Ueber Mecklenburg und insbesondere über Rostock

Autor: Amthor, Ed. Dr. (?)
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg, Rostock, Handel
Aus: Vorwärts! Magazin für Kaufleute. Illustrierte Mitteilungen, Abhandlungen und Schilderungen aus dem Gesamtgebiete der Handelstätigkeit. Unter Mitwirkung namhafter Geschäftsmänner und Gelehrten herausgegeben von Dr. Ed. Amthor, Direktor der Handelschule in Gera. Bd 3. 1862

Mecklenburg ist an Fabriken wohl das ärmste Land Deutschlands. Zwar hat es einige größere Eisengießereien und Tuchfabriken, dieselben können aber gegen die anderer deutscher Länder nicht in Betracht kommen.
Das Land beschäftigt sich mit Ackerbau und Viehzucht. Die Bürger der kleinen Städte haben ihre 2 bis 4 Morgen Acker, einige sogar 4 bis 8 Last à 6.000 Quadrat-Ruten, ihre Scheunen und ihr Vieh. Eine Landstadt Von 3.000 Einwohnern zählt gewöhnlich eine Herde von 700 bis 1.000 Stück Hornvieh und eine von 1.500 bis 2.000 Schafen. Wie viel Korn allein wird nicht jährlich von Mecklenburg und Pommern aus versandt! Und können sich die Mecklenburger Pferde nicht mit allen andern an Kraft und Ausdauer messen? Wo hat der Boden wohl mehr Wert als hier? — Ein Gut z. B. von 16 Last mittlerer Bonität wird durchschnittlich mit 120.000 Thalern bezahlt. Ist das Land aber von besserer Beschaffenheit — Lehm oder schwerer Weizenboden — so hat es beinahe den doppelten Wert, etwa 200.000 Thlr.

Im ganzen Lande ruht ein gewisser Wohlstand, man findet sehr selten dürftige oder arme Familien, und die man trifft, sind immer auf diese oder jene Art selbst Schuld an ihrem Unglück. Das Tagelohn der Arbeiter ist gewöhnlich 16 bis 20 Schill. Courant gleich 10 bis 12 1/2 Sgr. für feststehende, immer andauernde Beschäftigung. Wunderbar muss es aber dessen ungeachtet besonders dem Fremden hier vorkommen, denn klagen hört er von Jedermann. Der Kaufmann sagt: Das Geschäft ist flau, die Konkurrenz zu groß, es ist nichts mehr zu verdienen. Der Landmann jammert: Die letzte Ernte ist schlecht ausgefallen, und die Kornpreise gehen immer mehr herunter; der kleine Mann dagegen behauptet: Die Lebensmittel sind so teuer, man kann bei so schlimmen Zeiten kaum die Seinigen auf ehrliche Weise sättigen u. s. w. Dergleichen hört man Tag für Tag, wenn auch von Allen, das Gegenteil behauptet werden könnte.

Das Korn bildet einen schwunghaften Export-Artikel, und das ganze Land steckt in Folge dessen voll Kornspekulanten. Sogar die Krämer in den kleinen Landstädten befassen sich mit dem Geschäft, sie kaufen Korn, wenn auch nur wenige Last, und versuchen ihr Heil damit. Hamburger Grossisten haben im ganzen Lande ihre Agenten. Die Juden fahren mit 2 Pferden und großen Planwagen auf den Höfen umher und kaufen für auswärtige Rechnung Getreide, und für ihre eigne zugleich Felle, Butter, Wolle, Pferde, Schweine u. s. w., mit einem Worte Alles, was die Leute verkaufen wollen.

Der Weizen geht meistenteils über Rostock nach England. Im Frühling besonders, wenn die Reede eben von Treibeis frei ist, werden fast alle Schiffe, die hier in Winterlage gewesen sind, nach England gechartert.

Von den Briten bezieht das Land dagegen landwirtschaftliche Maschinen jeder Art. Es gibt schon manche Gutsbesitzer, die Alles per Dampf treiben. Die Lokomobile (gebaut wie die Lokomotive, nur mit 8 Zoll breiten Rädern, um das Einschneiden in die Erde zu vermeiden, und mit einem großen Schwungrad an der Seite) zieht die Dreschmaschine zu den Kornmieten, die gewöhnlich mitten auf dem Felde, also weit vom Hofe ab, stehen; dann wird das größere Schwungrad der Lokomobile mit dem kleineren der Dreschmaschine durch einen 20 Fuß langen, sehr starken Riemen verbunden, so dass die Arbeit beginnen kann. In der Maschine befindet sich zugleich ein Kornreinigungsapparat, hier Rummel genannt. Das Korn wird auf diese Weise gedroschen, gereinigt und in Säcken der Maschine entnommen. Verfasser dieses hatte kürzlich sogar Gelegenheit, eine Häckerling Schneidemaschine zu sehen, die wie ein Uhrwerk durch bloßes Aufziehen eines Gewichts von 20 Pfund in Bewegung gesetzt wurde; dieselbe war von einem einfachen Tischler erbaut.

