereien und der immer mehr Eingang findenden Stallfütterung ist die Aufzucht von Pferden und Rindvieh weit teurer als früher; dieselbe hört daher zum Verkauf immer mehr auf, ja viele Landwirte stellen sie ganz ein, und finden es vorteilhaft, ihren Bedarf an Pferden, Ochsen und Kühen anzukaufen.

Aus der Verminderung der Kühe um 2.452 folgt keineswegs eine verminderte Milchproduktion, vielmehr ist mit Sicherheit anzunehmen, dass diese sehr bedeutend gestiegen ist.

Der einheimische Rindviehstamm ist durch Einführung auswärtiger Stämme, namentlich Jüten, Breitenburger, Ayrshire, Angeln, und in neuester Zeit besonders Friesen, sehr verbessert.

Das Verhältnis des Rindviehes zu den Schafen war i. J. 1816 wie 4 zu 7, i. J. l865 dagegen wie 4 zu 32.
Auf 1.000 Morgen nutzbare Fläche kamen:
Menschen, Pferde u. Füllen, Ochsen, Kühe, Stck Jungvieh, Schafe, Schweine
1816: 84, 19, 6, 37, 19, 109, 19
1865: 139, 20, 2, 34, 8, 336, 27

Die Getreide-Produktion hat sehr beträchtlich zugenommen, so dass sie nicht bloß die so bedeutend gestiegene Bevölkerung ernährt, sondern die Ausfuhr von Getreide seewärts sich gleichzeitig vermehrt hat. In der Zeit von 1819—29 wurden durchschnittlich jährlich ausgeführt: 784.071 Scheffel, in der Zeit von 1854-64: l.125.025 Scheffel. Die Ausfuhr hat sich also im Durchschnitt der letzten 10 Jahre um fast 40 % höher gestellt.

Schifffahrt und Reederei waren schon seit langer Zeit wichtige Gewerbezweige des Landesteils. — Gegen das Ende des vorigen und bis in die ersten Jahre dieses Jahrhunderts gewann die Reederei einen bedeutenden Umfang. Dann sank sie unter dem Druck ungünstiger Verhältnisse wieder, bis sie in neuerer Zeit, besonders seit der veränderten Handelspolitik Englands, eine bisher nicht gekannte Höhe erreichten.

Die Zahl der Seeschiffe hat sich zwar um nur 62 vermehrt; die Lastenzahl derselben ist dagegen um mehr als das Doppelte gestiegen.

Die durchschnittliche Tragfähigkeit eines Seeschiffes war 1816, nur 62 Lasten, i. J. 1863 dagegen 145; die eines Dampfschiffes 38 Lasten. Die vorhandenen Schiffe repräsentieren ein sehr bedeutendes Kapital und werfen, wenn nicht besonders ungünstige Konjunkturen für die Schifffahrt eintreten, ansehnliche Renten ab.

Der Wert einer Schiffslast kann durchschnittlich zu 70 THIr. berechnet werden, der aller Schiffe, die 6..436 Lasten halten, zu 4.440.520 Thlr. Der Ertrag einer Schiffslast ist durchschnittlich 15 Thlr., wonach der Gesamt-Jahresertrag sich auf 900.000 bis 1 Million Thaler stellen würde.

Aus dem letzten Abschnitt der interessanten Schrift „Moralität“ möge noch einiges angeführt werden. Derselbe wird durch folgende treffende Bemerkungen eingeleitet: „Das innere, religiöse und sittliche Leben kann von Menschen nur insoweit beurteilt werden, als es sich durch Handlungen äußert, und auch dann dürfen allgemeine Schlüsse über den Stand der Moralität im Ganzen nur mit großer Vorsicht gezogen werden. — Die Zu- oder Abnahme von Verbrechen, uneheliche Geburten und Ehescheidungen z. B. geben an und für sich noch durchaus keinen sichern Anhalt, aber immerhin sehr lehrreiche Fingerzeige über den Stand der Moralität.“

Auf das in Tabellen sehr sorgfältig zusammengestellte vergleichende Material kann hier nicht näher eingegangen und muss auf die belehrende Schrift selbst verwiesen werden. Nur bemerkt möge werden, dass die Zahl der Verbrechen im Allgemeinen sowohl absolut, als auch im Verhältnis zur Bevölkerung in einem betrübenden Grade zugenommen.

