Wasser das Beste - Zur öffentlichen Gesundheitspflege

Aus: Unterhaltungen am häuslichen Herd. Neue Folge. Band 4
Autor: Redakteur: F. v. Suckow, Erscheinungsjahr: 1859
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Wasser, öffentliche Waschanstalten, öffentliche Badeanstalten, Sozialgeschichte, Kulturgeschichte, Reinlichkeitspflege, Hygiene, Reinlichkeitsanstalten, Armenpflege, Körperpflege
„Wasser das Beste“ ist ein alter Spruch, und nicht bloß um der Philosophie des Thales willen, die alles vom Wasser herleitet. Reinlichkeitspflege! Diesem Mangel haben in unserm, auf die sozialen Übelstände sein besonderes Augenmerk richtenden Jahrhundert die teils durch Assoziationen, teils durch den Staat gegründeten öffentlichen Badeanstalten in anerkennenswerter Weise abzuhelfen gesucht, und man kann wohl sagen, dass mit diesen öffentlichen Reinlichkeitsanstalten eine neue Epoche in der Geschichte jener philanthropischen Bestrebungen beginnt, die auf Verbesserung des Loses der Armen gerichtet sind.

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Näheres über diesen Gegenstand finden wir in einem vor kurzem erschienenen, auf öffentliche Gesundheitspflege sich beziehenden, sehr lehrreichen Werke, in dem „Handbuch der Sanitätspolizei. Nach eigenen Untersuchungen bearbeitet von Dr. Louis Pappenheim“ (erster Band, A-G. Berlin, Hirschwald, 1858). In diesem alphabetisch geordneten, reichhaltigen Werke werden unter dem Artikel „Armut" interessante Mitteilungen über die öffentlichen Wasch- und Badeanstalten im allgemeinen und über die seit einigen Jahren in Berlin eingerichteten im besonderen gemacht. Mit Recht nennt der Verfasser diese Anstalten ein wohltätiges Geschenk für das Leben der Armen, nicht bloß deshalb, weil sie ihnen reine Wäsche verschaffen und ihnen all die Missstände ersparen, die das Wäschewaschen in den Wohnungen der Dürftigen mit sich bringt, sondern auch weil sie durch Erleichterung betreffs der Wäsche sekundär in den Armen den vielleicht nur vergessenen Wunsch wachrufen, rein zu wohnen und sich rein zu halten.

Die öffentlichen Waschanstalten sind zwar bis jetzt nur in einigen wenigen großen Städten zu finden, obgleich die Armut nicht bloß da wohnt. Aber der Verfasser findet nichts Überspanntes noch Unpraktisches in dem Wunsche, dass einst jeder Komplex von Dörfern eine Waschanstalt habe. In Frankreich hat das Gesetz vom 3. Februar 1851 dem Minister der Landwirtschaft und des Handels einen Kredit von 600.000 Francs eröffnet zur Ermutigung des Schaffens von öffentlichen Wasch- und Badeanstalten, die ohne Entgelt oder zu herabgesetzten Preisen der Benutzung der Dürftigen offen stehen. Die Regierung dachte dabei durchweg nicht bloß an Paris oder nur an die großen Städte überhaupt, sondern auch an die Communes rurales. In England hatten die öffentlichen Wasch- und Badeanstalten zu erniedrigten Preisen schon 1842 in Liverpool ihren Anfang genommen. In Deutschland ist bisher für Verbreitung der Idee der Waschanstalten nur wenig geschehen. Selbst von den Gebildeten in
den Provinzen ahnen viele nicht einmal die Existenz derselben, obgleich auch dort philanthropischer Sinn unter den Besitzenden lebt. Die Waschanstalten sind noch Kuriosa, die in den Feuilletons der Zeitungen figurieren, während, wie der Verfasser sagt, jedes Schulkind mit der Idee derselben aufwachsen sollte. „Es stehen dem Staate so viele Mittel zu Gebote, für die wirksamsten Dinge Propaganda zu machen, und dies ist so wenig noch bisher geschehen!“

