Topographisches Gemälde der Stadt Wolgast - Topographie der Umgegend von Wolgast

Aus: Chronik der Stadt Wolgast
Autor: Heller, Karl Christian (1770-1837) Bibliothekar, Chronist, Prediger an der St. Petri-Kirche zu Wolgast, Erscheinungsjahr: 1829
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Wolgast, Usedom, Peene, Pommern,
Wolgast an der Peene liegt unter dem 54° nördlicher Breite und dem 31° der Länge. Es hat 746 Wohnhäuser, wovon sich innerhalb der Ringmauern 251, auf dem Schlossplatze 55, in der Fischer- und Cronwyk 325, und in der Bauwyk 115 befinden. Die Zahl der Einwohner beläuft sich nach der neuesten Zählung auf 4.097, wovon nämlich 1.484 in der Stadt selbst, und 2.613 in den Vorstädten wohnen. Das Militär indessen ist hierbei nicht mitgerechnet, welches sich ungefähr, Frauen und Kinder eingeschlossen, auf 250 Personen beläuft.

Der Flächenraum, den die Stadt mit ihren Vorstädten, dem Bollwerke, den Kirchhöfen nebst den Gärten einnimmt, beträgt 164 Magdeburger Morgen. Die Stadt an sich innerhalb der Ringmauern hat eine Quadratfläche von 46 solcher Morgen. Man sieht hieraus, dass die Stadt eigentlich nur klein ist, aber dennoch hat sie durch ihre Lage entschiedene Vorzüge vor mancher größeren Stadt. Schon dadurch ist sie begünstigt, dass sie an einem schiffbaren Fluss liegt, auf welchem im Sommer ein tätiges Leben herrscht, das besonders dann sich äußert, wenn große Seeschiffe mit vollen Segeln den Hafen verlassen, oder auch die heims kehrenden mit Kanonenschüssen und Flaggen die Stadt begrüßen. Dieses bewegte und rege Leben auf der Peene gewährt einen angenehmen und imposanten Anblick; doch außerdem prospektiert die Stadt selbst sich vorteilhaft, wenn man nur den rechten Standpunkt sucht. Diesen findet man teils auf dem Trienkenberge, teils auf irgend einer Anhöhe der Usedomschen Seite. Indessen das Angenehme ist der geringste Vorteil, den Wolgast durch seine Lage an dem Peeneflusse hat; der Hauptvorteil besteht darin, dass es durch seine Schifffahrt in den Stand gesetzt wird, unmittelbar mit der übrigen Welt in Handelsverkehr zu treten, und auch aus dem Innern des Flusses selbst einen großen Teil seiner Nahrung zu nehmen. Welche Menge der schönsten und wohlschmeckendsten Fische liefert uns die Peene! Diese Fische werden hier nicht alle verzehrt, sondern der Überfluss wird von Fischkäufern aufgekauft, und teils auf Wagen und Karren, mit Hunden bespannt, nach dem Lande oder nach Greifswald, teils auch in besonders zu diesem Zwecke eingerichteten, im untern Raume durchlöcherten Wasserfahrzeugen, Quatzen genannt, nach Stralsund zum Verkaufe geführt; ja Brachsen und Zander (Sannat) werden zu Lande nach Hamburg, und Böcklinge und marinierte Heringe nach Berlin und Frankfurt an der Oder gefahren.

Das ganze Jahr wird der Fischfang betrieben, und jede Jahreszeit liefert bald diese, bald jene Art von Fischen. Überhaupt werden von den hiesigen Fischern gefangen:

1) Neunauge, Petromyzon fluviatilis. (Selten) 2) Stör, Acipenser Sturio. 3) Meernadel, Syngnathus Acus. 4) Lachs, Salmo Salar. 5) Schnäpel, Salmo Lavaretus. 6) Stint, Salmo Eperlanus. 7) Hering, Clupea Harengus. 8) Alse, Clupea Alosa. 9) Hecht, Esox Lucius. 10) Hornfisch, Esox Belone. 11) Gründling, Cyprinus Gobio. 12) Schlei, Cyprinus Tinca. 13) Blei (Brachsen), Cyprinus Brama. 14) Güster, Cyprinus latus. 15) Zärthe, Cyprinus vimba. 16) Karausche, Cyprinus Carassius. 17) Döbel, Cyprinus Dobula. 18) Raapfe, Cyprinus Aspius. 19) Plötze, Cyprinus rutilus. 20) Rotauge, Cyprinus erythrophthalmus. 21) Witting (Uekelei), Cyprinus Alburnus. 22) Kurrpeitsche, Cobitis fosslis 23) Wels, Silurus Glanis. 24) Dorsch, Gadus Calliarias. 25) Aalquappe, Gadus Lota. 26) Steinbutte, Fleuronectes maximus. 27) Flunder, Pleuronectes Flesus. 28) Bauchsauger, Cyclopterus Lumpus. 29) Aal, Muraena Anguilla. 30) Aalmutter, Blennius viviparus. 31) Sannat (Zander), Perca Lucioperca. 32) Barsch, Perca fluviatilis 33) Kaulbarsch, Perca cernua. 34) Knorrhahn, Cottus Scorpio. 35) Großer Seestichling, Gasterosteus Spinachia. 36) Kleiner Seestichling, Gasterosteus pungitius. 37) Gewöhnlicher Fluss-Stichling, Gasterosteus aculeatus.

