Rostock. Blücherplatz. Universität. Kirchen. Geschichte

Aus: Das deutsche Vaterland in Reisebildern und Skizzen für das Jünglingsalter und die Gebildeteren aller Stände
Autor: Heinzelmann, Friedrich (?-?) Herausgeber und Reiseschriftsteller, Erscheinungsjahr: 1858
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Hansestadt Rostock, Hafen, Schiffswerft, Schiffbau, Handel, Schifffahrt, Bauwerke, Kirchen, Bevölkerung
Hinter dem Hafen öffnen sich altertümliche Tore, deren Zahl überhaupt die Sieben ist, bedeutsam als Wahrzeichen der Stadt, wie die alten Verse besagen:

Säven Dährm (Turm) sünt to Marien Karke (Kirche)
Säven Straoten von dem grote Marke,
Säven Döhre (Toren), so da gahn to Lande,
Säven Koopmanns-Brüggen bi dem Strande,
Säven Thörme, so up dem Rathus stahn,
Säven Klocken, so da däglich schlahn,
Säven Linden up dem Rosen-Gahrden,
Dat sien der Rostocker Kennewahrden.

Jetzt zählt man vier Land- und zwölf Strand-Tore. Unter den sieben berühmten Linden (unweit der Eisenbahn) ließ sich Erich VIII. im Jahre 1303 huldigen. Sieben Türmchen stehen auf dem hochgegiebelten, unten mit Schwibbogen versehenen Rathause; sie werden indes sehr verdeckt durch die vorspringende dreistöckige (wahrscheinlich jüngere) Fassade des Gebäudes. Es nimmt den größten Teil auf der Ostseite des Marktes ein. Von dort laufen sieben Straßen aus.

Man findet noch viele altertümliche Häuser, die mit den Giebeln bis zu sieben Stockwerken emporsteigen. Das Dunkel ihrer tiefen Hausfluren weiß man durch artigen Ausputz zu erheitern; auch hat man in der Mitte wohl Glastüren angebracht, so dass der Eintretende sich in einem kleinen Salon sieht, der mit Spiegeln, Sofas, Uhren, Gipsfiguren etc. geschmückt ist und an heißen Sommertagen einen eben so kühlen, als angenehmen Aufenthalt gewährt. Von außen hat Alles ein höchst nettes freundliches Ansehen, und in dieser Hinsicht zeichnet sich das Innere der Stadt vorteilhaft vor anderen Schwestern an der Ostsee, namentlich vor Lübeck aus, womit sie im Übrigen viel Ähnlichkeit hat. Die Altstadt ist der unregelmäßigste, die Neustadt der größte, die Mittelstadt der hübscheste Stadtteil. Einige alte Häuser sind so reich und schön verziert, wie man ihres Gleichen kaum irgendwo anders antrifft. So die zwei durchbrochenen Häuser „am Schilde“. Merkwürdig ist ferner das Zepplin’sche Haus nicht weit vom Blücherplatz. Unter dem von Schadow gearbeiteten Bronzebilde des Helden, welcher hier am 16. Dezember 1742 geboren wurde, liest man Goethes Inschrift: „In Harren und Krieg — In Sturz und Sieg — Bewusst und groß: — So riss er uns — Vom Feinde los“. Er hält in der Rechten den Marschallstab und fasst in vorwärts schreitender Stellung mit der Linken an den Griff des Schwertes. Die neun Fuß hohe Statue steht auf einer gleich hohen Grundlage von poliertem Granit, an den Seiten mit Metallplatten umkleidet, auf deren einer die obige Inschrift, von Buschwerk und Bäumen umgeben. Am Blücherplatze befindet sich das großherzogliche Schloss (240 Fuß lang) mit der geschmackvollen Hauptwache, das Kloster zum heiligen Kreuz, wo man einen Spahn des Christuskreuzes, vom Papst an die dänische Königin Margaretha geschenkt, vorzeigt, dann das weiße Kollegium oder die Universität, 1419 gestiftet. Sie wird von etwa 100 Studenten besucht, und zählt 24 ordentliche Professoren; der berühmte Orientalist Tychsen († 1815) lehrte daselbst und in Bützow, wo die Fürsten eine Zeit lang (1760 bis 1788) für die von ihnen gewählten Professoren eine eigene Universität errichtet hatten, während Rostock sich seine vom Rat gewählten Professoren hielt. Die Universitäts-Bibliothek, 90.000 Bände enthaltend, ist reich an kostbaren Seltenheiten.

