Tafel 599 und 600 – Pluderhosentracht aus der zweiten Hälfte des XVI. Jahrhunderts

Aus: Trachten, Kunstwerke und Gerätschaften vom frühen Mittelalter bis Ende des Achtzehnten Jahrhunderts – Band 7
Autor: Hefner-Alteneck, Jakob Heinrich Dr. von (1811-1903) Museumsdirektor, Altertumsforscher, Kunst- und Kulturhistoriker, Zeichner und Radierer, Erscheinungsjahr: 1886
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mittelalter, Deutschland, Sittenbilder, Sittengeschichte, Trachten, Landsknechte, Pluderhosen
Pluderhosentracht aus der zweiten Hälfte des XVI. Jahrhunderts, nach alten kolorierten Federzeichnung, seiner Zeit im Besitze von C. Becker in Würzburg. Dieselben Figuren erscheinen auch in dem bekannten großen Holzschnitte von Jost Amman, einen Soldatenzug darstellend, dessen Holzstellend, dessen Holzplatte sich s. 3. in der Derschauischen Sammlung zu Nürnberg befand.

Wie in den vorhergehenden Jahrhunderten das mi-parti, die Schellentracht, die Schnabelschuhe, die bis zur Erde hängenden Sattelärmel Dinge waren, welche an das Unbegreifliche grenzten: so beginnt in der Mitte des XVI. Jahrhunderts die sogenannte Pluderhose, wohl die merkwürdigste Erscheinung, welche die Geschichte der Mode aufzuweisen hat. Diese Beinkleider waren häufig von kostbaren Stoffen, auf die verschiedenste Art durchblitzt, unterlegt, ausgepufft und oft bis zur Erde hängend, so dass sie Frauenröcke glichen. Es wurden gewöhnlich 80 bis 130, nach Einigen sogar 200 Ellen Zeug dazu verwendet: gleich dem wunderlichen Schnitt dieser Kleidung, entsprachen entsprachen auch die dabei angewendeten grellen Farben. Ganz besonders auffallend ist es, dass niedere Stände diese Mode Mitmachten, welche, abgesehen von dem großen Aufwande, den sie verursachte, bei der Arbeit sehr unbequem und hinderlich sein musste.

In vorliegenden Abbildungen sehen wir sie von Kriegsleuten getragen, und die Holzschnitte des Buches der Künste und Handwerke von Jost Amman, in welchem die Darstellungen ganz aus dem leben genommen sind, zeigen uns, wie so viele andere Bilder jener Zeit, dass Bäcker, Metzger, Schneider u. a. dieselben Pluderhosen bei der Arbeit trugen. Es war die natürliche Folge, dass alsbald geistliche und weltliche Obrigkeit das Wahnsinnige und Verderbliche dieser Mode auf jede Art hervorhob und dagegen in Worten und Schriften eiferte. Ein Beispiel davon liefert uns das bekannte Werkchen: der Hosenteufel von Wolfgang Muskulus, 1557 mit einem Holzschnitte. Um dieser Übertreibung wenigstens einigen Einhalt zu tun, schrieb man in Deutschland für diese Bekleidung ein bestimmtes Maß des Zeuges vor, im Verhältnisse zu dem Standes des Mannes, der sie trug. Zuletzt vermochte nur Anwendung von Strafen dieser Modeausschweifung ein Ziel zu setzen. Mehrere Fürsten verordneten, dass einem Jeden, der sich mit solchen Pluderhosen sehen ließ, dieselben auf offener Straße zerschnitten werden sollten.

Es ist zwar in den meisten Schriften nur die Rede von diesen Beinkleidern, wiewohl die Bilder jener Zeit beweisen, dass auch die Ärmel und die ganze Tracht überhaupt mit dieser Übertreibung in Einklang standen. Gewöhnlich erscheint auch bei dieser Tracht, sowohl im Kriegsdienst, als auch im bürgerlichen Leben der hier vorkommende hohe, langhaarige Hut.

Ähnliche Figuren sehen wir auch auf den Holzschnitten von der Hand des genannten Jost Amman in dem Kriegsbuch von Leonhart Fronsperger 1596 mit wenigen Veränderung der Trachten und Stellungen und zugleich, was ihres Amtes ist. Jener auf Tafel 599 mit erhobenen Armen, kommt vor als „Führer“, welcher die Wege zeigt und Quartiere bestimmt, dann als „Weybel“, welcher über die Marketenderinnen und Buben zu machen hat, ferner mit einem kurzen Mäntelchen und Stab in der Hand als „Profoss der Arthollerey“; jener mit dem Harnische als „gemeiner Weybel“, dann als „Ambosat“, Unteranführer der Kriegsknechte, und zu Pferd mit Schärpe und Stab als „Oberster aller Fußknechte.“

Auf Tafel 600 erscheint jener vom Rücken gesehen als „Pulverhüter“ und Feuerwerker; dann zu Pferd mit kleinem Stab als „Oberster Feld-Profoss“, der mit Barett und Kettenkragen erscheint daselbst mehrfach als gemeiner Kriegsknecht.

Es ist zu bemerken, dass diese Kleidung als Kriegstracht keine strengen Unterschiede hatte, indem die eigentlichen Uniform erst in dem dreißigjährigen Kriege, mit der Errichtung der stehenden Heere aufkamen.
Tafel 599 - Pluderhosentracht aus der zweiten Hälfte des XVI. Jahrhunderts

Tafel 599 - Pluderhosentracht aus der zweiten Hälfte des XVI. Jahrhunderts

Tafel 600 - Pluderhosentracht aus der zweiten Hälfte des XVI. Jahrhunderts

Tafel 600 - Pluderhosentracht aus der zweiten Hälfte des XVI. Jahrhunderts