Russlands Einfluss auf, und Beziehungen zu Deutschland vom Beginne der Alleinregierung Peters I. bis zum Tode Nikolaus I. (1689—1835); nebst einem einleitenden Rückblicke auf die frühere Zeit. Band 1. (Bis zum Vollzug der ersten Teilung Polens: 1773

Vorrede
Autor: Sugenheim, Samuel (1811-1877) israelitischer Kaufmann, Historiker und Publizist. (Autodidakt)
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Russland, Deutschland, Frankreich, Türkei, England, Europa, Knutenstaat, Weltordnung, Politik, Polen, Kultur-, Sitten- und Sozialgeschichte
Vorrede.*)

*) An der Schwelle einer langen Wanderung durch die Nachtgründe der russischen Geschichte regt sich in dem Denker lebhafter als je die Sehnsucht nach einer Lösung des hier behandelten großen Rätsels. Denn nirgends treten uns so viele Schandsäulen der Menschheit, gekrönte und ungekrönte, im steten Geleite eines ganz stutzenden Glückes entgegen, wie in dieser; nirgends wird der, den Sterblichen doch so unentbehrliche, Glaube an eine höhere, an eine sittliche Weltordnung, an eine göttliche Weltregierung auf so harte Probe gestellt, als gerade bei dieser Wanderung. Möge der freundliche Leser an der Hand der im Folgenden entwickelten Ansichten sie eben so, siegreich bestehen, wie der Verfasser!

Eine wundervolle Nacht breitete ihren weiten Sternenmantel über die schlummernde Erde, die ich eben verlassen, als der rasch in die Höhe steigende Ballon mich sehr bald an eine im reinsten Diamantfeuer erglänzende Pforte brachte, die auf ein Zeichen meines Führers sich öffnete. Im Hintergründe eines prächtigen Saales gewahrte ich auf goldenem Rokoko-Sessel eine ehrwürdige Greisengestalt, von wallendem Silberbart umflossen, auf deren Antlitz solch’ unaussprechliche Milde, solch’ ermutigendes Wohlwollen thronten, dass ich, kurz entschlossen, mir die Erlaubnis erbat, ihn, den Bürger einer hohen Welt, zu interpellieren, um die Lösung einiger Rätsel zu bitten, mit der ich mich schon oft vergeblich beschäftigt. Freundlich gewährte er sie, und es entspann sich nun zwischen uns folgende Konversation:

Ich: Warum gähnt auf Erden seit der Zeiten Beginn so häufig eine weite, unausfüllbare Kluft zwischen Tugend und Glück; warum keucht so oft das wahre Verdienst, die gediegenste sittliche Größe unter der Bürde der widrigsten Schicksale; warum müssen die edelsten, die erhabensten Geister, der Erdenbürger Schmuck und Stolz, so oft der Leiden Schmerzenskelch bis auf die Neige leeren, während der Schund der Menschheit sich auf weichem Pfuhle brüstet, im Schoße des Glückes schwelgt?

Der Greis: Kann es anders sein, wenn der Gottheit Zweck mit dem Menschengeschlechte erreicht werden soll? Wenn die Tugend, das wahre Verdienst schon auf Erden den gebührenden Lohn immer fände, welch’ sittlichen Wert würde dann noch die Tugend haben? Der besteht doch offenbar nur dann, dass sie geübt werde um ihrer selbst willen, nicht abgeschreckt werden kann durch die Dornen, die statt der erwarteten Rosen ihren Jüngern erwachsen. Wenn diesen schon auf der Erde das Los beschieden wäre, auf welches sie vollen Anspruch besitzen, würde da nicht Jedermann aus Eigennutz tugendhaft sein, oder vielmehr sein wollen, würde da die Tugend nicht gleichsam zu einem lockenden, weil einträglichen und sichern Per-Komptant-Geschäft zwischen dem Himmel und den Erdenkindern herabgewürdigt werden? Wo bliebe da noch der Schmelztiegel, in dem das echte Menschengold von der Unmasse des Katzengoldes, nach dem Plane der Vorsehung, gesondert werden soll, wenn die Tugend ihre bare Bezahlung schon auf eurem Planeten empfinge oder ihrer auch nur gewiss wäre? Würde sie dann nicht völlig aus der Menschenwelt verschwinden, weil eben so egoistisch, so erlogen und bedeutungslos sein, wie die Menschenliebe eurer Frommen, die Begeisterung eurer Streiter für Gottes Ehre und die Volksfreundschaft so vieler Großen und Kleinen in Deutschland von anno 1848?

Zu diesem allgemeinen Grunde jener scheinbaren Ungerechtigkeit in der Verteilung menschlicher Geschicke gesellen sich aber noch besondere Gründe, die aus der völligen Verschiedenheit des Zweckes notwendig resultieren, zu welchem die Geister, die in den Menschenleibern wohnen, sich auf Erden zeitweilig zusammenfinden, oder richtiger von der Gottheit zusammengeführt werden. Religion, Vernunft und Natur, des Neugeborenen Eintritt in das irdische Leben, wie des Sterbenden Austritt aus demselben müssen schon Herthas denkende Söhne mit der Ahnung erfüllen, dass eben so wenig, wie der Geist, der jetzt im Abstreifen seiner bisherigen, morsch-gewordenen Hülle begriffen ist, mit der Ablösung von derselben zu existieren aufhört, derjenige, der von seinem neuen Gewande, ohne sein Zutun, eben Besitz genommen, damit erst zu existieren beginnt. Mit anderen Worten: dass der Menschengeist, wie er unzweifelhaft fortdauert nach seinem Abschiede von der Erde, auch schon vor seiner Einbürgerung auf derselben unter anderer Gestalt, auf einem andern Planeten gelebt, dass sein Walten auf dem eurigen nur ein, und zwar ein Mittel-Glied in der Kette der ihm von der Vorsehung bestimmten Anzahl von Existenzen ist. Wie er nun aus seinem Dasein auf der Erde die Anwartschaft auf Lohn und Strafe in die nachfolgende Existenz mit hinübernimmt, so bringt er solche aus der vorhergegangenen auch mit, da er dort schon, eben so wohl wie auf Erden, ein vernünftiges, mit Willensfreiheit ausgestattetes, zurechnungsfähiges Wesen war. Er empfängt nun, je nach Verdienst, Lohn oder Strafen der einfachsten Weise von der Welt durch das Medium des Rockes, in welchen er gesteckt, aber durchaus nicht gefragt wird, ob ihm der Rock auch gefalle? Die Menschen sind eben nur die Schneidermeister des großen Weltenvaters; sie verfertigen die Röcke für eine gewisse Anzahl seiner Geister; ihr solltet daher, in Betracht dieses allgemeinen Schneider-Gewerbes der Erdenbürger, von der ehrsamen Zunft der Kleiderkünstler nicht bespektierlich denken.

