Völlige Gleichstellung aller Konfessionen, Schwerin 1848

Autor: Philippson, Ludwig Dr. (1811-1889) deutscher Schriftsteller und Rabbiner, Erscheinungsjahr: 1848
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg, Gleichstellung aller Konfessionen, Juden, Judentum
Aus: Allgemeine Zeitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse in Betreff von Politik, Religion, Literatur, Geschichte, Sprachkunde und Bellitristik. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson in Bonn. Verantwortlicher Redakteur: Dr. H. Lotze in Leipzig. Zwölfter Jahrgang. 1848

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Schwerin (Mecklenburg), 5. April. (Privatmitteilung) Auch im Norden weht die goldene Fahne einer bessern Zukunft, die mit der g. H. auch unseren Glaubensgenossen erscheinen wird, man erkennt auch hier, dass die jüdischen Deutschen genugsam durch die Nacht- und Blutfarbe des deutschen Banners gewandert sind, auch sie sollen der goldenen gesetzmäßigen Freiheit teilhaftig werden. In den hier gedruckten 20 Forderungen des mecklenburgischen Volkes heißt es im siebenten Artikel: Völlige Gleichstellung aller Konfessionen. Und zum Beweise, dass nicht nur einzelne Stimmen im Volke, sondern die ganze Masse von diesen Wünschen und Forderungen beseelt ist, möge die Tatsache dienen, dass Herr Dr. Marcus, ein in allen Kreisen der hiesigen Bevölkerung durch seine Rechtlichkeit und Uneigennützigkeit sehr beliebter Advokat, schon vor den ewig denkwürdigen Februar- und Märzereignissen einstimmig zum Bürgerrepräsentanten gewählt wurde, und als hierauf der sehr liberale Herr Senator Pohle die Wähler mit dem Ausdruck innigsten Bedauerns darauf aufmerksam machte, dass nach dem bestehenden Gesetze kein Israelit dieses Amt verwalten könne, erhoben sich Alle und riefen: So wollen wir eben hierdurch zu erkennen geben, dass dieses mittelalterliche Gesetz einer Umänderung bedarf. Hingegen wurde sofort ein hiesiger Kaufmann, jüdischen Bekenntnisses, der wackere Herr D. M. Rubens, zum ersten Vorsteher der städtischen Bürgerressource gewählt. Die hiesigen Juden versäumen aber auch niemals, wo es sich um Stadt- und Bürgerwohl handelt, sich ehrbar zu beteiligen; als sich auch hier unlängst eine Bürgergarde organisierte, traten sofort alle Juden in die Reihen. Die mecklenburgischen Juden dürfen daher mit Recht auf baldige Emanzipation hoffen, denn im Volke sind sie längst emanzipiert. Die Mecklenburger wollen daher weder neben, noch unter oder hinter Russland stehen, ihrem Fürsten treu, gehören sie mit Stolz dem jungen deutschen Bruderbunde an. Der durch seine Freisinnigkeit, sowie als Literat sehr beliebte und bekannte Herr Assur (D. Russa) ist Redakteur der „Neuen schwerin'schen politischen Zeitung“ und versteht derselbe auch ohne Zensor sein Blatt der Gegenwart entsprechend auszufüllen.

Auf kirchlichem Gebiete erfährt man nicht viel Neues; Herr Dr. Einhorn wirkt still und geräuschlos und gelingt es seinem frommen Eifer das seit 1 1/2 Jahren etwas gesunkene religiöse Interesse wieder zu erregen und zu beleben, sowohl durch seine Predigten, als auch durch sein Privatwirken. In allen von ihm bis jetzt besuchten Gemeinden hat er schon nachhaltig für die äußere und innere Reform des Judentums gewirkt und ist ihm die ihm gebührende Anerkennung und Liebe auch überall zu Teil geworden, nur in der kleinen Gemeinde Krivitz wurde das verwöhnte Ohr der sonst auf Deutlichkeit und Verständlichkeit viel Rücksicht nehmenden Juden beleidigt, als Herr Dr. Einhorn nach dem Hochzeitsmahl ein deutsches Tischgebet mit Segen für das Brautpaar statt des bisher üblichen verrichtete. Es war dies ein kleiner Schauder für die ruhigen und friedliebenden Krivitzer, woran sie sich doch später gewöhnen werden. In Stavenhagen und Wittenberg kennt man diese Empfindungen nicht, der deutsche Gottesdienst erbauet die Gemüter vielmehr in hohem Grade und findet an diesen Orten recht allgemeinen Anklang. Was die in Ihrem Blatte jüngst besprochene Abweichung von der Synagogenordnung, oder deutlicher, die hiesigen „Minjan-Leut“ betrifft, so verhält sich die Sache folgendermaßen. Der hiesige nicht sehr grüne Zweig der altonaer Propaganda hat nämlich seine einzelnen welken Blätter in den verschiedenen Gemeinden Mecklenburgs kurz nach dem Erscheinen des preußischen Religionspatents auf Grund der Gewissensfreiheit angespornt, um Dispensation von der Synagogenordnung und Gestattung des Privatgottesdienstes bei hoher Landesregierung nachzusuchen. Diese fromme großartige Demonstration sollte nichts weniger bezwecken, als die Aufhebung des Kirchenstatuts und der Synagogenordnung, und an deren Stelle sollte die alte Willkür wieder eintreten und der alte Rabbinatskandidat Herr Esajas Jaffe sollte auf diesem glücklichen Boden das Rabbinat verwalten. Der Privatgottesdienst wurde nun allen Supplikanten gestattet; jedoch kann man nur in 3 Gemeinden von dieser hohen Wohltat (?) Gebrauch machen, indem die Opposition nur an einigen Orten das volle Minjan bildet.

