Rostock 1807 - Einwohner - Wintervergnügungen, Konzerte, Theater, Schlittenfahrten

Aus: Bemerkungen aus dem Gebiete der Heilkunde und Anthropologie in Rostock. Bd 1. Medizinische und anthropologische Bemerkungen über Rostock und seine Bewohner
Autor: Nolde, Adolf Friedrich Dr. (1764-1813) Professor der Medizin, Erscheinungsjahr: 1807

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Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Hansestadt Rostock, Winterkonzerte, Wintervergnügen, Konzerte, Spieltische, Schauspielhaus, Liebhaber-Theater, Moralität, Geschmack, Hofschauspieler-Gesellschaft, Schlittenfahrten, Winterluft, Luxus, Gesundheit, Vergnügungen
Von den hiesigen Winterkonzerten, welche einige Musikliebhaber veranstalten, und die in der Regel wöchentlich einmal gegeben werden, habe ich nicht viel zu sagen. Das schöne Geschlecht nimmt hieran vorzüglich Teil; mehr aber, wie es scheint, um zu sehen und wieder gesehen zu werden (weshalb sie sich denn auch gern zu putzen pflegen), und um eine angenehme Unterhaltung zu haben, als wirklich der Musik wegen; doch gibt es unter ihnen, so wie unter den Mannspersonen, manche, die uns dieser Ursache die Konzerte besuchen , und durch ihr musikalisches Talent im Singen und Spielen sich um die Versammlung verdient machen. Hier sieht man keine Spieltische; denn wer diese der Musik vorzieht, pflegt lieber an einem andern Orte, als gerade in dem Konzert, seine Unterhaltung zu suchen. Zur Aufheiterung des Gemüts, und folglich auch zur Gesundheit dienen die Konzerte in der traurigen, melancholischen Jahreszeit vorzüglich, ohne dass man sich dabei einer diätetischen Gefahr exponiert; wenn nur der dazu dienende Saal nicht öfters zu heiß wäre, und man sich beim Zuhausegehen vor der rauen äußeren Luft immer hinlänglich zu verwahren suchte. Die Gelegenheit zur Bewegung, welche den Konzerten abgeht, ersetzen zwar einigermaßen die Bälle; doch rate ich immer die Promenaden darüber nicht ganz zu vergessen.

Im Winter pflegte wohl bisweilen eine Schauspielergesellschaft auf dem hiesigen Theater für die Unterhaltung des Publikums zu sorgen. Mehrenteils spielen sie zwar nur sehr mittelmäßig; aber auch die bessere Gesellschaft, deren wir uns seit einiger Zeit erfreuen, wird hier im Allgemeinen nicht sehr geschätzt. Daran hat die Liebe zum Kartenspiel, und der Mangel an Kenntnissen in dem dramaturgischen Fache die meiste Schuld *). Man findet daher das Schauspielhaus gewöhnlich sehr leer; und kann sich dabei, wenn man sich nicht genugsam in Acht nimmt, sehr leicht erkälten, da überdem in diesem Hause ein beständiger Zugwind herrscht. Darauf will ich hier auch nur die Beförderer des seit einigen Jahren bei uns eingeführten Liebhaber-Theaters aufmerksam machen, weil sie in der Kleidung, worin sie häufig auftreten müssen, noch mehr davon zu befürchten haben. Ob diese Gesellschaft, wie es in der Ankündigung hieß, zur Beförderung eines reinen Geschmacks und der Sittlichkeit schon wirklich beigetragen hat, will ich denen hier zur Entscheidung überlassen, die darüber kompetentere Richter sind; ihren Einfluss auf Gesundheit und physische Integrität, sie mag nun für sich, oder als abhängig von der Moralität betrachtet werden, halte ich indessen noch für sehr problematisch **).

*) Seit einigen Jahren, besonders seitdem die Schwerinsche Hofschauspieler-Gesellschaft hier im Pfingstmarkt, und einigen Wochen im Winter debütiert, scheint man doch mehr Geschmack an diesem Vergnügen zu finden, und besucht das Schauspiel auch wirklich häufiger.
**) Die Gesellschaft existierte noch, als ich dieses niederschrieb, hat sich aber bald nachher wieder getrennt.


Die Schlittenfahrten gehören nur zu den seltenen Wintervergnügungen. Die Bewegung, welche sie dem Körper geben, ist nicht von Bedeutung: dagegen veranlassen sie doch manches Frauenzimmer, dann und wann von der reinen Winterluft zu profitieren; nur sollten sie sich dabei auch immer gehörig vor der Kälte zu schützen suchen, und sicheren Führern anvertrauen.

Man sieht aus allem, dass der Hang zum Vergnügen mit dem immer mehr zunehmenden Luxus auch bei uns in dem letzten Jahrzehnt ebenfalls sehr zugenommen hat. Aber eben so einleuchtend ist es, dass man im Ganzen nicht nur häufig den oben angegebenen Begriff eines Vergnügens dabei übersehen, sondern auch oft nur aus Neigung zur Untätigkeit dasselbe auf eine der Gesundheit eben nicht sehr zuträgliche Art zu kultivieren angefangen hat. Wenn es aber als erwiesen angesehen werden kann, dass das Vergnügen nicht weniger, als die Verhältnisse der Tätigkeit und Anstrengung die Aufmerksamkeit der Obrigkeiten verdienen: so möchte auch bei uns der Magistrat wohl Ursache haben, für eine zweckmäßigere Leitung der hiesigen Vergnügungen, selbst in diätetischer Hinsicht, manches zu tun, woran er bisher nicht gedacht zu haben scheint.

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Rostock - Giebelhäuser bei der Nicolaikirche

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Rostock - Markt, Marienkirche und Blutstraße

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Hansestadt Rostock - Stadtansicht

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Rostock, Lange Straße, Marienkirche in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts

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Rostock vor dem Steintor

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