Der Rock nun, der jedem Menschengeiste von der Hand des Höchsten beschert wird, der entscheidet sein Schicksal auf Erden; der Herrschaft seines Rockes, dem Lose sich zu entziehen, welches er durch diesen, zum Lohne oder zur Strafe empfängt, wird Keinem gelingen, ehe der Zweck erreicht ist, der dadurch erreicht werden soll. Denn dem eigenmächtigen, willkürlichen Abstreifen eines überall drückenden und beengenden, eines noch so dornenvollen Rockes setzen bei dem großen nichtdenkenden Haufen die tief in die menschliche Natur gepflanzte Liebe zum Leben, selbst zum entschiedensten Hundeleben, und die Ungewissheit der Zukunft einen wirksamen Damm entgegen, und bei der kleinen Zahl der Denkenden Religion und die Überzeugung, dass die darin liegende Auflehnung gegen den göttlichen Willen eben so sündig wie nutzlos wäre, da dem Regierer der Welten doch Keiner entwischen und jene nur zur Folge haben kann, dass der Rebell auf einem andern Planeten einen noch schlechteren Rock erhält, wie ja schon bei euch auf Erden ein entsprungener Gefangener eine noch unangenehmere Zelle erhält.

Du wirst jetzt unschwer begreifen, dass die jeweiligen Inhaber der menschlichen Hüllen in zwei Klassen zerfallen, in eine, die, zum Lohne, auf die Erde befördert, und in eine andere, die, zur Buße, auf die Erde verbannt wird, wie die Strafe der Verbannung ja schon eine bei euch oft angewendete ist; und ferner, dass nichts abgeschmackter sein kann, als das, was eure Pfaffen von Paradies, Fegefeuer und Hölle faseln, oder vielmehr euch vorlügen. Das Paradies, das Fegefeuer und die Hölle, die jeder verdient oder zur Läuterung bedarf, findet er in der Aufeinanderfolge der Existenzen, zu welchen er befördert oder verdammt wird, und wer das Menschenleben in der unendlichen Mannigfaltigkeit seiner Erscheinungen, im bunten Wechsel seiner Geschicke offenen Auges betrachtet, wird eine solche Fülle von Paradiesen, Fegefeuern und Höllen in unzähligen Abstufungen gewahren, dass selbst ihm die Errichtung besonderer derartiger Anstalten als pure Verschwendung erscheinen muss. Und sie würde das um so mehr sein, da dasselbe einfache Mittel des Lohnes und der Strafe, dessen die Gottheit auf eurem Planeten Sich bedient, wie angedeutet, auch auf den anderen, unter den dort nötigen Modifikationen zur Anwendung kommt.

Ich: Also gibt es wirklich keinen persönlichen, zur Peinigung der Menschenkinder bestimmten Teufel?

Der Greis (ironisch lächelnd): Da von jeher eine so ansehnliche Menge gekrönter Häupter, so wie anderer großen und kleinen Machthaber mit eben so viel Lust wie Geschick sich damit befasst, den Teufel zu ersetzen, die Teufel ihrer Mitmenschen zu sein, wäre die Anstellung eines Extra-Satans für diese ein so überschwänglicher Luxus, dass solche euren Frommen überlassen werden konnte, und, wie ich höre, sollen die in der neuesten Zeit wieder sehr gute Geschäfte mit dem Teufel machen.

Ich: So gute, dass neulich einige fromme Herren in Sachsen, um dem starken Verbrauche genügen zu können, von ihrem alten Teufel eine neue Auflage von 6.666 Exemplaren veranstalteten.

Der Greis: Ein Teil der auf die Erde Verbannten besteht nun aus Wesen einer höheren Ordnung, welche, wie gesagt, zur Buße auf euren Planeten zurückversetzt, verurteilt worden, unter Wesen zu leben, deren vorherrschend sinnliche Richtung und geringere geistige Reife es jenen ungemein erschweren, die Vorzüge ihrer höheren Natur zur Geltung zu bringen. In dem furchtbaren Kampfe zwischen den Anforderungen des äußern, des materiellen Lebens und ihrer edleren geistigen Natur besteht ihre Strafe für frühere Sünden, zugleich aber auch das von der göttlichen Barmherzigkeit ihnen verliehene Mittel wie der Sühne so auch der eigenen Wiedererhebung. Wenn diese Gefallenen nämlich, unbeirrt von den Lockungen des Erdenlebens und nur den Leitsternen folgend, die vermöge ihres erhabeneren geistigen Ranges in ihnen in reinerem Glänze glühen, wie in anderen Sterblichen, der Vernunft und dem Gewissen, fest und unerschütterlich in dem Vorsatze verharren, ihre höhere Begabung nur zum Heile ihrer, wenn auch noch so undankbaren, Mitmenschen zu verwenden, dann sühnen sie durch diese treue Pflichterfüllung selbst auf dem dornigsten Pfade ihre frühere Schuld, reinigen sich in diesem edlen Kampfe zugleich aber auch von den Schlacken, die ihre Ausstoßung aus der höheren Gattung von Wesen bedingten, der sie früher angehörten, und erwerben dadurch wie den Anspruch so auch die Fähigkeit, zu dieser zurückzukehren, ihre Wanderung in den höheren Regionen des unermesslichen Gottesreiches fortzusehen. Das sind die Geister, die von jeher der Menschheit Vorkämpfer und Bildner gewesen, — (Du siehst, ihre Buße wird zugleich Quelle des Segens für Wesen geringerer Ordnung; so straft die Gottheit) —; das sind die Geister, deren widrige Schicksale und tiefe Schmerzen im irdischen Dasein (denn nur in der Schule der Leiden können Herthas träge Kinder geläutert werden) im grellen Gegensatze zu ihrem inneren Werte, zu ihrer uneigennützigen reinen Tugend, die Sterblichen so oft mit dem bangen Zweifel erfüllen, ob eine gerechte, ob eine gütige Vorsicht ihre Geschicke lenke.

