Seebad Warnemünde in Mecklenburg

Autor: Lewald, Johann Karl August (1792-1871) deutscher Schriftsteller, Herausgeber und Publizist. Er veröffentlichte auch unter den Pseudonymen: Hans Kindermann, Kurt Walder und Tobias Sonnabend., Erscheinungsjahr: 1846
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Seebad Warnemünde, Ostseebad, Reisebeschreibung, Badeort, Urlaub, Ferien, Urlaubsort
Aus: Das Neue Europa. Chronik der gebildeten Welt. Herausgegeben von August Lewald [1835-1846]. 1846. Erster Band
Es fehlt nicht an Beschreibungen von Badeorten und von dem Leben der Gesellschaft in demselben; allein alle diese Beschreibungen beschränken sich größtenteils auf die weltberühmten Plätze, die ein üppiges Leben, eine Art von selbstzufriedener Langweiligkeit, die ihren höchsten Genuss in einem zwecklosen Umherschlendern findet, entfalten, und keine anderen Emotionen als die des grünen Tisches und der Liebesabenteuer bieten. Hier soll nun ein anderes, ein neues Bild den Lesern gezeigt werden; ein Bad in seiner naiven Ursprünglichkeit mit Familienleben, Kaffeegesellschaften und Strickstrümpfen, allein trog dieses idyllischen Anstriches von einer Szenerie umgeben, welche ihre mächtigsten Wirkungen auf das Herz und Gemüt der Badegesellschaft übt.

Dass in unserer badelustigen Zeit eine lange Seeküste nicht ohne Seebäder sein wird, ist leicht zu denken. Mecklenburg besitzt deren mehre, und unter ihnen das weit bekannte Doberan, was zugleich den Ruhm hat, das älteste Seebad Deutschlands zu sein. Doberan ist ein Bad wie jedes andere Modebad, ohne die geringste Eigentümlichkeit. Es hat Theater, gute Logierhäuser, Spiel- und Tanzsäle und wie alle solche Anstalten heißen, durch welche unsere Badeorte nebst wirklichen und eingebildeten Kranken, auch Gesunde und Müßiggänger herbeizulocken sich so eifrig bemühen. So wollen wir es denn hier übergehen, und uns zu einem andern, durch seine Eigentümlichkeiten mehr Stoff gebenden, außer den Grenzen der Großherzogtümer wohl nur wenig bekannten Bade, dem zwei Meilen von Doberan, hart an der Ostsee gelegenen Flecken Warnemünde, zugleich der Außenhafen der Stadt Rostock, wenden. Jedem Fremden, der in den altertümlichen, von regem Handel und Wandel, und zugleich von gediegenem Wohlstände zeugenden Straßen der alten Hansestadt Rostock umherwandelt, wird ein besonderer Teil der Bevölkerung derselben, auf den ersten Blick auffallen. Namentlich sind es Frauen, die seine Aufmerksamkeit rege machen. In kurzen, bis auf die Mitte der Wade reichenden blauen Friesröcken, unten mit einem schwarzen Samtstreifen besetzt, hellblauen Wellstrümpfen, kleinen ledernen Pantoffeln, gewöhnlich braunen Tuchleibchen, und eben solchen kurzen, fast nach Sitte der Männer zugeschnittenen Tuchjacken, auf dem Kopf eigentümlich geformte, in der Mitte ganz niedergedrückte, vorn aber weit abstehende kleine Strohhüte, stets mit rot und schwarz gemustertem Kattun gefüttert, und mit langen, breiten, flatternden, schwarzen Seidenbändern geziert, sieht er dieselben den ganzen Vormittag unermüdet in allen Straßen herumwandern. Entweder tragen sie in großen flachen Körben Fische zum Verkauf, die sie alsdann mit gellender Stimme „Maischullen, frische Maischullen!“ ausrufen, oder sie versorgen auch die Haushaltungen der wirtschaftlerischen Rostockerinnen mit blendend weißem Seesande. Immer sind sie höchst reinlich und ordentlich gekleidet, und eine zerlumpte oder schmutzige Warnemünderin wird man nie erblicken.

