Reise von Lüneburg. – Ülzen. – Dömitz. – Grabow. – Parchim. – Güstrow. – Rostock (vom 19. Bis zum 23. Oktober 1806)

Aus: Denkwürdigkeiten und Reisen des ... Obristen von Nordenfels
Autor: Nordenfels, August Wilhelm von (1759 - 1821) Obrist, Erscheinungsjahr: 1830
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Hansestadt Rostock, Stadtbeschreibung,
Der erste Tag der Reise, auf schlechten Wegen, durch die ermüdende Einförmigkeit der Lüneburger Heide, war nur geeignet, den schmerzlichen Betrachtungen, wozu die unglückliche Veranlassung unserer eilfertigen Reise so überreichen Stoff dargeboten hatte, Raum zu geben.

Das erste Nachtlager wurde in Ülzen, das zweite (den 20.) in Dömitz, dem ersten Mecklenburgischen Städtchen, genommen, nachdem die hohen Reisenden Abends über die Elbe gesetzt waren. Am dritten Tag (den 21.) ging es über Grabow nach Parchim; am 4. (den 22.) über Güstrow, einer bedeutenden Mecklenburgischen Stadt, nach Rostock.

Die Wege waren in der schon vorgerückten Jahreszeit bei schlechter Erhaltung so bodenlos geworden, dass mit guten Bespannung auf fünf Meilen acht Stunden gefahren werden musste. Durch die vielen Landseen bekam die übrigens flache Landschaft einen völlig fremdartigen, ganz eigentümlich anziehenden Charakter.

Erst um zwölf Uhr Nachts kam ich, in einer Halbchaise vorausfahrend, in Rostock an. Es hielt ungemein schwer, so schnell und bei nächtlicher Weile ein anständiges Privatlogis für die Herzogin und ihr Gefolge zu finden. Endlich gelang es in dem Hause eines reichen Kirschners; doch musste erst ein Magazin vom Pelzwerk ausgeräumt werden. Wie nun endlich die Frau Herzogin mit dem Gefolge um ein Uhr Nachts eintraf, war alles in Ordnung, so dass das geräumige und wohl durchräucherte Zimmer keine Spur mehr von dem früheren Inhalt verriet.

Am folgenden Morgen (den 23.) machte die Frau Herzogin von Oels der regierenden Frau Herzogin einen, unter solchen Umständen wenig Trost und Beruhigung bringenden Besuch. Ich gewann indessen Zeit, die Stadt und ihre Merkwürdigkeiten näher in Augenschein zu nehmen.

Vier hohe Türme zieren die in ihrer altertümlichen Bauart einen sonderbaren Eindruck machende Stadt. Überall stehen Giebeldächer gegen die Straßen gewendet, mit einer zahllosen Menge von Schnörkeln verziert; doch freundlich einladend sind die mit Spiegeln, Sofas, Stühlen, Uhren und Gipsfiguren verzierten Hausfluren, welche Glastüren zu einem heiteren Eintrittssalon machen. Kleine mit fliesen belegte Vorplätze vor vielen dieser älteren Häuser, die mit Pfählen und Ketten begrenzt sind, deuten auf die nachbarliche Geselligkeit der Bürger. Hier sieht man Abends in den Feierstunden ganze Familien auf Ruhebänken vor den Haustüren sitzen.

Ein Kanal scheidet die, schmal und krumm, Berg auf und ab gehenden, Straßen der Altstadt von der eleganter, aber weniger gemütlich gebauten Neustadt.

Noch völlig altertümlich ist der Marktplatz, ringsum mit Giebelhäusern umgeben. Das Rathaus, welches die ganze östliche Fronte einnimmt, mit sieben Türmen in einer Reihe, gehört nebst den sieben großen Linden auf dem Rasengarten (einem mit Hecken eingefassten ansehnlichen Rasenplatz, der als Exerzierplatz dient) zu den sieben Wahrzeichen von Rostock.