Man kann aber auch die schwache Bevölkerung des Landes als einen Grund so weniger industrieller Einrichtungen annehmen. Mecklenburg gehört, wie bekannt, zu den Ländern Deutschlands, die im Verhältnis; zu ihrer Größe nur wenig Bewohner aufzuweisen haben, und da in den fünfziger Jahren die Auswanderungslust so überhand nahm, so ist die Seelenzahl seit dieser Zeit auch nur unbedeutend gewachsen. Im Jahre 1851 hatte Mecklenburg-Schwerin eine Bevölkerung von 543.328 Seelen. Da in normalen Zuständen die Sterbefälle zwei Prozent und die Geburten 5 Prozent betragen, folglich die Zunahme sich auf drei Prozent beläuft, so würde hiernach die Volkszahl des Landes im Jahre 1861 auf 731.408 Seelen gewachsen sein müssen. Sie beträgt aber nur 548.449 Seelen, 5.121 mehr als im Jahre 1851, ist also innerhalb 10 Jahren noch nicht um ein volles Prozent gewachsen. Diese unbedeutende Vermehrung wird dadurch noch auffallender, dass der Überschuss der Geburten über die Todesfälle in dem zehnjährigen Zeitraum vom ersten Advent 1851 bis dahin 1861 sich auf 50.044 beläuft. Die Zunahme beträgt demnach 44.923 Seelen weniger, als sie betragen sollte. Es kann daher nur angenommen werden, dass das Land in den letzten 10 Jahren 44.923 Seelen durch Auswanderung verloren hat. In den Jahren 1855 bis 1857 war dieselbe außerordentlich stark, ganze Familien vom Lande, sogar bisweilen ganze Dörfer suchten in Amerika eine neue Heimat. Jetzt freilich ist diese Lust vorbei; Anno 1860/61 sind bestimmt eben so viel Personen zurückgekommen als abgereist.

Wie oben gesagt ist, wird jährlich viel Korn über Rostock exportiert.