Was aber am meisten bei ihnen auffällt, ist ihr gerader, adretter Gang, wenn sie nicht den schweren Sandsack auf dem Rücken tragen, und ihre edle, frei aus der Brust gehobene Haltung, um die sie manche Fürstin beneiden könnte, und durch welche sie sich äußerst Vorteilhaft von den sehr schlecht gehenden und krumm sich haltenden übrigen Dienstmädchen und Bauernweibern, ja sogar von vielen elegant geputzten Damen unterscheiden. Männer sieht man im Sommer, während der Dauer der Schifffahrt, nur wenige, und dann nur stets bejahrte, nie aber junge Burschen, die zur See sind, und gewöhnlich nur einige Wintermonate zu Hause weilen, oft aber auch auf entfernten Reisen viele Jahre fortbleiben. Ihr Anzug, der sich übrigens wenig von den übrigen Matrosen und Bootsleuten unterscheidet, besteht gewöhnlich in einer langen, blauen oder braunen Jacke von grobem Tuch, die weit über die Hüften reicht, weiten blauen oder leinwandenen Hosen, einem blauen oder roten Frieshemde, um den gebräunten Hals leicht ein schwarzseidenes Tuch geschlungen, und einer Pelzmütze oder einem sogenannten „Nordwester“ auf dem Kopfe.

Gegen elf oder zwölf Uhr Mittags, je nachdem der Handel glücklich gegangen, verlassen die Warnemünderinnen die Stadt und fahren wieder nach Hause. Geht man um diese Zeit an dem stattlichen Strande der Warnow, namentlich in der Gegend des Mönchen- und Rossfelder Tores, wo die meisten Warnemünder anlegen, spazieren, so hört man oft die Frage: „Wull de Herr mit na Warnemunne führen?“ — Man ängstige sich nur nicht, wenn die Bootsleute junge, kaum erwachsene Mädchen, oder alte Frauen sind, denn wie erwähnt, Männer sieht man im Sommer nur selten, und dabei die Wellen der bei Rostock ziemlich breiten Warnow, vom heftigen Winde stark bewegt, gegen das Bollwerk des Hafens schlagen. Hat man vorher den Preis akkordiert, denn so ehrlich und zuverlässig sonst auch alle Warnemünder sind, so mögen sie dem Fremden doch gern einen teureren Lohn abfordern, so vertraue man sich ohne die mindeste Besorgnis dem hübsch gehaltenen Boote, „Jolle“ genannt, an. Mit ungemein großer Gewandtheit und richtiger Benutzung des Windes, wissen diese See-Amazonen die beiden „Schmacks,“ ja, ist der Wind nicht zu stark, auch das dritte, vorn befestigte Segel, den „Klüver,“ zu entfalten, mit sicherer Hand das Steuer zu lenken und den entgegen segelnden großen Seeschiffen auszuweichen. Pfeilschnell fliegt das Fahrzeug dahin, und bei günstigem Winde kann man den zwei deutsche Meilen betragenden Wasserweg, von Rostock nach Warnemünde, in drei Viertelstunden zurücklegen. Ist aber der Wind still oder gar konträr, dann müssen die Frauen zu den langen, schweren Rudern greifen, und obgleich mit einer Geschicklichkeit, Kraft und Ausdauer „remend,“ die dem besten englischen Matrosen Ehre machte, dauert die Fahrt doch nahe an zwei Stunden.

