Preußische Sprichwörter und volkstümliche Redensarten - Rezension

Aus: Zeitschrift für Preußische Geschichte und Landeskunde. Band 3
Autor: Bohlen, Julius Freiherrn von (1820-1882) deutscher Gutsbesitzer, Politiker und Geschichtsforscher, Erscheinungsjahr: 1866
Themenbereiche
Preußische Sprichwörter und volkstümliche Redensarten. Gesammelt und herausgegeben von H. Frischbier. Zweite vermehrte Auflage. Berlin, 1865.

Das Interesse für niederdeutsche Sprache datiert nicht erst aus neuerer Zeit. Kein anderer deutscher Dialekt hat eine ebenso alte und ebenso gründliche Arbeit aufzuweisen wie das „Bremisch-niedersächsische Wörterbuch“ (1767, Erf.). Und auch in neuerer Zeit ist manches für die Erforschung des Niederdeutschen geschehen, das alles Lob verdient. Wir erinnern an die Arbeiten von Hoffmann v. Fallersleben, Kosegarten, Schambach, Denneil; anderer zu geschweigen. Und dazu kommt noch die Wiederbelebung des Niederdeutschen durch Klaus Groth und Fritz Reuter, deren Dichtungen und Erzählungen selbst in Kreisen Wurzel geschlagen haben, wo man kaum auch nur das leiseste Interesse für den Dialekt voraussetzen konnte, den man schon auf den Aussterbe-Etat gesetzt glaubte. So scheint es denn, als ob eine neue, günstigere Epoche für das Plattdeutsche beginnen sollte.

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Aber trotz dieser Versuche, dem Plattdeutschen nicht nur eine wissenschaftliche, sondern auch eine praktische Seite wiederum abzugewinnen, dürfen wir es uns doch nicht verhehlen, dass noch ein großes Feld der Tätigkeit für rüstige Sammler und Forscher übrig gelassen ist. Denn einmal bedürfen die älteren Sprachdenkmäler, wenn diese auch an Zahl und Bedeutung sich mit den oberdeutschen nicht auf eine Linie stellen können, einer genauen und umsichtigen Herausgabe — eine Menge Material ist gar nicht und vieles ungenau gedruckt — und zweitens ist für die einzelnen Zweige des gegenwärtigen Plattdeutschen noch unendlich viel zu tun. Es wäre sehr zu wünschen, dass die verschiedenen historischen Vereine Norddeutschlands die Erforschung des Niederdeutschen nach beiden Richtungen in die Hand nähmen, und zwar bald, denn von Tag zu Tag schwindet der Wortvorrat, und die Reinheit der grammatischen Formen wird durch den Einfluss des Hochdeutschen immer mehr getrübt. Und vor allem sind zu solchem Sammeln aus dem Munde des Volkes die Lehrer an den Landschulen berufen. „Zu gewissen, in der gegenwärtigen Lage unserer Literatur unumgänglichen Nachforschungen, ich meine das Sammeln der Sprache und Sage des gemeinen Volks, welche vertrauten Umgang mit diesem und völlige Eingewohnheit im Lande voraussehen, taugte niemand besser als verständige Schulmeister.“ Das sind beherzigenswerte Worte von Jacob Grimm in seiner Abhandlung „Über Schule, Universität, Akademie“ (Abhandl. der Verl. Akad., philos. - hist. Klasse, Seite 167.

