Swinemünde ist ein freundlicher Ort ...

Aus: Reise eines Gesunden in die Seebäder Swinemünde, Putbus und Doberan
Autor: unbekannt, Erscheinungsjahr: 1823
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Reisen, Mecklenburg, Vorpommern, Ostseebäder, Frankfurt an der Oder, Stettin, Ueckermünde, Swinemünde, Stralsund, Sagard, Glowe, Putbus, Damgarten, Rostock, Doberan, Güstrow und Neuruppin, Stubbenkammer, Wittow, Jasmund
Swinemünde ist ein freundlicher Ort, aus graden, breiten Straßen bestehend, die bis jetzt ungepflastert sind, auch des Pflasters eben nicht bedürfen, da der tiefe Sand und die weite Entfernung der Häuserreihen keinen Schmutz aufkommen lassen, auch kein großes Fuhrwerk hier ist. Die Häuser selbst sind fast durchweg einstöckig und vor vielen derselben, besonders an dem dreieckigen Marktplatze, stehen frisch grünende Bäume, welchen die Schere eine Würfelgestalt gegeben hat, oben mit einem Knopfe. Der Häuser sind 332, und der Einwohner 3.500. Ich wohne in einem Gasthofe, der nach dem Marktplatze hinstehet, aus dessen Fenstern ich seitwärts die Seeschiffe erblicke. Bis jetzt habe ich mich bloß mit dem Äußern des Orts, der weder Mauern noch Tore hat, und dadurch seine Jugend beurkundet, bekannt gemacht.

Es ist noch kein halbes Jahrhundert, dass Swinemünde ein Dorf war, und ich besuchte den Teil des Orts, der noch jetzt so heißt, seinen eigenen Schulzen, Bauerngehöfte usw. hat. Die daran gebaute Stadt ist beinahe viereckig; die Straßen durchschneiden sich unter rechten Winkeln, und wenn die Häuser auch grade nicht schön sind, so fallen sie doch nicht übel ins Auge, und das Ganze gewährt einen freundlichen Anblick. Hie und da sieht man auch ein stattliches Gebäude, besonders an dem Swineufer. Die Stadtkirche gleicht einem gewöhnlichen großen Hause und hat keinen Turm, - sehr bezeichnend für den Geist der neuern Zeit. Es steht ein Prediger an derselben, welcher jährlich von jedem Hause 18 Gr. erhält, der Küster nur 6 Gr. Die Stadtschule hat einen Rektor mit einigen Lehrern. Übrigens liegt der Ort an dem nordwestlichen Ende der Swine, die hier etwa 100 Ruten breit ist, sich aber südlich von der Stadt merklich erweitert, indem die Ufer der Inseln Usedom sowohl als Wollin sich etwas zurückziehen. Dass die Swine selbst der mittlere Abfluss der Oder, und der von ihr gebildeten beiden Haffe, des großen (östlich) und des kleinern (westlich) sei, ist bekannt. Beide Haffe sind durch keine merkliche Scheide voneinander getrennt, sondern fließen ineinander. Die gewöhnliche Tiefe derselben ist 24 Fuß; doch gibt es auch einige seichte Stellen darin und bei der Fahrt über das kleine erreichten meine Fährleute mit einem 2-fadigen Ruder den Grund. Übrigens hat das Haff süßes Wasser und nur bei anhaltendem Nordwinde dringt das salzige Seewasser ein.

Die meisten Schiffe, welche hier liegen, gehören auch hier oder in Stettin zu Hause, denn dieser Ort wird als der Vorhafen jener Handelsstadt angesehen. Der Verkehr hier ist aber jetzt sehr gering, sowohl wegen des allgemein stockenden Handels als wegen der Vorkehrungen, die man zum Besten Stettins getroffen hat. Daher liegen auch hier viele Seeschiffe müßig, entmastet und schadhaft da, ohne dass eine bessernde Hand daran gelegt wird. Nur ein holländischer Zweimaster ward kielholt und lag zu dem Ende auf der Seite. Der Anblick eines solchen Gebäudes in dieser Lage war wieder etwas Neues für mich, und ich umging das ganze Schiff, um mich sowohl über die Tiefe desselben, die es im Wasser hat, und die ich hier am besten ersehen konnte, zu belehren als auch über die Anstalten am Ufer, die getroffen waren, um das Schiff auf die Seite zu legen. Die Masten, Taue usw. hingen über meinem Kopfe, und auf der andern Seite konnte ich bis an den Kiel des Schiffes gehen.