Ich: Sonach wird es wohl auch mit dem, was wir Menschen angeborene Gaben nennen, die Bewandtnis haben, dass wir diese aus unserer Präexistenz auf die Erde mitbringen, und auch in ihnen Lohn oder Strafe für unser Wirken in dieser empfangen?

Der Greis: Ganz richtig. Denn, wenn geistige Fähigkeiten und Vorzüge durch den physischen Akt der Erzeugung überhaupt mitgeteilt, fortgepflanzt werden könnten, so würbe der Vater dem Sohne doch immer nur mitteilen können, was er selbst besitzt. Mithin müsste z. B. der Vater eines genialen Dichters ebenfalls immer ausgezeichneter Dichter, und der eines großen Astronomen auch ein großer Astronom gewesen sein, während Du oft genug finden wirst, dass jener das geistloseste Geschöpf von der Welt, z. B. einen Grobschmied, und dieser einen renommierten Gastronomen zum Erzeuger hatte. Und eben so verhält es sich ja meistens auch mit den Söhnen berühmter Väter. Das, was ihr rätselhaften Mischlinge aus Geist und Dreck angeborene Gaben zu nennen pflegt, ist nichts Anderes als eine von euch in der früheren Phase eures Seins selbsterworbene — (denn aus Gunst verliehene, durch Frommmäuligkeit erkrochene, wie bei euch auf Erden Ämter und Würden verliehen, erschlichen werden, gibt es nicht im Reiche der Geister) — hervorragende spezielle Befähigung, und eben in dem Werte, den diese in den Augen der Wesen hat, mit und unter welchen ihr Besitzer leben muss, besteht oft genug schon dessen Lohn und Strafe. Wie undankbar sind z. B. die Erdenbürger nicht gegen jene, denen eine besondere Fähigkeit innewohnt, sie selbst oder ihre Nachkommen zu erziehen, zu bessern, ihrer höheren Bestimmung entgegen zu führen, während sie die hochschätzen und verschwenderisch belohnen, bei welchen der Geist in der Kehle, in den Beinen und Muskeln thront! Aber, zweifle nicht, der wackere, von Menschenliebe erfüllte Jugendlehrer, der echte Priester der Humanität, die unbeirrt durch die Dornen ihres mühsamen, ihres undankbaren Berufes, als treue Knechte des Herrn in ihm ausgeharrt, werden nach ihrer Abberufung von der Erde in eine Welt versetzt werden, wo die ihnen eigentümlichen, und während ihres Erdenwallens noch mehr ausgebildeten, Fähigkeiten ihnen eine ganz andere Stellung, eine ungleich behaglichere Existenz sichern, als sie bei euch dem gefeiertsten Gesangs- und Tanzkünstler je zu Teil geworden.

Ich: Weshalb wurde dem Menschengeiste aber jede Erinnerung seiner Präexistenz entzogen?

Der Greis: Jede klare, anhaltende Erinnerung dieser musste ihm aus demselben Grunde vorenthalten werden, der es erheischt, dass die Zukunft ihm verhüllt bleibt, damit die Erbe nämlich nicht mit lauter eigennützigen Tugendhelden bevölkert, damit die Tugend nicht zur Frucht unfreiwilliger Selbstsucht erniedrigt, also eigentlich von eurem Planeten völlig verscheucht werde. Wenn dem Geiste der Erdenbürger, wie auch der Bewohner anderer Planeten, historisches Bewusstsein, d. h. die Kenntnis seines früheren Zustandes nicht versagt wäre, wie leicht würde da nicht sein nimmer ruhender Fürwitz auch den nach dem Erdenleben seiner harrenden erraten können? Ich will Dir das an einem mir noch lebhaft gegenwärtigen Beispiele zu veranschaulichen suchen. Die Seele eines Fußbekleidungskünstlers auf dem Monde hatte sich, so lange sie dort hauste, als kreuzbrave Seele erwiesen, und wurde dafür, zum Lohne, nach ihrem Abschiede von demselben mit der Eröffnung erfreut, dass sie in eine Hülle befördert werden würde, die sie zum Sprössling eines vermögenden Kaufmannes auf dem Saturn mache. „Himmel! wie süß sind die Früchte der Tugend; nie werde ich von ihrem Pfade weichen, um dereinst noch König oder Kaiser zu werden!“ dachte die entzückte Schusterseele, indem sie von ihrem neuen Rocke Besitz nahm und damit alle schusterlichen Erinnerungen verlor. Der nunmehrige Kaufmannssohn auf dem Saturn wuchs heran, wurde nach dem Tode seines Vaters Erbe eines hübschen Vermögens und, von der Sirenenstimme der Habsucht verlockt, ein eben so nichtswürdiger Saturnsbürger, als er in bescheideneren Verhältnissen ein wackerer Mondbürger gewesen. Durch die ihm vorenthaltene Wissenschaft der früheren Phase seines Geschickes enthüllte sich also die eigentliche Essenz dieses Geistes, zeigte es sich, dass er, ohne den Stachel spekulierenden Eigennutzes, ohne stete Erinnerung an die schönen Coupons der Tugend, der Fähigkeit entbehrte, ein beziehungsweise nur etwas glänzenderes Los zu ertragen, ohne zu straucheln, zu fallen. Die gefallene Seele des Saturnkaufmanns wurde abberufen, und erschien zerknirscht vor Gericht, mit dem wiedererlangten Bewusstsein der beiden Phasen ihrer Geschicke. Zur Strafe der in der letzten begangenen schweren Sünden wurde sie verurteilt, auf eurer Erde in einen Mannsrock gesteckt zu werden, der ihr dereinst das Los beschere, den Unterhalt ihrer Hülle zwanzig Jahre lang als Zeitungsschreiber in Deutschland bei gesetzlich bestehender Pressefreiheit erwerben zu müssen. „Grässlich!“ rief eine von dort gerade herübergekommene, zufällig anwesende mitleidige Journalistenseele schaudernd aus, „ich weiß, was das heißen will! Die deutsche Zensur habe ich fünfzehn Jahre lang ausgehalten, aber die deutsche Pressefreiheit hat schon im dritten mittelst eines Gallenfiebers die Verbindung mit meiner irdischen Hülle gelöst.“ Sieht es denn mit eurer Pressefreiheit wirklich so traurig aus?