Herr Frischbier, der diesem Stande angehört, hat es unternommen, die Sprichwörter und volkstümlichen Redensarten Preußens zu sammeln. Das Buch, das 1864 in erster Auflage erschien, ist schnell vergriffen und vor Kurzem in zweiter erschienen. Wir hoffen, dass diese schnelle Aufeinanderfolge nicht durch die Anklage bewirkt ist, welche gegen die erste Auflage gerichtet war, sondern ihren Grund in dem Interesse für die Sache selbst hat. Wir sind Herrn Frischbier für den Fleiß und den Eifer, den er auf das Sammeln der Volksüberlieferungen gerichtet hat, zu aufrichtigem Danke verpflichtet. Wir lernen mancherlei aus seinem Buche, das wir als eine wesentliche Bereicherung der Literatur der deutschen Sittenkunde freudig anerkennen. Aber dieser Dank soll uns nicht hindern, einige Bedenken gegen seine Arbeit laut werden zu lassen. Zunächst scheint uns die Zusammenstellung „Sprichwörter“ und „volkstümliche Redensarten“ nicht glücklich gewählt. Es wäre unseres Ermessens besser gewesen, wenn Herr Fr. sich bloß auf die Sprichwörter beschränkt und die sog. volkstümlichen Redensarten für ein preußisches Idiotikon aufgespart hätte. Für dieses Verfahren hat Herr Fr. einen sehr achtungsweeten Vorgänger, dessen Arbeiten ihm in jeder Beziehung hätten zum Muster dienen können: Schambach; aber aus der angeführten Literatur ersehen wir nicht, dass die Schambach'schen Arbeiten Herrn Fr. bekannt gewesen sind. In seiner Sprichwörter-Sammlung (die Plattdeutschen Sprichwörter der Fürstentümer Göttingen und Grubenhagen, gesammelt und erklärt durch Georg Schambach, Rektor in Einbeck. Göttingen, bei Vandenhoeck und Ruprecht, 1851) gibt Sch. die Sprichwörter nicht nur möglichst vollständig, und zwar nur solche, die wirklich im Munde des Volkes leben, sondern er erklärt und ordnet sie auch nach einem sehr empfehlenswerten Systeme. Herr Frischbier hat nach Simrocks Vorgange die lexikalische Anordnung vorgezogen, aber nach unserm Erachten springt der ganze sittliche Gehalt unserer Sprichwörter in der Schambach’schen Anordnungsweise viel besser in die Augen als in jener mehr äußerlichen, Schambach geht von der Familie und den einzelnen Gliedern derselben zu einander aus, vom Verhältnis der Eheleute, der Kinder zu den Eltern, den verschiedenen Altersstufen und dem Hauswesen. Alle diese einzelneu sittlichen Verhältnisse finden ihren Ausdruck im Sprichworte. So ist das Sprichwort eine Art Gradmesser des sittlichen Bewusstseins des Volks. Alsdann geht er über auf den Umgang mit Menschen, bespricht die einzelnen Tugenden und Laster, die Fehler einzelner Stände u. s. w. Auf diese Weise brauchen wir uns nicht erst Alles mühsam zusammen zu suchen, der Stoff ist wohl geordnet und wir erhalten ein treues Spiegelbild der sittlichen Anschauungsweise unseres Volks.

