Rostock 1807 - Von der Aufklärung in Rostock, und dem sittlichen Charakter der Einwohner - (11)

Aus: Bemerkungen aus dem Gebiete der Heilkunde und Anthropologie in Rostock. Bd 1. Medizinische und anthropologische Bemerkungen über Rostock und seine Bewohner
Autor: Nolde, Adolf Friedrich Dr. (1764-1813) Professor der Medizin, Erscheinungsjahr: 1807

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Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Hansestadt Rostock, medizinische Aufklärung, Ärzte, Mediziner, Wundärzte, Eigenschaften, Fähigkeiten, Universität, medizinische Fakultät, Rostocker, Wiederherstellung der Universität in Rostock 1789, Quacksalber, Pfuscher, Gesundheit, Krankheit, Bildung, Aberglaube, Sitten, Vorschriften, Täuschung, Gewissen, Hausarzt
Ich komme also auf einen Hauptzweck dieses Kapitels, indem ich von der medizinischen Aufklärung bei uns reden will. Um sie richtig zu beurteilen, musste ich jene Bemerkungen über die Aufklärung im Allgemeinen voranschicken, auf welche sich das, was ich von der medizinischen insbesondere zu sagen habe, ganz genau bezieht. Die Ärzte selbst können für diese am meisten tun; und so gewiss es ist, dass sie es bisher getan haben, so sehr darf auch ich, als ein Teil derselben, mich dessen freuen, was ich in dieser Beziehung ausgerichtet zu haben glaube. Zu leugnen ist es wohl nicht, dass durch diese gemeinschaftlichen Bemühungen Rostocks Einwohner jetzt schon weit richtiger und aufgeklärter über medizinische Gegenstände, so weit sie dieselben als Laien beurteilen können, denken, als es vor etwa zehn Jahren der Fall war. Man sieht aber hier auch, wie sehr unrecht man den hiesigen Einwohnern tun würde, wenn man sie aller Kultur und Besserung unfähig halten wollte. Vielmehr bin ich vollkommen davon überzeugt, dass es ihnen ganz und gar nicht an den zu einer wahren Aufklärung erforderlichen Eigenschaften und Fähigkeiten fehlt; und ich schmeichle mir daher mit der angenehmen Hoffnung, dass sie hierin sehr schnelle Fortschritte machen werden, wenn ihnen die Gelegenheit dazu nur von allen denen, die das Recht und eine glückliche Veranlassung haben, auf ihre Mitbürger zu wirken, auch wirklich gegeben wird, und man nur immer mit Offenheit und Aufrichtigkeit dabei zu Werke zu gehen sucht. Wie sehr dieses zu wünschen ist, erfährt schon der Arzt nicht selten bei seinen Bemühungen um medizinische Aufklärung; wenn er sieht, dass Männer, die, vermöge ihres ehrwürdigen Standes und ihrer Kenntnisse, auch von ihrer Seite gemeinschaftlich mit den Ärzten wirken könnten, ihnen vielmehr entgegen streben, und Vorurteile, die man kaum getilgt hatte, wieder aufs neue beleben, und durch ihr Ansehen geltend zu machen suchen. Wir können uns aus diesem Grunde insbesondere, und weil überhaupt Aufklärung sich nicht mit einmal erzwingen lässt, auch nicht rühmen, dass wir die höchste Stufe derselben erreicht haben: allein wir sind denn doch auf dem Wege dazu; und wenn die jetzt hier lebenden würdigen Ärzte gemeinschaftlich mit mir das gute Werk auch nicht vollenden, so werden hoffentlich andere in unsere Fußstapfen treten, um da mit ihren Bemühungen fortzufahren, wo wir stehen geblieben sind. Was noch in dieser Hinsicht zu wünschen übrig ist, will ich gegenwärtig nach meinen Einsichten aufrichtig und unparteiisch erzählen.

