Warnemünde und sein Badeleben

Aus: Das deutsche Vaterland in Reisebildern und Skizzen für das Jünglingsalter und die Gebildeteren aller Stände. Band 1. Das Tiefland des Ostsee-Randes
Autor: Heinzelmann, Friedrich (?-?), Erscheinungsjahr: 1858
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Hansestadt Rostock, Warnemünde
Der Marktflecken und Außenhafen von Rostock Warnemünde (1.200 E.), an einem schönen von der Warnow gebildeten Busen, dem Breitling, gelegen, gewährt durch seine Originalität denen die das dortige Seebad benutzen, eine Fülle von Beobachtungen. Ganz unscheinbar taucht es aus der Ferne über der silbernen Flut mit seinen roten Dächern vor uns auf. Drei Reihen einstöckiger Häuser kehren sich unter Bäumen dem Strome zu. Vor jedem dieser Schifferhäuschen sieht man, gleich Kajüten, grün angestrichene „Lauben" mit alten Segeltüchern statt der Marquisen, so dass sie sich wie eine Reihe Jahrmarktsbuden ausnehmen. Meistens sind darin Teppiche ausgelegt. Sofas, Armsessel, gestickte Schemelchen mit Kissen umhergestellt. Vasen mit frischen Blumen duften auf den Tischen; von der Decke herab hängen Lampen mit Schlingpflanzen, Papageien in Käfigen, kurz, wie man sich nur eine Stube unter dem Christbaum denken mag. Abends leuchten um all diese Teetische Lampen und bunte Papierballons. An diesen Bretterlauben erkennt man recht, wie der Norddeutsche Natur- und Landleben begreift. Alles treibt man da; nur dass man da nicht schläft und Toilette macht. Jeder Badegast bewohnt hier mit seiner Familie oder seinen Freunden ein Haus für sich. Dasjenige, in welches ich auf kurze Zeit eingezogen bin, konnte bei Überfüllung der vorderen und der zweiten Reihe (wie man hier statt Straße sagt) nur in der Hinterreihe (auch Sandwüste genannt) noch erobert werden. Es gehört einem jungen Schiffsweibe, deren Mann zur See ging. Alles ist nagelneu und gemütlich ansprechend. So die Haustüre mit bunten Glasscheiben, die schmuck gesteinte Flur samt dem Schranke, auf welchem zwei grüne Porzellan-Papageien prangen, das schwarze Kätzchen mit grünleuchtenden Augen, das in jeder Warnemünder Hütte umherstreift; dann die hinter der Speichertreppe aufgehängten Strohhüte der Schifferin, der alt- und sonntägliche, beide reichlich mit schwarzen Bändern verziert; daneben die grün angestrichene Küchentüre mit der runden Glasluke, die mit roten Steinen gepflasterte und mit blanken Gerätschaften schimmernde Miniatur-Küche selbst; endlich unsere Stube mit einem halben Dutzend eingerahmter Bilder, lauter Seeschlachten, die blauen Kattunvorhänge mit der rechten Seite nach der Straße, damit nur Alles gegen außen schön sei vor den mit Geranium und Winden umkränzten Fenstern, durch welche man oft drüben über die Dächer, wie Fahnen von unsichtbarer Hand gehalten, Wimpel der Schiffe langsam vorüberschweben sieht. Diesseits vom Baumgange der Vorderreihe mecklenburgisches Still- und Badeleben, jenseits Matrosentreiben, Schiffergewimmel; dort alle Gefahr, hier jede Sicherheit; all' die Gemächlichkeit und Häuslichkeit so unmittelbar am Hafen, so ganz unter der Nase des ein- und ausziehenden Seefahrers. Der Reiz von Warnemünde besteht aber noch hauptsächlich darin, dass gar kein Hotelleben besteht, sondern jeder vielmehr selbst haushält. Wie eng und puppenhaft auch diese „Lauben" sind, das Behagen, welches ihre Frühstück-, Mittag- und Abendtische ausströmen, mit ihren Blumen, strickenden Frauen und fröhlichen Kindern, rauchenden Männern und dampfenden Teemaschinen von glänzendem Messing nebst dem traulichen Lampenschein, Büchern und einzeln ertönenden Vorlesestimmen, dies Behagen schleicht sich doch in die widerspenstigste Brust, und der Spickaal-Junge und das Topfkuchen-Mädchen sind bald unsere liebsten Bekannten, mit denen wir durch das Fenster handeln und feilschen. Bei dem steten Kleinhandel und Markt durch die Scheiben und auf den Bänken vor der Türe werden nicht bloß die wirklich billigen Lebensmittel feilgeboten, Gemüse und Obst, Näschereien und Fische, sonder n auch alle möglichen anderen Dinge: schneeige Hauben mit farbigen Bändern, schifferbunte Flaggen, fein geflochtene Körbchen mit hübscher Mosaik von Immortellen und grünem Moose etc.

