Topographische und chronologische Beschreibung der pommerschen Kauf- und Handelstadt Anklam - Erste Abteilung - Topographische und politische Beschreibung der Stadt Anklam. 01. Anklams Ursprung

Aus: Topographische und chronologische Beschreibung der pommerschen Kauf- und Handelstadt Anklam
Autor: Stavenhagen, Carl Friedrich (1723-1781) Stadtsekretär und Historiker, Erscheinungsjahr: 1773
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Vorpommern, Usedom, Anklam, Stadtgeschichte, Kulturgeschichte, Sozialgeschichte, Kirchengeschichte, Sueven, Germanen, Altertümer, Altertum, Christentum, Götzendienst, Barbaren, Geschichtsquellen, Hansezeit, Ostsee, Bernstein, Geschichtsschreiber, Herodot, Land und Leute, Sitten und Gebräuche, Lemovier, Guttoner, Burgunder, Sidiner, Semnonen, Cimbrer
Anklam verliert sich in den Schatten des Altertums; wir können bis zu dessen ersten Ursprung nicht gelangen: es fehlen uns die Hilfsmittel, zu erfahren, wann es zuerst ein Flecken, eine Burg, oder eine Stadt geworden; nicht eine Stadt, nach der deutschen und niedersächsischen Einrichtung, denn hiervon ist uns die Zeit bekannt, sondern als eine Stadt oder eine Burg und Flecken vor der Zeit des bei uns eingeführten Christentums. Doch nicht alle Hoffnung ist verloren; wir werden etwas hiervon aus den Zelten, da der Untergang des heidnischen Götzendienstes und die Ankunft des Christlichen Glaubens bei uns an einander grenzen, erblicken. Bei dem Mangel der genauen historischen Nachrichten von dem Ursprung unserer Stadt wollen wir, weil das Neue von den Alten abstammt, nachsuchen, was für Völker in unserm Vorpommern gewohnt haben.

02. Zu Herodots Zeiten war das südliche Land an der Ost-See bewohnt

Die ältesten Geschichts-Quellen, woraus geschöpft wird, wenn man in das Altertum zurück will, ergießen sich nicht bis zu unseren Grenzen. Moses, der göttliche Geschichtsschreiber, ist ihnen zu weit entfernet. Und was konnte er von einer Weltgegend melden, die in den ersten 800 Jahren nach der Sündflut nur noch eine Wüste und von Menschen unbewohnt war, die, wenn das Gegenteil sich auch wider die Unwahrscheinlichkeit auflehnte, dennoch keine, am wenigsten eine solche Völkerschaft in sich fasste, deren Taten bis nach Ägypten und Canaan sichtbar werden konnten. Herodot, ein Grieche, welcher zu Halicarnaß, in dem heutigen Natolien, um das Jahr der Welt 3540, das ist beinahe 1000 Jahre nach Mosen, oder 1900 Jahr nach der Sündflut, oder 386 Jahr vor Christi Geburt schrieb, ist in seiner Erzählung nicht ganz leer von unserm Landstriche. Er sagt *), dass er von den äußersten Grenzen Europas nichts zuverlässiges wisse; indessen weiß er doch etwas, wovon er sich aber nicht überzeugen kann. Es dünket ihm nicht richtig zu fern, dass sich ein Fluss finden lasse, welchen die Barbaren, als die Anwohner desselben, Eridan nennen, welcher in ein gegen Norden liegendes Meer fließe, woher, wie angegeben werde, der Bernstein kommen solle. Er sagt ferner, dass er keine Kenntnis von den Cassiteridischen Inseln, das ist Zinn-Inseln habe, woher denen Griechen das Zinn zugeführt werde. Den Namen Eridan hält er, weil er griechisch und nicht barbarisch klingt, von einem Poeten erdichtet zu sein. Er leugnet indessen das mitternächtliche Meer nicht gänzlich, nur dass er bei allen seinem Nachforschen niemand aufgefunden hat, der dasselbe gesehen, und der ihm die Beschaffenheit davon habe angeben können. Dass aber der Bernstein und das Zinn von den Enden Europas zu ihnen komme, dieses ist ihm eine zuverlässige Wahrheit. Er fährt in seiner Erzählung fort, und es ist ihm wohl bekannt, dass das nördliche Europa reich an Golde sei; wie dasselbe aber zugehe, das weiß er nicht. Er erzählt aber davon, was ihm deshalb berichtet worden, und welchem er selbst keinen Glauben beilegen will, dass nämlich die Arimasper, die einäugigen Menschen, ein Volk, das sonst von Natur anderen Menschen ganz gleich ist, denen Greyphen das Gold wegnehmen.

Dass Herodot allhier von dem Lande an den südlichen Ufern der Ostsee rede, ist keinem Zweifel unterworfen: der Bernstein, welcher allein an dieser Seeküste bei Kurland, Preußen und Pommern gefunden wird, ist ein deutlicher Beweis davon. Unter den Zinn-Inseln nimmt man Engelland gemeinhin an. Was von den Gryphen zu halten sei, deren Herodot gedenkt, was wohl wahr oder falsch an dieser ganzen Vorstellung sein mag, und wie dieses Wapen zu den Pommern gekommen sein kann, darin folge ich denen wahrscheinlichsten Mutmaßungen des Hrn. Prof. Dähnerts, die er in der Dissertation Gryps ex oriente illustratus geäußert hat. Es ist unstreitig, dass das südliche Ufer der Ostsee, wo der Bernstein gefunden wird, zu Herodots Zeiten, auch schon vorher, mit Menschen besetzt gewesen. Dass aber auch Pommern der Zeit schon Bewohner gehabt, solches ist nur wahrscheinlich richtig.

