Rostock 1807 - Einwohner - Charakteristische Eigenschaften - Vergnügung, Spazierengehen

Aus: Bemerkungen aus dem Gebiete der Heilkunde und Anthropologie in Rostock. Bd 1. Medizinische und anthropologische Bemerkungen über Rostock und seine Bewohner
Autor: Nolde, Adolf Friedrich Dr. (1764-1813) Professor der Medizin, Erscheinungsjahr: 1807

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Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Hansestadt Rostock, Vergnügungen, Spazierengehen, frische Luft, Natur, Wald und Wiese, Spaziergang, Bewegung, Gesundheit, Unterhaltung, Landschaft, Klima, Ausflug
Wenn ich so eben gezeigt habe, dass die hiesigen Einwohner im Ganzen eine nicht sehr tätige Lebensart führen, und überhaupt jede Anstrengung ihrer Kräfte zu vermeiden scheinen: so führt mich dieses jetzt noch auf eine andere Untersuchung, die mit jenem Resultat in einer sehr genauen Verbindung steht. Abspannung der Kräfte, oder Erholung von einer Anstrengung und Arbeit verursachen dem, der sie genießen kann, immer Vergnügen, welches, wenn es nur in angemessenen Verhältnissen mit Fleiß und Arbeitsamkeit abwechselt, gleichsam die Würze des Lebens wird, und zu neuer Anstrengung Kräfte und Munterkeit gibt. Es lässt aber zugleich nicht allein dieses Verhältnis, sondern auch die besondere Art der Vergnügungen, die man irgendwo besonders kultiviert und lieb gewonnen hat, auch ziemlich richtig auf den Charakter einer Nation, oder auch nur der Einwohner eines Ortes schließen, und beides interessiert daher nicht bloß den philosophischen Beobachter; sondern muss insbesondere für einen weisen Regenten, für eine aufgeklärte, und jede Veranlassung zum Wohl des Ganzen benutzende Obrigkeit von der größten Wichtigkeit sein. Welchen Nutzen daher die Erörterung der hiesigen Vergnügungen dem unparteiischen Beobachter, dem Arzt, der Obrigkeit und jedem Einwohner selbst gewähren kann, darf ich wohl nicht erst aus einander setzen. Nur wünsche ich, dass man mich für eben so unparteiisch und wahrheitsliebend, als aufmerksam auf die Vorzüge und Mängel unserer Sitten halten möge, als ich es zu sein mich gewiss bestrebe, wenn man die folgenden Äußerungen über diesen Gegenstand liest.

Der Zweck eines jeden Vergnügens ist wohl kein anderer, als der Genuss einer angenehmen, wohltätigen Empfindung, wobei sich der Geist erheitert, und der Körper neue Kräfte sammelt. Bekanntlich ist nichts so sehr im Stande, die Seele nach einer anhaltenden Anstrengung gleichsam aufs neue zu beleben, als irgend eine Beschäftigung, die wir mit Wohlgefallen unternehmen, die uns Vergnügen macht. Auf die Art kann mancher Gelehrte sich den ganzen Tag unterhalten, ohne Langeweile zu haben, und auch ohne seine Seelenkräfte zu sehr anzustrengen, wenn er nur immer mit Vergnügen arbeitet. Dies wird er aber kaum anders zu tun im Stande sein, als wenn er mit seinen Beschäftigungen abwechselt, und sich einen andern Gegenstand zur Unterhaltung aussucht, wenn der erstere ihm zu beschwerlich und unangenehm zu werden anfängt. Eben so verhält es sich beinahe mit dem Einfluss des Vergnügens auf den Körper. Wir genießen nicht bloß dann Vergnügen, wenn wir nichts tun und alle Kräfte unseres Körpers ruhen lassen — dies kann nur dann der Fall sein, wenn wir sie zu sehr angestrengt, und beinahe erschöpft haben; — sondern wir fühlen uns schon erleichtert, und freuen uns einer besonders angenehmen Empfindung, wenn wir nur
irgend eine andere Beschäftigung vornehmen, der wir uns gern unterziehen, und bei der wir unsere Kräfte weniger anstrengen dürfen. In der Tat besteht also das Vergnügen ganz und gar nicht im Nichtstun, sondern in einer unseren Kräften entsprechenden Verminderung der Tätigkeit. Es ist demnach alles in dieser Hinsicht relativ, und wird es noch mehr, wenn wir insbesondere ein Vergnügen genießen wollen, das zur Erhaltung unserer Gesundheit, zur Beförderung unseres physischen Wohlseins dienen, und also einen diätetischen Nutzen haben soll; und dieses sowohl, als die Stärkung unserer Seelenkräfte, sollte eigentlich der letzte Zweck sein, den wir durch den behaglichen Genuss eines Vergnügens zu erreichen suchen. In wie fern wir beides von den in Rostock gewöhnlichen Vergnügungen erwarten können, wollen wir jetzt untersuchen; und hieraus wird sich zugleich ergeben, ob man uns den Vorwurf machen kann, dass wir entweder zu wenig Vergnügen suchen, oder demselben auf Kosten unserer Bestimmung zu eifrig nachgehen.

