Reise ins Seebad im Allgemeinen und nach Doberan im Speziellen

Aus: Wochenschrift für die gesamte Heilkunde. Herausgeber Prof. Dr. J. L. Casper. Jahrgang 1833. Band II. S. 804
Autor: Stosch, August Wilhelm von Dr. (1783-1860) Medizinalrat u. Leibarzt der Königl. Familie zu Berlin, Redakteur, Erscheinungsjahr: 1833
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Doberan, Nordseebäder, Ostseebäder, Badekur, Baderegeln, Wirksamkeit der Kur, Kururlaub, Prof. Dr. Vogel
A. Ich sage Ihnen Lebewohl, lieber B., bin im Begriff, mit meiner Familie nach Doberan zu reisen.
B. Wo denken Sie hin? Seitdem Nordseebäder an den Nordseeinseln Helgoland und Norderney existieren, hat die Ostsee ihre Kraft verloren.
C. Wenn ich raten darf, so gehen Sie lieber Statt nach Norderney nach Havre. Ich sah eine junge Pariserin, die den Winter wohl 50 Bälle mitgemacht hatte; sie kam vom Havre zurück und war so elastisch wie zuvor.
D. Mein Rat ist, nach dem Königlichen Brighton zu gehen; kein Bad außer Brighton. Mein Freund N. in London hat mir versichert, dass das Wasser der französischen Seite des Kanals alle Kraft verloren habe.
E. Wollen Sie doch einmal eine weitere Reise machen, um in der See zu baden, so gehen Sie nach Bayonne. Nirgends ist der Wellenschlag wie in der Spanischen See – 30 Fuß hoch!
F. Um Verzeihung. Soll ein südlicher Haven gewählt werden, so ist doch offenbar der Golf von Genua bestimmte für die Hyperboräer, um allen Dunst der Winternächte in salziger Flut abzuspülen.
G. Wünschen Sie ein Bad, was Ihren Töchtern rote Backen gibt, so ist’s gewiss am Besten, nach Algier zu reisen und sie bei den roten Korallen baden zu lassen.
H. Das Sicherste wäre doch wohl, gerade unterm Äquator zu baden.
A. Mit Mohren und Haifischen?
H. Ja, wo keine Mohren und Haifische sind, da ist Sonne und Meer kraftlos.
A. Das sind verschiedene Meinungen. Ich halte es am geratensten, erst mit einem alten und respektablen Arzt zu sprechen, der seit 30 Jahren Erfahrung hat vom Seebade, mit dem Geh. Rat Vogel in Doberan.

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Der vorstehende Aufsatz, eingesandt von einem geistreichen, sehr erfahrenen und hochgeachteten Arzt, der, beiläufig gesagt, kein Badearzt ist, (den leider! zu nennen der Redaktion nicht gestattet worden), ist wohl nicht für einen bloßen Scherz zu halten, sondern verbirgt unter der humoristischen Form eine sehr tief begründete Wahrheit. Es ist wohl noch nicht über 20 Jahre her, dass im Norden von Deutschland die Meeresküste allgemeiner als Heilmittel benutzt wurde; das Glück, was Doberan als Seebad gemacht hatte unter Leitung unseres Veteranen Vogel, die große Anzahl von trefflichen Beobachtungen, die dieser würdige Arzt über die Wirkung der Seebäder bekannt gemacht hatte, spornten zur Nacheiferung an, und bald entstanden am Strande der Ostsee mehr und mehr Seebäder, häufig und mit Nutzen von einer großen Anzahl kranker Menschen besucht. Nicht lange, so fing die Küste der Nordsee mit dem baltischen Meer zu rivalisieren an, und an mehreren Orten wurden auch hier Bäder, mehr oder weniger bequem, eingerichtet. Bei alle dem lieferte uns kein einziger Badeort an der Küste der Nordsee, so wenig als an der Küste der Ostsee Beobachtungen, wie sie der fleißig beobachtende Dr. Vogel fort und fort geliefert hatte: dennoch erhob sich immer mehr und mehr, sowohl unter den Ärzten als auch unter den Laien, die Meinung, dass die Ostsee nicht wirke, dass nur die Nordsee wirksam sei, nur sie habe Wellenschlag und was dergleichen mehr ist. Auf dieses Verschreien der Ostseebäder zu Gunsten der Nordseebäder ohne irgend einen bestimmten Grund bezieht sich jener Scherz: ich sage, ohne irgend einen zureichenden Grund, denn was ist überhaupt der Prüfstein eines Heilmittels oder einer Heilmethode? Die Erfahrung; was ist Erfahrung? Das Resultat einer Reihe rationaler kombinierter Beobachtungen. Gehen wir aber von diesem Grundsatz aus, so haben nur die Bäder der Ostsee (durch die Vogel’schen Annalen) die Erfahrung für sich; die neuentstandenen Bäder an der Nordsee-Küste sind gewiss auch mit Nutzen gebraucht worden, es entgeht uns indessen eine mit Umsicht durchgeführte Reihe von Beobachtungen über die Wirkung derselben, ohne welche wir ihnen durchaus keinen Vorzug vor den Ostsee-Bädern einzuräumen berechtigt sind.

Es ist sehr leicht gesagt: „die Nordsee hat den Vorzug der Ebbe und Flut, des Wellenschlags, des größeren Salzgehalts, der reichen Vegetation“ usw., es ist aber weder bewiesen noch durch Beobachtungen dargetan, dass darin die Wirkung der Seebäder besteht; selbst wenn in diesen Momenten wichtige heilkräftige Potenzen verborgen wären, so muss doch erst durch Beobachtungen ermittelt werden, welcher Art der Einfluss dieser Potenzen auf den Organismus ist, und so der Unterschied in der Wirkung der Ost- und Nordseebäder festgestellt werden, damit wir Indikationen zur Anwendung des einen oder des anderen Mittels bekämen. Vielfältig hört man sagen, die Wirkung der Nordseebäder sei kräftiger; dies möchte indes gerade ein Grund sein, um viele Menschen nicht nach diesen zu senden, denn ist das kräftigste Mittel immer das am meisten geeignetste? Bei schwachen und reizbaren Personen dürfen wir gerade die kräftigsten Mittel oft nicht anwenden, weil sie überreizen.

Möge es den Fautoren und Cultoren der Nordbäder gefallen, dem Beispiel des würdigen Dr. Vogel folgend, recht viel Beobachtungen über die Wirkung derselben zu sammeln, aus diesen Beobachtungen Erfahrungs-Resultate zu ziehen, diese mit den Erfahrungen unseres Veteranen zusammenzufallen, und auf diese Weise ihr Lieblingsmittel nicht nur zu prüfen, sondern auch uns zu belehren, inwiefern dasselbe als Heilmittel quantitativ oder qualitativ von den anderen Seebädern abweicht oder nicht. So mag es denn gerechtfertigt sein, wenn wir auch einmal dem geistreichen und auf eine wichtige praktische Frage hinzielenden Scherz in unseren Blättern Platz gewähren.

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Kurhaus

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Villen aus der Perlenkette

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Steilküste.

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Gespensterwald.

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Rennbahn

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Strandvillen.

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An der Düne.

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Der Heilige Damm.

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Pappelallee

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Findling.

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Cover adaptiert

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Die ersten Schwimmversuche

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