Demjenigen, welcher sich über die Verhältnisse Neuvorpommerns gründlich unterrichten will, seien die „Beiträge“, als wichtigste Quelle für die Zeit, welche sie behandeln, die letzten fünfzig Jahre, aufs angelegentlichste empfohlen.

3. In der unter 3. aufgeführten Schrift bespricht der Verf., einer der Veteranen der pommerschen Geschichtsschreibung, Mitbegründer der Gesellschaft für pommersche Geschichte und Altertumskunde, Dr. Ludw. Giesebrecht, einige Gedichte, so wie das Leben und die Zeit der pommerschen Dichterin Sibylla Schwarz, die seit Franz Hörn (er veröffentlichte zuerst im Frauentaschenbuch für 1818 einen ausführlichen Aufsatz über sie und kam in seiner „Poesie und Beredtsamkeit der Deutschen“ (I. S. 299) ausführlich auf sie zurück) in der deutschen Literatur-Geschichte nicht mehr so verschollen ist, wie dies bis dahin der Fall war. Das von dem zeitigen Rektor der Universität Greifswald, Balthasar Rhaw, d. d. Greifswald den 3. August 1638, beim Tode der Dichterin veröffentlichte Leichenprogramm, scheint dem würdigen Verfasser nicht bekannt zu sein.

In der unter Nr. 4 aufgeführten Schrift berichtet der Verf. über einige höchst merkwürdige alte Glasmalereien in der ehemaligen Wallfahrtskirche des später auch als Brunnenort bekannten Dorfes Lentz bei Barth, und über deren Wiederherstellung. Mit allen Einzelheiten, die der geehrte Verf. über die alten Glasgemälde gibt, ist Ref. nicht ganz einverstanden; er hält z. B. namentlich in Rücksicht auf die Form der in derselben vorkommenden Wappenschilde, und auch aus weiteren Gründen dieselben für älter als hier angenommen wird. Höchst erfreulich ist ihm aber der Sinn gewesen, der aus den Blättern der kleinen Schrift spricht: das warme und lebhafte, fast enthusiastische Interesse für das Heimische und dessen Kunde, das sich hier ausspricht, ein Sinn, der leider in Pommern nicht allgemein ist, der aber gerade deshalb um so lautere Anerkennung verdient, je mehr man wünschen muss, dass er nicht die Ausnahme, sondern die Regel sein möge. Vor einigen Jahren gab der Verf. einen kleinen Band Gedichte „Rügensche Lieder“ (Stralsund. Bremer 1863) heraus. Dieselben haben entschieden poetischen Wert und in ihnen spricht sich derselbe Sinn aus, wie in der hier besprochenen kleinen Schrift. Deshalb bedauert Ref. lebhaft, dass dieselben nicht den Anklang gefunden zu haben scheinen, den sie sowohl ihrer Form als ihres Inhalts wegen verdienen, — wenigstens ist derselbe in der engeren Heimat des Dichters nicht laut geworden. So möge hier auf dieselben aufmerksam gemacht werden. Wer mit unbefangenem Sinn, und nicht mit vorgefasster Meinung das kleine Buch in die Hand nimmt, wird sich von demselben angesprochen fühlen.

In 5. referiert der Verf. ganz kurz die Schicksale Neuvorpommerns bis zum Jahre 1815 und ausführlich, nach den derzeit erschienenen, jetzt schon selten gewordenen Druckschriften über die Überlieferung des Landes an Preußen und die Huldigung desselben, so wie über die hierbei stattgehabten Feierlichkeiten.

Dies sind die, aus Anlass der Jubelfeier der vor 50 Jahren erfolgten Wiedervereinigung des ehemaligen Schwedischen Pommerns mit dem Preußischen Staat erschienenen historischen Schriften.