Schon von der Ferne gewährt die aus dem Meere aufzusteigen scheinende weiße Häusermasse von Warnemünde einen eigentümlichen Anblick. Mehr aber steigert sich derselbe noch, wenn man über den breiten Busen der Warnow, „Breitling“ genannt, in den schmalen Durchstich der zum Meere führt, heran und an den ersten Häusern von Warnemünde vorbei kommt. Man glaubt nicht mehr in Mecklenburg, sondern im fernen Holland zu sein, so verschieden ist das Äußere des Fleckens. Eine lange Reihe von Bäumen, denen man ihr kümmerliches, durch die das ganze Jahr hier herrschenden rauen Seewinde und den Sandboden unterdrücktes Wachstum ansieht, zieht sich auf der einen Seite des Kanals bis zum äußersten Damm des Hafens hin. Dahinter liegen Dach an Dach, kleine weiße, oder doch hell angemalte, einstöckige Häuser, den Giebel der Straße zugewendet. Mit glänzend grünen Toren und Fensterrahmen, spiegelblank geputzten kleinen Fensterscheiben, das graue Bretterdach, an beiden Seiten tief niedergehend, Alles aber immer sorgfältig erhalten, machen sie einen freundlichen Eindruck. Im Innern der Häuser herrscht diese große Reinlichkeit wo möglich in noch höherem Grade. Die holländischen Klinker, mit welcher die Diele ausgelegt ist, die grün oder braun angemalten Tische und Bänke, der Feuerherd in der an der Diele stoßenden Küche, die Borte mit glänzendem Zinn und Messingzeug, die schwarzen Holzrahmen um die Seebilder, welche die Stuben zieren, die weißen Kalkwände der letzteren, kurz Alles, vom Größten bis ins Kleinste herab, ist immer auf das Sorgfältigste gereinigt. Die Stuben selbst werden in neuerer Zeit, wo das Seebad sich immer mehr zu heben anfängt, und Wohnungen während der besten Sommermonate kaum oft zu haben sind, immer besser eingerichtet, und man sieht oft schon ganz elegante Möbel in denselben. So stehen diese Häuser in einer geraden Reihe über eine Viertelstunde lang, bis unmittelbar zur See hin. In der Mitte der Reihe liegt das Haus des „Vogtes,“ der im Namen der Stadt Rostock, welcher der ganze, ungefähr 1.200 Seelen zählende Flecken gehört, die Ortspolizei verwaltet, die Kirche und einige größere Gasthäuser. Näher der See zu, wo die Wohnungen der freien Aussicht auf dieselbe wegen gesuchter und teurer sind, werden auch die Häuser größer, ja mitunter schon zweistöckig, wenigstens mit einem Giebelfenster in der Mitte, wie denn überhaupt hier die Aristokratie von Warnemünde ihren Sitz hat. Hinter dieser ersten Häuserreihe, mit der Front gegen die Hinterwand derselben gekehrt, liegt eine zweite, deren besondere Bauart sich noch mehr erhalten hat, da sie der schlechten Aussicht wegen, nicht sehr von Badegästen gesucht wird.

Außer der erwähnten Baumreihe gibt es in Warnemünde keinen Strauch, keinen Garten, kein Getreidefeld. Rings herum auf der Landseite nichts wie Dünensand, der sich gegen das Meer zu hohen, oft ihre Form verändernden Hügeln auftürmt. Nur auf der anderen Seite der Warnow sieht man einige grüne Wiesen, und in weiterer Entfernung, am Horizont, den Saum der großen, mehrere Meilen langen Waldung, die „Rostocker Heide“ genannt. In Warnemünde wird, einigen Kohl ausgenommen, der Erde keine Frucht abgewonnen, kein Gewerbe getrieben, kein Bäcker, kein Schlächter wohnt daselbst. Nur das Meer ist das Feld, was der ganzen Bevölkerung Nahrung und Unterhalt verleiht, nur ihm allein verdanken sie ihre Existenz, und vermöge ihres Fleißes, ihrer Ordnung und des regelmäßigen Haushaltes, ist sie eine ziemlich wohlhabende, und eigentlich Arme gibt es im ganzen Orte nicht. Jede Familie besitzt, wenige Ausnahmen abgerechnet, ihr eigenes Häuslein und ihre „Jolle,“ die ihnen Pflug und Spaten, Webstuhl und Hammer ersetzen muss. Die jungen Bursche, von der Konfirmation an, dienen alle auf Rostocker oder auch fremden Seeschiffen, und Jeder, der in Warnemünde sich verheiraten und niederlassen will, muss fünfzehn Jahre zur See gefahren haben, bevor er von der gestrengen Stadt Rostock die Erlaubnis dazu erhält. Kommen wohl Ausnahmen hievon vor, so ist dies doch nur selten. Viele treiben dies Gewerbe auch noch im höheren Alter, bis endlich die Kräfte es nicht mehr gestatten. Andere werden nach ihrer Verheiratung Fischer, die in Kommunschaften vereinigt, oft in ihren kleinen Fahrzeugen viele Meilen weit in die See gehen, den Bewohnern derselben mit Netzen und großen Grundangeln nachzustellen. Noch Andere holen Sand vom Seeufer und bringen ihn nach Rostock, oder heben Steine aus dem Meeresgrund, die zu den Hafendämmen verwendet werden. Weiber und Kinder sammeln auch oft Seetang, was sie getrocknet und gereinigt, an Kaufleute absetzen. Alle solche Sachen fahren sie nach Rostock und kaufen sich dort ihre Bedürfnisse an Nahrungsmittel aller Art wieder ein, daher denn auch die Warnow immer jeden Morgen mit Hunderten von Booten bedeckt ist. Die ältesten Männer, hundert an der Zahl, treiben nach fester Einteilung das Lotsengewerbe bei den vielen ein- und auslaufenden Seeschiffen. Ein „Lotsenkapitän“ regelt das Ganze, und wacht über den Dienst, und dass immer die nötige Zahl von Booten und fünf Mann Lotsen in jedem derselben in Bereitschaft sind, auch immer zwei Lotsen Tag und Nacht auf dem Leuchtturm Wache halten.

