Schwerin, den 31. Januar 1825 – Theaterkritik: Das Lustspiel „Die deutschen Kleinstädter“ u. a.

Aus: Freimütiges Abendblatt, Band 8 (1826)
Autor: Redaktion - Freimütiges Abendblatt, Erscheinungsjahr: 1826
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg, Schwerin, Theaterkritik, Lustspiel, Sittenbild, Titelsucht, Landesgeschichte, Stadtgeschichte, Kulturbild, Theatergeschichte
Vorgestern wurden die diesjährigen Vorstellungen des Theaters mit einem von Dem. Riese gesprochenen Prolog eröffnet, und sahen wir sodann „Die deutschen Kleinstädter.“ Wenn es mit Recht zu den Erfordernissen eines guten Lustspieles gerechnet wird, dass der Stoff desselben so viel als möglich aus dem nationalen Leben des Volkes genommen sei, dass die geschilderten Torheiten und Sitten so viel möglich bei dem Volke, als solchem sich finden, so liegt zwar hierin schon ein Grund, weshalb wir Deutsche nur wenige gute Lustspiele haben können, aber zu diesen wenigen werden wir immer „Die deutschen Kleinstädter“ zählen müssen, denn mehr oder weniger findet sich die hier geschilderte Torheit, die Titelsucht, wohl in allen deutschen Gauen und Städten, wenn sich letztere auch weit über das gute Krähwinkel erhaben dünken.

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Die Sache selbst ist immer noch da, wenn auch durch die Bewegungen der neueren Zeil etwas anders modifiziert; zwar erscheint die Schilderung selbst etwas stark für unser Zeitalter, aber man will es dem Lustspieldichter nicht verdenken, wenn er seine Freiheit in Behandlung des Stoffes bis zur Übertreibung erweitert, wenn er nur die Bedingungen der Wahrscheinlichkeit nicht überschreitet, und so werden wir denn das Stück immer noch zu unseren besten Lustspielen rechnen können. Über die Darstellung selbst schweigen wir lieber, da erst an diesem Abend der Prolog unsere Nachsicht in Anspruch genommen hat.

Gestern sahen wir „Das Taschenbuch“ und „Der gerade Weg der beste.“ Das erste Stück teilt mit den gewöhnlichen guten Eigenschaften, auch die gewöhnlichen Mängel aller Kotzebüschen Dramen, es hat rührende Stellen, doch erscheint die Handlung nicht überall gehörig motiviert. Übrigens gingen beide Vorstellungen bei weitem besser, als die vorgestrige; sie waren beide gut zu nennen. Über die einzelnen Leistungen der neu engagierten Mitglieder schweigen wir diesmal noch, bis wir mehr von ihnen gesehen, bemerken aber doch, dass uns nach dem bisher Gesehenen das diesjährige Personale der Gesellschaft dem vorjährigen vorzuziehen zu sein scheint. Dem Hrn. Schmidt, als einem allen Bekannten, können wir aber nicht umhin, unseren schon früher ausgesprochenen Rat zu wiederholen, dass er sich nämlich vor Übertreibung zu hüten habe. So schien er uns in dem zweiten Stücke die Rolle des Schulmeisters durchaus vergriffen zu haben, wenn gleich seine Darstellung Lachen erregte. Die schleichende Unterwürfigkeit, die in der Rolle offenbar liegt und die sich auch in den Worten des Schulmeisters überall deutlich ausspricht, wird nicht bloß durch einen gekrümmten Rücken dargestellt, Ton und Stimme müssen dem angemessen sein; ein solcher Mann wird sich kaum erlauben, in Gegenwart seines Patrons seins Stimme laut zu erheben, viel weniger aber demselben, wenn er ihm seinen Dank sagen will, seinen abgeschabten Hut über den Kopf halten. Herr Engelken hat als Elias Krumm dies bei weitem besser aufgefasst.
Schwerin, Theater

Schwerin, Theater