Die Art der Würdigung eines Arztes scheint mir zuvörderst an einem Ort oder in einem Land den Grad der medizinischen Aufklärung unter den Nichtärzten ziemlich bestimmt anzugeben, und dafür sehr wichtig zu sein. Es haben sich aber die hiesigen Einwohner in diesem Stück gar sehr geändert. Als ich nach Rostock kam, vertraten gewöhnliche Wundärzte zum Teil in den angesehensten Häusern die Stelle eines ordentlichen Arztes. Dies mochte wohl einigermaßen durch die geringe Zahl der damals hier lebenden wirklichen Ärzte veranlasst werden; allein ich wette, dass manche Familie, die ehedem ihren Wundarzt für den geschicktesten Mann auch in der Qualität eines Arztes hielt, jetzt unter gleichen Umständen lieber einen auswärtigen Arzt konsultieren, als sich mit einem Wundarzt begnügen würde. Man denkt also jetzt gewiss weit richtiger über die Verhältnisse des Arztes, als ehedem. Die Wiederherstellung der Universität im Jahre 1789 vermehrte die Zahl der hiesigen Ärzte durch die Mitglieder der medizinischen Fakultät, und andere geschickte Ärzte haben sich seit der Zeit hier niedergelassen. Damals fanden wir noch so viele Vorurteile und so viel negative medizinische Aufklärung, dass man sich in der Tat gar sehr wundern muss, wenn man die gegenwärtige Zeit mit jener Periode vergleicht. Die Neigung zu Quacksalbern und Pfuschern hat sich seit der Zeit außerordentlich vermindert; selbst die geringere Klasse der hiesigen Einwohner will schon sehr häufig lieber einen ordentlichen Arzt haben, auf den sie sich in vorkommenden Fällen verlassen kann, als eigenmächtige Kuren übernehmen, oder sich den Händen eines Unwissenden anvertrauen. Dass die Ärzte durch eine billige Behandlung dieser Menschen zur Erweckung und Ausführung eines solchen Entschlusses beigetragen haben, leidet wohl keinen Zweifel. Eben so schien man sich ehedem kein Gewissen daraus zu machen, wenn man neben einem Hausarzt noch heimlich einen anderen Arzt oder angepriesene Mittel brauchte; seitdem man aber von den Ärzten weiß, dass dieses Benehmen nicht nur sehr unschicklich ist, sondern dem Kranken noch überdem auch leicht gefährlich werden kann, ist man davon beinahe ganz zurückgekommen, und zieht in zweifelhaften Fällen lieber einen zweiten Arzt öffentlich hinzu, als dass man so falsch und hinterlistig handeln sollte. Hier haben also offenbar wieder die Ärzte über einen Fehler der Unwissenheit und des Vorurteils gesiegt, dessen Quelle man sehr leicht in der hiesigen politischen Verfassung finden kann. Man befolgt in der Regel die Vorschriften der Ärzte weit besser, und diese haben nicht mehr so, wie ehedem, Ursache, auf ihrer Hut zu sein, und Täuschungen zu befürchten, wenn sie sich einmal genötigt sehen, ungewohnte Vorschriften und Verordnungen zu machen, zu deren Befolgung man sich sonst, wie zu jeder anderen Neuerung, kaum entschließen wollte, da man jetzt entweder gar keine Schwierigkeiten macht, oder sich durch die Gründe der Ärzte leicht überzeugen lässt. Und so hat man auch allmählich angefangen, den Arzt für seinen Fleiß und Eifer freigebiger zu belohnen, als es sonst der Fall war; und sehr oft hat dieser Gelegenheit, in den Äußerungen seiner Kranken, in ihrer Versicherung der Anerkennung seiner Verdienste um sie, und in dem Dank und, Vertrauen dokumentierenden Benehmen gegen ihren Arzt, die Aufmunterung zu finden, die ihm zur Erfüllung seines so wichtigen als beschwerlichen Berufs Mut und Kräfte geben kann. Bei einer solchen Denkungsart entschließt man sich jetzt auch nicht mehr so leicht zur Veränderung eines einmal gewählten Arztes, wie es vordem wohl geschah, und fängt überhaupt immer allgemeiner an, sich so gegen seinen Arzt zu benehmen, dass er damit zufrieden sein kann. Freilich sind noch nicht alle hiesige Einwohner so weit in ihrer Aufklärung gekommen, dass sie ihren Arzt und alles, was ihr Verhältnis zu ihm betrifft, immer richtig beurteilen, und dieser Beurteilung gemäß ihr Benehmen gegen ihn bestimmen; aber das kann man auch nicht verlangen, dass alle gleich aufgeklärt und unterrichtet sein sollen, und dass alles mit einmal reformiert sein soll. Es hat sich schon, zur allgemeinen Freude der wahren Ärzte, hierin gar sehr geändert, und so, dass jene Unvollkommenheiten mehr als eine Ausnahme angesehen werden können, da sie ehedem gewissermaßen die Regel anzeigten, nach welcher man sich gegen den Arzt benahm. Fahren die hiesigen Einwohner nur auf dem einmal betretenen Wege fort, sich selbst zu vervollkommnen und den gut gemeinten Rat ihrer Ärzte zu befolgen: so wird eine medizinische Aufklärung auch gewiss immer allgemeiner werden, und der Arzt kann die kleinen Mängel, die er dann hier wie überall noch findet, gern übersehen und mit Geduld ertragen.

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Rostock - Giebelhäuser bei der Nicolaikirche

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Rostock - Markt, Marienkirche und Blutstraße

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Hansestadt Rostock - Stadtansicht

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Hansestadt Rostock, Große Wasserstraße mit Kerkhoffhaus (1470) Sommer 1968

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Rostock, Lange Straße, Marienkirche in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts

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Rostock, Universität

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Vogel, Gottlieb Samuel Dr. med. (1750-1837) Professor der Medizin in Rostock, Badearzt in Doberan-Heiligendamm, gilt als Vater des deutschen Seebades

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