Das Getreide wird größtenteils durch Rostocker Schiffe versandt, weil die Exporteure vielfach auch Korrespondent-Reeder sind. Unter einem Korrespondent-Reder aber versteht man einen Kaufmann, welcher die sämtlichen Geschäftssachen für ein Schiff besorgt, Frachten abschließt, die ausstehenden Frachtgelder einzieht, die Bücher führt, der Vertreter sämtlicher Schiffs-Eigentümer (Reeder) ist und nur bei besondern, sehr wichtigen und selten vorkommenden Gelegenheiten nötig hat, die Meinung seiner verschiedenen Reeder einzuholen. Der Bau eines Schiffes wird hier folgendermaßen bewerkstelligt. Ein Steuermann, den wir A nennen wollen, geht zum Kaufmann B, zeigt ihm seine verschiedenen Zeugnisse, und sagt: Ich, möchte gerne ein Schiff bauen, wollen Sie mein Korrespondent sein? Dann erkundigt sich B nach ihm bei dem Kapitän, unter dessen Befehl er zuletzt gestanden hat, und erwidert, er wolle es übernehmen. Darauf setzt er ihm ein Zirkular auf, ungefähr des Inhalts, dass A bauen wolle, er ihn schon lange als brauchbaren Menschen und tüchtigen Schiffer kenne etc., und übergibt es ihm mit den Worten: Hier, Schiffer, nun gehe und suche Dir Reeder zu dem Schiffe! Er selbst unterzeichnet, wie es hier Usance ist, 1/8 Anteil; der Schiffer auch gewöhnlich 1/8. Darauf geht A zum Schiffsbaumeister, der ebenfalls 1/8 nimmt. Der Reifschläger und der Ankerschmied zeichnen jeder 1/16. Dann kömmt der Maler, Schmied, Blockdreher, Tischler, Krämer etc. je mit 1/32, und so fort, bis das Schiff voll ist, d. h. bis soviel Teilnehmer, oder Reeder hier genannt, sich gefunden haben, dass er zum Bau schreiten kann. Auf diese Art und Weise sind sämtliche hiesige Schiffe entstanden. Die Handwerker etc. unterzeichnen alle nur, um die Arbeit, welche in ihr Fach schlägt, zu erlangen und dabei zu verdienen, so dass man, nach Vollendung des Baues, ein Part (einen Anteil) von diesen Leuten zum halben Betrag wieder kaufen kann. Hieraus geht hervor, dass der Bau eines Schiffes bedeutend verteuert wird, und dass am Platze ein Handel mit Schiffsparten stattfindet, die häufig in öffentlichen Auktionen meistbietend versteigert werden. Wenn ein Schiff auf obige Art gebaut wird und 30.000 Thlr. kostet, so hat man dasselbe, wenn es in Akkord gearbeitet wird, in denselben Dimensionen für höchstens 20.000 Thlr.
Die Rostocker Reederei ist ziemlich bedeutend, sie umfasste ultimo 1860 348 Schiffe.
Im Jahre 1861 gingen total verloren 20, verkauft wurden 2 abgewrackt (abgebrochen) 1 in der Summe 23, es bleiben 325 Schiffe.
Hinzu gekommen sind a) durch Neubau 27 und b) durch Ankauf 3 gesamt 30 Schiffe, per ultimo 1861 355 Schiffe von circa 45.000 Lasten Tragkraft, die einen ungefähren Wert von 5.700.000 Thlrn. Courant repräsentieren. — In den Jahren 1851 bis 1860 incl. wurden im Ganzen 91 Schiffe verloren, also etwa 9 Stück pro Jahr; 1861 aber, wie oben gesagt, 20 Stück, und ist daher das verflossene Jahr höchst unglücklich für die Reederei ausgefallen.

Das Wohl der Stadt Rostock liegt in den Händen des Rats und der Bürgerschaft. Der erstere besteht aus 3 Bürgermeistern, 2 Syndici und 11 Senatoren, wovon 5 Kaufleute und 6 Juristen sind. Die Bürgerschaft oder das Kollegium der Hundert Männer wurde am 25. August 1770 gegründet und zerfällt in zwei Abteilungen, das erste und das zweite Quartier genannt. Das erste besteht aus 50 Repräsentanten der Kaufmanns-Kompanie und das zweite aus 50 Deputierten der verschiedenen Gewerke-Ämter.

Kaufmännische Institute sind in Rostock:

a) Die Rostocker Bank; errichtet und landesherrlich auf 9 Jahre bestätigt am 27. Februar 1850. Im Jahre 1859 prolongiert auf 25 Jahre, mithin bis 1884. Sie steht unter Leitung eines Verwaltungsrats von 5 Kaufleuten, dem ein Bankausschuss von 10 Aktionären beigefügt ist. Sie ist auf 5.000 Aktien 6.200 Thlr. eine Million Thaler Courant, begründet und hat für diesen Betrag auch Noten von 10, 20, 50 und 100 Thlrn. im Umlauf; die Aktien tragen 4 % Zinsen und eine Dividende, welche in den letzten Jahren zwischen 1 und 2 % variirte. Die Rostocker Bank befasst sich 1) mit Darlehn-, 2) mit Depositen-, 3) mit Hypotheken- und Effekten-Lombard-, 4) mit Waren-Lombard-, 5) mit Disconto-Wechsel-, 6) mit auswärtigen Wechsel-, 7) mit Hypotheken- und Effekten-, und 8) Kontokorrent-Geschäften. Der Umsatz vom 1. März 1860 bis zum 28. Februar 1861 betrug 26.519.170 Thlr. 43 Sgr. 10 Pf.
b) Vorschussvereine, die sich mit allen obenbenannten Geschäften, nur im kleineren Maßstabe, befassen. (In Schwerin existiert eine Lebens-Versicherungs-Gesellschaft und Sparbank, die im Jahre 1861 gegen 2 Millionen Thaler umsetzte.)
c) Sechs See-Assekuranzen, alle auf Aktien von 1.000 Thlrn. gegründet und mit einem Kapital von je 100—150.000 Thlrn. arbeitend.
d) Die Vaterländische Feuer-Versicherungs-Sozietät, ein auf gegenseitige Verpflichtung fundiertes Institut. Der vorkommende Schaden wird von ihren sämtlichen Versicherten pro rata, gedeckt. Die Versicherungssumme derselben beträgt 9.950.000 Thlr. Sie hat einen General- und 62 Haupt- und Spezial-Agenten.
e) Das Brand-Assekuranz-Departement, eine Anstalt, die nur Immobilien aufnimmt und keine Versicherungen für eigenes Risiko übernimmt, sondern dieselben bei anderen auswärtigen Gesellschaften wieder versichert (rückversichert). Die Rückversicherungssumme war am 1. Juli 1861 9.235.425 Thlr. und der Reservefonds belief sich am 1. Januar 1861 auf 157.923 Thlr. 13 Sgr. 11 Pf.