Ich: Ah! so gar schlimm doch eben nicht. Weiß man nur den Standpunkt unbefangener, objektiver Betrachtung zu gewinnen, nimmt man dazu noch etwas Berliner Philosophie von der guten, echten Sorte, von der privilegierten nämlich zu Hilfe, so dürfte sich die Sache leicht auf ein kleines Missverständnis reduzieren lassen. Es ist Dir vermutlich bekannt, die Geburt der deutschen Pressefreiheit fällt in jene Zeit, die in Germaniens Gauen der Missverständnisse so viele sah. Da hat nun der beschränkte Untertanenverstand des deutschen Literaten- und Schreibervolks irrtümlich gemeint, dieses wäre mit der aktiven Pressefreiheit, d. h. mit der Befugnis begnadigt worden, nach Belieben pressen, id est drucken lassen zu dürfen, während ihm nach der Meinung der edlen Geber vorläufig, und zwar versuchsweise, nur die passive Pressefreiheit, die Vergünstigung eingeräumt werden sollte, in voller Freiheit gepresst zu werden von Allen, die Geburt, gesellschaftliche Stellung, Bildung des Geistes und des Herzens dazu qualifizieren. Solcher passiven Freiheiten besitzen wir in Deutschland gar manche, und des Genusses dieser passiven Pressefreiheit erfreuten sich die deutschen Schriftsteller tatsächlich schon seit langer Zeit; jetzt ist sie ihnen sogar gesetzlich garantiert, und sie sind noch immer nicht zufrieden. Eigentlich mehr noch als hierüber, wundere ich mich darüber, dass einige rühmlichst bekannte gelehrte Berliner, die dem deutschen Volke doch so manches begreiflich zu machen sich rastlos bemühen, was sein beschränkter Untertanenverstand noch immer nicht recht begreifen will, nicht schon längst der Aufgabe sich unterzogen haben, diese objektive Auffassung der Pressefrage wissenschaftlich zu begründen, ihm mit Hilfe der echten Berliner privilegierten Philosophie, die ja Alles, auch das Unerklärlichste zu erklären weiß, zu deduzieren, dass es eben so gut wie ein aktives und passives Wahlrecht, wie aktives und passives Vermögen auch ein aktives und passives Presserecht gebe. Es würde sich das meines Erachtens den übrigen Verdiensten dieser Berliner Philosophen um die Aufklärung des Volkes würdig anreihen. Doch kommen wir von Deutschlands Presse- oder vielmehr gepressten Zuständen auf den eigentlichen Gegenstand unserer Unterhaltung zurück. Du betontest vorhin so eigentümlich, dass den Sterblichen eine klare, anhaltende Erinnerung ihres Vorlebens entzogen ward; ist ihnen denn eine unbestimmte, momentane, gleichsam wie Schatten der Nacht vorüberhuschende, gelassen worden?

Der Greis: Allerdings; im Traume, in jenem Zustande, den ihr Erdenkinder euch so wenig zu erklären wisst. Denn eure Träume sind keineswegs Ahnungen, Offenbarungen der Zukunft, sondern Reminiszenzen, Nachklänge aus eurer Vergangenheit, aus eurem Vorleben. Du wirst es wohl schon selbst erfahren haben, dass längst vergessene Ereignisse Deiner Kindheit, Deiner Jugend von Dir im Mannesalter im Traume nochmals durchlebt wurden. Ebenso dämmern nun in jenem Zustande, in welchem der Menschengeist der Herrschaft seines Rockes, des Körpers, in geringerem Grade als im wachenden unterliegt, dunkle Erinnerungen dessen in ihm auf, was er früher gewesen, früher erlebt, aber, wegen der Bande, mit welchen der Leib auch den Träumenden umfängt, wunderlich vermengt mit den Erinnerungen des irdischen Daseins. Daher das seltsame Bunterlei, die unbegreifliche Mischung und anscheinend unsinnige Verknüpfung, Aufeinanderfolge der Dinge im Traume, weil eben im Traume an eurem Geiste nicht die Erinnerungen aus einer Existenz, sondern aus verschiedenen Existenzen vorüberziehen, und die, Dir wohl bekannte, Tatsache, dass das neugeborene Kind schon in den ersten Wochen, ja ein besonders lebhaftes, also geistig begabtes, schon in den eisten Tagen nach seiner Erscheinung auf Erben träumt, folglich auch schon Vorstellungen haben muss, die es auf eurem Planeten aber doch noch nicht erlangt haben kann, mithin aus einer früheren Existenz mit herübergebracht hat, wird, wie ich glaube, zur Lösung Deiner etwa noch vorhandenen Zweifel an dem Vorhandensein einer solchen wesentlich beitragen. Übrigens will ich auch das eben Angedeutete Dir an einem Beispiele klar zu machen suchen. So träumte einmal Jemand, erst sei er ermordet und nachher, mit einem großen Posten Prügel überrascht worden. Nun ist ihm allerdings noch recht gut erinnerlich, dass es einst bei einem volkstümlichen Zweckessen zum Dessert Prügel regnete, und zwar, trotz der lebhaftesten Proteste
gegen solch’ unverdiente Auszeichnung, die meisten und vollwichtigsten auf seinen Revers, wie bei euren kuriosen Einrichtungen ja häufig denen die größte Auszeichnung zu Teil wird, die sie am wenigsten verdienen: dass er aber schon einmal erstochen worden, erschien ihm beim Erwachen begreiflicher Weise als Ausgeburt einer erhitzten Phantasie. Und dennoch hatte ihm der Traum nur die Wahrheit, und noch dazu in ganz richtiger Aufeinanderfolge wieder vorgeführt. Denn aus seinem Vorleben wurde er durch einen Mord auf die Erbe befördert; es war die letzte ihm dort auferlegte Buße, deren Schrecken sich seinem Geiste so lebhaft eingedrückt, dass er sich dieses Ereignisses seines Vorlebens in einem Momente, wo durch eine krankhafte Affektion seines Leibes das körperliche Band außergewöhnlich gelockert war, wenn auch unklar und nur schnell vorübergehend, wieder bewusst wurde. Dieses fragmentarische, unklare Hinüberranken seiner Erinnerungen aus einer Existenz in die andere, ist gleichsam das schwach glimmende Fünkchen, an welchem sich nach seiner Lösung von den Ketten des Erdenrockes die Flamme des, während seines Verweilens in demselben ihm entzogenen, historischen Bewusstseins im Menschengeiste rasch wieder entzündet, wie Du ja schon in Deinem irdischen Dasein wiederholt erfahren haben wirst, dass ein einziger unerwartet vernommener Name, ein einziges Wort in Deinem Geiste eine ganze Reihe von, ihm längst entschwundener Erinnerungen wieder wach rief und ihm lebhaft vergegenwärtigte.