Eines der edelsten Vergnügen, wobei der Körper eben so sehr gewinnt, als der Geist und das Gemüt, gewährt uns unstreitig der Genuss einer schönen Natur. Wie sehr erfreuen uns nicht im Frühling der Anblick des neuen Grüns, die Wohlgerüche der mit Blumen geschmückten Wiesen und Triften, der melodische Gesang der Vögel, das Regen und Leben in der wiedererwachenden Natur! Wie heiter fühlt sich dann unser Geist, und wie erhebt er sich zu neuen und großen Gedanken, die der Winterfrost gleichsam erstickt zu haben schien! Wie ganz anders wird das Herz, zu den beglückendsten Gefühlen gestimmt, wenn man so unter den Schätzen der Natur umherwandelt, als wenn man einsam und abgesondert von der Welt, oder in den rauschenden Gesellschaften der Städte den alles belebenden Balsam dieser Tochter des Himmels entbehren muss! Wie leicht scheint uns mit einmal unsere Hülle, deren schwere Fesseln uns nicht mehr so grausam an den Boden ketten! Wie gesund und gestärkt fühlen wir uns, wenn wir den himmlischen Nektar einer gereinigten Luft wonnevoll einschlürfen, und leichten Trittes über die neu bekleidete Erde hinweg eilen! Wer nur nicht gefühllos wie eine Maschine ist, wird Reize in der Natur entdecken, die keine Sprache ausdrücken, die man nur empfinden, nicht beschreiben kann. Wohl dem, der dann die einengenden Mauern der Städte flieht, und durch die Mannigfaltigkeiten und Schönheiten der Natur sich in elysische Gefilde versetzt glaubt! Aber auch ohne Schwärmerei, und ohne gerade in einer den Idyllendichter begeisternden Flur umherzuwandeln, findet man selbst in einer mehr stiefmütterlich bedachten Gegend Unterhaltung genug für den tätigen Geist, Reize genug für die empfänglichen Sinne, und Erquickung für den ermatteten Körper.

Gern eilt man daher auch bei uns in die verjüngte Natur, wenn im vollendeten Frühling nur nicht ein rauer Nordwind uns wieder grausam zurückscheucht. Aber leider durchstreicht er noch lange die Fluren, wenn wir des Winters Rückkehr in Hagelschauern und Schneeflocken befürchten müssen. Überwiegend findet man daher selbst noch um diese Zeit die Promenaden so öde und verlassen, die Natur so traurig und zerstört, dass man gern wieder in die engen Grenzen der Stadt zurückkehrt. Erst mit dem eintretenden Sommer, und dann auch noch nicht einmal immer, dürfen sich unsere Spaziergänger ins Freie wagen. Wollen wir bei uns daher bloß spazieren, um jene seligen Gefühle, die eine schöne Natur geben kann, zu genießen: so müssen wir uns beinahe auf den kleinen Zeitraum von einigen Monaten beschränken; und in der Tat sieht man auch nur in dieser Zeit die Promenaden lebhafter werden, und Alt und Jung zum Vorschein kommen. Viele lassen aber selbst diese Zeit noch ungenutzt verstreichen, und wagen sich kaum einmal in der Woche ins Freie. Wer es gewohnt ist, selbst in den übrigen Jahreszeiten täglich seine Promenaden abzuwarten, der setzt sie auch bei einer bessern Witterung gern fort; allein deren gibt es verhältnismäßig nur wenige. Männer aus den ersten Ständen wenden häufig ihre Geschäfte vor, und versäumen es doch selten, zur bestimmten Zeit in den Gesellschaften zu erscheinen; die Hausfrauen versichern ein Gleiches, und fürchten noch obendrein Müßiggängerinnen gescholten zu werden, wenn man sie öfters promenieren sieht. Ihnen müssen denn wohl die Töchter folgen, die größtenteils nur selten an die Luft kommen. Aber darum befürchtet man keine üble Nachrede, wenn man Gesellschaften gibt und besucht, in Konzerte, auf Bälle und Maskeraden geht, und doch, dünkt mich; verdienten sie deshalb oft eher einigen Tadel.

