Rostock 1807 - Nahrungsmittel - Zubereitungsart, Essgewohnheiten

Aus: Bemerkungen aus dem Gebiete der Heilkunde und Anthropologie in Rostock. Bd 1. Medizinische und anthropologische Bemerkungen über Rostock und seine Bewohner
Autor: Nolde, Adolf Friedrich Dr. (1764-1813) Professor der Medizin, Erscheinungsjahr: 1807

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Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Hansestadt Rostock, Nahrungsmittel, Zubereitung, Essgewohnheit, Brot, Roggenbrot, Weizenbrot, Weißbrot, Pasteten, Hausmannskost, Kuchen, Fleischspeisen, Butterbrote, Käse, Leckermäuler
In manchen Familien scheint man zwar das Brot bei der Mahlzeit beinahe ganz entbehren zu können; aber in den meisten Häusern wird doch außerdem ziemlich viel Brot gegessen, und der gemeine Mann kann selbst bei seiner täglichen Kartoffelkost nicht ohne Brot, in Verbindung mit Butter, Schmalz und Käse, fertig werden. Dieser behilft sich mit einem groben Brot aus Roggen, das zwar etwas schwer verdaulich, aber doch dabei ziemlich nahrhaft ist, und in seinem äußeren Ansehen, nicht aber in den übrigen Eigenschaften, eine Ähnlichkeit mit dem westfälischen Pumpernickel hat. Selten ist das hiesige Brot gehörig ausgebacken, und dies gilt nicht allein von dem groben, sondern auch von dem besseren und feineren Roggenbrot, welches der Vornehme genießt, das aber sehr unkräftig ist. Manche Bäcker verbessern es durch einen Zusatz von Weizenmehl, wodurch es lockerer und weißer wird. Außerdem gibt es hier noch verschiedene Arten von Weißbrot, die aber verhältnismäßig nicht besser sind, als das vorn Roggen bereitete. Am häufigsten genießt man doch das letztere; Weißbrot hingegen wählt man nur zum Frühstück, oder in Gesellschaften. Von Kuchen weiß man bei uns nicht viel; die gewöhnlichen Sorten sind auch nur schlecht, die feineren werden nicht sehr gesucht, und unsere Kuchenbäcker und Konditor dürfen sich daher nur auf eine geringe Verschiedenheit einschränken. Die wenigsten Hausfrauen geben sich mit dem Kuchenbacken ab; dies kommt den Kuchenbäckern noch einigermaßen zu Statten, denn sonst würden sie kaum von dem hiesigen Absatz leben können. Das Mehl, sowohl vom Roggen als Weizen, ist hier im Allgemeinen nur mittelmäßig, und in Jahren, wo das Getreide nicht recht gut geraten ist, oft sehr schlecht. Man genießt indessen die eigentlichen Mehlspeisen bei uns nur selten; dagegen wählt man häufiger zur Vorkost die Graupen, den Hafer- und Buchweizengrütze, auch andere ausländische Grützsorten, den Reis, Sago u. s. w.

Aus diesem ganzen Verzeichnisse von tierischen und vegetabilischen Produkten, welche den hiesigen Einwohnern zu Nahrungsmitteln dienen, sieht man deutlich, dass wir uns in Absicht dieses Bedürfnisses sehr, einzuschränken wissen. Denn wenn wir auch einigermaßen zu einer solchen Einschränkung gezwungen werden: so könnten wir doch immer noch eine größere Mannigfaltigkeit und Abwechslung haben, wenn es uns darum zu tun wäre. Dass dies aber nicht der Fall ist, ergibt sich noch mehr aus der Zubereitungsart unserer Speisen. Diese ist gewiss so einfach und bleibt sich überwiegend so gleichförmig, dass man wohl wenig Orte finden wird, wo man in diesem Betracht genügsamer lebt, als bei uns. Man bereitet die Speisen nur gewöhnlich auf eine Art, und ist damit immer zufrieden. So z. B. kocht man die Fische fast immer mit Salz und Wasser ab, und gibt denn entweder Meerrettich und Butter, oder Butter mit Petersilie dazu. Die Maischollen übergießt man mit einer säuerlichen Brühe, und den Dorsch serviert man mit Senf und Butter. Nur in seltenen Fällen weicht man von dieser Ordnung ab. Farcierte Fische, Fischpasteten und ähnliche andere künstliche Zubereitungen, so wie sie besonders in katholischen Ländern häufig vorkommen, findet man hier kaum in den größten Gesellschaften. Auf eine ähnliche einfache Art kocht man überwiegend das Fleisch ganz unverändert, und setzt es mit irgend einem Gemüse auf den Tisch. Frikassees, Ragouts, Pasteten und ähnliche künstlichere Fleischspeisen liebt man eben so wenig, als die mannigfaltigen Veränderungen von Brühen, die man an andern Orten hat. Auch pflegt man bei uns mit den Gewürzen nicht verschwenderisch umzugehen, und begnügt sich in vielen Fällen mit starkem Bieressig, Salz, Pfeffer, Ingwer, Senf und Zimt. Gewürznelken, Muskat-Nüsse und Blumen werden nur selten gebraucht, noch seltener die erhitzende Vanille, und überhaupt schätzt man die feineren Gewürze nicht sehr. Eben so ist der größte Teil der Einwohner schon mit einer Suppe und einem Hauptgericht zufrieden, ja selbst bei den gesellschaftlichen Schmausereien trägt man, mit Ausnahme einiger selteneren Fälle; nur wenige Gerichte auf. Überhaupt liebt man in Rostock die Einfachheit der Speisen, und zieht eine derbe Hausmannskost allen erkünstelten Gerichten und einer großen Mannigfaltigkeit in der Regel weit vor. Aber wenn auch der Rostocker, so wie der Mecklenburger überhaupt, die schwersten Speisen recht gut verträgt und sogar oft ohne Nachteil zur Abendmahlzeit wählt: so haben sie doch auch oft ihre unverkennbar nachteiligen Folgen. Insbesondere verdient es die Aufmerksamkeit des Arztes, dass wir beinahe ununterbrochen die geräucherten Fleischspeisen mit den gesalzenen abwechseln lassen, die Gemüse sehr fett kochen, und zu große Liebhaber vom Butterbrot und Käse sind. Die wenigen Leckermäuler, die es hier gibt, zeichnen sich daher auch so sehr aus, dass man sich manche Satire über sie in Gesellschaften erlaubt.
Rostock - Giebelhäuser bei der Nicolaikirche

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Rostock - Markt, Marienkirche und Blutstraße

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Hansestadt Rostock - Stadtansicht

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Rostocker Umland mit Bauernhof, 1968

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Hansestadt Rostock, Giebelhäuser und Marienkirche

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Rostock, Lange Straße, Marienkirche in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts

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Mittagstisch auf dem Bauernhof

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Mittagspause bei der Feldarbeit

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