Die öffentlichen Wasch- und Badeanstalten sind nach den bisherigen Erfahrungen von der Art derer, die sich bezahlt machen, bei welchen niemand einen Zuschuss zu leisten hat; die Philanthropie ist unter den Kapitalisten verbreitet genug, dass diese auf die Zinsen ihrer Kapitalien, wo sie dieselben der Gründung solcher Anstalten zuwenden, ohne Widerstreben so lange warten, bis die Rentabilität, die nicht ausbleiben kann, eingetreten ist. Die meisten Staaten dürften nicht im Stande sein, Kredite für die Gründung der fraglichen Institute zu eröffnen; der Staat hat daher in der Tat für die Waschanstalten nur das zu tun, was zur Verbreitung der Idee derselben beiträgt, und andererseits zu verhindern, was Engherzigkeit in irgendwelcher Gestalt den Instituten in den Weg legen könnte.

Speziell über die Berliner Anstalten der genannten Art macht der Verfasser Mitteilungen, die teils aus den im Buchhandel nicht erschienen neuen Verwaltungsberichten der öffentlichen Wasch- und Badeanstalten zu Berlin stammen, teils von dem um diese Anstalten hochverdienten Branddirektor Scabell herrühren, teils aus eigenem Augenschein des Verfassers bei einem Besuche der ersten Berliner Musteranstalt dieser Art (Schillingsgasse Nr. 7 — 9) geschöpft sind.

Am 18. April 1853 vereinigte sich eine von dem General-Polizeidirektor Hinckeldey zusammenberufene Gesellschaft zu dem Beschlusse: „zu einer Aktiengesellschaft zusammenzutreten, welche den Zweck habe, die Stadt Berlin mit Wasch- und Badeanstalten zu versehen, die dem Publikum zu geringem als bisher üblichen Preisen zugänglich sein sollen, und diese Gesellschaft für konstituiert zu erachten, sobald die Summe von 50.000 Thalern gezeichnet sei.“

In derselben Konferenz wurden statt dieser Summe 57.000 Thaler gezeichnet und so erfolgten Gründung und Konstituierung gleichzeitig. In der am 10. Mai 1853 stattgehabten zweiten Versammlung der Gründer wurde schon ein vollständiger Entwurf der Statuten vorgelegt, in welchem das Grundkapital auf 200.000 Thaler, zu vier Anstalten berechnet, festgesetzt war. Der Entwurf wurde genehmigt. Nach eingeholter landesherrlicher Bestätigung des Statuts wurden am 25. September 1854 die ersten Einzahlungen ausgeschrieben und weitere Aktienzeichnungen eröffnet, die sehr bald den Betrag von 113.700 Thalern erreichten.

Bei der Ausführung der ersten Anstalt wurde nun von dem Direktorium mit einer Umsicht verfahren, die in der Tat Bewunderung erregt und bei künftig zu errichtenden Anstalten der Art Nachahmung verdient. Die Anstalt sollte Flusswasser haben, damit das Publikum an Seife spare; sie sollte in einem von der armem Klasse bewohnten Stadtteile liegen; sie sollte in allen ihren Teilen und bis auf die kleinsten Details auf das „möglichst Vollkommenste“ eingerichtet werden, um als Musteranstalt dienen zu können. Demzufolge hat man es sich nicht nur eifrig angelegen sein lassen, über die vielseitigen Erfahrungen möglichst genaue Kenntnis zu erlangen, welche der Zentralverein für die Beförderung der öffentlichen Bade- und Waschanstalten in London durch erschöpfende jahrelange Versuche mit bedeutenden Geldopfern gesammelt hat, sondern Direktor Scabell hatte auch Gelegenheit, bei seiner Anwesenheit in London die dortigen Anstalten in ihren Eigentümlichkeiten bis auf die kleinsten Details kennen zu lernen und so durch eigene Anschauung eine Überzeugung von dem praktischen Werte der verschiedenen Anlagen zu gewinnen.