Aber auch noch in einer dritten Hinsicht dient Schambachs Buch als Muster für ähnliche Arbeiten. Er hat scharf und klar darüber nachgedacht, was denn eigentlich unter Volk zu verstehen ist, und hätte H. F. die schönen Vorreden zu Sch’s Sprichwörtern gelesen, so wurde sein auch wahrscheinlich um mehrere Bogen dünner, aber nichts desto weniger viel wertvoller geworden sein. Bei der Sammlung vermissen wir eine genaue Sichtung des Stoffes, und die unglückliche Zusammenstellung der Sprichwörter und der volkstümlichen Redensarten — letzteres ein überaus dehnbarer Begriff — tut dem Wert des Buches entschieden Abbruch. So geht denn hochdeutsch und plattdeutsch bunt durcheinander, ganz modernes und veraltetes findet sich treulich beisammen. Und wie leicht hätten alle diese Fehler vermieden werden können! Herr Fr. muss nicht glauben, dass jede Redensart, die in einer obskuren Branntweinschenke gebraucht wird, wirklich volksmäßig ist; volkstümlich und pöbelhaft sind denn doch zwei verschiedene Begriffe. Redensarten wie S. 110: Cornelius Nepos — reines Gotteswort für Kornbranntwein; Nr. 3902: Der liebe Gott verlässt keinen treuen Bier- und Branntweintrinker; Nr. 3824: Trefflich schön singt unser Küster beim Ausspielen einer Trefflekarte usw. riechen denn doch zu sehr nach der Schnapsatmosphäre. Auch in dieser Beziehung hätte er das Richtige von Schambach lernen können. Da heißt es S. 10: „Mit dem Teile des Volkes, der sich an die Wand lehnt und die Ecken der Häuser stützt, oder in den Kneipen den Mittelpunkt seines geistigen Lebens sucht und findet, also mit dem Eckenstehertum der Städte und mit den Faulenzern und Herumtreibern der Dörfer haben wir hier nichts zu schaffen; in ihm finden wir weder jene Rechte eines selbständigen, volkstümlichen Lebens, noch jene gesunde Weltanschauung, die wir in den lebensvollen Bildern der Sprichwörter wiederfinden. Vielmehr verstehen wir unter Volk im engeren Sinne den arbeitsamen, ehrenhaften, dabei derben und tüchtigen Bürger- und Bauernstand, mit unbedingtem Ausschluss der wirklich höher gebildeten Klassen, wie des eigentlichen Pöbels.“ Wäre Herr F. sich in dieser Weise über den Begriff „Volk“ recht klar gewesen, so würden uns eine Menge Redensarten erspart sein, die gar keinen Anspruch auf Volkstümlichkeit machen können: B moll singen (Nr. 400); Berg auf, Berg ab, zuletzt ins Grab (Nr. 319); er ist ein Confusionsrath (Nr. 523); man hat Exempel von Beispielen (Nr. 780) usw. Manche „volkstümliche“ Redensarten erinnern an gewisse Berliner Ausdrücke, wie: Ich hab’ bei der Mutter Grün Bankarbeit gemacht: sogar an einer Stelle ist der Kladderadatsch als Autorität für eine „volkstümliche“ Redensart zitiert. — Die nicht mehr üblichen Reime und Sprichwörter, die aus älteren Schriften entlehnt sind, hätten wir lieber von den übrigen getrennt gesehen. Bei sehr vielen Sprichwörtern und Redensarten wüssten wir gern die plattdeutsche Form, so bei Nr. 3999: Weiber haben lange Haare, aber ein kurzes Gedächtnis. Dieser Spruch findet sich bekanntlich bereits bei Freidank... Interessant ist auch die letzte Nummer des Buches: Die Zeit geht hin, der Tod kommt her. Auch der Spruch findet sich bei Freid. S. 177, 23. Vgl. dazu Wackernagel, Edelsteine 3te Ausg. S. XII. XIII. Die Versuchung, aus anderen Sprichwörtersammlungen älterer und neuerer Zeit Manches zur Erläuterung und Vergleichung beizubringen, ist groß, aber der Raum gestattet uns nicht, näher darauf einzugehen; auch aller sprachlichen Bemerkungen müssen wir uns enthalten. Sollte, was wir von Herzen wünschen, eine dritte Auflage notwendig werden, so würde ein Glossar eine sehr erwünschte Zugabe sein. Manches Wort hätte wohl einer Erklärung bedurft, z. B. Zarm (Nr. 4145). Eine Erklärung gibt Hennig (S. 308), der doch sonst von Herrn F. wacker benutzt ist. — Aber sein wir nicht undankbar. Herr F. hat gewiss gegeben, was er hatte, und es wäre unbillig, an ihn dieselben Anforderungen zu machen, die wir mit Fug und Recht an Männer von Fach zu stellen berechtigt sind. C. J.

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Reuter, Fritz (1810-1874) Mecklenburger, Dichter und Schriftsteller der niederdeutschen Sprache

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Groth, Klaus (1819-1899) Hosteiner, plattdeutscher Lyriker (1844, von Wilhelm Krauskopf)

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Hoffmann von Fallersleben

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Kosegarten, Ludwig Gotthard (1758-1818) Theologe, Pfarrer, Professor, Dichter und Schriftsteller

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