Unter den mit Kupfer gedeckten Kirchen merken wir die Marienkirche, in Kreuzesform 1398 erbaut und die größte des Landes, mit dem Grabmal des berühmten, als Theologe, Jurist und Staatsmann ausgezeichneten Gelehrten Hugo Grotius, welcher hier auf einer Reise erkrankte und starb (1645); die Orgel, eine der besten in Norddeutschland, schätzt man auf 20.000 Thaler an Wert. Die Jacobikirche besitzt drei vorzügliche Altarbilder, von Rode (die Auferstehung, Christus vor Pilatus und das heilige Abendmahl), die Nicolaikirche ein altertürmliches Altarblatt und einen 319 Fuß hohen Turm, die alte Petrikirche einen der höchsten Türme in Deutschland von 420 Fuß Höhe. Um letztere beiden Kirchen krümmt sich die originelle Altstadt mit ihrer dicken Atmosphäre, oft im Spätherbst eine Brutstätte des Typhus und der Cholera, von welcher die Stadt, wie alle Orte, wo süßes und salziges Wasser sich mischt, immer viel gelitten haben.

Rostock wird schon 1161 als Wendenstadt erwähnt, die der Dänenkönig Waldemar I. eroberte und mit ihrem weit und breit verehrten Götzenbilde verbrannte; 1170 wurde sie von dem christlichen Obotritenfürsten Pribislav II. aufs neue begründet und durch Deutsche bevölkert; 1323 kam sie an Mecklenburg. Sie blühte lange Zeit als zweite Stadt der Hansa und hatte von jeher viele Streitigkeiten mit den Landesherrn zur Behauptung ihrer sehr ausgedehnten Rechte und Freiheiten. Die innere Verfassung ist fast ganz republikanisch; dazu kommt das Recht der Münze und das Stapelrecht für die Ausfuhr zur See, selbst eine eigene Flagge. Die Schifffahrt betrifft vorzüglich die sehr bedeutende Ausfuhr von Getreide und die Einfuhr von Kolonialwaren für das Binnenland; auch der Markt für Vieh, namentlich Pferde, bringt Leben in den Platz. Der größte Handelsverkehr findet statt zu Antoni, Johannis und um Pfingsten, wo die Messe vierzehn Tage dauert. Die Rostocker gelten für solide, brav und lebenslustig. Der Hang zu materiellen Genüssen ist um so natürlicher, da man die meisten Bedürfnisse, als Wein, Tabak, Fleisch und besonders überseeische Kolonialwaren, hier gut und billig haben kann. Die Vergnügungssucht der Bevölkerung, verbunden mit Derbheit und Gutmütigkeit, war wohl geeignet einen bald launigen, bald beißenden Satiriker zu erzeugen wie Lauremberg, der als Professor zu Soroe (1659) starb. Seine „veer olde berömede Schertzgedichte“ erschienen hochdeutsch unter dem Titel: Vier Scherzgedichte zu lustiger Zeitvertreibung gehochdeutscht von der Dichtkunst Liebhaberer (Dedekind).
Rostock zur Zeit der Hanse, Holzschnitt

Rostock zur Zeit der Hanse, Holzschnitt

Rostock - Giebelhäuser bei der Nicolaikirche

Rostock - Giebelhäuser bei der Nicolaikirche

Hansestadt Rostock, Große Wasserstraße mit Kerkhoffhaus (1470) Sommer 1968

Hansestadt Rostock, Große Wasserstraße mit Kerkhoffhaus (1470) Sommer 1968

Hansestadt Rostock, Neuer Markt (zum Zeitpunkt der Aufnahme: Erst-Thälmann-Platz) 1967

Hansestadt Rostock, Neuer Markt (zum Zeitpunkt der Aufnahme: Erst-Thälmann-Platz) 1967

Rostock - Markt, Marienkirche und Blutstraße

Rostock - Markt, Marienkirche und Blutstraße

Rostock, Neuer Markt mit Ladenzeile 1967

Rostock, Neuer Markt mit Ladenzeile 1967

Hansestadt Rostock, Giebelhäuser und Marienkirche

Hansestadt Rostock, Giebelhäuser und Marienkirche

Hansestadt Rostock, Unterwarnow, Pionierschiff mit Blick auf Petrikirche, 1962

Hansestadt Rostock, Unterwarnow, Pionierschiff mit Blick auf Petrikirche, 1962

Hansestadt Rostock, Stadthafen mit Großsegler, 1968

Hansestadt Rostock, Stadthafen mit Großsegler, 1968

Hansestadt Rostock - Stadtansicht

Hansestadt Rostock - Stadtansicht

Rostock, Stadthafen, 1968

Rostock, Stadthafen, 1968

Rostock vor dem Steintor

Rostock vor dem Steintor