Margarethe von Ravenna, Pommersches Lebensbild aus dem fünfzehnten Jahrhundert von Th. Pyl. Zur Feier der fünfzigjährigen Vereinigung Neuvorpommerns mit Preußen, herausgegeben von der Gesellschaft für Pommersche Geschichte und Altertumskunde, Neuvorpommersche Abteilung. Greifswald 1865. 8°. 47, ist nach der Meinung des Ref. die Skizze oder der Schattenriss eines historischen Romans, in welchem eine sehr große Anzahl historisch bekannter Personen als handelnd eingeführt werden. Da alle und jede Erklärung fehlt, so ist dies freilich nur eine Vermutung, sollte dieselbe aber fehlgreifen und das „Lebensbild“ vom Verf. als historische Wahrheit angesehen werden, so dürften gegen eine solche Behandlung der Geschichte doch wohl sehr ernste Bedenken laut werden.
Von einer Kugel aus nächster Nähe in den Kopf getroffen fand Gustv II. Adolf am 16. 11. 1632 in der Schlacht bei Lützen seinen Tod.

Von einer Kugel aus nächster Nähe in den Kopf getroffen fand Gustv II. Adolf am 16. 11. 1632 in der Schlacht bei Lützen seinen Tod.

Gustav II. Adolf (1594-1632) schwedischer König. Verhinderte durch sein Eingreifen in den Dreißigjährigen Krieg den Sieg des katholischen Lagers.

Gustav II. Adolf (1594-1632) schwedischer König. Verhinderte durch sein Eingreifen in den Dreißigjährigen Krieg den Sieg des katholischen Lagers.

Stralsund, alte Giebelhäuser

Stralsund, alte Giebelhäuser

Stralsund, Jakobiturmstraße und Jakobikirche

Stralsund, Jakobiturmstraße und Jakobikirche

Stralsund, Kniepertor

Stralsund, Kniepertor

Stralsund, Rathaus

Stralsund, Rathaus

Stralsund, Semlowertor

Stralsund, Semlowertor

000. Titelbild: Andreas Schlüter, Kopf des Großen Kurfürsten, Vorderansicht

000. Titelbild: Andreas Schlüter, Kopf des Großen Kurfürsten, Vorderansicht

001. Andreas Schlüter, Das Denkmal des Großen Kurfürsten. Alte Aufstellung

001. Andreas Schlüter, Das Denkmal des Großen Kurfürsten. Alte Aufstellung

029. Schlacht bei Lützen unter Gustav Adolf, 16. November 1632. Kupferstich von Mathias Merian. Das Fußvolk kämpft In geschlossenen Haufen, daneben die Schützen. Die Stellung der Geschütze vor dem Haupttreffen ist deutlich zu ersehen.

029. Schlacht bei Lützen unter Gustav Adolf, 16. November 1632. Kupferstich von Mathias Merian. Das Fußvolk kämpft In geschlossenen Haufen, daneben die Schützen. Die Stellung der Geschütze vor dem Haupttreffen ist deutlich zu ersehen.

031. Jacques Courtois gen. Bourgignon (1621-1676), Reitergefecht aus dem Dreißigjährigen Krieg. Kupferstich.

031. Jacques Courtois gen. Bourgignon (1621-1676), Reitergefecht aus dem Dreißigjährigen Krieg. Kupferstich.

039. Aus dem Nordischen Krieg zwischen Karl XII. von Schweden und den verbündeten Russen, Dänen und Sachsen. Karl XII. von Schweden stürmte im ärgsten Schneegestöber die russischen Schanzen und nahm die Festung Nava am 20. November 1700. Königlich Graphische Sammlung München.

039. Aus dem Nordischen Krieg zwischen Karl XII. von Schweden und den verbündeten Russen, Dänen und Sachsen. Karl XII. von Schweden stürmte im ärgsten Schneegestöber die russischen Schanzen und nahm die Festung Nava am 20. November 1700. Königlich Graphische Sammlung München.

Albrecht von Wallenstein

Albrecht von Wallenstein

Getreideernte, ein Fuder Getreidegarben

Getreideernte, ein Fuder Getreidegarben

Schäfer mit seiner Herde auf dem Heimweg

Schäfer mit seiner Herde auf dem Heimweg

Kühe im Stall

Kühe im Stall

Viehmarkt

Viehmarkt

Johann Heinrich von Thünen (1783-1850) mecklenburgischer Agrar- und Wirtschaftswissenschaftler, Sozialreformer und Musterlandwirt.

Johann Heinrich von Thünen (1783-1850) mecklenburgischer Agrar- und Wirtschaftswissenschaftler, Sozialreformer und Musterlandwirt.

Bauern beim Dreschen

Bauern beim Dreschen