Zu Gunsten des Plattdeutschen

Aus: Neue Pommersche Provinzialblätter. Band 1
Autor: Giesebrecht, Ludwig (1772 Mirow - 1873 Jasenitz) Dichter und Historiker, Erscheinungsjahr: 1827
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sprache, Dialekt, Plattdeutsch, Volkssprache, Ostseeküste
In den Oktoberblättern des Gesellschafters v. Jahr 1825 hat sich Herr Prof. Flörke sehr scharf gegen das Mecklenburgische Plattdeutsch erklärt, ja zu völliger Ausrottung desselben aufgefordert und in dieser Hinsicht manche Vorschläge getan. Einige Bemerkungen, welche ich für mich niederschrieb, als jener Aufsatz mir zuerst zu Gesicht kam, werden, obgleich ursprünglich auf ihn bezogen, doch auch ohne ihn verständlich sein und ich glaube sie hier an ihrer Stelle, da sie einen Gegenstand betreffen, der auch unter uns wohl hier und da mögte zur Sprache kommen.

Zuvörderst ist es ein Irrtum, das Niederdeutsche nur in Mecklenburg heimisch zu glauben. Von Holland bis nach Preußen, längs der Nord- und Ostseeküste ist es in mannigfachen Dialekten verbreitet, auch die Pommern haben den Ruhm nicht verdient, „dass bei ihnen sogar der gemeine Mann in sämtlichen Städten jetzt nur Hochdeutsch spricht." Selbst in Stettin, mehr noch in den kleineren Städten unserer Provinz, wird sehr viel Plattdeutsch gesprochen und ich habe das immer lieber gehört, als schlechtes Hochdeutsch, davon einem die Ohren weh tun. Ferner: Die Unvollkommenheiten, welche Herr Prof. Fl. der Mecklenburgischen Mundart nachsagt und um deretwillen er sie gänzlich abgetan wissen will, kann ich nicht durchgängig als Mängel anerkennen; aber alles zugegeben, ist es denn verständig, ist es mit der Pietät vereinbar, eine lebende Sprache und obendrein die eigene Muttersprache vertilgen zu wollen, weil sie unvollkommen ist? Sie fortzubilden und weiter zu führen, das Recht haben wir ohne Zweifel, aber nicht sie zu verderben.

Von einer Literatur des Plattdeutschen und namentlich des Mecklenburgischen — sagt Herr Flörke — kann gar nicht die Rede sein. Ich will das zugeben; allein wer kann denn voraussehen, was werden kann, wenn es auch jetzt nicht ist? Und würde der Sprache niemals eine Literatur zu Teil, ist denn das ein Grund sie auszurotten, sie nur aus dem Kreise der Gebildeten zu verbannen? Ist die Sprache zu nichts anderem da, als dass Bücher in ihr geschrieben werden? Mir sind Tausende von gedruckten Bänden bekannt, die ich mit Freuden hingebe um ein paar herzliche Worte aus dem Munde eines Freundes.

Aber auch als Umgangssprache will Herr Flörke das Plattdeutsche nicht geduldet wissen „da man sich in demselben auf keine Weise über wissenschaftliche Gegenstände unterhalten kann, man also stets in dem Ideenkreise des gemeinen, bäurischen Lebens zu verweilen gezwungen ist." Indessen die Unmöglichkeit über wissenschaftliche Dinge sich plattdeutsch zu besprechen vermag ich nicht anzuerkennen; ich habe manchmal mit Landsleuten dergleichen Unterredungen gehabt und wir sind recht gut fertig geworden. Noch weniger aber kann ich beistimmen, wenn nur die Wissenschaft als ein würdiger, das Leben ihr gegenüber als ein ganz unwürdiger Gegenstand der Unterhaltung angedeutet wird. Eins gehört zum anderen und das regsame, vielbewegte und antreibende Leben — selbst das gemeine und bäurische — scheint mir der Beachtung und des Besprechens eben so wohl wert, als die sinnige Wissenschaft.