Ich: Um die Beantwortung noch einer Frage möchte ich Dich bitten. Warum wurde der kürzlich verstorbene Russenkaiser Nikolaus der Superfromme von der erbarmenden Vorsicht nicht ein einziges Jahr früher von der Erde abberufen? Welche Fülle der Leiden, des Jammers wäre Millionen armer, beklagenswerter Menschen dadurch nicht erspart worden!

Der Greis: Diese Frage darf ich Dir nur teilweise beantworten. Wisse denn, dass Deine Auffassung des Gewichtes dieses Todesfalles ganz irrig ist. Wenn der verstorbene Nikolaus l. auch nicht ein, sondern zehn, ja zwanzig Jahre früher den Zarenthron mit dem Sarkophage vertauscht hätte, eurem Europa würde der schwere Kampf, den es jetzt ausfechten muss, dennoch nicht erspart worden sein. Denn Kaiser Nikolaus hat nur getan, was von jedem andern Beherrscher Russlands auch geschehen wäre, nur vielleicht etwas früher oder später. Der verhängnisvolle Entschluss, den jener Monarch fasste, war das naturwüchsige, und darum über kurz oder lang unvermeidliche, Ergebnis des Entwicklungsganges der gesamten europäischen Verhältnisse seit anderthalb Jahrhunderten. Die Russen, durch eine eigentümliche Verkettung von Glücksfällen auf eine schwindelnde Höhe erhoben, sind, wie alle Glückspilze, durch die anhaltende außerordentliche Gunst des Geschickes zu einem Stolze, zu einer Selbstüberschätzung aufgebläht worden, die sich endlich Alles erlauben zu dürfen wähnt. Es handelt sich hier durchaus nicht um die Absichten und Gelüste einer Person, sondern um die einer Gesamtheit. Die russische Raub- und Herrschergier ist nicht das Fieber eines Gehirns, sondern die krankhafte Überspannung einer großen Menge von Gehirne; eine allgemeine, keine singuläre Manie, das Produkt eines Systems, nicht einer Individualität, und auf sie darum auch das Witzwort jenes israelitischen Knaben anwendbar, der viel mit dem Studium des Talmuds geplagt wurde. Als ihm nun einst seine Schwester zurief: „Freue dich, Brüderchen! dein Rabbi ist gestorben!“ entgegnete jener: „was nützt es mir, wenn der Rabbi stirbt? Der Talmud muss sterben“.

In der bei ihm augenfälligeren Verkörperung der Tendenzen des brutalen, hochmütigen und raubgierigen Moskowitertumes, welches kein anderes Gesetz, kein anderes Recht kennt als das der rohen Stärke, beruhte nun die Bedeutung Nikolaus des Allerfrömmsten; nichts ist irriger, als die Meinung, dass er seinen Russen Antriebe gegeben, er hat sie vielmehr von ihnen empfangen. Jeder andere Zar, selbst der friedliebendste, wird darum, wenn er die Krone nicht verlieren will, auf dem von Nikolaus I. betretenen Pfade so lange fortwandeln müssen, bis die tonangebenden Klassen jenes Raubstaates durch die Wucht der schwersten Schicksalsschläge von der alten eingefleischten Raubgier, von dem eitlen Wahne gründlich kuriert worden, dass Russland, eines der jüngsten Glieder der europäischen Staatenfamilie, zur Herrschaft, über diese ausersehen, und zunächst dazu berufen sei, einen seiner schwächeren Nachbarn nach dem andern in seinen unergründlichen Schlund zu versenken, bis sie in der Schule der schneidendsten Schmerzen die Erkenntnis gewinnen, dass die gute Jungfer Europa denn doch noch nicht altersschwach genug ist, um solchen Frevel tollen Übermutes länger dulden zu müssen. Oder auch nur so lange, bis die jetzt noch stummen und passiven zahlreichsten Klassen der Bevölkerung des Zarenreiches, durch das Übermaß der äußeren und inneren Drangsale zur Verzweiflung getrieben, die Fahne des Aufruhrs gegen die seither regierenden erheben, um jenen ein rasches Ende zu bereiten. Denn selbst das geduldigste, an die sklavischste Unterwerfung gewöhnte Volk verwandelt sich leicht in ein reißendes Tier, wenn es nichts mehr zu verlieren hat ober zu haben glaubt. Schon mehr als einmal wurden vom frevelnden Übermute begonnene ungerechte Eroberungskriege die Mütter der folgenschwersten inneren Umwälzungen, und vielleicht eben so sehr darum, wie zur wohlverdienten eigenen Züchtigung, deren Urheber von der Vorsicht mit Blindheit geschlagen.
Dass die europäischen Mächte sich jetzt zu der berührten, unermessliche Opfer heischenden Lektion gedrungen sehen, ist andererseits auch nur eine naturwüchsige geschichtliche Notwendigkeit, ihre eigene Schuld, jener unseligen Verblendung giftige Frucht, welche dem schon seit einigen Menschenaltern immer bedrohlicher sich gestaltenden Anschwellen der russischen Macht gleichgültig zusah, — ich will Dich nur an Frankreichs und Englands schmachvolle Haltung zur Zeit der ersten Beraubung Polens erinnern —, es unterließ, den Übermut des kecken Emporkömmlings zu einer Zeit, wo das ohne große Anstrengung geschehen konnte, in die gebührenden Schranken zurückzuweisen, und mit kurzsichtiger Schadenfreude jubilierte, wenn es glückte, denselben gegen diesen oder jenen alten Rivalen zu benützen. Gar manche eurer Staatsmänner scheinen wirklich alles Ernstes gehofft zu haben, Gott werde für sie ein Wunder tun, die Folgen ihrer Unterlassungssünden gnädig abwenden. Das geschieht nie; gleich den Einzelnen müssen auch Nationen diese tragen, ganz allein durch eigene Kraft sie überwinden.

Ich: Da fürchte ich sehr, dass meinem deutschen Vaterlande in eben nicht allzu ferner Zukunft äußerst schmerzliche Erfahrungen bevorstehen dürften. Denn eine verhängnisvollere Unterlassungssünde, wie eben jetzt, ist meines Erachtens in Deutschland noch nie begangen worden, wie reich auch im Übrigen dessen Geschichte an solchen Sünden sein mag.

Der Greis: Wie so? Erkläre Dich deutlicher.

Ich: Nikolaus der Gusseiserne ist nämlich, wie mich bedünken will, mit seiner gegen das osmanische Reich versuchten Nachäffung des von der in Gott ruhenden Frau Großmama Katharina II. gegen Polen so glücklich vollführten Raubplanes nur durch einen einzigen, für ihn so verhängnisvollen und für Deutschland höchst glücklichen, Rechnungsfehler gescheitert, zu welchem lediglich persönliche Antipathien ihn verleiteten. Es möchte das wohl einer der sprechendsten Beweise sein, wie gefährlich persönliche Antipathien oder Sympathien in politischen Dingen werden können, wie gewaltig sie selbst den Blick sonst nicht eben dummer Staatslenker umnebeln. Von jenen irre geleitet, erkor sich der Hochselige zum Compagnon bei dem Diebsgeschäft, mit welchem er, und zwar ganz in demselben gleißenden, von der christlichen Liebe zu den teuren Glaubensgenossen geborgten Gewände, welches seiner Frau Großmutter in Polen so überaus ersprießliche Dienste geleistet, gegen die Türkei seit vielen Jahren schwanger ging, den einzigen Staat, der hier ein ehrlicher Mann bleiben muss. Von jenen irre geleitet, übersah Zar Nikolaus völlig, dass England mit ihm die Monarchie der Osmanli unter keiner Bedingung teilen kann. Denn wie viel es bei dem Handel auch immer gewinnen möchte, sein großes Reich in Asien, dessen Grenzen die Russen ohnehin schon viel zu nahe gerückt sind, würde dabei doch noch immer mehr verlieren. Darum muss es ehrlich bleiben; das ist verdrießlich, aber es ist so, und deshalb ein nach meinem Dafürhalten gar sehr überschätztes Verdienst der britischen Staatsmänner, dass sie der Versuchung nicht erlagen. Von jenen betört hatte Nikolaus I. völlig vergessen, was er selbst ja schon vor einem Vierteljahrhundert erfahren, dass nämlich sotane Nötigung für Frankreich nicht vorhanden, dass dieses die einzige Macht ist, die ohne Aufopferung ihrer wichtigsten Interessen in der orientalischen Frage mit dem Knutenstaate Handels einig werden kann, weil dieser ihren Grenzen noch überall sehr ferne steht und beide Mächte leider! in der glücklichen Lage sind, die Erfüllung alter Lieblingswünsche sich gegenseitig zu gewähren, gleichsam mit einander auszutauschen. Ich zweifle nicht, dass der verstorbene Zar dies hinterdrein, aber zu spät eingesehen, und nichts schmerzlicher bereut hat, als den ungeheuren politischen Bock, den er, ein Monarch, der sich seit Jahren mit solchen Entwürfen trug, durch den Gebrauch des Wörtchens frère geschossen, Die Kluft, die dieser Bockschuss zwischen den beiden Reichen riss, ließ sich nicht mehr ausfüllen, ist von Großbritanniens Lenkern, die ja längst wussten, womit Nikolaus I. schwanger ging, mit ihrer alterprobten Umsicht und Gewandtheit benutzt worden.

Mit dem Studium der russischen Politik habe ich mich lange beschäftigt. Nach Vollendung meines Buches: „Frankreichs Einfluss auf, und Beziehungen zu Deutschland“ lag mir die Aufforderung, auch den seines andern und noch weit gefährlichem Nachbars auf dasselbe zu schildern, um so näher, da ich wahrgenommen, dass ein großer Teil der bei Abfassung des Ersteren benutzten Quellen auch für letzteres Thema reiche Ausbeute gewährte. Von der Veröffentlichung des Resultates meiner Forschungen hat mich bis jetzt vornehmlich abgehalten, und wird mich wohl auch noch eine Zeit lang die Erwägung abhalten, dass das Buch nicht allein von Deutschlands Freunden, sondern auch von seinen Feinden gelesen werden dürfte; ich bin daher von der Besorgnis nicht frei, letzteren damit gewissermaßen auf die rechten Sprünge zu helfen, und kann es eben deshalb erst dann der Öffentlichkeit übergeben, wenn vorliegende Tatsachen jedem Urteilsfähigen die Überzeugung aufdrängen, dass Germaniens Feinde von dem bislang, zu seinem großen Glück, verfolgten Holzweg zurück- und bereits von selbst auf die rechten Sprünge gekommen sind, daher auch Niemand mehr zu fürchten braucht, ihnen irgend wie darauf geholfen zu haben. Dass der Fall ganz bestimmt über kurz oder lang eintreten wird, diese Gewissheit schöpfe ich eben aus meiner genauen Kenntnis der russischen Politik und Diplomatie.