Neben Solidität sollte die erste Anstalt, um das Interesse des Publikums zu gewinnen, auch Zierlichkeit darbieten. Die Ableitung des unreinen Wassers sollte in die Spree erfolgen. Bei der inneren Einrichtung sollte mit Ausnahme der Wohnräume, in die jedoch Nässe nicht eindringen kann, alles Holzwerk vermieden werden, das Dach auf eisernen Sparren, der Fußboden auf eisernen Trägern ruhen, die Fußböden selbst sollten, wie die Scheidewände, in den Wasch- und Baderäumen aus Schiefer bestehen, die Treppen aus Granit ausgeführt werden. Um die Klarheit des aus der Berliner Wasserleitung bezogenen filtrierten Wassers im Schwimmbade mehr hervorzuheben und diesem ein gefälliges Äußere zu geben, sollte das Bassin im Boden und den Seitenwänden mit weißen, glasierten Platten ausgelegt werden, die, in Zement gelegt, mit dem umgebenden Mauerwerk noch durch keilförmige, nagelartige, blaue Pfropfen mit runden Köpfen verbunden find. Die Badewannen sollten aus weißglasierter Steinmasse bestehen, die Erleuchtung der Baderäume durch Oberlichter, Abends durch Gaslicht stattfinden. Wo die Wäsche mit den Beschlägen der Waschtubben oder sonstigen Eisenteilen in Berührung kommt, sollten diese galvanisiert sein. Der Schiefer zu den Wänden und Türen im Männerbade erster Klasse und im Frauenbade sollte mit einem zarten, weißlich-grauen Email überzogen, der Schiefer im Männerbade zweiter Klasse weiß gestrichen und lackiert werden, der zu den Zellenwänden der Waschräume die Naturfarbe behalten, aber der Dämpfe und des heißen Wassers wegen, denen er ausgesetzt ist, geölt werden. Abgesehen von der Verwendung des Schiefers statt des Holzes, sollte die hierdurch gehinderte, sonst in ähnlichen Anstalten mit Notwendigkeit eintretende Luftverschlechterung noch weiter dadurch verhütet werden , dass die 7 Fuß hohen Badezellen oben offen seien und durch die in der Dachfirst angebrachten Ventilatoren eine permanente Zuführung frischer Luft erfolgen sollte.

Es wird nicht nötig sein, hier noch mehr Details dieser Art anzuführen. Kurz, die Einrichtung der Berliner Musteranstalt entspricht ganz dem beschriebenen Plan. Das Ganze macht einen zierlichen, angenehmen Eindruck; es verbindet Zweckmäßigkeit und Solidität mit Eleganz und Sauberkeit. Und das alles für einen sehr billigen Preis! Die erste Zeit nach der Eröffnung (1. Februar 1856.) war die Waschabteilung sogar zur unentgeltlichen Benutzung geöffnet. Der Andrang war so groß, dass einige Tage darauf der Tarif schon in Kraft treten konnte. Die Frequenz nahm nicht ab, kein Tadel wurde laut. Die Anstalt war im Dezember 1856 wegen des starken Andrangs auch in der Nacht im Betriebe. Im folgenden Jahre wuchs der Zudrang noch. Eine zweite ähnliche Anstalt ist bereits in der Auguststraße eröffnet.

Alles in allem genommen, lässt sich nicht leugnen, dass die von England ausgegangene Philanthropie durch die Berliner Wasch- und Badeanstalten auch bereits in Deutschland eine würdige Nachahmung gefunden. Viel bleibt jedoch in diesem Gebiete noch zu tun übrig. Es ist nicht genug, dass in den größten Residenzstädten philanthropische Assoziationen ihre Kapitalien auf Anstalten zur Milderung und Verbesserung des Loses der Armen anlegen. Auch die Armen der kleineren Städte in den Provinzen bedürfen es, dass die Philanthropie im Bunde mit moderner Technik ihnen zu Hilfe komme. Können auch in der Provinz keine eleganten Musteranstalten entstehen wie in den Residenzen, so lässt sich doch vielleicht derselbe Zweck mit einfachem Mitteln erreichen.

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Die ersten Schwimmversuche

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Erholung in der Badewanne

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Körperpflege nach dem Bade

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Toilette nach dem Bade

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Familienbad

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Gesellschaftsbad

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Wannenbad

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Öffentliche Badestube

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