„Die Deutschen müssen und dürfen sich nicht in Stämme teilen. Es tut ihnen dringend Not, sich insgesamt wie eine Familie zu betrachten, und sie sollten deshalb auch den Unterschied der Mundarten möglichst zu verwischen suchen und auf jeden elenden provinziellen Jargon verzichten, besonders wenn sie dadurch abgehalten werden, an der Kultur ihrer höher gebildeten Brüder teilzunehmen." Also Herr Flörke. Dagegen möchte ich glauben, jeder tue wohl, sich als das zu betrachten, was er ist: eine Nation ist keine Familie und kann keine solche sein. Die Deutsche Nation aber hat, wie ihre Geschichte bezeugt, sich zu allen Zeiten in Stämme und Landsmannschaften geteilt bis auf den heutigen Tag, und, wie der Baum seine Äste treiben und seine Krone ausbreiten muss und darf, so muss und darf die Deutsche Nation sich ihrer Natur gemäß entwickeln, wie unsystematisch und unbequem das auch dem einen oder dem anderen sei. Über das Verwischen des Unterschiedes der Mundarten wie der landsmannschaftlichen Eigentümlichkeiten überhaupt muss ich mithin ganz anderer Meinung sein, als Herr Prof. Flörke. Bestimmt ausgeprägte individuelle Charaktere gelten mir ungeachtet ihrer etwaigen schroffen Seiten mehr, als die sogenannten charmanten Leute, die vor lauter geselliger Bildung und Abgeschliffenheit gar nichts Eigentümliches mehr an sich haben, und naturgemäß abgesonderte Stämme der Deutschen mehr, als ein allgemeines Deutschtum, das vom Meer bis zu den Alpen überall und nirgend zu Hause ist. Durch das Festhalten am Provinziellen sehe ich übrigens die Verbindung der Deutschen Stämme und das freundschaftliche Anschließen an einander auf keine Weise gefährdet, vielmehr wie Menschen von bestimmter Willensrichtung, selbst bei abweichenden Ansichten, sich zu Freundschaft, Liebe und gegenseitiger Achtung treuer und sicherer gesellen, als verflachte, Alles und Nichts wollende Charaktere: so, meine ich, werden die Deutschen Stämme sich auch um so fester verbunden fühlen, je mehr ein jeder ganz ist, was er seinen Anlagen, seiner Wohnstätte, seiner Lebensart nach sein kann und soll. Die Hochdeutsche Sprache und Literatur erkenne ich dabei allerdings als ein unschätzbares gemeinschaftliches Besitztum aller Deutschen Stämme und wünsche von Herzen, dass sie überall neben der provinziellen Mundart rein und schön gesprochen werde; aber ihre Schwestern aus der Welt zu schaffen, damit sie allein das Regiment habe, das scheint mir eine gewaltsame, ungerechte — zum Glück auch wohl unausführbare — Maßregel.

Wendet man mir ein, zwei Muttersprachen könne der Mensch nicht haben, eine Müsse weichen, so bemerke ich dagegen, dass hier nicht von zwei besondern Sprachen, sondern von zwei Dialekten einer Sprache die Rede ist, die man füglich nebeneinander gleich geläufig innehaben kann. Überwiegt aber das nationale Interesse in irgendeinem das provinziale und findet er es darum angemessen, sich dem Plattdeutschen ganz zu entziehen, so lässt sich gegen einen solchen Bildungsgang nichts einwenden, nur von der lächerlichen Vornehmheit mag ich nichts wissen, die das Plattdeutsche verwirft, weil es die ordinären Leute sprechen. Und wer mehr zu seiner nächsten Umgebung hingezogen, sich weniger national als provinzial entwickelt hat, dem gönne man auch seine provinziale Mundart und man sei so billig zuzugestehen, dass auch auf diesem Wege eine tüchtige Bildung kann erreicht werden. Ehre der Wissenschaft als Erzieherinn des Menschengeschlechtes, aber das Leben erzieht auch und oft mit glücklicherem Erfolge als jene.
                        Ludwig Giesebrecht.

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Mittagstisch auf dem Bauernhof

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Landliebe

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Bauernjunge

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Viehmarkt

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