Sehenswert ist das schöne Großherzogliche Schloss beim Hopfenmarkt, das Universitäts-Gebäude, das Münz- und Medaillen-Kabinett, der Modellsaal und von den sieben Kirchen der Stadt besonders die Maria-Kirche, mit dem sehr hohen Kreuzgewölbe, dem schönen Fürstlichen Chor und dem Grabe des berühmten Hugo Grotius*), des freimütigen Kämpfers für Wahrheit und Recht; ferner die Jacobi-Kirche mit drei sehenswerten Gemälden des Berliner Rode. Angenehm ist der sehr hoch liegende, mit Linden-Alleen beschattete Wall, von welchem aus sich eine weite Aussicht eröffnet, so dass man von einer Seite die Ostsee und ein Haus von Warnemünde erblickt. Einen freundlichen Spaziergang bietet der Strand mit schönen Linden-Alleen besetzt, welcher die belebteste Szene auf das Gewühl beim Ein- und Ausladen der absegelnden und ankommenden Schiffe gewährt.

*) Dann streiten sich zwei Städte um die Ehre, die Gebeine des verdientesten Gelehrten aus dem 16. Jahrhundert zu besitzen; denn auch zu Delft in den Niederlanden zeigt man in der neuen Kirche den Eingang zu einer Gruft, über welcher eine alte eingemauerte Steinplatte verkündigt, dass dieses die Gruft von Hugo de Groot sei. (Riemers Beobachtungen auf Reisen in und außer Deutschland. Halle 1823, 3ter Teil, S. 182).
Wahrscheinlich ist dieses aber nur die Familiengruft desselben; denn so viel ist gewiss, dass dieser hochberühmte Gelehrte (welcher als Theologe, Philologe, Philosoph und Jurist eines eben so ausgezeichneten Rufes genoss, wie als Staatsmann und Diplomat, und der durch sein Werk „de jure belli et pacis“ als der eigentliche Schöpfer des philosophischen Völkerrechts betrachtet wird), nachdem er in seinem Vaterlande eingekerkert, durch seine Gattin in einer Bücherkiste befreit war, geehrt von fremden Monarchen, zurückkehrte und durch die Intrigen seiner Feinde abermals verbannt wurde, endlich ehrenvoll zurückgerufen, durch einen Sturm nach Pommern verschlagen, krank in Rostock ankam und daselbst am 28. August 1645 verstarb.


Rostock ist bekanntlich die bedeutendste Stadt im Großherzogtum Mecklenburg. In 2.200 Häusern finden sich nach neuester Zählung 17.400 Einwohner. Die Universität, halb vom Staate, halb von der Stadt begründet, mit 22 Professoren, einer Bibliothek von 30.000 Bänden, einem botanischen Garten, dem Museum, dem pädagogisch-theologischen Seminar, der naturforschenden Gesellschaft und der Tierarzneischule (Auf dem Carlshof), ist zwar nicht so bedeutend, als manche andere deutsche Universität; aber wichtig und vom wohltätigsten Einfluss auf die Volkskultur im Mecklenburgischen.

Die Lage der Stadt für den Handel ist äußerst günstig. Sie liegt sehr angenehm und malerisch am Ausfluss der Warnow in das große Wasserbecken, welches der Breitlingssee heißt. Die Warnow, durch denselben strömend, ergießt sich bei Warnemünde, zwei Meilen von Rostock, in die Ostsee, und bildet dort den geräumigen und bequemen Hafen, aus welchem die Rostocker Kaufleute einen nicht unbedeutenden Seehandel treiben, mit Getreide, Holz, Obst (insbesondere Rostocker, hier Kriewitzer Äpfel genannt), Glas, Wolle, Flachs, Leder usw. Im Durchschnitt rechnet man 700 aus- und eingehende Schiffe*).

*) Im Jahre 1825 liefen 499 Schiffe ein und 514 aus (Steins Reisen nach den vorzüglichsten Hauptstädten in Mitteleuropa. Leiptig 1827. 1ster Band, S. 92).

Einladend ist die sinnvolle Inschrift über dem Steintor:

Sit intra te concordia et publica felicitas **).
**) In deinen Mauern sei Eintracht und öffentliches Wohl.