In den schleswig-holstein-lauenburgischen Provinzial-Berichten, Jahrg. 1834, S. 5, wird erzählt, ein renommierter Politiker des vorigen Jahrhunderts habe einst geäußert: der sei ein schlechter Staatsmann, der nicht jedes Jahr wenigstens eine Handlung begehe, um derentwillen er gehenkt zu werden verdiente, und die historische Gerechtigkeit fordert das Anerkenntnis, dass der Knutenstaat seit Ostermanns Tagen reich an guten Staatsmännern, nach dieser Definition, gewesen ist. Auch besaßen sie von jeher und besitzen noch eine Tugend, die ich ihren deutschen Kollegen wünschte; sie waren und sind frei von dem Unfehlbarkeitsglauben dieser, erkennen gar bald ihre Fehlgriffe und Schnitzer und wissen mit griechischer Schlauheit sie zu verbessern, ihnen abzuhelfen. Kein Zweifel mithin, sobald den Russen die Aussicht leuchtet, den fraglichen Bockschuss ihres hochseligen Nikolaus redressieren zu können, werden sie sich beeilen, den Kampf, in welchem sie jetzt verstrickt sind, wenn auch mit blauem Auge zu beenden, ganz plötzlich zahm und friedliebend werden, zum großen Erstaunen der Welt und zum allergrößten deutscher Diplomaten, die sich, wie gewöhnlich, beeilen werden, aus allen Enden schätzbares Material zu sammeln zur gründlichen Erörterung der Frage: wer von ihnen am meisten beigetragen, den größten Anspruch auf die Ehre hat, dem kaiserlich russischen Kabinett sotane plötzliche Friedensliebe eingeflößt zu haben? Dass sie aufrichtig, frei von schlimmen Hintergedanken sei, kann nur glauben, wer in der blinden Adoration knutenstaatlicher Prinzipien, knutenstaatlicher Einrichtungen sich ganz verlor, ohne alle Kenntnis der russischen Geschichte, der russischen Raubpolitik ist. Die große Zähigkeit des russischen Charakters findet nirgends einen prägnanteren Ausdruck als in dieser; den in gewissen Regionen grassierenden frommen Kinderglauben, dass Russland einen seit mehr als anderthalb Jahrhunderten verfolgten Lieblingsplan in Wahrheit dauernd aufgebe, weil es sich in der Wahl der Mittel zur Ausführung desselben wieder einmal, wie schon früher öfters, vergriffen, hoffe ich doch einigermaßen zu erschüttern. Gelingt es mir, so dürfte das wohl der größte Dienst sein, den ich meinem deutschen Vaterlande zu leisten je im Stande sein werde. Denn der faule Friede, der dem gegenwärtigen Kriege vermutlich folgen wird, dürfte für Deutschland zumal der allerfaulste von der Welt werden, und leider! durch seine eigene Schuld.

Die deutschen Interessen, von welchen so viel geschwatzt, über welche so viel deliberiert und geschrieben wurde, geboten vor Allem, — so meint nämlich mein beschränkter Untertanenverstand —, die umsichtigste Benutzung des gewaltigen Missgriffes, den Russland begangen, die kluge Ausbeutung des unverdienten, nur des Himmels gnädiger Fügung zu dankenden, Glücksfalles, dass Germaniens beide gefährliche Nachbarn in einen Kampf verstrickt wurden, in dem sie sich gegenseitig abschwächten. Genaue Kenntnis, richtige Würdigung des Geistes der russischen Politik würden zur Überzeugung geführt haben, dass namentlich Russlands Abschwächung möglichst gefördert, dass die Kluft zwischen demselben und dem gallischen Nachbar durch die Wucht der schmerzlichsten Schläge, die dieser jenem beibrachte, zu einer unausfüllbaren erweitert, dass zwischen den beiden Mächten die solide Scheidewand unvergesslicher Triumphe und unvergesslicher Erniedrigung aufgetürmt werden müsse, damit der Knutenstaat, wenn er später zur Erkenntnis seines, für Deutschland so überaus glücklichen Bockschusses käme, auf lange hinaus der Kraft, der Fähigkeit entbehrte, von sotaner Erkenntnis Nutzen zu ziehen. Statt dessen haben die frommen Wächter der deutschen Interessen mit deutscher Gemächlichkeit Deutschland gleichsam zur spanischen Wand zwischen seinen beiden lieben Nachbarn gemacht, und ganz besonders ihr Möglichstes getan, zu verhüten, dass das Fell der raubgierigen Moskowiter einer soliden abkühlenden Durchgerbung unterzogen werde, und voraussichtlich wird ihr frommer Sinn sich nicht eher zufrieden geben, bis es ihrer deutschen Gemütlichkeit richtig geglückt, den Knutenstaat aus der argen Patsche zu befreien, in welcher er jetzt glücklicher Weise steckt, damit demselben die Fähigkeit erhalten werde, zu Betätigung seines Dankes sie, diese gemächlichen Hüter der deutschen Interessen, in gewiss nicht allzu ferner Zukunft in eine noch weit ärgere Patsche zu bringen.

Die russische Sprache hat kein Wort für den Begriff: Ehre, ist aber reich an Bezeichnungen für die Begriffe: Lüge, List, Betrug, und die ganze russische Geschichte ein praktischer Kommentar dieses Überflusses und jenes Mangels. Es gibt gar keinen, wenn auch noch so hohen, noch so schändlichen Preis, welchen man für die endliche Erfüllung des ältesten Lieblingsplanes der Zare zu zahlen in Petersburg Anstand nehmen wird. Wenn nun die Russen, wie ich vermute, aus dem gegenwärtigen Kampfe mit der Überzeugung scheiden, dass sie nur Frankreichs Allianz, nach der sie schon viel früher strebten, als man gemeinhin glaubt, zu gewinnen brauchen, um der Türkei Polens Schicksal zu bereiten, werden sie nicht das mindeste Bedenken tragen, alle von der Natur und den Herren von Gerlach und Compagnie gewobenen Bande, der Verwandtschaft geheiligte Ankertaue, die geweihten dreidrähtigen Stricke siedend heißer Freundschaft und vollkommenster Harmonie gleichgestimmter Seelen, die gefeieten Reife und Fassdauben derselben edlen Begeisterung für das hehre Prinzip der Menschenknechtung als abgeschmackten Plunder über Bord zu werfen, gut genug, gemütliche fromme Wächter der deutschen Interessen zu narren und zu gängeln, so lange man sie braucht, aber von gar untergeordnetem Werte in den Augen vorurteilsloser Russen, die nicht, gleich ihren deutschen Lakaien, dem Axiome huldigen, das man vor Allem in der Wissenschaft, sondern dem, dass man vor Allem in der Politik objektiv sein müsse. Gegen der Moskowiter unaustilgliche Raubsucht durch papierne Garantiepunkte sich schützen wollen, kommt mir gerade so vor, als wenn man eine Schafherde durch einen fußhohen Weidenzaun vor dem Einbruch der Wölfe bewahren wollte Der russischen Raubgier gegenüber gibt es nur einen Garantiepunkt, der Fiduz verdient; Russland so abzuschwächen, dass es einen verzweifelten Entschluss fassen, d. h. ein ehrlicher Mann werden und bleiben muss. Alle übrigen Garantiepunkte, und wenn es ihrer zehn Dutzend und noch so scharf präzisierte wären, sind keinen Schuss Pulver wert. Alle mit dem Knutenstaate in früheren Tagen abgeschlossenen Traktate sind auch mit Garantien punktiert und farciert gewesen, und doch von ihm immer richtig gebrochen worden, sobald das seinem Vorteile gemäß war und er sich stark genug dazu fühlte.