Während der Zeit, dass das Meer und die Warnow offen sind, arbeiten alle Warnemünde, und namentlich ihre Frauen und Töchter, mit der unermüdetsten Tätigkeit. Früh am Morgen, wenn die Dämmerung kaum angebrochen ist, fahren sie mit den schwer beladenen Sandbooten nach Rostock, und verschleppen ihre Ladung in großen Säcken auf dem Rücken, durch die ganze Stadt. Ohne etwas den langen Vormittag zu genießen, kommen sie gegen drei bis vier Uhr Nachmittags wieder nach Hause. Dann wird schnell ein großer Topf Kaffee mit etwas Semmel verzehrt, und wieder in die See gefahren, den Sand für den morgenden Tag herbeizuholen. Oft müssen sie dabei bis an die Hüften ins Wasser waten, um denselben ins Fahrzeug schaffen zu können. Gegen Abend kehren sie erst wieder nach Hause, und genießen dann die erste konsistente Mahlzeit. Nur wenn das Eis die Fahrt verhindert, oder wenn der Sturm so heftig tobt, dass die Fahrt auf der Warnow nicht zulässig ist, geschweige denn die auf dem Meere, ist ihnen Ruhe gegönnt. Dann kommt Jung und Alt, die Frauen mit ihren Spinnrocken, bei irgend einem Nachbar zusammen, und aufmerksam wird den Erzählungen der alten Seefahrer zugehört. Da hört man vom „Nordkap“ und wieder vom „Mittelländischen Meere,“ und von Jamaika und Batavia und wieder von Riga sprechen. Endlose Faden von Schiffbruch und von Seeräubern, und von verlorenen Reisen und vom Wallrossfang mit seiner ganzen Gefährlichkeit werden gesponnen und aufmerksam zugehört. So vergehen dann bald die rauen Tage, und so wie die Schifffahrt einigermaßen nur wieder offen ist, zerstreut sich der Kreis in alle vier Ecken der Windrose. Ordnung, Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit findet man fast durchgehends bei allen Warnemündern. Der weibliche Teil in seiner Jugend oft sehr hübsch, was aber bald durch die schwere Arbeit und die raue Witterung, der sie den ganzen Tag ausgesetzt sind, schwindet, zeichnet sich durch Tätigkeit, Reinlichkeit und sehr große Keuschheit vorteilhaft aus. Noch vor wenigen Jahren war ein uneheliches Kind etwas Unerhörtes in Warnemünde, und kommt auch jetzt noch äußerst selten vor. Die Ehrlichkeit ist so groß, dass man in vielen Häusern keine Schlösser findet und nie hört, dass etwas gestohlen ist. Dagegen sind die Warnemünder oftmals habgierig und lieben es, den Fremden, der nicht mit ihnen zu handeln versteht, zu überteuern. Durch die immer sich mehrenden Badegäste wird zwar erhöhter Wohlstand verbreitet, leider aber auch manche der erwähnten vorteilhaften Eigenschaften verdrängt.

Das Badepublikum Warnemündes ist ganz mecklenburgisch, und nur sehr wenige Ausländer sieht man darunter. Meistens sind es Rostocks Familien, die mit ihrer ganzen Wirtschaft einige Wochen daselbst zubringen, und in hochbeladenen Booten ihren ganzen Hausrat mitführen. Aber auch Beamte, und namentlich Prediger vom flachen Lande und den kleineren mecklenburgischen Städtchen, oder Pächter und Gutsbesitzer, oder auch vornehme adelige Familien des Landes, denen Doberan zu geräuschvoll und gezwängt ist, kommen alle Jahr in großer Menge dorthin. So eigentümlich das ganze Leben und Treiben daselbst dem fremden Beobachter auf den ersten Anblick erscheint, so langweilig wird es ihm mit der Zeit werden. Es ist ganz mecklenburgisch daselbst, mir allen Vorzügen und Schattenseiten dieses Landes, jede fremde Färbung, die diesem Gemälde die zu große Einförmigkeit nehmen könnte, fehlt gänzlich.

