Rostock 1807 - Von der Aufklärung in Rostock, und dem sittlichen Charakter der Einwohner - (04)

Aus: Bemerkungen aus dem Gebiete der Heilkunde und Anthropologie in Rostock. Bd 1. Medizinische und anthropologische Bemerkungen über Rostock und seine Bewohner
Autor: Nolde, Adolf Friedrich Dr. (1764-1813) Professor der Medizin, Erscheinungsjahr: 1807

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Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Hansestadt Rostock, Tanzmeister, Tanz, Tänze, Grazie, Fandango, Unterricht, Walzer, Anstand, Anmut, Gefühle, Kunst, Harmonie, Kontrast, klopfender Busen, feuriger Blick, gefällige Bewegung, Manieren, Musen, Liebhabertheater, Schauspieler, Thalia, Deklamation, Schauspielkunst, Bühne, Kritik, Vergnügen
Man tanzt bei uns nicht nur sehr gern, und weiß daher mehrere Tanzmeister zu beschäftigen; sondern viele unserer jungen Schönen exzellieren auch hierin. Gewiss würden noch mehrere ihnen den Rang streitig machen, wenn die modischen Tänze nicht zu oft abwechselten, und die Lehrer einen gründlichem Unterricht geben könnten. Die reizenden Spanierinnen möchten wohl ihren Fandango nicht mit einer so hinreißenden Grazie tanzen, wenn sie alle Jahre einen andern Tanz einführen wollten; und eben so gewiss würden unsere Damen die Menuet mit Kunst und Geschmack tanzen, wenn sie Zeit genug hätten, sich darin zu üben. Schreckt diese gleich als ein etwas ernsthafter Tanz die Jugend ab, die lieber in schnellen Bewegungen ihr Blut erhitzen und schwärmerische Gefühle genießen mag: so kann sie doch auf eine sehr anpassende Art zur Abwechslung dienen, und füglich die Stelle der noch weit einförmigen Walzer vertreten. Überdem ist sie geschickter, als irgend ein anderer Tanz, dem Körper Stärke und Festigkeit zu geben, und zugleich einen gefälligen Anstand, Anmut und Grazie über ihn zu verbreiten. Welche Schöne sollte nicht durch diese Vorzüge gefallen wollen, die zur Erhöhung ihrer natürlichen Reize so viel beitragen? Darf ich es aber wagen: so möchte ich wohl hinzusetzen, dass man diese durch eine so erlaubte Kunst erreichbare Anmut an vielen von den hiesigen Schönen noch zu sehr vermisst. Rasche Bewegung, Behendigkeit und Ordnung scheinen beinahe die einzigen Erfordernisse zu den rauschenden Tänzen zu sein: aber in einem Graziengewande fallen dem ruhigen Zuschauer eine undelikate Haltung des Körpers, Zuckungen und Verdrehungen anstatt der sanftem und gefälligem Bewegungen, ein wilder feuriger Blick, ein zerstreutes Haar, ein klopfender Busen, und Mangel an einer schönen Harmonie des Ganzen desto mehr in ihren täuschenden Kontrasten auf. Und wenn dies alles auch weniger widrige Eindrücke machen sollte: so wollen unsere Schönen doch auch außer dem Tanze gefallen. Aber dazu trägt eine schöne Harmonie in der Haltung und Bewegung ihres Körpers unstreitig so viel bei, dass sie dadurch gewiss weit mehr fesseln und bezaubern, als durch ein schönes Gesicht allein ohne Anstand und Grazie in ihren Manieren.

Unbekannt mit manchen anderen Geschenken der Musen, die unter günstigem Verhältnissen ihre Verehrer belohnen, wagt man es nicht, ihnen die Opfer zu bringen, wodurch man ihren Schutz verdienen könnte. Zwar hat man es seit einigen Jahren versucht, durch Errichtung eines Liebhabertheaters einen neuen Pfad der ästhetischen Kunst zu betreten; aber es blieb immer nur ein Versuch, wobei man auf den guten Willen am meisten Rücksicht zu nehmen hatte. Der Erfolg lehrte nur zu deutlich, dass diejenigen, die noch keine besseren Muster kannten, als die hier gewöhnlich debütierenden Schauspieler, weit von dem Ziele entfernt blieben, das sie selbst nicht einmal mit ihren Augen erreichen konnten. Eben aus dieser Ursache ist es auch kaum zu erwarten, dass sie, ohne eine bessere Anleitung, je den rechten Weg zu dem Tempel der Thalia finden werden. Der Kenner sah sich wenigstens bisher in seiner Erwartung nicht getäuscht, wenn er von der Erteilung des Beifalls in den gewöhnlichen Schauspielen auf die Ausführung der versprochenen Vorstellung einen Schluss machte. Mimik, Deklamation und alles, was einen guten Schauspieler charakterisiert, war vielen noch zu fremd, als dass der größte Teil diesen Erfordernissen ein Genüge hätte leisten können; und wahrscheinlich werden wir noch lange nicht Gelegenheit haben, gute Muster zu benutzen, oder uns dazu entschließen, die Schauspielkunst eines besonderen Studiums zu würdigen. Ich weiß es wohl, dass man nur zum Vergnügen die Bühne betritt, und sich einer strengen Kritik nicht unterwerfen will; aber dennoch scheint man mit seinem Spiel gefallen zu wollen, und empfahl gleich Anfangs die Beförderung einer gewissen Kultur des Geschmacks als einen Hauptzweck dieser Unternehmung. In den kleinen, hier seit einigen Jahren ebenfalls eingeführten Kinderkomödien, schien zwar mancher einiges Talent zu verraten; aber unter der gewöhnlichen Anleitung darf man sich auch keine angemessene Ausbildung versprechen.

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Rostock - Giebelhäuser bei der Nicolaikirche

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Hansestadt Rostock - Stadtansicht

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Rostock - Markt, Marienkirche und Blutstraße

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Hansestadt Rostock, Große Wasserstraße mit Kerkhoffhaus (1470) Sommer 1968

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Rostock - Kröpeliner Tor

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Rostock, Lange Straße, Marienkirche in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts

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Rostock vor dem Steintor

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