Ich würde nicht besorgen, dass der umsichtige Neffe des Onkels gefährliche Bahn betreten, den russischen Lockungen so bald erliegen würde, wenn nicht Deutschland leider! sein Möglichstes getan, um ihn diesen recht zugänglich zu machen, den Boden zu düngen für die moskowitische Drachensaat. Germaniens Haltung in dem gegenwärtigen Weltkampfe ist weder Fisch noch Fleisch, kann nur erbittern, am verhängnisvollsten aber dadurch werden, dass sie die ungeschwächte Fortdauer der alten deutschen Erbübel in ihrer ganzen Blöße wie dem In- so auch dem Auslande darlegt. Dass Napoleon III. mit einem gegen Deutschland, und ganz besonders gegen Preußen (dessen Abschwächung ein großes Unglück für das gesamte deutsche Vaterland, das furchtbarste aber für das protestantische sein würde; möge das nie vergessen werden!) giftig wuchernden Stachel im Herzen aus dem jetzigen Kriege scheiden wird, ist so sicher, als dass er die „natürlichen Grenzen“ eben so wenig vergessen hat, wie Russland, trotz aller Galerien von Punkte, je aufhören wird, eine seinen Wünschen entsprechende definitive Lösung der orientalischen Frage zu erstreben. Erwägt man nun noch den mächtigen Einfluss des verführerischen Bewusstseins überlegener Waffenmacht einem Lande gegenüber, dessen Krieger seit vierzig Jahren jeder Übung in einem Metier entbehrten, welches eine lebendige praktische Kunst ist, die man weder auf dem Exerzier- und dem Paradeplatz lernt noch in „der Puritaner dumpfen Predigtstuben“, so wird man sich der bangen Ahnung nicht erwehren können, dass nach dem Abschlusse des uns drohenden faulen Friedens Deutschland, und zumal Preußen, einem zweiten 1806 viel näher stehen dürfte, als die teutonischen Neutralitätsschwärmer sich träumen lassen. Wenn das arme Germanien wieder, wie in früheren Tagen öfters, das Schlachtfeld geworden, auf welchem eine große europäische Frage, die weder auskonferenzt, noch auskongresst, die nur ausgefochten werden kann, ihre definitive Lösung findet; wenn die Anhänger und Wortführer der ganz strikten, der halb strikten, der Drittels strikten und der Viertels strikten Neutralität an ihrer eigenen, liebwerten Haut die Früchte ihrer Weisheit zu kosten bekommen, dann erst, fürchte ich sehr, wird ihnen eine ganze, aber auch ganz unnütze Gasbeleuchtung aufgehen über die eigentliche Essenz der Politik des heiligen Russlands. Darum, mahnt mein beschränkter Untertanenverstand, videant consules, so lange es noch Zeit ist, damit nicht
Mein Töchterchen schreit; ich erwache.
Frankfurt a. M. den 19. Februar 1856.
Samuel Sugenheim.

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Zar Feodor Alexejewitsch

Zar Feodor Alexejewitsch

Zar Peter der Grosse

Zar Peter der Grosse

Abchasen - kaukasisches Bergvolk

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Alexander I. Kaiser von Russland

Alexander I. Kaiser von Russland

Alexander I. Zar von Russland

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Anatolische Türken

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Armenisches Büffelgespann

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Baku

Baku

Tarantaß - Russlands Postkutsche

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Garde Tscherkesse

Garde Tscherkesse

Gasthaus im Kaukasus

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Grusiner

Grusiner

Hamal - armenischer Lastträger

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Kaukasier mit Frau

Kaukasier mit Frau

Kaukasische Garden

Kaukasische Garden

Kaukasische Kinder

Kaukasische Kinder

Kosaken und Tscherkessen

Kosaken und Tscherkessen

Kuban Kosaken

Kuban Kosaken

Mingerelier

Mingerelier

Mingerelierin

Mingerelierin

Nowgorod in der Mitte des 17. Jahrhunderts

Nowgorod in der Mitte des 17. Jahrhunderts

Ossete

Ossete

Schamyl

Schamyl

Tiflis

Tiflis

Tiflis und Umgebung

Tiflis und Umgebung

Tscherkesse

Tscherkesse

Tschetschenze

Tschetschenze

Das heutige Russland

Das heutige Russland

Die slavischen Gesandten vor Rurik, dem Gründer des Russischen Reiches

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Russisches Sittenbild

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Im Park von Peterhof

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Kronstadt

Kronstadt

Die Nikolaus-Brücke

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Pferdeschlitten

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Das Denkmal Peter des Großen

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Die Börse

Die Börse

Der Kaiserliche Winterpalst

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Russisches Kaiserpaar in historischen Kostümen

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Volksleben in Petersburg

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Russischer Geistlicher

Russischer Geistlicher

Russische Parlamentaria beim Verlassen der Duma

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Reiterstandbild Peter I.

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Im Schneesturm

Im Schneesturm

Kosaken

Kosaken

Mutterliebe

Mutterliebe

Ganz privat - Teestunde am Samowar

Ganz privat - Teestunde am Samowar

Iwan der Schreckliche

Iwan der Schreckliche

Russicher Bauer in Wintertracht

Russicher Bauer in Wintertracht

Russisches Bauernmädchen

Russisches Bauernmädchen

Eine Großrussin

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Russischer Dorfmusikant

Russischer Dorfmusikant

Auf dem Vieh- und Fleischmarkt in St. Petersburg

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Kreml zu Moskau

Kreml zu Moskau

An der Neva mit Blick auf den Winter-Palast

An der Neva mit Blick auf den Winter-Palast

Eine Troika

Eine Troika

Brennholztransport auf dem Ladoga-See. Im Hintergrund die Festung Schlüsselburg.

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Drohsky-Fahrer bei der Teepause

Drohsky-Fahrer bei der Teepause

Auf dem Weg zur Hinrichtung

Auf dem Weg zur Hinrichtung

Personentransport im Winter

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Bauernhochzeit

Bauernhochzeit

Dostojewski, Fjodor Michailowitsch 1821-1881

Dostojewski, Fjodor Michailowitsch 1821-1881

Turgenew, Iwan Sergejewitsch 1818-1883

Turgenew, Iwan Sergejewitsch 1818-1883