Das Familienleben, was überhaupt den deutschen Norden so sehr charakterisiert, ist hier namentlich in Warnemünde in hohem Grade ausgebildet, und Alles lebt und webt so in demselben, dass die wenigen, überdies nur sehr mäßigen Anforderungen genügenden Gasthäuser, leer und öde erscheinen und dem Fremden, der ohne Bekanntschaft hierher kommt, einen unheimlichen Aufenthalt gewähren. Da die Wohnungen gewöhnlich für die vielen Familienmitglieder zu enge sind, man auch so viel als möglich frische Seeluft, die man hier aus erster Hand erhält, genießen will, so lebt Alles den ganzen Tag unter den großen, mit Seitenwänden versehenen leinenen Markisen, die vor jeder Tür ausgespannt sind. Geht man am frühen Morgen die Allee entlang, so kann man die ersten täglichen Ereignisse eines Familienlebens mit Muße beobachten. Schreiende Kinder werden gewaschen und gekämmt, Kleider von verschlafenen Dienstmädchen geputzt, Zucker von den sorgsamen Hausfrauen geschlagen und was dergleichen notwendige Vorbereitungen zu den Vorkommenheiten des Tages ferner sind. Später, gegen sieben Uhr, sitzt die ganze Familie, der Hausherr im Schlafrock und Pantoffeln, die Frauen im bequemen Negligee, um den Frühstückstisch, den in der Spiritusmaschine bereiteten sehr kräftigen Kaffee mit Wohlgefallen schlürfend. Dann zieht Alles, Jung und Alt, Mann und Frau, ins Bad, was für die Herren einige hundert Schritte hinter dem Orte, für die Frauen aber eine Viertelstunde weiter, auf einfache aber ganz zweckmäßige Weise angelegt ist. Es sind kleine Bretterbuden zum Auskleiden und lange, weit in die See gebaute Stege mit Treppen zum Heruntersteigen. Badekarren und ähnliche künstliche Zurichtungen kennt man in Warnemünde nicht. Nach dem Bade hat sich wieder ein starker Appetit, an dem überhaupt die Mecklenburger beiderlei Geschlechtes in der Regel keinen Mangel haben, der hier noch durch die scharfe, zehrende Seeluft vermehrt wird, eingestellt. Nach kurzem Spaziergang die Allee auf und ab, wobei die Damen mit ihren des Trocknens vom Meerwasser wegen, lang herabwallenden, aufgelösten, noch feuchten Haaren, fast wie Najaden aussehen könnten, widerspräche dem nicht sonst ihr blühendes, recht materielles Äußere zu sehr, eilt alles wieder dem wohlbesetzten Frühstückstische zu. Einzelne Familien machen sich nun Besuche unter einander und probieren dort den ächten „Porter,“ hier den guten „Medoc,“ essen ein Stück selbstgemachte „Mettwurst“ und preisen mit Recht den wohlgemästeten „Kapaun.“ Die mecklenburgische Gastfreiheit zeigt sich in Warnemünde im vollsten Lichte, und ein nur einigermaßen bekannter einzelner Mann kann, wenn er nur irgendwie Neigung dazu hat, alle seine Mahlzeiten, von der ersten bis zur letzten, stets in Familien einnehmen. Das Mittagsessen, wobei die trefflichen, frischen Seefische eine Hauptrolle spielen, wird ebenfalls, erlaubt es nur irgendwie die Witterung, im Freien eingenommen. Hernach versammeln sich die einzelnen Zirkel und Lotterien, die es in der mannigfaltigsten Art hier gibt, zum Nachmittagskaffee. Um diese Zeit langt gewöhnlich das Dampfschiff, was während der Saison täglich von Rostock kommt, an, und bringt sowohl neue Badegäste, als auch nur kurze Besuche, die am Abend wieder zu den gewohnten Geschäften heimkehren, in Menge. Dann ist die Allee vor den Häusern, der einzige Spaziergang, den Warnemünde darbietet, fast zu belebt von den darin Wandelnden. Man mustert die vor den Türen sitzenden Kaffeegesellschaften, in denen die Damen, ohne Ausnahme, ein Strickzeug oder eine Stickerei, denn eine