Zu den eben genannten Vorteilen, welche Wolgast wegen seiner Lage an der Peene hat, kommt nun
endlich noch der hinzu, dass die Lage der Gesundheit zuträglich ist. Denn teils haben die beständigen Strömungen der Peene, die fast einen Halbzirkel um die Stadt bildet, eine vorteilhafte Wirkung auf die Luftverbesserung, teils geben auch die frischen Fische eine gesunde und nahrhafte Speise. Hierzu kommt nun noch das reine und gesunde Trinkwasser, so wohl in der Stadt als auch in den Vorstädten, welches überdies sehr brauchbar ist zu Branntwein-Brennereien und zum Bier- und Essigbrauen. Alles dieses wirkt, wie die Erfahrung lehrt, wohltätig auf die Gesundheit; denn es leben hier viele Menschen im Greisesalter und mehrere, die das 80te Jahr noch mit einem ziemlichen Rest von Kräften überschritten haben. Dann und wann gibt’s auch wohl einige, die das 90te, ja wohl die das 100te Jahr übertreten.

Die Peene umgibt also die eine Seite der Stadt, auf der andern ist sie von kleinen Bergen umgeben. Im Süden nahe an der Fischerwyk liegt der Popagonberg. Diese Benennung hat er wahrscheinlich von dem heidnischen Götzen Popaga, welches in der Wendischen Sprache „Munterkeit“ bedeutet. Dieser Götze soll auf diesem Berge verehret worden sein. Zur Seite dieses Berges wird in der Vertiefung noch immer jährlich der bürgerliche Scheibenschuss gehalten, und auf der Kuppe des Berges werden an den Tagen dieser Feierlichkeit Zelte und Spielbuden errichtet, allerlei Spiele vorgenommen, und besonders in vielen aus schön geschmückten Jungfrauen und Jünglingen gebildeten Kreisen der Dritte gejagt und abgeschlagen. Auch wählen diesen Berg häufig
fremde Bereiter und Springer zu ihrem Schauplatze, und im Kriege diente er der Infanterie zum Exerzierplatze. Dass er ehedem mit Holz soll bewachsen gewesen sein, ist glaublich; jetzt aber ist keine Spur davon. Sein Umfang verkleinert sich zusehends, indem er Sand zum Ausstreuen der Wohnungen und Ballast für die Schiffe gibt; ja, es sind nach und nach diesem Sandberge Plätze zu Häusern und ganzen Straßen abgenommen.

Nicht weit vom Popagonberge fängt der Cisenberg an, welcher von der Cise, einem Bache, der aus dem Wyker Bodden kommt, sich in den Hohendorfer See ergießt, und dadurch den Wusterhuser Winkel bildet, seinen Namen hat. Dieser Bach hatte früher mehr Wasser und trieb bei der Cisenbrücke eine Wassermühle von drei Gängen, welche aber schon lange demoliert ist. Über ihn führen auf dem Wolgaster Stadtgebiete zwei Brücken, nämlich die Cisenbrücke auf dem Greifswalder Wege, welche 1826 neu gebaut ward, und die Borg- oder Burgbrücke auf dem Anklamer Wege. Nicht ferne von dieser soll die Cisenburg gestanden haben, wo von aber keine Spur mehr ist. Auf dem Cisenberge selbst soll die Göttinn Cia verehrt worden sein. Von den Eichen, welche diesen Berg in alten Zeiten bekränzten, ist keine Spur mehr übrig; wohl aber schmückt ihn die Feldnelke, Dianthus arenarius, welche nur ihn, und außerdem einige Stellen in Pommern zu ihrem Wohnsitze erwählt hat. Vor einigen und zwanzig Jahren war am Anklamer Wege am Fuße des Cisenberges ein Tannencamp, dessen Flächenraum 25 Magdeburger Morgen betrug; aber da dieses Hölzchen, welches früher auch zum Vergnügungsplatze diente, nach und nach immer lichter, und von ungebetenen Gästen auf geräumt wurde, so ließ der Magistrat dasselbe gänzlich umhauen, und den Überrest der Tannen meistbietend verkaufen. Ein gleiches Schicksal hatte auch der Fuchs-Tannencamp auf dem Fuchsberge zur rechten Seite auf dem Wege nach Greifswald.