An Sonn- und Festtagen entfaltet sich das mannigfaltigste Leben. Wie rauschen da die prächtigsten Seidenkleider von Rostock und Schwerin durch sämtliche Reihen auf und ab, damit sie ja überall gesehen werden! Wie laufen die reinlichen Dienerinnen mit Geburtstags- und Kaffeetorten hin und her! Wie klappern die Holzschuhe der Fischerkinder auf den kleinen Steinen der Trottoirs, wenn der Vater mit aufgerollter Segelstange aus der Haustüre tritt! Zuweilen fährt ein vierspänniger Wagen in die Reihe ein, so fremdartig, weil die großen Mecklenburger Pferde fast über die Häuser ragen; oder es kommt einmal, ungehört im weichen Sande, ein eleganter Reiter auf edlem Rosse, riesig, gleich einer gespenstischen Erscheinung, dicht an den niederen Fenstern vorbei. Doch nun schütten die Dampfschiffe halb Rostock an das Ufer aus. Alles treibt sich auf dem Landungsplatze umher oder vergrößert die Table d'hôte unter ehrwürdigen Baumwipfeln vor der nahen Vogtei, wo der Vogt, die erste Behörde, zugleich Gastwirt, Postmeister, Kommissär und Gott weiß was, ist. Außer den fein geschniegelten Städtern und Städterinnen stolzieren auch vierschrötige Bauern und Bäuerinnen aus der Umgegend vorbei, welche etwas von der Taille ihrer Rinder haben. Zierlicher sehen die Fischerinnen aus, die sich meistens schwarz tragen, selbst die Strohhüte sind schwarz. Zuweilen zeigen sie sich mit grellen Kopftüchern, häufiger mit seidegestickten silbernen oder goldenen Mützchen, deren breiter weißer Faltenstrich einem Heiligenscheine ähnelt. An dem wohlgeformten Bein bemerkt man öfters rote Strümpfe nebst Pantoffeln. Die Warnemünderinnen sind überhaupt sehr hübsch, besitzen eine gewisse Anmut, verblühen aber wie die Helgoländerinnen rasch, denn sie müssen sehr schwer arbeiten. Den Tänzen fehlt es nicht an Lustigkeit, und bis spät in die Nacht hinein erschallen die Herbergen von dem schneidenden Tone der Fiedeln und dem dumpfen Stampfen der Füße. Ein Volkstheater am Stromufer, wo auch wohl „Fräulein Josephine auf dem schlaffen Eisendraht den Pas anglais" tanzt, verfehlt nicht seine Anziehungskraft auszuüben auf Seeleute, Fischerinnen, Kinder, Mägde und selbst fern stehende Damen als halbverstohlene Zuschauer. Während für das ordnungsmäßige Publikum Bänke umhergestellt sind, müssen die Balken am Wasser, die Schiffstaue und Schiffsmasten dem außerordentlichen Publikum der Matrosen und der edlen Straßenjugend dienen. Musik auf den Straßen hört man selten; allenfalls zieht ein Orgelkastenmann von Haus zu Haus durch die Reihen. Auf dem Leuchtturmplatz bewegt sich allabendlich bei der Musik am Pavillon die elegante Welt. Hier ist der Schauplatz aller Lotterien und Glücksräder, der Karussells, des Freischießens für Knaben, das ein hiesiger Kaufmann veranstaltet hat, des Vogelschießens für Damen mit der Armbrust für hübsche Preise, von einem Rostocker Handelsherrn ausgesetzt, der von Rostocker Studenten arrangierten Bälle, wo die Musensöhne schwarz, die jungen Mädchen im rosenroten Flor erscheinen, endlich des Scheiterhaufens, zu welchem, ehe der Tanz beginnt, die Fackeln der Wasserfahrt zusammengeworfen werden. Diese Fahrt auf der Warnow selbst aber wird durch Raketen und bengalisches Feuer mit prächtigem Widerschein auf der Flut verherrlicht.

