Wo der Hase im Pfeffer liegt

Skizzen über Deutschland und die Deutschen, von einem in Deutschland wohnenden Engländer
Autor: unbekannt, Erscheinungsjahr: 1838
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Reisebeschreibung, Sittengemälde, Deutschland, Mecklenburg, Mecklenburgerinnen, Hamburgerinnen,, Hamburg, Berlin
Aus: Zeitung für die Elegante Welt. 1838. Rezension: Skizzen über Deutschland und die Deutschen, von einem in Deutschland wohnenden Engländer. Leipzig, literarisches Museum.
Soviel ich weiß, haben mehre deutsche Regierungen in neuerer Zeit auf ihren Straßen ein engeres Wagengleis eingeführt. Der Reisewagen des in Deutschland wohnenden Engländers muss jedoch nach der alten Spur gebaut gewesen sein, denn etwas Breitspurigeres als diese „Skizzen“ wird schwerlich gefunden werden. Der Titel „Skizzen“ gleicht einer deutschen Einladung auf ein simples Butterbrot, dem, wie es zum Treffen, d. h. zum Essen kommt, noch eine halbe Legion Würste, Schinken, wo möglich auch eine Tonne Heringe oder Sardellen beigegeben ist. An so pikante Zugaben ist aber allerdings bei obigen Skizzen nicht zu denken, denn was den Nerv des Inhalts betrifft, neue individuelle Belehrung über das Gesehene, so sind's zwar auch wiederum keine Skizzen, aber doch skizzierte Skizzen. — Der edle Reisende beginnt die Erzählung seiner Abenteuer mit der beruhigenden Versicherung: man solle ihn ja nicht, wie mit Recht so viele seiner Landsleute, für einen Spion halten; er werde Niemand, dem er eine Aufklärung verdanke, mit Namen nennen und somit kompromittieren, und überhaupt nicht erlauschte Heimlichkeiten über deutsche Verhältnisse indiskreter Weise ausplaudern. Der zartfühlende, rücksichtsvolle Master kann hierüber ganz ruhig sein: wir haben, offen gestanden, gar nichts von Heimlichkeiten und dergleichen in dem Buche gefunden, und nur die eine Eigenschaft teilt er mit vielen Spionen, nämlich die: dass er seinen Adlerblick meist auf Nebensachen und Kleinigkeiten richtet. Darum spielen auch in seinen Berichten die verschiedenen Wappen und namentlich die „Wahrzeichen“ die ihm aufgestoßen, eine so große Rolle. So erfahren wir, dass das Wahrzeichen der Stadt Rostock die Zahl VII ist; da er die Mecklenburgerinnen schön nennt, so kann dies Zeichen beiläufig gesagt nicht so ominös sein. Das Emblem von Stralsund sind Sonnenstrahlen. Natürlich vergisst er auch nicht, das Hufeisen in dem Privatpalast des Königs in Berlin zu betrachten, weshalb es mich Wunder nimmt, dass er bei seinem Aufenthalte in Leipzig nicht auch das Wahrzeichen dieser Stadt, das Hufeisen an der Nikolaikirche, bemerkte. Wahrscheinlich zog ihn der Anblick der neuen Buchhändlerbörse, des „Stapelplatzes des deutschen Gehirns,“ hiervon ab. Vorzüglich aber machen ihn die zahllosen Büffelköpfe stumm, die er überall an den Häusern der Mecklenburger angebracht sieht. Jedoch scheint er auch tief historische Studien über die Geschichte des besagten mecklenburgischen Wappens gemacht zu haben, denn er bemerkt, daß ein Büffelkopf das Emblem Radegasts, Königs der Wandalen, gewesen sei. — Noch ist die Divinationsgabe des Master wohl zu berücksichtigen, der die Naivität seiner verschiedenen Anschauungen und Verwunderungen an psychologischem „Interesse“ nichts nachgibt. Nachdem er bereits Hamburg überblickt, stößt er später darin auf Reihen breiter, reinlicher Straßen mit schönen Gebäuden, und zieht endlich daraus den scharfsinnigen Schluss, „dass dieselben wohl einer bedeutenden Stadt angehören müssten.