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Sepphoris und Rom. Ein historischer Roman aus dem 4. Jahrhundert - Ein jüdischer Roman. Rezension

Aus: Deutsches Museum. Zeitschrift für Literatur, Kunst und öffentliches Leben. Herausgegeben von Robert Prutz. 16ter Jahrgang 1866. Januar-Juni.
Autor: Redaktion - Deutsches Museum, Erscheinungsjahr: 1866
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Juden, Judentum, Historischer Roman, Rom, Gechichte
Dichtung und Geschichte widersprechen sich ihrem Wesen nach nur in einigen Punkten, in andern kommen sie überein: in beiden muss die Wahrheit leben. Die innere Entwickelung muss hier wie dort folgerichtig, im innigsten Zusammenhang von Ursache und Wirkung, aus naturgemäßen Voraussetzungen hervorgehend sein, sonst ist Dichtung wie Geschichte verfälscht. Die Ideale veredelter Menschheit werden aus der Erfahrung herbeigeholt, um sie bei dem stillen Bau besserer Begriffe, reinerer Grundsätze und edlerer Sitten, von dem zuletzt alle wahre Verbesserung des gesellschaftlichen Zustandes abhängt, tätig einwirken zu lassen. So werden häufig aus der Geschichte die äußern Fäden der Ereignisse, wie Namen, Stand und Zeit der Personen, die der Dichter noch dazu mit eigenem Zuschuss versieht, entlehnt, und damit nur eine Aushilfe für den Mangel schöpferischer Phantasie geschaffen. Dann ist das Werk aber nur mit Unrecht ein „geschichtlicher“ Roman betitelt. Der wahre geschichtliche Roman muss den Zweck haben, das innerste Leben einer vergangenen Zeit durch die dichterische Intuition aufzurollen, durch eigengeschaffene Zwischenpersonen und Vorgänge zu ergänzen und plastischer zu gestalten.

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Während die Geschichte alles, selbst das Kleinste und Einzelnste, nur aus dem Gesichtspunkte des Ganzen und Großen betrachten darf, alles ihr nur ein Glied eines gewaltigen, unendlich fortschreitenden Ganzen ist, fasst die Dichtung ihren Gegenstand als selbständiges abgeschlossenes Dasein auf, das von außen abhängig ist, aber in seiner inneren Existenz für sich lebt, seine Kämpfe für sein eigenes Wesen führt und in ihnen sich auslebt. Der geschichtliche Roman hat dadurch eine so große Verbreitung gefunden, weil der Mensch es liebt, die Schattenbilder seiner Phantasie der Wirklichkeit angehörig und entnommen zu wissen, und gern eine gewisse Bürgschaft dafür von der Geschichte gleichsam gewährt sieht. Andererseits erfreut es ihn, bedeutende historische Erscheinungen, welche die Geschichte nur in Umrissen zeichnet, mit Fleisch und Blut vor sich wandeln zu sehen, und in die Tiefe ihrer Gedanken- und Gefühlswelt, wie sie gewesen sein mag, zu schauen.

Ein solches geschichtliches Bild aufzurollen, ist dem Verfasser eines kürzlich erschienenen Romans: „Sepphoris und Rom. Ein historischer Roman aus dem 4. Jahrhundert“ (Berlin, Gerschel) größtenteils gelungen. Er stellt sich die Frage: Wie vermochte sich der jüdische Stamm mit seinem eigentümlichen Glauben durch die lange Reihe der Jahrhunderte, den Wechsel der Geschichte, durch die zerstörendsten Kämpfe der Völker, den Zusammenstoß von Weltteilen, und im steten Widerstreit mit allen seinen Umgebungen zu erhalten? Noch interessanter wird aber diese Frage, wenn wir sie auf jene Zustände beschränken, wo nach dem Untergang ihrer staatlichen Existenz, nach der Zerstörung Jerusalems, nach dem Verluste jedes geistlichen und geistigen Zentrums, die zersplitterte Existenz der Juden mehr als je gefährdet erscheint, wo das junge Christentum das Heidentum in den Staub warf, die ganze Kultur des Altertums auflöste, das Passende in sich aufzunehmen verstand, und sich gegen alles, was ihm gegnerisch erschien, also auch gegen das Judentum wandte, ihm dabei das Bürgerrecht der irdischen Welt, das ihm der Römer erteilt hatte, entzog, und alle seine Anhänger ausschloss und verfolgte? Trefflich behandelt der Roman diese Zeit. Die Schilderungen des Lebens in Palästina, dem Lande, das einst so reich an Städten und Flecken, fließend von Milch und Honig, so blühend wie ein Lustgarten — jetzt so tot und verödet — führen uns die Festung Sepphoris vor, welche, gewerbereich und wohlgebaut, als Königin Galiläas zum letzten mal das Schwert gegen den grausamen Römer erhob, um ihre vielen Synagogen und Lehrhäuser, ihre blühende Tätigkeit dem Untergänge zu weihen und die letzten Söhne Israels in die Ferne zu treiben. Die Gestalten des Haupthelden Patrika, des Patriarchen Hillel und seiner Tochter Mirjam erfüllen uns mit innigem Interesse. Die Kämpfe der Juden gegen das christlich gewordene Rom zur Zeit des Konstantins, der Untergang der Feste Sepphoris, die Gefangenschaft Patrikas in Rom, seine Befreiung und spätere Vereinigung mit Mirjam, die wilden Streitigkeiten innerhalb des Christentums selbst sind vorzüglich geschildert, und mit ganzer Seele sieht man sich in jene Zeit versetzt, wo Christentum, Heidentum und Judentum sich gegenseitig ergänzten und bekämpften. I. PH.

Prutz, Robert Eduard (1816-1872) deutscher Schriftsteller, Dramatiker und Publizist

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Palästina - Hermann Struck (1876-1944)

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