Den israelitischen Religionsschulen in hiesigem Lande stehet auch eine Reorganisation bevor. Der Oberrat soll, wie man hört, der hohen Landesregierung eine ganz vortreffliche Schulordnung zur Genehmigung vorgelegt haben, jedoch dürfte die Wahl der Schulbücher für die Dauer nicht ausreichen. So ist Manheimers hebräische Sprachlehre ein gar zu dürres Schulbuch, die Regeln darin sind undeutlich, es fehlt diesem kleinen Bau der innere Zusammenhang und der Beispiele sind zu wenige. Es erscheint demnächst bei Berendsohn in Hamburg eine durchaus praktische Schulgrammatik von dem nach Amerika übersiedelnden Religionslehrer und Prediger Herrn Levi in Neubukow, die man schon im Voraus auch der Wohlfeilheit wegen allen Schulen empfehlen kann. Der sonst ganz vortreffliche Elkan'sche Auszug aus dem größeren Geschichtswerke von Jost ist zwar ein geeigneter Leitfaden für angehende Seminaristen, wonach diese ein umfassenderes Werk studieren können; aber für Religionsschüler bis zum Konfirmationsalter ist dieses Büchlein nicht geeignet, besser empfiehlt sich hiefür, der kleine Katechismus von Philippson, weil in demselben die Kulturgeschichte der Israeliten mehr berücksichtigt ist. Gewiss wird der Herr Dr. Philippson seinem versprochenen Wegweiser zum Religionsunterricht auch einen Anhang über die Behandlung der jüdischen Geschichte in den Religionsschulen beifügen*). Überhaupt da ich einmal bei den Schulbedürfnissen bin, kann ich den langst gehegten Wunsch nicht unterdrücken, dass die Pädagogik auch bald ihre Vertreter unter den jüdischen Philologen und Philosophen finden möge. Es ist dies zwar ein bescheidenes Gebiet, aber die Zeit rückt immer näher, wo sich alle Geistliche auf demselben werden bewegen müssen.

*) Allerdings und ganz besonders: denn welche Geschichte lehrt mehr Religion, als die Geschichte Israels, und was anders lehrt sie? Redakt.

Bützow (Mecklenburg), 6. April. (Privatmitteilung) Auch in Mecklenburg ist für unsere Glaubensgenossen die Morgenröte der Freiheit am politischen Horizonte angebrochen und somit der letzte Rest der mittelalterlichen Finsternis verscheucht. Außer den um bürgerliche und politische Gleichstellung der Juden Mecklenburgs fast von allen Städten dieses Landes an den Großherzog gelangten Wünschen, sprach sich auch die zu Güstrow am 2. April d. M. Behufs Beratung über die an den bevorstehenden Landtag zu stellenden Vorschläge abgehaltene Versammlung von Deputierten aus allen Städten Mecklenburgs für die Annahme der dritten Proposition, welche lautet: „Gleiche Berechtigung aller Konfessionen“, mit Akklamation aus. Demnach unterliegt es keinem Zweifel, dass auch die Juden Mecklenburgs vollständige Emanzipation von Regierung und Ständen erhalten werden. Wie hoch und warm muss nicht die Brust eines jeden Israeliten über die überall sich kundgebenden erfreulichen Sympathien des deutschen Volkes für die heilige Sache unserer Glaubensbrüder schlagen! Noch wenige Wochen — und das Absonderungssystem, das Jahrhunderte lang, wie ein drückender Alp auf Israel lastete, und dem man das Prinzip des „christlichen Staates“, als rechtfertigenden Vorwand, unterschob (dem freilich das der „christlichen Liebe“ widerspricht) ist zu Grabe getragen. Zeugnis davon legt gegenwärtig auch Mecklenburg ab, indem aus einigen Städten dieses Landes, wie z. B. Güstrow und Goldberg, zu städtischen Deputierten für die oben gemeldete Güstrower Versammlung auch Juden ernannt wurden. — Aber auch zum großen Ruhme für die israelitische Bevölkerung Mecklenburgs kann es gesagt werden, dass sie eifrig tätigen Anteil an den Bürgerversammlungen und der Bürgerbewaffnung nimmt, und somit sich der Achtung und Liebe ihrer christlichen Mitbrüder auch durch die Tat würdig beweist. So sind hier in Bützow fast alle jüdischen Gemeindeglieder freiwillig unter die Bürgergarde getreten, worunter sogar hochbejahrte Männer. — Sehen wir nun vertrauensvoll dem Resultate des am 26. d. M. zu Schwerin beginnenden Landtages entgegen! S. W
Schwerin - Altstadt 1842.

Schwerin - Altstadt 1842.

Schwerin - Amtsstraße 1839.

Schwerin - Amtsstraße 1839.

Schwerin - Dom.

Schwerin - Dom.

Schwerin - Neustadt.

Schwerin - Neustadt.

Schwerin - Paulstadt.

Schwerin - Paulstadt.

Schwerin - Schloßgarten.

Schwerin - Schloßgarten.

Schwerin.

Schwerin.