Gern hätten die hohen Reisenden noch länger in der freundlichen Stadt, unter den treuherzigen Mecklenburgern zugebracht, allein noch lange nicht hatte die unglückliche Herzogin das Asyl der Ruhe gefunden, deren sie für sich und ihre beiden zarten Prinzen unter den Bedrängnissen einer schweren Zeit so sehr bedurft hätte. Am 23. Morgens 9 Uhr verließen wir Rostock, Blüchers Geburtsort. *)

*) Erst wenige Wochen später sollte dieser, auch in seiner Vaterstadt kaum gekannte Held, durch seine Taten und sein Unglück in Lübeck zuerst wieder die Aufmerksamkeit seiner Landsleute erregen. Als aber im Befreiungskrieg Blücher sich mit unverwelklichem Lorbeer bedeckt hatte, als alle Monarchen ihn ehrten und mit Orden bedeckten, als sein König für ihn allein ein Ehrenzeichen Stiftete, das eiserne Kreuz mit goldenen Strahlen, und ihn unter dem Namen Blücher von Wahlstadt in den Fürstenstand erhob, da wurden nicht allein die Rostocker, sondern alle Mecklenburger stolz auf die Ehre, diesen Helden aus ihrer Mitte hervorgegangen zu sehen, und was wohl selten geschieht, dem Lebenden errichtete Land und Stadt, unter Leitung eines Ausschusses der Landschaft, ein Denkmal. Aus weißem Marmor, von Rauch in Berlin mit Geist und Kunst gefertigt, erhebt sich jetzt auf dem Blücherplatz die Kolossale Statue des Helden auf einem Würfel von geschliffenem vaterländischen Granit. Die Vorderseite desselben enthält nur die Inschrift: „Dem Fürst Blücher von Wahlstadt, die Seinigen.“ – Die Rückseite schmückte Goethe durch die Inschrift:

      Im Harren
      Und Krieg,
      Im Sturz
      Und Sieg
      Bewusst und groß,
      So riss er uns
      Vom Feinde los.


Die beiden anderen Seiten enthalten die Hautreliefs, wovon das eine Blücher unter dem Pferd liegend, von seinem Genius (Nostitz) beschützt, das andere symbolisch die Schlacht bei Belle-Alliance darstellt, indem der Held zwei Ungeheuer in den Abgrund stürzt. Die Bildsäule wurde am 26. August 1819 enthüllt. Nur 14 Tage überlebt der greise Held die Nachricht von dieser Feier und starb, 77 Jahr alt, am 12. September 1819 auf seinem Gute zu Kriblowitz in Schlesien. – Der Blücher-Platz ist mit Rasen belegt und mit Bäumen eingefasst; aber leider nicht so regelmäßig und würdig, wie es die Großartigkeit des Denkmals wohl verdient hätte.
Rostock vom Carlshof um 1830.

Rostock vom Carlshof um 1830.

Rostock Altstadt

Rostock Altstadt

Rostock Altstadt vom Steintor.

Rostock Altstadt vom Steintor.

Rostock Blücherplatz 1844

Rostock Blücherplatz 1844

Rostock Hopfenmarkt.

Rostock Hopfenmarkt.

Rostock - Neuer Markt um 1820.

Rostock - Neuer Markt um 1820.

Rostock vom Steintor 1841.

Rostock vom Steintor 1841.

Rostock - Giebelhäuser bei der Nicolaikirche

Rostock - Giebelhäuser bei der Nicolaikirche

Rostock - Kröpeliner Tor

Rostock - Kröpeliner Tor

Rostock - Petrikirche mit Petritor

Rostock - Petrikirche mit Petritor

Rostock vor dem Steintor

Rostock vor dem Steintor

Rostock. 013 Marienkirche, Giebel des südlichen Querschiffs

Rostock. 013 Marienkirche, Giebel des südlichen Querschiffs

Rostock. 017 St. Marien-Kirche

Rostock. 017 St. Marien-Kirche

Rostock. 073 St. Jacobi-Kirche

Rostock. 073 St. Jacobi-Kirche

Rostock. 102 St. Petri-Kirche

Rostock. 102 St. Petri-Kirche

Rostock. 128 St. Nicolai-Kirche

Rostock. 128 St. Nicolai-Kirche

Rostock. 267 Steintor

Rostock. 267 Steintor

Rostock. 262 Ehemalige Häuser am Hopfenmarkt

Rostock. 262 Ehemalige Häuser am Hopfenmarkt

Rostock. 269 Blücherdenkmal

Rostock. 269 Blücherdenkmal