Rostock zählt mehrere Fabriken: z. B. eine Amidamfabrik, zwei Baumwollfabriken, eine Dampfknochenmühle, eine Zichorienfabrik, drei große Ölmühlen, eine Kraftdüngerfabrik, eine Eisengießerei und eine Eisen-Dampf- und Segelschiff-Bauanstalt. —

„Erst das Geschäft und dann das Vergnügen,“ sagt der Engländer. Es ist dies ein Grundsatz, dem jeder Mensch, vor allen aber ein Jünger Merkurs, in eben dem Maße huldigen muss wie dem Bruder desselben, dem „Time is money“. Über das Geschäft Rostocks denke ich nunmehr genug gesprochen zu haben und darum soll nun auch laetitia mit einigen Worten ihren Einzug halten. — Vergnügen! Welch ein ungeheures Wort und wie verschieden die Deutung! Als Knabe begreift man den außergewöhnlich freien Nachmittag darunter, um ihn zum Ballspiel, Drachensteigen etc. anzuwenden; als Handlungslehrling den Sonntag, wo man frei eine Zigarre rauchen kann, denn ach! in der Woche kommt die Gelegenheit dazu gar sehr selten! Der Kommis aber, was versteht der unter dem Vergnügen? Das weiß wohl Jeder von Ihnen selbst am besten, meine lieben Leser! Denn in diesem Punkte sind die Meinungen sehr verschieden. Der Eine denkt bei dem Wort an einen Robber Whist, der Andere an eine Partie Billard, der Dritte an Kegelspiel :c. — Hier in Rostock ist das Hauptvergnügen für den Winter das Stadt-Theater, dessen Personal auch in dieser Saison recht Tüchtiges leistet; ferner die Union, ein Verein für Handlungskommis, der hauptsächlich gesellige Unterhaltung, wissenschaftliche Vorträge etc. zum Zweck hat. Unter den Sommervergnügungen nimmt aber Warnemünde wohl den ersten Rang ein; fünfmal gehen 3 Dampfschiffe täglich dahin (also zusammen 30 Fahrten) und macht man die Tour für 12 Sgr. Courant (7 1/2 Sgr.) hin und zurück. Warnemünde ist ein Flecken mit 2.000 Einwohnern, die sich von allen anderen Mecklenburgern durch Sprache und Kleidung bedeutend unterscheiden; Warnemünde besitzt auch eine schöne Seebadeanstalt. Des Abends finden daselbst regelmäßig Konzerte von einem tüchtigen Orchester unter Leitung des hiesigen Stadtmusikdirektors Hugo Hünerfürst statt.

Neben Warnemünde ist noch Doberan mit dem heiligen Damm zu erwähnen, nur 2 Meilen von Rostock entfernt und durch Chaussee und Telegraphen damit in Verbindung. Dasselbe eignet sich besonders zu größeren Ausflügen. Wer aber sein Vergnügen in Rostock selbst haben will, der geht ins Tivoli, wo man seine Zigarre rauchen und gutes Bier bekommen kann, oder er besucht eine der vielen Garten-Harmonien. Wein wird in ganz Mecklenburg wenig, ja fast gar nicht getrunken, sondern hier huldigt Alles dem Spruch:

Den Gerstensaft lasst uns ihn preisen,
Er ist des Lobes wahrlich Wert! etc.

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Rostock zur Zeit der Hanse, Holzschnitt

Rostock zur Zeit der Hanse, Holzschnitt

Der Heilige Damm und die Ostsee.

Der Heilige Damm und die Ostsee.

Rostock, Hansestadt, Petrikirche und Petritor

Rostock, Hansestadt, Petrikirche und Petritor

Rostock, Marktplatz mit Marienkirche und Blutstraße

Rostock, Marktplatz mit Marienkirche und Blutstraße