Rostock 1807 - Nahrungsmittel - Qualität und Menge der Speisen

Aus: Bemerkungen aus dem Gebiete der Heilkunde und Anthropologie in Rostock. Bd 1. Medizinische und anthropologische Bemerkungen über Rostock und seine Bewohner
Autor: Nolde, Adolf Friedrich Dr. (1764-1813) Professor der Medizin, Erscheinungsjahr: 1807

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Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Hansestadt Rostock, Nahrungsmittel, Ernährung, Speisen, Qualität und Quantität, Fleischspeisen, Fischspeisen, Kartoffeln, Gemüse, Schlachtungen
Nicht so genügsam ist man in Ansehung der Quantität des Genusses. Der Mecklenburger überhaupt, und so auch der Rostocker, kann überwiegend sehr gute Portionen zu sich nehmen. So wie aber der letztere dem Güstrower oder Schweriner in der feineren Zubereitung der Speisen nachsteht, so scheint er ihn an Appetit wieder zu übertreffen. Vielleicht trägt dazu die Nähe der See und die Luft das ihrige bei; aber auffallend ist es doch, zu sehen, wie große und gehäufte Schüsseln man hierauf den Tisch bringt, und mit welchem Appetite man zu essen pflegt. Man bleibt zwar in der Regel nicht sehr lange bei Tische, weil man, gewöhnlich nur wenige Gerichte aufträgt, aber man ist dafür auch desto fleißiger und emsiger bei dem Genuss. Mancher nimmt ein gutes Frühstück zu sich, ohne dass man es bei der Mittagsmahlzeit gewahr wird; indessen gibt es auch viele, die gar nicht frühstücken. Der Handwerksmann mit seinen Gesellen und Lehrlingen, und so auch der Tagelöhner und Arbeitsmann, halten des Mittags ihre Hauptmahlzeit, aber dessen ungeachtet essen sie sich des Abends doch auch gern satt. Der Vornehmere und Geschäftsmann isst dagegen des Mittags gewöhnlich nur mäßig und kurze, Zeit, holt aber des Abends alles wieder ein, was er des Mittags versäumt hat. Teils lassen ihm seine Geschäfte des Mittags nicht so viel Zeit, sich völlig zu sättigen, und er ist noch zu zerstreut, als dass er recht mit Ruhe genießen könnte; teils aber liegt der Grund in der Gewohnheit, dass die meisten Gesellschaften erst gegen Abend zusammen kommen, und man dann die beste Gelegenheit hat, sich zu pflegen. Wer viel in Gesellschaften zu gehen pflegt, gewöhnt sich gar leicht an diese Ordnung, und benutzt die von seinen Geschäften freien Abendstunden mit desto größerem Wohlbehagen, um für seine Erhaltung zu sorgen. Daher kommt es denn auch wohl, dass viele aus dieser Klasse des Morgens noch keinen Appetit haben, und gar nichts, oder nur wenig zum Frühstück genießen. Besser wäre es freilich, man frühstückte des Morgens mäßig, äße sich des Mittags satt, und begnügte sich des Abends mit weniger und leichter Speise. Aber Gewohnheit und Mode wollen es anders, und da muss der Arzt schweigen. Sonst würde dieser auch noch manches an der Auswahl der Speisen zu tadeln finden, die man in den Abendgesellschaften nicht selten aufsetzt. Hamburger Rauchfleisch mit Braunkohl und Kastanien, gekochte Gänse mit Rüben und ähnliche andere Gerichte sind doch wohl eigentlich keine Speisen, die man des Abends genießen sollte. Dies möchte sich allenfalls noch entschuldigen lassen, wenn man, wie die Einwohner der kleinem Städte, des Abends um 6, höchstens um 7 Uhr zu Tische ginge, und dann noch einige Stunden in munterer Gesellschaft beisammen bliebe; aber so ist es bei uns nicht. Wir fangen an, darin den größeren Städten, Hamburg und Lübeck, uns immer mehr zu nähern, dass wir später zusammen kommen, als es vor etwa 10 bis 12 Jahren Mode war; dann dauern gewöhnlich die Spielpartien bis 9 Uhr und länger, und man kommt bisweilen erst um 10 Uhr zu Tisch. Nun isst man sich satt, eilt aus der Gesellschaft nach Hause, und wirft sich sogleich ins Bett.

Es würde gewiss sehr interessant sein, wenn ich hier noch einige vollständige Konsumtionstabellen liefern könnte: aber da man nicht von allen Lebensmitteln, welche hier verzehrt werden, Akzise bezahlt; so kann ich nicht einmal die folgende Angabe der Fleischkonsumtion als eine ganz sichere Norm aufstellen.

Es wurden hiernach im Jahr 1790 geschlachtet:

in Privathäusern:
32 Ochsen / 99 Kühe / 2.153 Schweine / 41 Kälber / 37 Hammel / 166 Lämmer
im Schlachthaus:
148 Ochsen / 648 Kühe / 2.660 Schweine / 6.090 Kälber / 6.600 Hammel / 2.950 Lämmer
in Summe:
180 Ochsen / 747 Kühe / 4.813 Schweine / 6.131 Kälber / 6-637 Hammel / 3.116 Lämmer

Dagegen im Jahre 1800

in Privathäusern:
61 Ochsen / 115 Kühe / 1.523 Schweine / 29 Kälber / 95 Hammel / 17 Lämmer
im Schlachthaus:
155 Ochsen / 689 Kühe / 2.560 Schweine / 6.293 Kälber / 6.742 Hammel / 3.053 Lämmer
in Summe:
216 Ochsen / 804 Kühe / 4.083 Schweine / 6.322 Kälber / 6.837 Hammel / 3.070 Lämmer

und an Getreide (Last) im Jahre 1800 konsumiert

Weizen 271 / Roggen 302 ½ / zu Branntwein 438 ½ / Malz zum Großbrauen 197 / Malz zum eignen Gebrauch 84 ½ / zu Branntwein 33 ½

Es muss aber in Rostock von allem ein ansehnliches Quantum konsumiert werden. Denn nicht nur sind die Fleischbänke überwiegend mit Fleisch angefüllt, sondern man schlachtet außerdem auch noch eine so ansehnliche Menge von Ochsen, Schweinen und Gänsen zur Herbstzeit ein, dass dieses in der Tat für keine Kleinigkeit zu halten ist. Wenn man nun die großen Vorräte von Kartoffeln, Kohl u. s. w. dazu rechnet, die hier jährlich verzehrt werden: so müsste eine Summe heraus kommen, die gewiss von dem guten Appetit der hiesigen Einwohner zeugen würde. Übrigens behilft man sich nicht gern mit vegetabilischen Speisen, sondern genießt sie in Verbindung mit Fleischspeisen, wenn man es nur irgend haben kann. Außer der beträchtlichen Quantität von Fleisch, welches hier gegessen wird, muss man aber auch die Fische nicht vergessen, die so sehr geschätzt werden. Nach einer ungefähren Bestimmung dieses Verhältnisses der Fischspeisen zu den Vegetabilien, wird die animalische Kost gewiss nicht zurückstehen.
Rostock - Giebelhäuser bei der Nicolaikirche

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Rostock - Markt, Marienkirche und Blutstraße

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Hansestadt Rostock - Stadtansicht

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Rostocker Umland mit Bauernhof, 1968

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Rostock - Petrikirche mit Petritor

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Rostocker Wallanlagen und Kröpeliner Tor, 1968

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