“ Sogleich verrät ihm auch die gesunde Fülle der Hamburgerinnen, „dass man sie nicht bloß mit Salat und Sauerkraut füttert.“ Vorzüglich freut er sich über die überall sichtlich hervortretende Milde des deutschen Charakters, welche ihm vor Allem gleich von vorn herein aus dem Umstande klar wird, dass „während der Zeit, welche zwischen der Verurteilung und der Hinrichtung liegt, die Verbrecher ihren Gaumen an Allem letzen können, was ihnen beliebt.“ — Holstein, obgleich er in dieser Landschaft „die Abwesenheit der Wahrzeichen einer wohlhabenden Bevölkerung empfindet,“ dünkt ihn doch ein Paradies zu sein. Hier begegnen ihm auf allen Tritten und Schritten fette, vollbusige Milchmädchen, lebendigen Butterkannen vergleichbar. Ähnliche vollsaftige Reiseblüten pflückt er in den Mecklenburgen, denn hier trifft er zu seinem andächtigen Erstaunen unablässig auf fette Herden. Dann jagt er durch die dürren Marken, wo ihm von Meile zu Meile die „Wahrzeichen“ des preußischen Gebietes, die Adler, entgegenstrahlen; später wittert der Scharfsichtige die „Wahrzeichen einer großen Stadt,“ als „Haufen gutgekleideter Leute u. s. f.,“ und endlich steht er vor Berlin und ruft: „Ich muss gestehen, dass der erste Eindruck von keiner Stadt ein so vorteilhafter auf mich war, als der von Berlin. Die Armut der von mir durchreisten Gegenden hob noch mehr den Glanz Berlins, und erregte mein Erstaunen, dass sie eine so reiche Hauptstadt ernähren könnten.“ — In der preußischen Metropole selbst interessiert ihn natürlich die Gespenstergeschichte von der weißen Frau im königl. Schlosse ganz absonderlich; er tut wichtige Einblicke in den Charakter der Nation, indem er bemerkt, der vorzügliche Unterschied zwischen den Preußen und den übrigen Deutschen bestehe darin, dass, während jeder andere sich mit einem simpeln „Donnerwetter“ begnüge, der Preuße allemal dagegen ein „hunderttausend Millionen Donnerwetter“ ausstoße. — Auch etwas Tragisches gibt's in der Mitte des Buches, — der ehrenwerte Master nimmt einen verbannten Polen als Bedienten mit und schmuggelt denselben großmütig in sein Vaterland ein, versteht sich ohne sein eignes Leben dabei aufs Spiel zu setzen. Doch bald gelangen wir von dem tragischen Seitenpass wieder in das alte Fahrgleis; wir stehen abermals vor „den beredten Wahrzeichen eines blühenden Zustandes,“ d. h. wir sind in Schlesien angekommen, und treten mit dem Master in Breslau ein. Hier ist es, wo sich ihm „die Destillationen, Brauereien und Konditoreien in der ganzen Stadt gleich Meteoren auszeichnen,“ doch blenden ihn dieselben nicht so, dass er darüber vergessen sollte, uns vorsichtig zuzuraunen: „ich muss allen Fremden, die sich etwa an einem Regentage in Breslau umsehen, die Beherzigung meines Rats empfehlen: nehmt euch vor den Dachrinnen in Acht, welche vom Gipfel der Häuser ihren Inhalt mitten auf die Straße gießen.“ Der wackere Mann hat großes Recht zu dieser Vermahnung, da er uns selbst schon so reichlich mit Flüssigkeiten überschüttet. Es ließ sich wohl auch von so einem verständigen Reisenden nicht anders erwarten; denn obwohl er der deutschen Sprache nicht so mächtig zu sein scheint, hat er doch ein weises, den Ausländern sonst wenig bekanntes Sprichwort sich sogleich zu eigen gemacht; er weiß es, wie er selbst sagt: „Wo der Hase im Pfeffer liegt.“ S.

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Zeitung für die Elegante Welt 1838

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