In einiger Entfernung ward ein Seeschiff und dessen Takelage einzeln versteigert. Eine große Menge Schiffer stand um einen großen und dicken Mann, der ein wahres holländisches Ansehen hatte, auch ganz platt sprach. Er saß mit einer gewaltigen Brille auf der Nase an einem kleinen Tische und las die zu versteigernden Stücke mit starker Stimme her, und wiederholte die Gebote ebenso stark. Das Originelle des Mannes und der winzige Tisch, der mit allem sonderbar kontrastierte, hielt mich eine Zeit lang gefesselt. Da ich indes weder etwas kaufen wollte, auch nicht einmal die Namen der käuflichen Dinge alle verstand, so ging ich bald weiter. So viel sah und hörte ich indes, das alles zu einem sehr niedrigen Preise fortging; eine Folge des schlafenden Handels.

In der Swine lag der Bagger jetzt müßig. So heißt die Maschine, womit man den Hafen und den ganzen Fahrweg bis nach Stettin hin gereinigt und bis auf 14 Fuß vertieft hat, so dass jetzt alle Seeschiffe ungehindert bis nach jener Stadt fahren können. Sonst mussten die tiefgehenden erst hier erleichtert oder auch ganz ausgeladen werden, wobei die Einwohner des hiesigen Ortes sehr gewannen, die Stettiner Kaufleute aber ebenso sehr verloren. Die Unzufriedenheit der ersteren mit den getroffenen Verbesserungen ist daher groß und einige meinen, dass Swinemünde bald wieder zugrunde gehen oder zum Dorfe hinabsinken werde. Die Zukunft dürfte diese Besorgnisse vielleicht zerstreuen, besonders dann, wenn für den Oderstrom dieselben günstigen Zolleinrichtungen getroffen werden, deren sich jetzt der Elbstrom erfreut.

Die Erbauung des Baggers soll 70.000 Rthlr. gekostet haben. Kupferne Kessel bewegen sich ungefähr ebenso wie bei den alten Schöpfwerken, die ich in jüngern Jahren bei Brückenbauten sah, die schöpfenden Flächen, nur dass die Kesselreihe unten in einer Bogenform gehalten wird, um den Sand des Grundes erreichen und heraufbringen zu können. Er wird oben auf eine schiefe Fläche ausgeschüttet und fällt dann in ein nebenstehendes Boot, das ihn ans Land führt. Auf jeder Seite der Maschine ist eine solche Kesselkette und in der Mitte befindet sich das Dampfwerk, wodurch diese in Bewegung gesetzt werden. Am Ufer lagen einige große zerbrochene Zangen, womit man die Steine aus dem Grunde heraufholt.

Die Reinigung des Fahrwassers ist indes nur das geringere Verdienst, welches sich die Regierung um den Handel und die Schifffahrt hier erwirbt. Weit wichtiger ist der Hafen, welcher gebaut wird, und von dem ich bis jetzt erst gehört habe, dass es ein kleines Riesenwerk sein soll.
Ostseebad Swinemünde, Badehütte und Strandkörbe vor der Dünenstraße

Ostseebad Swinemünde, Badehütte und Strandkörbe vor der Dünenstraße

Ostseebad Swinemünde, Strandpromenade, Blick in Richtung Westen

Ostseebad Swinemünde, Strandpromenade, Blick in Richtung Westen

Ostseebad Swinemünde, Osternorhafen

Ostseebad Swinemünde, Osternorhafen