fleißige Mecklenburgerin wird nie müßig sitzen, in der Hand haben und wird von denselben wieder gemustert. Jeder Bekannte aber wird freundlich eingeladen, eine Tasse Kaffee mitzutrinken. Die Tische und Bänke vor der Tür sind mit gestickten Polstern, bunten Tischdecken und stattlichen Blumenvasen hübsch verziert, und es ist der Stolz jeder Hausfrau, dies so elegant wie möglich zu haben. Am Abend finden wieder ähnliche Teegesellschaften und Abendessen statt, wobei denn oft bis spät in die Nacht bei den vollen Flaschen gesessen wird. Ein Hauptvergnügen ist es auch, auf den einige hundert Schritt in das offene Meer hinaus gebauten, aus mächtigen, durch Klammern verbundenen Steinblöcken bestehenden Hafendamm, der „Spiel“ genannt, zu wandern, und den schönen Anblick, wie die Sonne in die unermessliche Flache des Meeres hinabsinkt, oder der Mond mit seinem milden Lichte emportaucht, zu betrachten. Ein gemeinsames Badeleben und gemeinsame Partien, wie in anderen Bädern, finden in Warnemünde nicht statt, da sich Alles vorher schon kennt und in den gewohnten Kreisen wieder fortbewegt. Zwar werden bisweilen größere Tanzbelustigungen, ja in neuerer Zeit sogar ein sogenanntes Volksfest veranstaltet, allein größtenteils mit geringem Erfolg. Der Mecklenburger, und mehr noch die Mecklenburgerin, ist nur wahrhaft liebenswürdig in ihrem Familienkreise, wo sie sich unbefangen zeigen kann, bei öffentlichen Angelegenheiten, namentlich wenn vielleicht fremde, nicht recht genau bekannte Elemente darunter sind, waltet leicht Steifheit und Gezwungenheit vor, die oft dem Ganzen einen Stempel der Langweiligkeit aufdrückt. Zudem herrscht der Kastengeist in so hohem, lächerlichen Grade, wie man ihn sonst wohl nicht leicht mehr in Deutschland findet, und nimmt in neuerer Zeit, statt abzunehmen, noch immer mehr zu, woran die Streitigkeiten der bürgerlichen und adeligen Gutsbesitzer viele Schuld tragen. Der Adel, welcher in Warnemünde vorzugsweise die näher der See gelegenen Häuser bewohnt, die deshalb auch spottweise „Faubourg St. Germain“ benannt werden, hält sich so viel wie möglich unter sich, und kann er es nicht vermeiden, bei öffentlichen Angelegenheiten mit den Bürgerlichen zusammen zu kommen, so macht sich die gegenseitige Spannung und Gezwungenheit noch fühlbarer.

Viele Abwechslung in dem sonst sehr einförmigen Leben zu Warnemünde, gewähren die täglich ein- und auslaufenden Schiffe aller europäischen Nationen, die auch, wenn sie zu schwer beladen sind, daselbst erst löschen müssen, um nach Rostock kommen zu können. Ein noch imposanteres, wenn auch glücklicher Weise selteneres Schauspiel, bietet ein Sturm dar. Graue, düstere Wolken liegen drückend auf dem ganzen Horizont, und ihr Wiederschein verdunkelt die tiefgrüne Farbe des Meeres, bis fast ins völlige Schwarz. Noch ist Alles in der Natur ruhig, aber so ungewöhnlich ruhig, dass der außerordentliche Aufruhr bald zu erwarten, ja selbst, damit diese ängstliche Spannung aufhöre, zu wünschen ist. In großen Haufen kommen die Möwen an die Küste, und ihr heiseres Klaggeschrei, womit sie gleichsam Schutz suchend den Leuchtturm umflattern, ist der sicherste Vorbote des nahenden Unwetters. Jetzt beginnt der Wind sein Spiel zu treiben, anfänglich nur leise, vermehrt sich seine Gewalt von Sekunde zu Sekunde. Die Masten der im sicheren Hafen doppelt vor Anker gelegten Schiffe knarren in allen Teilen und vermögen kaum Widerstand zu leisten, während das angespannte Tauwerk gleich einer riesigen Aeolsharfe, in hohlen Tönen pfeift und brummt. Gischend