*) in Thalia p. 235. Interpret. Laurent. Valla.

03. Die Sueven als die ersten Einwohner

Nach dem Herodot haben wir in 250 Jahren von unserer Gegend, wozu ich die ganze Strecke der Länder an der südlichen Küste der Ostsee rechne, nichts verzeichnetes aufzuweisen, außer was Pytheas von Marseille um das Jahr 170 vor Christi Geburt von selbigen gedenket. Von seinen Schriften sind nur einige Überbleibsel im Plinius, der 70 Jahr nach Christi Geburt lebte, übrig, und aus selbigen wird erzählet, dass die Guttonen, welche an dem Gestade des frischen Haffs gesessen, den Bernstein an die nächsten Teutonen verhandelt haben, von denen er zu den Römern gekommen, und dass die Küste des Ozeans 6.000 Stadien ausmesse, welche, nach Annahme des mittleren Maßstabes der kleinen griechischen Stadien, 120 deutsche Meilen austragen, und also die ganze Strecke von der Memel bis zur Warne oder Trave ungefähr in sich fassen würde. Nach diesem Pytheas verstreichet ein Zeitraum von 120 und mehr Jahren, worin ein tiefes Stillschweigen herrscht, bis Julius Cäsar in dem gallischen Kriege die Sueven kennen lernet, und sie als ein mächtiges und kriegerisches Volk vor allen Germanen, beschreibt.

Nach ihm laufen 80 Jahre dahin, bis Strabo und Pomponius Mela die Sueven diesseits des Harzwaldes bezeichnet, und dabei meldet, dass der deutsche Fürst Marbot die Ligier, Lemovier, Guttoner, Burgunder, Sidiner und Semnonen in sein Bündnis gezogen; letzterer aber, dass das Codanische oder Baltische Meer sich zwischen enge Ufer schließe, woran die Cimbrer und Teutonen wohnen. Es vergehen hierauf 40 Jahre, da Plinius von unseren Vorfahren mehr Licht gibt. Dieser teilt die Deutschen in 5 Arten, wovon diejenige, so uns angehen, die Vindeler, oder wie andere lesen, Vandler sind, welche Micräl und Rango für die Vandalen hält. Plinius zählt zu den Zindelen, welche von dem Fluss Guttalus, der heutigen Memel, bis zur Warne wohnen, die Burgunder, Wariner, Cariner, (wiewohl Plinius diese letztere niemals genannt hat, sondern sie durch eine eingerückte Glosse entstanden zu sein scheinen;) und die Guttonen lauter Strandvölker, deren landwärts wohnende Nachbaren, die Sueven sind, welche er zu den Hermionen rechnet.

Einige 30 Jahre nach dem Plinius liefert uns der römische Staatsmann Cornelius Tacitus beim Schluss des ersten Jahrhunderts nach Christi Geburt sein Geschichtsbuch. Derselbe beschreibet zuerst die Völker an der Elbe, und wenn er die Cimbern, Fosen, Cherusker und Catten, welche Jütland, Hollstein und Niedersachsen bewohnen, namhaft macht, so kommt er auf die Sueven zwischen der Elbe und der Oder, wovon die Semnonen die berühmtesten sind, und nennt daneben mehrere ihrer Völker, nämlich die Reudinger, die Awionen, Angler, Wariner, Eudofer, Swardonen, Nuithonen. Von selbigen allen erzählt er weiter nichts, als dass sie eine Göttin, die Hertha, auf einer Insel, Castum nemus genannt, verehrten. Endlich 50 Jahr darauf erscheint der ägyptische Mathematicus, Ptolomäus, mit seiner Erdbeschreibung, worin er dasjenige vorträgt, was in die Zeit zwischen Julius Cäsar und dem Strabo fällt, und stellet längs der Ostsee, zwischen dem Flusse Chaluß, das ist der Trawe, oder wie man sonst will, der Schley im Schleswigschen, bis zum Suevus, die Pharodiner; dann bis zur Oder die Sidiner, und ferner bis zur Weichsel die Rutiklier. Südwärts unter allen diesen lässt er die Sueven, nämlich die Angler, Semnonen und Burgunter bis zur Weichsel wohnen.

Dieser Schriftsteller ist der letzte, welcher der Sueven im 2ten Jahrhundert nach Christi Geburt gedenkt. Von den Sueven können wir kürzlich zusammen fassen, dass sie das mächtigste Volk in Germanien waren, dass sie nicht wie andere, nur aus einem, sondern aus mehreren zusammen gesetzten Völkern unter verschiedenen Namen bestanden, welche eine Bundgenossenschaft gehabt zu haben nicht undeutlich anzeigen, und dass sie als Strandvölker die Küste der Ostsee inne gehabt haben, weshalb auch die Ostsee das suevische Meer genannt wurde.

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Anklam 1773

Anklam 1773

Topographische und chronologische Beschreibung der pommerschen Kauf- und Handelstadt Anklam 1. Abteilung

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Topographische und chronologische Beschreibung der pommerschen Kauf- und Handelstadt Anklam 1. Abteilung 4

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Anklam.de, Hansetradition

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Anklam 1615 aus der Stralsunder Bilderhandschrift

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