Rostock 1807 - Von der Aufklärung in Rostock, und dem sittlichen Charakter der Einwohner - (12)

Aus: Bemerkungen aus dem Gebiete der Heilkunde und Anthropologie in Rostock. Bd 1. Medizinische und anthropologische Bemerkungen über Rostock und seine Bewohner
Autor: Nolde, Adolf Friedrich Dr. (1764-1813) Professor der Medizin, Erscheinungsjahr: 1807

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Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Hansestadt Rostock, Frauenzimmer, Schnürbrust, Spaziergänger, Gesundheit, physisches Wohlsein, Lebensordnung, Kindtaufe, Prediger, religiöser Aberglauben, Aufklärung, Kirchenluft, Gebräuche, Gewohnheiten, Wöchnerin, Erziehung, Kindererziehung
In Rücksicht mancher Gewohnheiten und Fehler in der Diätetik, die man übersah und für unschädlich hielt, weil man es nicht besser wusste, freue ich mich, dass ich sehr oft Gelegenheit gehabt habe, durch die Vorstellung ihrer nachteiligen Seite Eindruck zu machen, und meine Bemühungen durch Folgsamkeit und Besserung gekrönt zu sehen. Ich würde mich einer Parteilichkeit schuldig machen, wenn ich dieses hier nicht öffentlich rühmen wollte; da ich im Vorhergehenden schon so manches anführen musste, was vielen von meinen Lesern nicht angenehm sein konnte, worüber ich sie indessen noch in der Folge mehr beruhigen zu können glaube. Manche, die sonst nur selten ihre Wohnungen verließen, um sich eine heilsame Bewegung zu machen, sind fleißige Spaziergänger geworden; andere, denen ich unter gewissen Umständen das Tanzen untersagen musste, ließen sich diesen Zwang gern gefallen; manches Frauenzimmer legte noch vor der allgemeinen Verbannungs-Periode ihre Schnürbrust auf mein Anraten ab: und so fand ich in der Tat recht viele unter den hiesigen Einwohnern, die jede Verbesserung ihrer Lebensordnung mit Dank annahmen und befolgten. So sehr dieses Vertrauen zu mir mich zu dem aufrichtigsten Danke verpflichtet, eben so viele Freude wird es mir machen, wenn mein Rat ihnen zur Erhaltung ihrer Gesundheit und zur Beförderung ihres physischen Wohlseins nützlich gewesen ist.

Einen andern Beweis dafür geben die sonst gewöhnlichen Kindtaufschmäuse. Man lies sich ihre Einschränkung sehr gern gefallen; als man von den Ärzten erfuhr, dass sie so leicht gefährlich werden könnten, und sich dabei an die schon gemachte Erfahrung erinnerte. Mit gleicher Bereitwilligkeit nahmen sie den guten Rat an, ihre Kinder nicht gleich in den ersten Tagen taufen zu lassen, ungeachtet dies manchem Prediger nicht angenehm zu sein schien. Ihrem Gewissen will ich es überlassen, ob sie ganz uneigennützig handelten, wenn sie vielleicht zur Erneuerung eines Herzoglichen Befehls, die Kinder nicht länger, als acht Tage ungetauft liegen zu lassen, von ihrer Seite beitrugen.

Wie sehr die Vernunft über religiösen Aberglauben auch schon bei uns zu herrschen anfängt, wenn nur die Aufgeklärteren es auf sich nehmen, ihre Mitbürger mit den darauf sich beziehenden Verbesserungen bekannt zu machen, lehrt ferner die ziemlich allgemeine Abschaffung einer alten hergebrachten Sitte, nach welcher eine Kindbetterinn nicht eher aus dem Hause gehen durfte, als bis sie in der Kirche gewesen war. Wie nachteilig es sein musste, wenn eine solche Frau, die bis dahin noch gar nicht das Zimmer verlassen hatte, nun mit einmal sich der selten reinen und oft durch das Begraben der Toten in den Kirchen sehr verunreinigten Kirchenluft exponieren musste, bedarf keines Beweises. Genug, man ist auf Zureden der Ärzte ganz von diesem alten Gebrauch abgekommen; die Wöchnerin verlässt ihr Zimmer, genießt der freien Luft, wenn es ihr Arzt für gut hält, und geht zur Kirche, wenn es ihre Verhältnisse erlauben, ohne sich, wie ehedem, ein Gewissen daraus zu machen, wenn sie jene Vorschrift des Herkommens übertreten hatte. Dass man nach der Angabe und Empfehlung der Ärzte ebenfalls manche Gebräuche und Gewohnheiten, die sich auf die erste physische Erziehung der Kinder beziehen, verlassen hat, ergibt sich aus dem, was ich darüber im Vorgehenden gesagt habe.
Rostock - Giebelhäuser bei der Nicolaikirche

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Rostock - Markt, Marienkirche und Blutstraße

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Hansestadt Rostock - Stadtansicht

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Rostock - Kröpeliner Tor

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Rostock vor dem Steintor

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Rostock - Petrikirche mit Petritor

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