und ganz in weißen Schaum sich zerschellend, schlagen die immer gewaltiger werdenden Wogen über das äußerste Ende des Hafendammes, als strebten sie unwillig über das ihnen aufgebürdete Joch, es zu ihrem tiefsten Abgrund hinabzureißen. Reißt ihre gewaltige Kraft auch wohl bisweilen einzelne Steine aus dem Bau, das Ganze steht unerschüttert fest und spottet derselben. Die See, so weit das Auge reicht, ist ein wildes Chaos von sich überstürzenden Wasserbergen und tiefen Abgründen zwischen den Füßen derselben. Der weiße Schaum auf den Spitzen sticht doppelt gegen die dunkeln Schlünde ab. — Mit Mühe nur das Fernrohr haltend, spähen die auf dem Plateau vor dem Leuchtturm zahlreich versammelten Lotsen, ob sie Schiffe „in Sicht“ erblicken. Jetzt werden sie aufmerksam, der „Lotsenkapitän“ nimmt selbst das Fernrohr zur Hand und sagt endlich nach langem Schauen: „Ja, dat is een Schipp,“ Die Kunde, ein Schiff sei im „Ansegeln,“ verbreitet sich schnell im ganzen Orte. Nicht achtend des Sturmes, der kaum zu gehen erlaubt, und vor dem die Damen nur mit äußerster Mühe, die bisweilen doch noch missglückt, ihre flatternden Kleider zusammenhalten können, eilt Alles zum Leuchtturm, so dass der ganze Platz davor mit einer bunten, teilweise sehr abenteuerlich kostümierten Menschenmenge bedeckt ist. Jetzt ist das Schiff so nahe gekommen, dass das scharfe, und in solchen Dingen unglaublich geübte Auge der Lotsen es als eine nach Rostock gehörige „Brigg,“ und zwar an dem bunten Schilde, was sich auf Augenblicke hell zeigt, als die „Louise,“ Kapitän N. N., nach dreijähriger Abwesenheit endlich von Odessa zurückerwartet, erkennen. Die Spannung vergrößert sich; einige der Anwesenden haben „Parte“ im Schiff, Andere kennen den Kapitän oder dessen Familie. Alle Segel, bis auf ein einziges, fest „eingerefft,“ kommt es immer näher und näher, so dass auch schon das unbewaffnete Auge des Badegastes, es deutlich erkennen kann. Die Flagge nach dem Lotsen wird auf demselben „aufgehisst.“ Die Lotsen treten zur Beratung zusammen, der Kapitän derselben führt das Wort, schweigend harren die Zuschauer des Ausspruches. Doch die Brandung an der Küste ist zu stark, die gegen das Ufer anstürmende See würde den leichten Kahn zurückwerfen und bald zertrümmern, einstimmig erklären die Lotsen, dass sie nicht „hinaus könnten.“ Ängstlich wird dies von den Zuhörern entgegen genommen, und die Mehrzahl derselben gibt das Schiff schon verloren. Immer näher der Küste, so dass man schon die Mannschaft darauf erkennen kann, wird dasselbe vom Sturme getrieben. Wie spielen die empörten Elemente mit dem stattlichen Fahrzeug, gleich als ein Kind mit dem gewichtslosen Federball! Jetzt hebt eine mächtige Welle es hoch auf ihren schäumenden Rücken, so dass man den mit Kupfer beschlagenen Boden erblickt, im nächsten Augenblick stürzt es in die Tiefe, und kaum ragen die Spitzen der Masten über die es zu verschlingen drohenden Wasserberge empor. Nun taucht es wieder auf, aber eine neue Welle fasst es von der Seite, und wirft es so herum, dass die oberste Rae fast ins Wasser zu schlagen scheint. Wie ein vom Sporn gequältes edles Ross, hebt es sich jetzt ganz aufs Hinterteil, und der scharfe Kiel Ist von den ihm vertrauten Elementen entblöst, aber eine Sturmwelle drückt es mit so ungeheurer Macht vorne über, dass es wie ein Wasservogel unterzutauchen scheint, und die geängstigten Zuschauer es unrettbar verloren glauben. Aber Dank sei es der festen, soliden Bauart und den zähen Eichenplanken, die seine Rippen bekleiden, Dank sei es der mutigen