Wenn man bei uns in einer so wenig Abwechslung darbietenden Gegend, und bei unserem rauen Klima auch das Vergnügen auf den Promenaden nicht findet, was eine schweizerische, oder italienische Landschaft gewährt: so sollten wir uns billig durch den Nutzen, den körperliche Bewegung in der freien Luft verspricht, zur Beförderung desselben bewegen lassen. An schwerverdauliche Nahrungsmittel sind wir zwar eben so gewöhnt, als ein gewisses Phlegma uns natürlich zu sein scheint; aber in beiden Fällen ist körperliche Bewegung unstreitig das beste Mittel, den Folgen, welche daraus entstehen können, vorzubeugen. Wir werden gewiss weniger träge und indolent sein, weniger über unsere Verdauung und die davon abhängenden Beschwerden klagen, wenn wir täglich wenigstens eine Stunde zum Spaziergang bestimmen. Sollten die häuslichen und Berufsgeschäfte aber wohl irgend darunter leiden, wenn wir dagegen nur späterhin den Gesellschaften erschienen, und die Grenzen für das Spiel mehr beschränkten? Dann würden wir zugleich selbst an dem gesellschaftlichen Umgang nicht verlieren, wenn unsere Spaziergänge häufiger besucht und lebhafter wären. Auch würden wir uns durch öfteres Spazieren besser an unser veränderliches und ungünstiges Klima gewöhnen, welches ich in der Tat für sehr wichtig halte. Denn immer können und wollen wir doch nicht in den Häusern sitzen; und wie leicht kann es nicht geschehen, dass wir uns der Luft exponieren müssen, wenn sie gerade nicht am günstigsten ist. In diesem Fall hört man denn häufig über Flüsse und Gliederreissen klagen, setzt den Doktor und Apotheker in Tätigkeit, und denkt nicht daran, dass man dieses alles hätte vermeiden können, wenn man sich mehr mit dem Klima familiarisiert hätte. Ich überlasse es einem jeden, zu urteilen, ob ich Recht oder Unrecht habe. Nach meinen Einsichten sollten sich wenigstens aus den angeführten Gründen die Herren und Damen aus den oberen Ständen mehr an das Spazierengehen gewöhnen. Mein Rat ist gewiss nicht parteiisch; denn ich wette, die Ärzte würden weniger mit Krankenbesuchen beschäftigt sein, wenn man ihn allgemeiner befolgte. Von Seiten der Obrigkeit könnte aber auch wohl, mehr als es bisher geschehen ist, für die Anlage, neuer und einladender Promenaden gesorgt werden. An Gelegenheit dazu fehlt es nicht, und man würde zugleich damit sehr viel zur Verschönerung der Stadt beitragen. Aber aus Indolenz und Gewohnheit duldet man lieber die Mist- und Schutthaufen vor den Landtoren, welche das Auge so sehr beleidigen, als dass man hier Alleen, Esplanaden und ähnliche Partien anlegte, um den Einwohnern eine mehr abwechselnde Promenade zu verschaffen, und sie nicht auf den Wall allein zu beschränken.
Rostock - Giebelhäuser bei der Nicolaikirche

Rostock - Giebelhäuser bei der Nicolaikirche

Rostock - Markt, Marienkirche und Blutstraße

Rostock - Markt, Marienkirche und Blutstraße

Hansestadt Rostock - Stadtansicht

Hansestadt Rostock - Stadtansicht

Hansestadt Rostock, Große Wasserstraße mit Kerkhoffhaus (1470) Sommer 1968

Hansestadt Rostock, Große Wasserstraße mit Kerkhoffhaus (1470) Sommer 1968

Rostocker Umland mit Bauernhof, 1968

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Rostock, Lange Straße, Marienkirche in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts

Rostock, Lange Straße, Marienkirche in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts