Rostock ist keine Germanische Stadt

Aus: Beiträge zur Geschichte des alten, Wendischen Rostocks
Autor: Mahn, J. F. A. (?-?), Erscheinungsjahr: 1854
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg, Rostock, Stadtgeschichte, Wenden, Stadtgründung, Historische Quellen
Öfter hat man die Frage aufgeworfen, ob das ursprüngliche Rostock, wäre auch die Zeit seiner Gründung nicht mit Sicherheit zu bestimmen, doch nicht schon eine Germanische Stadt gewesen sei. Man beruft sich dabei auf Claudius Ptolemaeus, der eine Stadt Laciburgium bei den Pharodinen (Varinern) an die Mündung des Suebus (Warnow) setze, also ungefähr in die Gegend, wo hernach Rostock gelegen. Abgesehen davon, dass Ptolemaeus ein minder zuverlässiger Autor ist, der oft Städte- und Völkernamen, die sonst von keinem andern Schriftsteller gekannt werden, dahin setzt, wo noch ein leerer Raum in einem Lande übrig war, nur um jenen eine Stelle anzuweisen oder diesen auszufüllen, lässt sich obige Frage, wie ich glaube, leicht entscheiden, nimmt man auf die Wohnungen und die Bauart der alten Germanen etwas genauere Rücksicht.

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Zwei Schriftsteller der Alten, von denen der eine fast zu gleicher Zeit mit Ptolemaeus lebte, erteilen uns darüber Auskunft, Caesar und Tacitus. Zwar nennt Caesar oppid bei den Ubiern; allein unter oppida können nicht solche Städte, wie sie Griechen und Römer besaßen, vielmehr nur solche Wohnplätze verstanden werden, die von Natur einige Sicherheit gewähren, und in denen man also gegen einen überraschenden Überfall geschützt war; damals aber waren gerade die Ubier von den zahlreicheren und mächtigeren Sueven angegriffen worden.
An vielen anderen Stellen führt Caesar im Gegenteil an, dass die Germanen nur aedificia und vici bewohnt hätten; vici sind nichts Anderes, als mehrere in einiger Entfernung von einander gebaute aedificia, die durch Flüsse und Wälder, mithin durch ihre Lage geschützt wurden. Dies bestätigt Tacitus Germ. C. 16. Solche durch die Natur befestigten und gesicherten Orte nannte unsere Vorfahren auch Burgen, wie Paulus Orosius und Isodorus Hospal. dartun. Eine solche Burg war es unstreitig, in welcher Armin den Segestes belagerte, und eine Bewandnis hat es ohne allen Zweifel mit Mattium, dem Hauptorte der Catten; denn aus Tacitus Erzählung geht deutlich hervor, dass Mattium durch Flüsse geschützt war, und das heutige Dorf Maden, welches man fast allgemein für das alte Mattium hält, liegt, wie ich selbst gesehen, gleichsam auf einer Landzuge, die durch die Flüsse Fulda und Eder (Adrana) gebildet wird.

Tacitus, der zuverlässigste und bewährteste Schriftsteller über die früheren Germanen, spricht viel deutlicher und genauer, als Caesar, von der Wohnart dieses Volkes. Nach ihm gab es in Germanien weder Städte, noch zusammengebaute Häuser; einzeln standen die Wohnungen da, jedes Haus von dem andern mehr oder weniger entfernt - und das Vorbild, wie unsere Vorfahren sich anbauten, finden wir noch heut zu Tage in Westfalen und besonders im Schaumburgischen erhalten. Wo es gefiel, baute man, am frischen Quell, im stillen Hain, am Ufer der Flüsse. Rohe Baumstämme, verbunden durch farbigen Lehm, gaben den Stoff; nicht Mauerwerk und Ziegeln; das Dach von Stroh oder Gesträuch.

Diese Zeugnisse bewährter Scriptoren widerlegen hinlänglich die Meinung und Angabe des Ptolemaeus, und ich trage kein Bedenken zu behaupten: Rostock verdankt seine Gründung Germanischen Bewohnern nicht.

Dagegen ist es nicht allein möglich, sondern sogar wahrscheinlich, dass die Germanen auch hier an der Warnow einige aedificia erbaut haben mögen; allein wer will daraus ableiten, dass eine Stadt, die hier in späteren Zeiten entstand, in jenen ihren Ursprung gehabt habe! Wollte man so unhistorisch verfahren, dann könnte man ja auch jedes Dorf und jede Stadt in Deutschland auf einen solchen Ursprung, folglich in die entferntesten Zeiten zurückführen, da in ganz Germanien solche aedificia zerstreut lagen, und mit demselben Rechte behaupten, Rostocks Hütten wären schon Jahrhunderte vor Christus erbaut, indem Germanen schon Jahrhunderte vor Christus in unseren Gegenden gewohnt haben. Dergleichen Aufstellungen sind aber eines Historikers gänzlich unwürdig.
Rostock vom Carlshof um 1830.

Rostock vom Carlshof um 1830.

Rostock Altstadt

Rostock Altstadt

Rostock Altstadt vom Steintor.

Rostock Altstadt vom Steintor.

Rostock Blücherplatz 1844

Rostock Blücherplatz 1844

Rostock Hopfenmarkt.

Rostock Hopfenmarkt.

Rostock - Neuer Markt um 1820.

Rostock - Neuer Markt um 1820.

Rostock vom Steintor 1841.

Rostock vom Steintor 1841.