Besonnenheit des wackern Führers, der mit kräftiger Hand immer noch die nötige Leitung zu geben weiß, es bleibt noch Sieger in dem ungleichen Kampf. Die Lotsen haben das Zeichen gegeben, dass sie nicht heraus können, man ist begierig, ob das Schiff nicht versuchen wird, die weite See wieder zu gewinnen. Aber vermag der Führer dies nicht mehr, oder hat er auf vieljährige eigene Kenntnis des hiesigen Fahrwassers vertrauend, den kühnen Entschluss gefasst, auch ohne Lotsen das Einlaufen zu wagen. Immer näher und näher kommt es der gefährlichen oder auch rettenden Küste. Die Lotsen, die Absicht des Kapitäns erratend, geben mit vieler Anstrengung durch Flaggen und aufgehisste farbige Ballons die nötigen Hilfszeichen. Ein Teil derselben trägt ein Boot, was über die Warnow gerudert ist, eine Strecke weit über Land, nach einem Punkte der Küste, wo ihrer Erfahrung nach die gescheiterten Schiffe gewöhnlich hingetrieben werden, und versieht sich mit Tonnen und Wurfankern, zur vielleicht nötigen Rettung der Besatzung.

Bleich und vor ungeheurer Angst der Sprache beraubt, lehnt sich die Frau des Schiffskapitäns, die von Rostock hierher dem erwarteten Manne entgegengeeilt ist, an das Geländer der Plattform. Die nächsten Augenblicke entscheiden, ob der geliebte Mann von den Wellen des Meeres verschlungen, und sie eine Witwe und Bettlerin ist, oder ob derselbe sicher in ihren lang entbehrten Armen zu ruhen vermag. Bewusstlos lächelt das an ihre Brust gedrückte zweijährige Kind, nach des Vaters Abreise erst geboren, nicht ahnend die Spannung des Augenblickes. Jetzt ist das Schiff kaum noch einige hundert Fuß von dem Strand entfernt, die nächsten Wellen können es schon herauf schleudern. Zwei Mann der Besatzung sind ans Steuerruder festgebunden, der Kapitän, das Sprachrohr in der einen Hand, umklammert mit der andern den Mittelmast, die übrigen Matrosen sind an den Tauen verteilt. Immer näher rückt der Moment der Entscheidung, immer ängstlicher pocht das Herz aller Zuschauer. Diese Welle, mächtiger wie ihre Vorgängerinnen, muss es an die Spitze des Hafendammes, dem es gerade gegenüber ist, zerschellen. Da springt mit gewaltigem Satze der Kapitän mit ans Steuerruder, gehorsam wie das edle Ross, gehorcht das Schiff auch im Sturme noch der Führung des Meisters, mit der Schnelle des Pfeils schießt es im rechten Winkel herum, in demselben Augenblicke lösen die Matrosen einige untere Segel, und kaum einige Ellen an der gefährlichen Spitze vorbei, schießt es in voller Fahrt in das geschützte Fahrwasser des Hafens ein. Das kühne Manöver des Kapitäns, gewandt von den geübten Matrosen ausgeführt, hat das Fahrzeug vom Scheitern gerettet. Im freudigen Hurrah macht die Brust der Zuschauer sich Luft und freudiger noch erwidert es die gerettete Besatzung. Hilfreiche Hände eilen herbei, den vor Anstrengung erschöpften Matrosen beim Einreffen aller Segel, welche in der kurzen Zeit schon vom Sturme arg zerfetzt sind, und beim Anlegen am Hafenpfahl zu unterstützen. Jetzt liegt es geborgen am Platze, mit einem Sprunge ist der Kapitän am Lande und in den Armen der Gattin und des Sohnes. Fest die geliebten Wesen ans Herz drückend, rollen heiße Tränen des Dankes über seine gebräunten Wangen, und sein gen Himmel gerichteter Blick spricht mehr als tausend Worte, seine Gefühle des Dankes gegen den erhabenen Herrscher aus, der aus drohender Todesgefahr ihn gnädig rettete. Schweigend ehren Alle die wunderbar schöne Gruppe, und kehren reich an Stoff zu den ernstesten Betrachtungen, in ihre Wohnungen zurück.

.

.

.