Stimme von Rügen zum Bau von Kunststraßen

Aus: Sundine: Unterhaltungsblatt für Neu-Vorpommern und Rügen, 18. Band 1844
Autor: Redaktion - Sundine, Erscheinungsjahr: 1844
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Rügen, Kunststraßen, Verkehrswege, Straßenbau
Das 19te Jahrhundert hat bis jetzt ungeheure Fortschritte gemacht, und wer nicht will hinter seiner Zeit zurückbleiben, der muss, den Zeitgeist würdigend, dem Bessern, Nützlichen nachstreben, das Gemeindewohl fördern helfen, denn dadurch fördert er sein eigenes. Möglichst leichte Kommunikation wird gewiss mit Recht als ein Haupthebel des Wohlstandes betrachtet, und wir sehen Dampfschiffe, gleich viel, ob die Winde günstig oder nicht, Staaten und Weltteile mit Leichtigkeit verbinden; es entstehen die Eisenbahnen und sie machen fast jede Entfernung verschwinden.

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Vorwärts ist das allgemeine Streben, darum wirken auch wir mit regem Eifer für das Nützliche, um uns aber nicht zu Torheiten zu übereilen, denken wir bevor nach, ob wir durch unsere Unternehmungen gewinnen oder verlieren, denn jeder zu erwartende Gewinn muss mit dem Kostenaufwand in Verhältnis stehen und so ist die Frage gewiss zeitgemäß:

Sind auf Rügen Chausseen zu erbauen oder nicht?

Ein Ja oder Nein ist leicht ausgesprochen; welches Wörtchen als richtige Antwort passt, ist wohl wichtig genug, um alle Gründe dafür und dawider möglichst umständlich zu erörtern, und wo könnte dies besser geschehen, als wie in dem überall verbreiteten Volksblatt unserer Sundine; sie hat den Zweck, provinzielle Interessen aufzunehmen, und die Ansichten zu berichtigen, mithin werden diele Worte auch hier eine günstige Aufnahme finden, so wie etwanige Erwiderungen hierauf.

Die Kunststraßen gewähren unendlichen Vorteil; es sind durch sie nicht allein die sumpfigsten Gegenden bei der schlechtesten Witterung stets passierbar, sondern auch die schwersten Lasten mit dem halben Kostenaufwand zu transportieren, wobei ihre geradere Richtungen noch die Entfernungen verkürzt; ein Chausseenetz stellt ohnedies frei, mit welchen Orten man sich in Verbindung setzen will, es gewährt dem Landmann den unendlichen Nutzen, zum Absatz seiner Produkte jederzeit diejenigen Städte zu wählen, wo die Preise am höchsten, statt er sonst stellenweise nur froh war, die nächsten mit Mühe zu erreichen und zuweilen bei nasser Witterung auch dies erst im Sommer, wo ohnehin die Arbeiten sich häufen, beschaffen könnte.

Wie stellt es sich aber mit der Insel? Ihre Produkte werden zu Schiffe nach jedem beliebigen pommerschen Hafen mit Leichtigkeit befördert, ihre Bedürfnisse auf dieselbe Art herbeigeschafft, die meisten Güter liegen nahe am Wasser, die wenigsten über eine Meile davon entfernt. Städte von etwaniger Bedeutung, zwischen welchen lebhafter Verkehr stattfände, sind nicht vorhanden, ein inneres Chausseenetz deswegen nicht ersprießlich, und mit der pommerschen können wir, vermöge des Wassers, doch nicht direkt verbunden werden. Der Boden ist von der Beschaffenheit, dass fast überall, wenn nur ein bisschen mehr, wie es seit Jahren leider geschehen! für die Wege getan wird, sie zu jeder Zeit sehr gut zu passieren; hier aber sind die Lücken, und was helfen auch Kunststraßen, wenn man sie, auch nur halbe oder gar viertel Meilen davon entfernt, dennoch nicht mit Ordnung erreichen kann. Fremde Reisende, welche Rügens Naturschönheiten zu besuchen kommen, durchkreuzen die Insel in so verschiedenen Richtungen, dass sie doch nur sehr wenig Chausseen berühren könnten; teils sind dann die Wege, bei der bessern Jahreszeit, welche dazu ausgesucht wird, angenehmer als die Kunststraßen zu befahren, teils auch werden gerade auf Wittow und Jasmund, wo die schlechteste Passage ist, es beim Alten verbleiben, und dann ist wahrlich ihre Anzahl zu unbedeutend, dass es sich eines solchen Opfers verlohnte.

Wie sehr es an arbeitenden Händen fehlt, sehen wir jede Ernte, wo viele Pommeraner und Mecklenburger des höheren Tagelohns wegen hierher strömen; die Chausseearbeiten würden uns noch mehr Leute entziehen, und die dabei von auswärts beschäftigten möchten nicht vorteilhaft auf die hiesigen wirken, ja es würde der Ausschuss derselben am Ende als unangenehme Zugabe sein vagabundierendes Leben hier ferner treiben.

Bei allen Nachfragen nach den etwanigen Vorteilen dieser Anlage hat sich bis jetzt kein anderes Resultat ergeben, als dass dem ohnehin Holzarten Rügen dadurch noch eine Verteuerung erwüchse, indem der Absatz aus gewissen Forsten und Mooren nach auswärts dadurch erleichtert, dem Besitzer derselben eine geringe Mehreinnahme verschaffte; dies hieße jedoch zum Frommen des Einzelnen dem Lande eine furchtbare Steuer aufbürden, der augenblicklichen Minderausgabe halber, um gar Chausseedämme zu belieben, möchte, nach über ihre Unhaltbarkeit und immerwährende Reparaturen vorliegenden Erfahrungen, erst als das non plus ultra aller Verkehrtheit erscheinen.
Da Rügen nur eigentlich geringe Communication und hauptsächlich nur geselligen Verkehr unter sich hat, wobei die Bewohner größtenteils nur Nebenwege passieren, so muss sich jedem Denkenden die Frage aufdrängen, ob, wenn für den Kreis etwas geschehen soll, nicht noch viele notwendigere, das allgemeine Beste mehr fördernde wohltätigere und dennoch bedeutend geringere Kosten erfordernde Einrichtungen sich treffen ließen.
Rügenbrücken

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