Zur linken Seite dieses Weges liegt auch der Schanzenberg, der seine Benennung von einer auf demselben im dreißigjährigen und später im siebenjährigen Kriege angelegten Schanze hat, und am Hollendorfer Wege, nicht weit von der Peene, liegt der Trienkenberg in der Form eines so genannten Hünengrabes. Woher dieser Hügel eine Benennung hat, lässt sich nicht bestimmen.

Hinter dem Spitzhorn liegt der Ziegelberg an der Peene, welcher ehedem gute Erde zu Ziegeln und Mauersteinen lieferte, die auch zum Aufbau des Schlosses gedient haben sollen. Diese Ziegelei ward aber im dreißigjährigen Kriege 1637 gänzlich von den Kaiserlichen zerstört, und die Ziegelscheune niedergerissen. Seit dem liegt der Ziegelberg unbenutzt, und aus einer i. J. 1818 angestellten Untersuchung ergibt sich auch, dass die Erde desselben nicht mehr zum Ziegelbrennen tauglich sei. Dass ehedem in der Nähe dieses Berges, oder auch auf irgend einer andern Stelle, eine Kapelle, oder ein heidnischer Tempel, gestanden habe, ist bloß eine Sage, die durch nichts begründet wird, und die Abbildungen eines solchen Gebäudes, welche man auf den alten Holzstichen von Wolgast findet, gehen aus Irrtürmern oder auch aus bloßen Einbildungen hervor.

Diese eben genannten kleinen Berge sind etwa die wichtigeren Punkte in der Umgebung Wolgasts von der Landseite. Man hat von ihnen, wozu noch die Anhöhe, worauf die Malzmühle steht, gerechnet werden kann, eine freundliche Aussicht; aber das Verschwinden der kleinen Hölzer, oder Tannencämpe, rauben ihr vielen Reiz.

Von diesen Tannencämpen sind jetzt nur noch zwei vorhanden. Der eine liegt am Wege nach Middelhof und heißt der Lust-Tannencamp, wohin im Sommer häufig Lustpartien gemacht werden, und worin nach dem Wettvogel, oder auch nach der Ziehscheibe geschossen wird. Aufgeschlagene, mit Erfrischungen versehene Zelte, Musik, Karussell, Glücksspiele, Abschlag des Dritten und dergleichen erhöhen die Freuden der zu Fuß, zu Pferde und Wagen besonders an den Sonntagen herzuströmenden Menge.

Der zweite noch übrige Tannencamp befindet sich zu beiden Seiten des Weges nach Ernsthof an der städtischen Feldgrenze und ist unter dem Namen des Ernsthöfer Tannencamps bekannt; aber leider wird er gar zu oft und zahlreich des Nachts von Unberufenen besucht, und man sieht von Jahr zu Jahr sein allmähliches Verschwinden.

Es ist natürlich, dass die Umgegend von Wolgast durch das Hinscheiden der kleinen Hölzer viel an Lebendigkeit verloren hat; daher wollte man das durch eine Baumpflanzung an den Postwegen ersetzen, und dadurch der Umgegend wieder eine freundlichere Physiognomie geben. Diese Anpflanzung von etwa tausend Bäumen aller Art geschah auch im Herbste 1817. Die eine Allee führte von der Vorstadt bis zur Eisenbrücke, und die andere bis zur Borgbrücke. Aber leider wurden nach und nach viele von diesen jungen Bäumen vom Winde abgebrochen, oder auch durch Unvorsichtigkeit, auch wohl durch frevelnde Hände, zerstört. Es geschah freilich eine Nachpflanzung, aber diese teilte mit der ersten Pflanzung ein gleiches Schicksal, und von der ganzen Anpflanzung blieb endlich, wenige Bäume ausgenommen, gar keine Spur. Doch ward durch die Betriebsamkeit der löblichen Kammer im Frühlinge des Jahres 1829 eine neue Baumpflanzung an jenen genannten Postfraßen vorgenommen, und die jungen Bäume durch umwundenen Dorn und hin und wieder durch Gräben mehr gesichert, und auf die Art nicht einer unvorsätzlichen Zerstörung preisgegeben. Möchte dieses Unternehmen durch einen glücklichen Erfolg gekrönt, und die jetzige jüngere Welt, oder wenigstens die Nachkommen, durch den Schatten dieser Bäume gelabt werden!
Wolgast, Hafen mit Zugbrücke

Wolgast, Hafen mit Zugbrücke

Wolgast, Peene

Wolgast, Peene