Es gibt auch noch andere, mehr idyllische Genüsse. Dazu gehört, dass man allabendlich mit Ausnahme des Sonntags die Kühe, die von ihren jenseitigen Weiden heimziehen, über den Warnow-Busen schwimmen sieht: eine seltsame Szene, da man von der gesamten Herde nichts erblickt, als Hörner und Schweife, während der Hirt im Kahne diesen schwimmenden Hörnern und Schweifen nachrudert. Der Glanzpunkt bleibt indes der „Spill", der weit ins Meer hinausgebaute Molo, wo man vom Morgen bis zum Abend die heilsamen Seeluftbäder einnimmt und den gesundesten, freilich auch schärfsten aller Gerüche atmet, den des Seetangs, wo vornehmlich aber das Theater des großen Wassers mit allen seinen erhabenen Dekorationen und wechselvollen Szenen vor dem bewundernden Betrachter aufgeschlagen ist. Daher drängen sich hier stets Leute bei heiterem Himmel und noch mehr beim Sturme, geschart in Gruppen sitzend, bis die Woge hoch zu ihnen emporschäumt und das Kleid benetzt. Zumal wenn der Ruf: Schiffe sind da! wie ein Lauffeuer sich verbreitet, eilt Alles spornstreichs zum Hafen und auf den Spill. Die Lotsen fahren mit ihrem Kahne hinaus, durchschneiden die blaue Flut, fern, wie Geistererscheinungen stehen die Schiffe da. Das große kommt näher und näher; wie ein Riesengespenst in weißen wallenden Gewändern ragt es über die Wellen; nun gleicht es einem titanenhaften Schwan. Wie es herschwebt, die mächtigen Segel voll ausgespannt, ganz Triumph. Was ist schöner, als bei Sonnenuntergang in den Port einlaufen! Ein zweites folgt, beide Rostocker, beide aus England heimkehrend. Wie einen gefesselten Giganten ziehen die in ihrem Boote vorausrudernden Lotsen das gefangene Schiff am Tau in den Hasen nach, und der Koloss schiebt sich ungeheuerlich in die engen Uferlinien hinein. In der lebhaftesten Zeit treffen an einem Tage acht, oft zwölf solcher Schiffe ein. Eben fährt ein finnisches Schiff herein, das sehr hoch geht, weil es ohne Ballast kommt; mit seltsamem Rufe reffen die Matrosen ihre Segel ein. Endlich zeigt sich der erwartete „Constantin" am Himmel, von der Extrafahrt nach Kopenhagen heimkehrend, prächtig im Dämmerschein, wie ein Berg, und doch so leicht von der silbernen Welle getragen. Gleich einem Zauberschiffe braust der Dampfer daher; sein kolossaler Schattenriss ist scharf im Äther ausgeschnitten. Zu beiden Seiten vom Bugspriet löst er seine rot aufblitzenden Böller. „Hurrah! Hurrah!" schreit Alles her und hin und schwenkt die Hüte. Ein anderes Mal verwandelt sich das wie vor einer Hütte am Horizont aufwirbelnde Wölkchen in den Großherzog Franz, der von Petersburg heimkehrt. Der Dampfer Phönix lockt uns zu einer eigens im Sturm veranstalteten Lustreise, wo wir jetzt hoch oben auf Gipfeln schweben, dann plötzlich wieder senkrecht ins Bodenlose hinabgeschleudert werden. Außerdem vergessen wir nicht, einen französischen Dreimaster zu besuchen, der von Rouen kommt, hier Ballast einnimmt und nach Schweden fährt. Der Kapitän lässt sich's nicht nehmen, uns den echtesten Bordeaux zu kredenzen samt Schiffszwieback. Am Bord eines holländischen Schiffes steht dort eine Frau nebst ihrem Säuglinge. Wenn Matrosen keine Hütte haben, nehmen sie ihre Weiber mit auf's Schiff, welche da nähen, waschen, kochen. Im Hafen, am diesseitigen Ufer der Warnow, darf aber kein Fahrzeug in seiner kleinen Küche kochen, sondern wegen der Feuersgefahr für die nahen Häuser nur am jenseitigen. Daselbst steht auf einer Wiese die allgemeine Matrosenküche, ein rötliches Gebäude mit vielen Kaminen. Wir blicken hinein: es ist nur Eine Halle, in der Mitte der Herd mit Rosten auf beiden Seiten, jedes Mal zu zwei Schiffen. Koch und Junge sieden Klöße im Kessel; der Junge rührt immer neuen Teig, obschon eine Unzahl großer weißer Klöße bereits brodeln, recht für Seemannsmägen. Dazu dampft auf der Bank in einer Schüssel ein mächtiges Stück Rauchfleisch. Doch wir müssen uns trennen von allen diesen Herrlichkeiten, und ehe unsere Stunde schlägt, gehen wir noch einmal nach dem Spill, um uns das Bild recht tief einzuprägen. Vor uns See, nichts als See. In unserem Rücken die Warnow mit dem Breitling; im Vordergrund rechts der Leuchtturm und die Häuser von Warnemünde; hinter ihnen und den hochbewimpelten Schiffen geisterhaft Hie imponierenden vier höchsten Türme der alten Hansestadt Rostock (25.000 E.), anderthalb Meilen entfernt.

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Warnemünde, Strom, Hafen und Leuchtturm

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Warnemünde, Strom, Leuchtturm

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Badenixe um 1900

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Badefreuden um 1890

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Badenixe 1930

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